7. F. Jesus - erstes Wirken

Jesus - erstes Wirken

In diesem Abschnitt wird von Markus ein chronologscher Weg von Jesus erzählt, bis sich Jesus offenbart. Es wird von Jesus Wirken und seinen Lehren erzählt, vom den ersten Konflikten mit den Pharisäern und den Heils-Taten (Wunder).

Der Leitfaden Jesu vor der Passion

Kernpunkt des Markus-Evangeliums ist die Passion, dem die vorangehenden Texte einer überlangen Einleitung entsprechen. Es wird Jesus Leben und Wirken dargestellt, welches als ein Leitfaden für ein christliches Leben zu sehen ist. Es sind eine Fülle von Belehrungs – und Lehrgeschichten integriert zur Anwendung im christlichen Alltag.

Die Überlieferungen von Jesus wurden dabei in 5 Abschnitten eingeordnet:
A: Einleitendes – Grundsätzliches (1 – 1.22)
B: Jesus Wirken in Vollmacht       (1,21 – 3,12)  
C: Jesus vollmächtiger Lehrer und Wundertäter (3,13 – 6,6)
D: Wunder & Auseinandersetzungen   (6,7 – 8,26)
E: Epiphanias - Die Offenbarung    (8,27  -  10,52) 

Die Abschnitte A bis D haben auch einen Oberbegriff, das Messiasgeheimnis. Jesus versucht seine Göttlichkeit geheim zu halten. Mit der Epiphanias offenbart sich Jesus als Gottes Sohn.

Anmerkung:  Die Einteilung in Abschnitten und Textüberschriften variierte von Bibel zu Bibel. Orientierungspunkt für diese Ausarbeitung waren die Lehrbriefe vom Burckhardhaus!

A: Einleitendes – Grundsätzliches (1 – 1.22)

Kapitel 1,1 – 8: Johannes der Täufer
Der Autor stellt gleich am Anfang klar, was er verkünden will, ein Bekenntnis zu Jesus, dem Messias, Christus, Gottes Sohn. Ein führender Vertreter eines neuen Geistes im Glauben an Gott war Johannes, den man den Täufer nannte. Die Messiaserwartung wurde Johannes in den Mund gelegt, mit der Vermischung von Worten aus dem Alten Testament: „siehe ich sende meinen Boten ... der dir den Weg herrichten soll“ (Maleachi 3,1) und „… eine Stimme ruft in der Wüste ... macht gerade seine Pfade“ (Jesaja 40,3).
Das Mischzitat kündigt den Kommenden (Messias) an, dass Johannes in der Wüste verkündet und Gläubige am Jordanfluss taufte. Es lassen sich die Aspekte einer Erneuerung ablesen, denn im AT spielen die Ereignisse in der Wüste (Wüstenwanderung), eine wesentliche Rolle im Glauben des Volkes Israel. Markus knüpft nun an diese ursprüngliche Linie der Gotteserfahrungen an, setzt sie an den Anfang und erklärt mit der Taufe am Jordan, dass eine neue Zeit angebrochen ist.
Mit den Worten unterstreicht Markus, dass Jesus nicht der Sohn irgendeiner Gottheit ist, sondern der Kommende, der Sohn Gottes, jenem Gott Israels, dem sie auch als Jahwe oder Elohim bekannten oder einfach Gott in der jüdischen Gegenwart. Gleichzeitig klingt mit der Taufe am Jordan an, dass eine völlig neue Zeit gekommen ist, in der der Kommende den Grundstein für das kommende Gottesreich schaffen und den Weg für Gott ebnen wird. Die Taufe steht daher im neuen Geist, die zunächst die Buße fordert, eine Umkehr zu Gott und die Erkenntnis der Sünde, die den Menschen von Gott trennt. Dann wird Gott jenen Vergeben und die Trennung zu ihnen aufheben, die sich auf seinen Weg begeben und sich symbolisch Taufen lassen.
Richtungweisend wird Johannes, der Täufer, in seiner Niedrigkeit dargestellt, er ist arm und gewöhnlich. Er symbolisiert den Wegbereiter für den Kommenden, er ist der Ankündiger und Vorbereiter für den wahre Verkünder, der den heiligen Geist mit sich bringen wird.

Kapitel 1,9 –13: Taufe und Versuchung
In wenigen Worten berichtet der Text von der Taufe Jesu durch Johannes, dem Täufer. Als das geschah öffnete sich der Himmel und Gott bekannte sich zu seinem Sohn. Danach wird Jesus in der Wüste 40 Tage lang vom Satan versucht. Mit der Taufe erfährt Johannes seine Rechtfertigung für sein tun. Das Gott Jesus als seinen Sohn bezeichnet, ist im antiken Sinne erst einmal ein Titel und kein Verwandtschaftsgrad. Aber er ist von Gott der Auserkorene, der über das Volk Gottes herrschen soll.
Ohne eine Reaktion von Johannes, wird nun Jesu in die Wüste getrieben (von Gott in die Wüste gesetzt). Die Zahl 40 hat hier einen symbolischen Wert (s. Zahlensymbolik im AT). Wichtiger als die Zahl ist hier die Begegnung mit dem Teufel. Im jüdischen Sinne ist der Teufel (Satan, Luzifer) ein Engel Gottes, der die Glaubenden testen soll. So gesehen testet der Teufel Jesus und könnte als Ausbilder bezeichnet werden. Jesu erlernt sozusagen das Mensch sein, deren Kräfte demzufolge begrenzt sind. Nach den hellenistischen Vorstellungen verfügt ein Gottessohn über Wunderkräfte. Es deutet sich aber an, dass Jesus für sich selbst diese Kräfte nicht anwenden darf und wird ein wichtiger Aspekt für die spätere Passion, bei den Jesu sein Leiden nicht mit göttlichen Kräften mildern kann.

Kapitel 1,14 –20: Die ersten vier Jünger
Johannes, der Täufer, saß inzwischen im Gefängnis, als Aufrührer und Gotteslästerer. Der Wegbereiter hat sein Werk getan und tritt ab. Der „stärkere“ Jesus verkündet nun die frohe Botschaft, das Evangelium. „Die Zeit ist erfüllt (reif)“, für die Verkündigung des nahenden Gottesreiches. Jesus soll den Weg ebnen und den Willen Gottes verkünden. Auf seiner Wanderschaft streift Jesus durch Galiläa, wodurch der Autor den Bezug zu den Adressaten herstellt, den Gemeinden in Galiläa. Jesus gelangt ans galiläische Meer (= See Genezareth) und sieht den Fischern Simon Petrus und seinen Bruder Andreas zu. Er wirbt sie an, von nun an Menschenfischer zu sein. Mit Jakobus und seinem Bruder Johannes folgten zwei Netzflicker Jesus.
Die vier Auserwählten gehörten zur armen Bevölkerung, lebten aber relativ unabhängig. Ihr Beruf Fischer, brachte es mit sich gläubig zu sein, zumindest was den Fang betraf. Sie fuhren immer wieder auf den See hinaus und hofften viele Fische zu fangen, da die Fische letztendlich auch ihr Lebensniveau prägte. Jene Mischung aus frei und gläubig, assoziierte eine revolutionäre Denkweise, die sie auf dieser Basis offen für neue Ideen machte. In dem Zusammenhang bekam das Wort Menschenfischer, eine bekehrende Bedeutung, die auf Freiheit und Gläubigkeit beruhte.   
Noch ein Wort zu Wanderpredigern. Zu jener Zeit waren viele Wanderprediger unterwegs und es war üblich, dass sie von Glaubensjüngern begleitet wurden. Je mehr Mitstreiter ein Wanderprediger um sich scharen konnte, desto höher war sein Ansehen beim Volk. Das Jesus mit 4 Jüngern startete, hat wieder seinen Hintergrund in der Zahlensymbolik, deren Bedeutung hier nebensächlich ist. Wichtig ist, dass mit der Einleitung (1 – 1,22) das Saatkorn des Evangeliums gepflanzt wurde, dass nun zu wachsen beginnt.

B: Jesus Wirken in Vollmacht       (1,21 – 3,19)
In den folgenden Versen wird deutlich, dass Jesus der Sohn Gottes sein muss, da er über göttliche Wunderkräfte verfügte und sein Handeln im Sinne Gottes war stets zum Heil der Menschen. Der Abschnitt beginnt mit Heilungsgeschichten, in denen kurze Sammarien, sowie Schul- und Streitgeschichten eingestreut sind. Sammarien sind kurze Sammelberichte, in denen mehrere (einzelne) Jesusüberlieferungen zu einer sinnvollen Gesamtgeschichte verarbeitet wurden. Den Rahmen dazu bilden geografischen und zeitlichen Andeutungen, die jene Geschichte biografisch erscheinen lässt. Mit diesem Stilmittel versucht der Autor den irdischen Jesus zu bezeugen, dass er tatsächlich gelebt hat.
Mit einer Dämonenaustreibung (Vers 1,21 – 1,28) beginnt der Abschnitt. Am Sabbat geht Jesus in die Synagoge zu Kapernaum und macht vom jüdischen Recht gebrauch, seine Lehre zu verkünden. Anfangs und am Ende staunten die Leute in der Synagoge, doch waren sie auch entsetzt darüber, wie jemand in der Vollmacht Gottes lehren konnte. Seine Gotteslehre wurde als anmaßend empfunden. Einer sah darin eine provokative Gotteslästerung und machte seinem Unmut Luft. Er beschimpfte Jesus eine solche Irrlehre zu verbreiten. Jesus erkannte in dem Mann einen bösen Dämon und befreite ihn davon, worauf in dem Mann das Erkennen reifte. Über jenes Wunder staunte die Gemeinde und fragte sich, ob Jesus nicht die Vollmacht Gottes besaß, da Gott ihm erlaubte eine solche Lehre zu verkünden?
Bei diesen Versen ist nicht wichtig, was Jesus gelehrt hatte, sondern dass Jesus die Vollmacht Gottes besitzt. Der Evangelist Matthäus führt den Text dagegen deutlich aus. Aber für Markus sind jene Zeilen eher eine Einleitung zu dem Komplex Messiasgeheimnis. Das heißt, Jesus selbst spricht nicht davon Gottes Sohn zu sein, aber durch sein Handeln wird den Menschen bewusst, Jesus muss Gottes Sohn sein.
In dem Fall ist es die Dämonenaustreibung, die im Zusammenhang mit den gnostischen Vorstellungen eine elementare Bedeutung hat. Das Böse nimmt Einfluss auf den Menschen, damit er seinen göttlicher Kern nicht erkennt. Erkennt der Mensch aber das Böse in sich, reift in ihm die Erkenntnis und kann die sieben Himmel durchbrechen zur göttlichen Herkunft.
In diesem Sinne heilt Jesus den Menschen, der ihn zuvor beschimpfte. Auf dieser Basis wurde bis in die Neuzeit hinein psychisch Kranke als Besessen bezeichnet. Heiler, die den vermeintlichen Dämon austreiben konnte, verursacht beim Betroffenen einen enormen inneren Kampf. Solche Kämpfe wurden in bezeugenden Schriften verschieden beschrieben. Häufig war von einem qualvollem winden des Körpers die Rede, verbunden mit Farb- und Körperveränderungen. Am Ende erfolgte ein massiver Brechreizen bis der Dämon den Körper verlässt. Der Besessene stößt abschließend einen tierischen Schrei aus und fällt ohnmächtig zusammen, bevor er wieder erwacht und sich wie Neugeboren fühlt.
Bei der Geschichte vom Besessenen handelt es jedoch um einen Kritiker. Man könnte meinen, dass jeder Kritiker an Jesus vom Dämon besessen ist. Eine solche Interpretation ist abwegig. Mit einfachen Worten wollte Markus lediglich klarstellen, dass nur Sachlichkeit zur wahren Erkenntnis führt. Wer aber zu sehr auf altes (traditionelles) beharrt, der verschließt (Dämon) sich vor dem Erkennen. Es wird damit ein Grundproblem thematisiert, dass sich durch das gesamte Evangelium zieht. Die Juden sollen ihren Glauben überprüfen und begreifen das Gott einen neuen Weg gehen will, der nicht mehr mit der Thora (AT) vereinbar ist. Die Juden sollen erkennen, dass Jesus bemächtigt ist ihnen den neuen Weg zu zeigen. Auch dieser Aspekt ist wichtig, dass Jesus nicht als Gottes Sohn erkannt werden möchte.
Indem der Dämon Jesus als den Christus erkennt, begreift er dessen Vollmacht von Gott. Jesus aber gebietet dem Dämon Einhalt, um sein Messiasgeheimnis zu bewahren. Doch durch seine göttlichen Wunder ahnen die Menschen seine Göttlichkeit.
Das Messiasgeheimnis birgt einen gnostischen Hintergrund in sich. Die Finsternis, das Böse weiß, dass Gott einen Messias schicken wird, um die Menschen ins Licht zu führen. Also wird das Böse den Messias sofort bekämpfen. Solange der Messias noch ohne Gefolgschaft und schwach ist, kann die Finsternis ihn bekämpfen. Aus jenem Grund möchte sich Jesus noch nicht zu erkennen geben, sondern wartet auf den geeigneten Zeitpunkt. Um das Thema zu vertiefen schließen sich weitere Dämonenaustreibungen an.

1,29 – 34: Heilung der Schwiegermutter Simons    
1,35 – 39: Weitere Heilungen
1,40 – 45: Heilung eines Aussätzigen   

Mit dem Kapitel 2 wechselt die Thematik in eine grundlegende Auseinandersetzung mit dem Judentum. In deren Bezug werden auch wieder böse Geister (Dämonen) ausgetrieben und erneut bringt Jesus sie zum Schweigen, damit sie seine Göttlichkeit nicht verraten.

2,1   – 12:  Heilung eines Gelähmten  
2,13 – 17:  Berufung des Zöllners Levi
2,18 – 22:  Die Fasten-Frage        
2,23 – 28:  1. Streit über den Sabbat (Thema: Feldarbeit)
3,1     – 6:  2. Streit über den Sabbat (Thema: Heilung)
3,7   -  19:   Heilungen am See

In den Geschichten ruft Jesus, unter anderem, trotz der Reinheitsvorschriften Zöllner und Sünder in seine Gemeinschaft, sogar in seine Tischgemeinschaft. Er stellt klar, warum jetzt nicht die Zeit zum Fasten ist, dass Sabbatvorschriften nicht daran hindern dürfen, Hungrige zu sättigen und Leben zu erhalten (heilen). Markus hat die Überlieferungen so aneinandergereiht, damit erkennbar wird, wie Jesus Worte, Taten und sein Verhalten wirken. Den Menschen zum Glauben herausfordert. In dem man glaubt, erkennt man am handelnden Jesus den Willen Gottes. Gleichzeitig ergibt sich die Frage, wer ist Jesus und welchen Status hat er (Gottes Sohn, Gesandter Gottes oder ein Berufener Gottes)? Mit dem Status von Jesus, beantworten sich existenzielle Fragen der ersten christlichen Gemeinden. Können sich Christen bei der Vergebung der Sünden auf Jesus berufen? Haben Christen die Gewissheit im Sinne Jesu zu handeln? Gilt das jüdische Fastengebot noch? Wie verhält es sich mit Sabbatgeboten, gelten sie für uns heute noch?
Die Geschichten setzen sich mit solchen Fragepunkten der Gemeinden auseinander, ohne das sie eine absolute Antwort geben. Die Gemeinde soll eher am irdisch, handelnden Jesus Antworten ablesen und den Glauben dann mit Leben füllen. Der Autor Markus gibt mit dem irdischen Jesus lediglich Denkanstöße vor und es gelingt ihm ein zeitloses Werk, dass sich dynamisch der Zeit anpassen kann.

3,13 – 19: Der neue Abschnitt beginnt mit der Berufung, Aussendung und Beauftragung der inzwischen zwölf Jünger. Mit der Zahl 12 ist erneut mit einer Zahlensymbolik verbunden, ein wichtiger Aspekt dazu ist, dass es 12 Stämme waren die das Volk Israel im AT gründeten. Mit wenigen Worten verknüpft der Autor die Berufung weiterer Jünger, mit der Aussendung. Sie sollen nun im Auftrage Jesu handeln und haben von ihm dazu die Vollmacht erhalten, auch um böse Geister austreiben. Vollmacht heißt, Jesu hat ihnen sein Anliegen gelehrt und konnte seinen Geist in ihnen wirken lassen, so dass sie befähigt sind Gottes Botschaft an die Menschen weiterzuleiten. Als Schüler Jesu besitzen sie aber keine göttliche Macht, sondern können nur über den Geist Jesu eine heilende Kraft bewirken (eine Art meditatives Transportieren).

C: Jesus vollmächtiger Lehrer und Wundertäter (3,20 – 6,6)

3,20 – 35: Nach der Aussendung der Jünger, widmet sich Markus den kritischen Aspekten in Bezug zu Jesus. Ist Jesus ein Verrückter, ein Scharlatan, der Herrscher der bösen Geister oder wirkt in ihm ein unreiner Geist? In Gleichnissen belegt Markus daraufhin, dass Jesus nichts von denen sein kann.

4,1 – 34:  Die Seepredigt in Gleichnissen (vom Sämann & vom Senfkorn)
Der Autor hat hier eine Sammlung von Überlieferungen in einer Rede Jesu verarbeitet, die den Glauben an die Herrschaft Gottes thematisieren. In seinem Vergleich berichtet Jesus davon, wie gefährdet die Saat ist, wenn sie auf unfruchtbaren Boden fällt (Wegrand). In den Versen 10 bis 13 wirkt seine gesamte Verkündigung, vom Sehen und Hören, auf den Kopf gestellt und die Jünger fragen nach. Wie es zu verstehen ist, wenn man sehen soll und doch nicht erkennt, wie man hören soll und doch nicht versteht.
In der nachfolgenden Begründung setzt sich der Autor erneut mit der Gnosis auseinander, dass mit dem Glauben die Erkenntnis zur göttlichen Herkunft einsetzt und der Geist des Gläubigen die sieben Himmel durchbrochen hat. Gegen diesen Irrtum setzt der Autor seine Worte, dass niemand die völlige Erkenntnis erlangen wird. Es gibt zu viele Mühen im Alltag, Anfeindungen in der Gesellschaft und auch immer wird das Böse versuchen den Erkennenden auf einen anderen Weg zu verführen. Deshalb sollte die Botschaft Gottes durch Jesus gehört werden, um zu sehen was Gott über Jesus bewirkt und soll ihm folgen so gut es geht. Deshalb sollte man sich im Klaren sein, dass Glaube wachsen muss, dass aus einem Samenkorn eine Pflanze wird. In diesem Sinne veranschaulicht Markus grundsätzliches im Glauben und geht zugleich gegen Irrlehren vor, besonders gegen gnostische Vorstellungen.

Weitere Geschichten:
4,35 - 41: Jesus Macht über den Sturm
5,1   - 20: Heilung des Besessenen von Gerasener
5,21 - 43: Heilung der blutflüssigen Frau
6,1   -   6:  Jesu in Nazareth

Zur Bestätigung von Jesus vollmächtigem Handeln folgen weitere Wunder - und Heilungsgeschichten. Je deutlicher ihn die Menschen als Gottes Sohn betrachten, desto fühlbarer wird, dass mit ihm die verheißene Heilszeit (Reich Gottes) anbricht. Andererseits wurde durch die Heilungsmacht des Wundertäters immer von einer göttlichen Macht ausgegangen, aber als befähigter Mensch durch einen Gott. In der Interpretation der Geschichten kommt man an einen Aspekt nicht vorbei. Nur dort wo Glaube geschenkt wird und der Mensch Gott an sich handeln lässt, können Heilungen und Wunder geschehen.
In jenem Sinne ist die Geschichte Jesu in Nazareth zu verstehen. Dort scheitert Jesu, weil der Mensch voller Unglaube war und deshalb nicht Gottes gute Tat an sich erfahren konnte. Der Unglaube bezog sich darauf, dass Jesus in Nazareth der Sohn einer irdischen Familie war und man konnte nicht Glauben, dass er der Sohn Gottes sei. Die Geschichte enthält zudem eine aktuelle Aussage für die Adressaten.
Im Gegensatz zu den anderen Wanderpredigern waren Jesus Wunderkräfte am Glauben gebunden. Die anderen Wundertäter warben dagegen für sich oder ihrem Gott und verknüpften damit eine Gegenleistung. Das heißt, Gott gibt den Menschen durch den Glauben an ihm, über Jesus, seine göttliche Macht (Heilung). Die anderen Wanderprediger bieten eine Heilung (Werbung) an und fordern dafür einen Preis, der den Menschen in eine Abhängigkeit nötigt.

D: Wunder & Auseinandersetzungen   (6,7 – 8,26)

6,7  -  13:  Aussendung und Anweisungen an die Jünger
6,14 - 29:  Herodes und die Enthauptung des Johannes, dem Täufer
6,30 - 44:  Speisung der Fünftausend 
6,45 - 56:  Das Wandeln von Jesu auf dem See
7,1  -  23:  Warnung vor Menschensatzungen und Kennzeichnung der wahren Unreinheit
7,24 - 30:  Jesus und die Syrophönizierin (kanaanäische Frau)
7,31 - 37:  Heilung eines Taubstummen
8,1   -   9:  Speisung der Viertausend
8,10 - 13:  Zeichenforderung der Pharisäer 
8,14 - 21:  Warnung vor den Pharisäern und vor Herodes
8,22 - 26:  Heilung eines Blinden

Neben den Berichten von der erneuten Aussendung der Jünger und deren Rückkehr, wird vom Tod des Johannes, dem Täufer berichtet. Nach weiteren Wundergeschichten folgen die Auseinandersetzungen mit den Pharisäern und der Abschnitt endet mit der Blinderheilung. Wobei die Blindenheilung eine Anspielung auf die Pharisäer sind, nur wer den neuen Gott erkennt, wird sehen, wer sich aber dem neuen Geist verschließt wird blind bleiben.

Anmerkungen zu den Wundergeschichten  (Heilungsgeschichten)

In allen Evangelien nehmen die Wundergeschichten einen großen Rahmen ein und sind zeithistorisch zu sehen, gegenüber den zahlreichen nichtbiblischen Wundergeschichten.
Schon unter dem Punkt: Situation zu Jesus Zeit des Wirkens (2.B.) - sind Beispiele von Wundergeschichten der antiken Welt aufgeführt, die den biblischen Jesus Geschichten ähneln.
Im Aufbau und den Motiven unterscheiden sich nur wenig. Im Mittelpunkt der antiken Geschichten stehen Menschen mit göttlicher Herkunft oder wundersamen Kräften oder sehen sich selbst als Götter. Um das zu verdeutlichen vollbringen jene Personen Taten, wozu kein normaler Mensch fähig wäre und heben zuweilen naturwissenschaftliche Gesetze auf oder vollbringen medizinische Wunder. Kurz gesagt, sind es Wesen mit scheinbar übernatürlichen Kräften. Im Gegensatz zu Hexen und Zauberern wirken Wundertäter stets zum Wohle des Menschen, aber dienen einen hintergründigen Plan.

Grundaufbau speziell  (Heilungsgeschichten)

1. Einleitung: Angaben von Ort, Zeit und näheren Umständen (oftmals sehr vage Angaben)
2. Schilderung des Falles: Der Hilfesuchende wird mit seinem Leiden vorgestellt und wird  meistens als hoffnungsloser Fall beschrieben
3. Begegnung mit dem Wundertäter: Bei der Begegnung geschieht bereits die Heilung, mit psychischen Beeinflussungen (Gesten, Handlungen) und durch angebliche Heilungsworte (in Form von Sprüchen, die eine Heilung oder Austreibung bewirken - Zauberspruch)
4. Demonstration des Wunders: Der Erfolg wird festgestellt, da die Heilung erfolgte. z.B.: der Blinde kann wieder sehen oder der Besessene wurde vom Dämon befreit
5. Chorschluss: Reaktion der Zeugen oder eventuell nur vom Betroffenen, wie Staunen, Jubeln oder Lobpreisen des Wundertäters

Wunder – oder Heilungsgeschichten sind Christuspredigten der nachösterlichen Gemeinde. Sie sollen von den Erfahrungen mit Jesus zeugen. Die einzelnen Geschichten sind als Sammelgeschichten konzipiert, in denen mehrere gleichartige Erfahrungen zu einer Geschichte verbunden wurden. Die Geschichten sollen Jesus Göttlichkeit zum Ausdruck bringen, dabei stehen seine Wunder thematisch immer wieder im Zusammenhang mit der hereinbrechenden Gottesherrschaft.
Inwiefern die Autoren die Überlieferungen in eine Wundergeschichte konstruiert haben, ist heute nicht mehr nachweisbar. Zu bedenken ist jedoch, dass es ähnliche Geschichten in jüdisch – hellenistischen Schriften gibt. Und gegenüber den antiken Wundergeschichten ähneln sich einige Jesus-Geschichten. Bei den Wundergeschichten um Jesus setzten die Autoren allerdings typische Akzente, wie Barmherzigkeit, Nachfolge, Vollmacht oder Glaube. Bei den typischen antiken Wundern, stand die Ehrerbietung im Mittelpunkt. Es galt dem Wunderbringer oder deren Gott zu Ehren und ihm zu dienen. Das Wunder selbst könnte man als Werbung bezeichnen, mit der eine Forderung verbunden ist. Jesus Wundertaten sind dagegen uneigennützig und sind als Rettungstaten zu sehen. Dementsprechend gibt es Zeugnisse von egoistisch motivierten Wunder, die Jesus ablehnt:

Wunder der Selbsthilfe (Matth. 4,3; Matth. 26,53; Mk. 15,30) // Effektwunder (Matth. 4,5; Lk. 23,8) // politisches Wunder (Matth. 4,8; Matth. 13,22; Matth. 26,52; Joh. 18,36) und das Rachewunder (Lk. 9,55).

Indirekt oder direkt spielen die Wundergeschichten im NT auf Aussagen des Alten Testamentes an. Sie charakterisieren die Wunder Jesu als Zeichen:
1. Anbruch der Gottesherrschaft, wie im Alten Testament vorausgesagt
2. Die kommende Vollendung der Gottesherrschaft, auf die die Christen noch warten Jesus Wunder deuten auf die Vollendung seines Heilwirkens hin, auf eine Zukunft, in der die lebenzerstörenden Mächte schon besiegt sind (wie Not, Angst, Krankheit, Tod).

Die Art wie Wundergeschichten von der Not der unerlösten Schöpfung sprechen (von Hunger, Krankheit, Tod), lässt den Leser wesentliche Erfahrungen seiner eigenen Existenz wieder finden. Er wird auf sein eigenes Elend angesprochen und findet zugleich Trost, was das Vertrauen zu Jesus bestärkt.
Ein Wechsel von Erzählungs- und Wortüberlieferungen, prägen die Wundergeschichten.
Das Wunder ist an das Wort Jesu gebunden und gibt der Geschichte seinen Charakter. Das Wunder wird zum Bindeglied der Überlieferungsformen. Sein Wort erhellt den Sinn des Wunders, ersetzt aber nicht den Glauben, sondern fordert eine Glaubensentscheidung. Wunder sind aber mehrdeutig.
Jesus handelt in der Vollmacht Gottes, der ihn mit bestimmten Fähigkeiten ausgerüstet hat, um mit Wunder zum Glauben zu motivieren und eröffnet den Christen die Möglichkeit über den Glauben selbst Wunder zu vollbringen. Für die Juden ist eine solche Sicht inakzeptabel, da nach ihrer Vorstellung der Messias mit der Macht Gottes das Reich errichten wird und daher keine Wunder benötigt, weil Gott ihn machtvoll unterstützen würde.
Die Juden betrachteten Jesus, auch wegen seiner Wunder, als falschen Messias. Da es zu jener Zeit diverse Wundertäter gab, wurde ihm unterstellt ein Lügner oder Zauberer zu sein. Für die späteren Christen, war er aber wegen den Wundergeschichten der wahre Messias. In den Geschichten geht es dabei nicht um den Wortlaut, noch nicht einmal um das Wunder, sondern um die beherrschende Aussage. Jedoch jene Aussage muss erst einmal erkannt werden, damit Geschichten nicht falsch gedeutet werden und beispielsweise den Wunderakzent überbewerten. So ist es letztlich egal, ob Wundergeschichten tatsächlich passiert sind, wichtiger ist die Einladung am Glauben teilzuhaben. Das heißt, die Botschaft zu hören, den Sitz des Lebens und den Glauben zu erkennen.

Worauf sollte man bei Wundergeschichten achten?

1. Die Kennzeichnung der Not, der unerlösten Schöpfung herauszufinden (reale Situation)
2. Die Jesusworte in der Perikope (sprechen meist unmittelbar in die Gegenwart hinein)
3. Die Reaktion, die Jesus Tat bei den Anwesenden auslöst
4. Die Analogien zu Aussagen im AT und andersartigen Texte im NT
5. Die Abweichungen der Perikope (gr.= Sehrohr, abgewandelt feste Sichtweise) von  Paralleltexten und den
    Zusammenhang, in den sie gestellt ist (jeder Evangelist will mit seiner Fassung der Wundergeschichte und
    ihrer Einordnung an eine bestimmte Stelle seines Buches etwas Besonderes sagen!!!).

Wunder heute!

Die heutige Wissenschaft geht davon aus, dass es Menschen gab, die naturwissenschaftliche Erkenntnisse nutzten, die der Allgemeinheit unbekannt waren und wie ein Wunder wirkten. Auf dieser Basis akzeptiert die moderne Wissenschaft von heute das Wunder nicht, da alles erklärbar ist. Die Realität beweist jedoch, dass es auch heute Dinge gibt, worauf die Wissenschaft keine überzeugende Erklärung liefern kann. Allerdings versucht die Wissenschaft dogmatisch Ungewöhnliches als faulen Zauber lächerlich zu machen und die Menschheit lässt sich davon beeindrucken.
Es ist einerseits schade, dass sich die Menschheit um das Gefühl des Staunens und des Hoffens bringt und somit auch blind wird für die kleinen täglichen Wunder des Lebens. Andererseits, schützt man sich durch den Realitätssinn vor Scharlatanen, die wirklich einen Hokuspokus bewirken nur um Menschen zu schröpfen (finanziell ausnehmen). Fakt ist aber, dass es beispielsweise Menschen gibt, die bestimmte Fähigkeiten besitzen und wirkliche Wunder bewirken können (da sie nicht erklärbar sind).  Auch wenn deren Fähigkeiten sicherlich irgendwann erklärbar sind, so sind es erst einmal Wunder. Und man kann davon ausgehen, dass es immer wieder irgendwelche Wunder gibt, und das ist auch gut so, denn für die Psyche des Menschen braucht auch den Glauben an Wunder (Wunder des Lebens).