A.1. Stationen der Musik

 

Stationen der Musik (Kurzbetrachtung über die Musikgeschichte bis 1900)

Frühzeit:

Die anatomischen Voraussetzungen für den Gesang haben sich vermutlich vor etwa zwei Millionen Jahren entwickelt, als sich beim Homo erectus der aufrechte Gang durchsetzte. Grundlegend war hierzu die Nahrungsumstellung zur fleischlichen Kost. Das veränderte den Kauapparat, die Mundhöhle und im Kehlkopf entstand ein größeres Spektrum um Laute zu bilden.
Mit den ersten Kommunikationsformen, einer Kombination aus Ur-Lauten (den Vokalen – a, e, i, o, u), Gesten und Hilfsmitteln wurden nicht nur Wissen übertragen, sondern auch erste Klänge erzeugt. Ein Vermitteln von Wissen mit Klängen stellte sich als einprägend heraus. Prinzipiell war eine Verständigung mit Händen und Füßen überlebenswichtig und förderte den Gemeinschaftssinn. Laute dienten der besseren Verständigung und erhöhten z.B. bei der Jagd den Erfolg. Wahrscheinlich wurde speziell das Nachahmen von Tieren (besonders Vögel) benutzt, um erste Strategien umzusetzen, ohne die Beute aufzuschrecken. Ein solches imitieren könnte man als ersten Gesang bezeichnen und in geselliger Runde für Frohsinn gesorgt haben. Generell reduzierte das Wissen die Überlebensängste.
Zeigend, mit Tönen und Hilfsmitteln, wurde Wissen an die Gemeinschaft weiter gegeben, aber eindrucksvoller waren Erkenntnisse, die musikalisch (trommelnd, pfeifend) weitergegeben wurden. Später wurden pantomimisch Tänze vorgetragen und stellten einen bestimmten Sachverhalt dar oder erzählten eine Geschichte. Vermutlich halfen Tänze entscheidend bei der Wortfindung und gaben einer Sache einen Namen. Zur Verdeutlichung wurde zu einem Urlaut (Vokal) ein Konsonant erfunden (z. B.: Ba) und solange erweitert, bis ein unverwechselbares Wort entstand (z. B.: Baum). Damit bekam ein Gegenstand einen Namen, aber Verben und Adjektive mussten her, damit kein Missverständnis entstand (z. B.: gehen, krumm). Eine erste primitive Anweisung könnte gelautet haben: „Du-gehen-Baum“. Mit den entsprechenden Gesten war klar, dass eine bestimmte Person zum Baum gehen sollte, um die Beute zu umzingeln.
Aus Worten und Sätzen entwickelte sich die Sprache. Mit rhythmischen Geräuschen wurden Tänze begleitet, die nicht nur Geschichten erzählten, sondern verständlich Verhaltensregeln vermittelten. Typisch war dabei das Trommeln auf Gegenstände (meistens Holz) und beim Verarbeiten von Knochen fanden sie den Flöteneffekt heraus.

Das früheste bekannte Instrument ist eine Knochenflöte, die in der Schwäbischen Alb gefunden wurden und rund 35.000 Jahre alt ist. Der darstellende Tanz wurde mit der Zeit ausdrucksvoller, erzählte Geschichten über heldenhafte Kämpfe, spottete über Missgeschicke oder warb um die Gunst eines Weibes. Je mehr sich der Mensch gegen die feindselige Umwelt durchsetzte, desto häufiger, dienten der Tanz und die Musik dem allgemeinen Vergnügen. Mit dem Denken wuchs jedoch die Angst vor dem Unerklärlichen und machte Götter dafür verantwortlich. Für die Interpretation des Willens der Götter, kristallisierten sich Wissende (z. B.: Medizinmänner, Schamanen) heraus. Die Tanzkultur veränderte sich damit zum kultischen Gemeinschaftstanz. Die Gottesseher brachten die Gemeinschaft mitunter in Trance, um die Götter zu ehren oder motivierten die Sippe mental für einen anstehenden Kampf oder ähnlichem. Infolge der Tanzriten wurden auch verstärkt einfache Sätze des Priesters wiederholend mitgesungen.
In der Jungsteinzeit kamen neue Instrumente hinzu, verschiedene Arten von Rasseln und Trommeln. Im Orient wurden für kultische Zwecke die ersten Pauken erfunden. Das Singen und der rituelle Tanz entwickelten sich weiter zu ersten Chorgesängen und den gleichzeitigen Einsatz von mehreren Instrumenten.
Mit der Bronzezeit schufen die Hochkulturen verbesserte Instrumente, wie Bronzehörner, Luren (flötenartige Blasinstrumente) und die Vorläufer vom Glockenspiel und Xylophone.
Die Hochkultur der Sumerer bauten das erste Saiteninstrument, das Chordophon (Harfeninstrument). Und von ihnen ist ebenso belegt, dass ein Miniorchester mit 11 Instrumenten harmonisch bei Festen aufspielte und häufig von einem Chor von 15 Sängern begleitet wurde. Typisch für den Gesang wurde stets die Reimform, sie ermöglichte es lange Geschichten (Sagen) zu erzählen, ohne den Inhalt zu verfälschen (bei der wörtlichen Rede nicht möglich).

Antike:

Die Zeit der Antike steht für Kultur und Wissenschaft und einem privilegierten Wohlstand. Die Musik, die bislang nur für die Kult- und Ritus-Stätten typisch war, wechselt in die herrschaftlichen Paläste. Die Gelehrten (Platon, Aristoteles) versuchten Musik zu erklären und die Dichter vertonten ihre Werke. In den Theatern wurden daher erste Singspiele (Vorläufer Oper) aufgeführt. Damit besonders schöne Musik nicht vergessen wurde, erfanden die alten Griechen eine Schrift der Töne (Notation).
Während sich die Armeen meist in Kampfhandlungen befanden und das Volk versuchte über die Runden zu kommen, amüsieren sich die Herrschenden in ihren prunkvollen Palästen. Bei Gelagen (Festessen) ließen sie sich von Musik und Tanz verwöhnen. Häufig wurden neue Saiten-, leise Blas- und Schlaginstrumente vorgestellt, die im Rahmen kleiner Musikgruppen harmonisch zusammenspielten. Dazu tanzten leicht bekleidete Frauen und animierten oft zu wilden Sexorgien. Die lauten Blechblasinstrumente (Trompeten, Posaunen) dienten mehr der öffentlichen Demonstration der Stärke und der Einschüchterung des Gegners.
Für das Volk spielten meistens Einzelkünstler auf Märkten und als außergewöhnlich galten Musiktrios (Flöte, Laute, Bongo mit Gesang). Musiker waren auf das angewiesen, was ihnen gegeben wurde und ein Solist brauchte seinen Lohn nicht teilen. Beliebt waren die Sagen von großen Volkshelden und Spottgesänge über die Herrschenden. Die Sänger verkündeten auch Nachrichten und sorgten mit anstößigen Liedern für Frohsinn. Für ein paar Minuten erfüllte Musik seinen aufbauenden Zweck, streichelte und stärkte die Seele der Zuhörer, und war Informationsquelle, zumal das Volk nicht lesen und schreiben konnte. Die Musik in den Tempeln hob sich dagegen ab und es ging darum, die Götter zu preisen.

Die getragene meditative Spielweise sollte keinen Rauschzustand mehr erzeugen, sondern es galt die Götter bewusst anzubeten. Daraus entstand der Vorläufer der Choralmusik.
Die Herrschaftshäuser begannen sich Dichter und Musiker zu halten, die nicht nur bei Festen präsent waren, sondern ihnen die Langeweile vertreiben sollten. Selbstverständlich hatten die Künstler stets eine Hommage an den Herrscher und seiner Familie im Repertoire. Die Liedermacher erzählten von glänzenden Siegen des Militärs oder stimmten Spottgesänge über die Feinde an. Instrumental wurde nach dem Besonderen gesucht, wodurch sich die Vorstufe zur Kunstmusik bildete. Die Musik der Antike teilte sich in drei Richtungen auf, wie der Kirchen-, Kunst-und Volksmusik, und gab der Entwicklung einen entscheidenden Anstoß.

Frühfeudalismus:http://archiv.bruchsal.org/sites/default/files/imagecache/medium/fardeau_des_privileges.gif

Nachdem das römische Reich zusammenbrach wurde die Sklaverei beendet. Allerdings brachte die Völkerwanderung instabile Verhältnisse und sorgte für eine Rückentwicklung. Lediglich Byzanz bildete in Europa eine Ausnahme, jedoch behindert hier der orthodoxe Glaube den Fortschritt. Musikalisch verbesserte sich dort die Notenschrift, aus der hingegen weder Rhythmus noch Melodie erkennbar waren, geschweige den Einsatz von Instrumenten regelte. Da es sich mehrheitlich um religiöse Gesänge handelte, wurden sie über die geistlichen Rituale verbreitet und Noten (Neumen) galten mehr als Gesangshilfe.
Außerhalb von Byzanz diente Musik überwiegend der Unterhaltung. Die neuen Feudalherren feierten (Gelage) ausgiebig, wobei meist heitere Instrumentalstücke gespielt wurden. Bei den Sauf- und Fressorgien hob Musik beim Reden und Scherzen die Stimmung und war weniger gedacht Musikkunst zu genießen. Hingegen waren ungezügelte Spott- und Trinklieder stets willkommen und heizten den Frohsinn an. Ähnliches galt für das einfache Volk, wobei es hier darum ging, den grauen Alltag zu kompensieren. In Zeiten der Willkür und der täglichen Lebensangst, betäubten sie mit ausgelassener Heiterkeit ihre Seele. Während die Männer sich der Völlerei und der Trinksucht hingaben, hopsten die Frauen zur Musik umher.
Frauen entwickelten zu den Instrumentalstücken ein Rhythmusgefühl und stellten es tänzerisch dar. Die einfachen und wiederkehrenden Tanzstrukturen ermunterten Männer zum Mitmachen. Der Paartanz war geboren und das Tanzen an sich war kein ritueller Akt mehr und kein Privileg von Profitänzerinnen. Zum Ende des Jahrtausends festigten die Herrscher die Staatsstrukturen und Ritter agierten als mittelalterliche Polizei. Recht und Ordnung erhielten einen gesetzlichen Rahmen und minderten die Willkür. Zudem hatte die katholische Kirche an Einfluss gewonnen, aber sie schränkten Fürsten und Kaufleute ein und behinderten jegliches Wissen, dass sie für sich als Gefahr ansahen.
Die offizielle Musik wurde gesitteter und eine Vielzahl von Instrumenten kam hinzu.

Guido von Arezzo führte 1025, die bis heute gültigen Grundbausteine der Notenschrift ein (Notenlinien, Terzabstand, Notenschlüssel), die zunächst nur für die religiöse Musik galt.
Der Adel war zu jener Zeit weit vom Prunk der Römer entfernt, dass entwicklungshistorische Ursachen hatte. Die Burgherren waren auf die Nähe zum Volk angewiesen. Typisch waren deswegen Feiern auf Burghöfen oder Festwiesen (Ritterspiele) und die Musik machte keinen Unterschied zwischen den Ständen. Weil das so war, trugen solche Feiern erheblich dazu bei das Klima zwischen Herrscher und Beherrschten zu entspannen. Da die Lieder oftmals an die Themen der Zeit gebunden waren, verloren sie schnell ihre Aktualität und somit bestand kein Bedarf sie in Notenschrift zu verewigen. Dennoch gab es Lieder mit einprägsamen Melodien und einfachen allgemeingültigen Texten, die zeitlos im Gedächtnis haften blieben. Solche Lieder wurden mündlich an die nachfolgenden Generationen weitergegeben und bewahrt. Als Volkslieder überdauerten sie die Zeit, bis sie jemand auf einem Notenblatt verewigte. Neben der Volksmusik gab es künstlerische Tendenzen, von denen nur wenige notiert wurden. Die Zentren der europäischen Kultur waren zugleich die des christlichen Glaubens. Byzanz und Rom wurden zum Maßstab der Musik und waren richtungweisend.

Mittelalter:

Seit der Antike gab es immer wieder Gelehrte die Musik definieren wollten. Im Mittelalter stellte Cassiodor die These auf, „Musik ist Wissen, das durch Zahlen ausgedrückt wird“. Unter dem Aspekt veränderte sich tatsächlich die Musik. Die Taktfolge im Rhythmus und melodische Brüche wurden mathematischen Regeln unterworfen. In der Tradition zu den Instrumentalstücken, erkannten Musiker die Ausdruckskraft ohne Gesang. Auf dieser Basis wurde Musik experimenteller und es entwickelte sich daraus die Kunstmusik. In der sich anschließenden Phase hieß es, Instrumente akzentuiert einzusetzen. Für ein Trio oder einem Quartett war das kein Problem, aber bei größeren Musikgruppen benötigte jedes Instrument sein eigenes Notenblatt und einen Dirigenten, der den Einsatz und die Spielart regelte. Das größte Problem für Komponisten war das optimale Zusammenstellen einer Gruppe und das feilen am Klang des Gesamtwerkes. Der Trend zu großen Orchestern bewirkte, dass kleine Musikgruppen nur noch als Tanzkapelle taugten.
Richtungsweisend für die Kunstmusik war Rom, begründet auf der Grundlage der Religion. Vielerorts war der aufstrebende Aristokratie Europas die Kunstmusik zu abstrakt.

Stattdessen gab es Sängerwettbewerbe und ein Superstar jener Zeit war Walter von der Vogelweide. Minnesänger (Liedermacher) und Troubadoure (Kunstsänger) traten aus der Anonymität hervor und wurden landesweit populär. Ihr Erfolg erlaubte es ihnen, sich frei für lukrative Angebote zu entscheiden. Die Meistbietenden garantierten zugleich den Schutz des Stars, dennoch durften der Musiker das Blatt nicht überreizen. Zu schnell konnten Sänger ihren Kopf verlieren, wenn sie in Ungnade fielen. Es war gesünder sich an einem einflussreichen Adligen zu binden und ihm untertänig zu dienen. Komponisten von Kunstmusik waren ohnehin auf einen Gönner angewiesen, um in Ruhe den Inspirationen zu folgen. Gefördert von der Aristokratie durchbrachen weltliche Schreiber die Dominanz christlicher Klöstern, die bislang die Verwahrer allen Wissens waren. Liedtexte (Hits) wurden nun aufgeschrieben und Kompositionen der Kunstmusik sowieso. Zugleich wehrte sich der Adel gegen die katholische Bevormundung und strebten nach Wohlstand und Macht. Sie stiegen von ihren Burgen, bauten luxuriöse Schlösser und intensivierten über die Städte den Handel und förderten die Wissenschaft. Die Spannungen zwischen Kirche und den Fürsten stiegen an. In Norditalien wuchsen Venedig und Genua zu den wirtschaftlichen Zentren heran. Kaufleute prägten das gesellschaftliche Bild, bremsten den religiösen und aristokratischen Einfluss, wodurch sich beste Bedingen für die Künstler boten. Da der Adel vom Handel profitierte nahmen sie sich zurück, was zugleich den Einfluss der Kirche minderte und sich damit Kultur freier entwickeln konnte.
Die italienische Kulturszene wurde zum Maß aller Dinge und über Jahrhunderte hinweg bestimmte die dortige Musikszene die Kultur Europas. Mit dem aufstrebenden Adel und den Kaufleuten wurde insgesamt der Graben zwischen den Gesellschaftsschichten tiefer. http://www.duorosee.de/grafik/spinett1.jpgDer spanische König lebte den anderen Königshäusern Glanz und Gloria vor und verstand es die Kirche mit Prunk und Reichtum zu besänftigen. Im restlichen Europa verursachte das Aufbegehren des Adels einen verstärkten Klammergriff des Papstes und löste die Reformationsbewegung aus. Infolge dessen wurde die katholische Kirche in die Schranken gewiesen. Der aristokratische Wohlstandstrieb konnte sich ausleben und hob sich deutlich vom Volke ab. Kulturell leisteten sich die Adligen Musikzimmer oder funktionierten ihre Festsäle in Hörsäle um. Sie förderten die Kunstmusik und das Spinett (um 1500, s. Bild) wurde ein beliebtes Instrument. Der Vorläufer des Klaviers war mit neuer Technik einfacher herzustellen. Besonders bei den adligen Damen war das Spinett beliebt, weil es einfach zu erlernen war und einen großen Tonumfang besaß.
Mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Guttenberg (um 1450) konnten Noten-blätter effektiver gedruckt werden. Eine schnellere Verbreitung der Musik war möglich und der Adel war nicht mehr auf Gastspiele der Originalkünstler angewiesen. Die Fürstenhäuser hielten sich verstärkt eigene Musiker, Sänger und Komponisten. Die Zeit der freien Künstler war vorbei und sie brauchten nun ein Engagement. Künstler waren gezwungen sich zu verkaufen und wurden zum Vorzeigeobjekt ihrer Gönner und konnten als Ware ausgeliehen werden. Trotz ihrer Unfreiheit führten Künstler meistens ein exquisites Leben. Jene die es nicht schafften unterzukommen, zogen mit Gauklertruppen durch die Lande und verdienten über Auftritte auf den Märkten ihren Unterhalt. Es gab jedoch auch immer wieder Musiker, die vom Adel entdeckt wurden oder über das Volk bekannt wurden. Letztendlich war die Musik sesshaft geworden und an ihren wohlhabenden Gönner gebunden.

Barock (etwa 1590 – 1740):

Die Monarchen Europas strebten den Absolutismus an, wodurch sich die Fürsten der Zentralgewalt fügen mussten, aber deren Wohlstand gesichert anstieg. Im zersplitterten Deutschen Reich hielt sich je nach der Größe des Fürstentums der Luxus in Grenzen. Wegen der konkurrierenden Fürstentümer gab es keine einheitlichen Gesetze, Maßeinheiten und Preise. Das Land bot einen exquisiten Nährboden für vielerlei Geschäfte, aber auch Freiräume für Wissenschaft und Kultur. Die relativen Freiheiten zahlten sich wiederum für die Fürsten aus. Das Deutsche Reich brachte zahlreiche Wissenschaftler, Denker und Kulturschaffende hervor. Zudem kurbelten Geschäftsleute die Wirtschaft an und in den Handelszentren Norditaliens prägten die Kaufleute die Gesellschaft. Ihre Dominanz brachte den Städten Genua und Venedig beinahe den Status einer Republik. Im deutschen Norditalien konnten deshalb Künstler bedeutend Freier ihre Inspirationen ausleben.
Mit Claudio Monteverdi (1567–1643) erhielt die Musikszene neue Impulse, der innovativ junge Musikgattungen verarbeitet und weiterentwickelte. Neben den Instrumentalkonzerten (Sinfonie) entfaltete sich die Gesangsdarbietung Singspiel weiter.
In Florenz gelang es den ersten Künstlern Musik und den Gesang in eine passende Handlung zu bringen. Die Oper wurde als Qualität der musikalischen Erzählung definiert. „La Dafne“ von Jacopo Peri (1597) gilt als erste Oper und Monteverdi folgte 1607 mit „L’Orfeo“.

Die neue Kunstform verlangte aber eine eigene Bühne, denn die bisherigen Theater waren dazu nicht mehr geeignet. Da die Anzahl von Instrumenten anstieg, wurde ein separater Musikerbereich (Orchestergraben) nötig, der sich klangtechnisch vor der Bühne befinden sollte. 1637 eröffnete in Venedig das erste Opernhaus und auf dem heutigen Gebiet Deutschlands, wurde 1657 in München das erste Opernhaus eröffnet. Es folgten Hamburg (1678) und Leipzig (1693). In den Schlössern der Adligen waren solche epochalen Musikaufführungen nicht mehr möglich und nicht finanzierbar. Deshalb wurde Kultur kostengünstiger in den Hauptstädten zentralisiert. Neben den Musikhäusern entstanden andere Kulturtempel (Theater) und wurden über Steuern finanziert. In der Regel wurde der Adel dafür herangezogen und durfte dafür kostenlos die Opernhäuser und Konzertsäle besuchen.
Natürlich holte sich der Adel die Gelder über seine Untergebenen zurück.

In Norditalien waren es reiche Kaufleute, die solche Kulturstätten erbauen ließen, und hier war es zwingend nötig Eintritt zu verlangen. Revolutionär schien dabei, dass jeder Zutritt hatte, doch in der Praxis wurden Eintrittskarten nur an Adlige und finanzkräftige Bürger ausgegeben. Ohnehin brauchte der Pöbel (Volk) sein Geld für existenzielle Dinge. Andererseits begann sich dort das Bürgertum eine eigene Kulturszene zu schaffen. Neben den Kulturhäusern wurden in Wirtshäusern Bereiche für Kleinbühnen (Podium mit Klavier) eingerichtet und es entstanden Mehrzwecksäle. In solchen Hallen wurde entsprechend dem Anlass umgeräumt, für Sport, Tanz, Musik und Theater. Dank der verbesserten Drucktechnik verbreiteten sich Bühnenwerke schneller und erhöhten das Angebot für eine breite Masse.
Es wurde möglich, speziell durch das Klavier (1690), die Lieder der Oberschicht nachzuspielen. Der Spaß stand dabei immer im Vordergrund und brachte eigene Musiker hervor. Gegen ein geringes Entgelt kam das niedere Volk dazu Kultur zu genießen und begeisterte sich für Geschichtenlieder, die ihrem Leben nahe standen. Heldensagen von einst gehörten der Geschichte an und wurden textlich als Kulturgut niedergeschrieben. Die Kleinbühnen eigneten sich hervorragend dazu Lieder des Volkes zu verbreiten. Die großen Hits jener Zeit, sind heute als Volkslieder erhalten. Auf dem Lande feierte man zu gegebenen Anlässen große Dorffeste und Spielmannsleute luden zum Tanzen ein. Vermutlich kristallisierten sich auf dem Lande die ersten spezifischen Paartänze heraus, wie der Ländler (15 Jh.) und die Polonaise (16 Jh.). Für die Oberschicht erfanden die Zeremonienmeister verschiedene Modetänze, die kaum die Zeit überdauerten. Die Bourree (16 Jh.) beispielsweise, war eine künstlich steife Tanzform, die wenig zur Musik passte.http://www.henri-iv.com/louis141.gif
Mit dem Sonnenkönig Ludwig der XIV. (1638 -1715, s. Bild) änderte sich die italienische Vormacht in der Musik. Jean Baptiste Lully (1632–1687) entwarf für den französischen Königshof eine eingängige Musik (Suite), die sich zum Tanzen eignete. Die Art von leichter Musik war Kritikern zu volkstümlich und sie bevorzugten die intellektuelleren Werke aus Italien, wie von Arcangelo Corelli (1653–1713).
Die französische, verschwenderisch luxuriöse Lebensart wurde zum Maßstab europäischer Adelshäuser. Überall in Europa wurde nun französisch geredet und italienisch gesungen. Die Verschwendungssucht der absolutistischen Epoche brachte gigantische Opernhäuser und Konzerthallen hervor. Im Rahmen dessen waren Künstler wieder freischaffend und mussten ihre Werke anbieten. Für die jeweiligen Häuser setzte der Besitzer (König) einen Intendanten ein, der in seinem Sinne entsprechende Künstler engagierte bzw. bestimmte Werke aufführte. Komponisten, die sich schon einen Namen gemacht hatten, bekamen in der Regel Festan-stellungen und lebten wohlhabend. Musiker dagegen waren leicht austauschbar, da es viele von ihnen gab und sie Musik lediglich darboten. Aber auch Komponisten saßen nur dann fest im Sattel, wenn sie den vorherrschenden Musikgeschmack (Mainstream) bedienten.
Bürgerliche Kulturstätten wurden wichtig als Sprungbrett für neue Tonkünstler und als Auffangbecken für gestrandete Künstler, die sich neu erfinden mussten. Die bürgerliche Kultur erlebte in den Städten einen enormen Aufschwung und entdeckte die Unterschicht als Profitquelle. In der Regel verfügte die arbeitende Bevölkerung über mehr Freizeit und mehr Lohn. Grundlage dafür ist ein generelles Umdenken, dass eine zufriedenere Bevölkerung leistungsfähiger ist. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstanden speziell für die Unterschicht Musikhallen in England, Musikcafes in Frankreich und Ballsäle in Deutschland.
In den Kolonien bildeten sich Revuetheater, fern ab jeglicher Zensur. Nur Betuchte (Reiche) konnten sich eine Reise zu den Zentren der Sünde erlauben. Vorsichtig, als Klub getarnt, gelang es bürgerlichen Betreibern solche Etablissements zu eröffnen. Schon nach kurzer Zeit durften neben den Privilegierten jeder Zahlungskräftige (Bürgertum) hinein.

In einer Mischung aus Musik (häufig frivole Lieder), Artistik und Humor, zeigten die Tänzerinnen viel nackte Haut. Trotzdem die Kirche und die Sittenwächter es schafften solche Sündenhäuser zu schließen, entstanden sofort Neue. Die lukrativen Einnahmen entschädigten für das Risiko. Ebenso lechzte das einfache Volk nach der Revue, die gegen einen geringen Eintrittspreis kurzweilige Unterhaltung erleben konnten. Die Revue war zugleich die Bühne für Unbekanntes und Neuem. In den Straßen trällerte das Volk Moritaten, tragische Geschichten mit moralischem Fazit und Bänkellieder, die man als vertonte Nachrichten der Zeit interpretieren konnte. Die klassische Musik wich zunehmend von den Kleinbühnen und die andersartige Musik lockte (getarnt) die Adligen an. In deren Folge vermischten sich die Stände beim Kulturgenuss und jugendliche Aristokraten begannen humanistisch umzudenken. Desweiteren wurden die bürgerlichen Kulturhäuser zur Inspirationsquelle für Komponisten.
Um 1700 machte im deutschen Raum Georg Phillipp Telemann (1681–1767) von sich Reden und galt als ein besonderer Tonkünstler. Zur selben Zeit lebte Johann Sebastian Bach (1685–1750), der seiner Zeit im Schatten von Telemann stand und erst nach seinem Tode berühmt wurde. Als Violinist wurde der Italiener Antonio Vivaldi (1678–1741) bekannt und erlangte mit den Opern („Farnace“, „Montezuma“, „Griselda“) große Beliebtheit. Im besonderen Maße beeinflusste er entscheidend die Konzertform, wodurch das Sinfonieorchester in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sein Gesicht erhielt (Instrumente, Sitzanordnung). Ein wichtiger Zeitgenosse wäre noch Georg Friedrich Händel (1685–1759), der besonders in England erfolgreich war. In der Übergangszeit zwischen den Kulturepochen Barock und Romantik prägte die Wiener Klassik die Musikszene (ca. 1780–1827). Sie ist eine Stilrichtung der europäischen Kunstmusik zu der Joseph Haydn (19732 -1809), Wolfgang Amadeus Mozart (1756 - 1791) und Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) gehörten.
Sie prägten entscheidend die Instrumentalmusik für Streichquartette (Kammermusik) und Sinfonieorchester. Mit ihnen stieg Wien zu einer musikalischen Metropole empor. Zeitgleich verlor Paris den Status einer Kulturmetropole durch die Französische Revolution.
Das von Österreich kontrollierte Norditalien wurde zum Spielball der Mächte und von Napoleon erobert. In den Kriegsjahren wirkte sich das negativ auf jene Kultur aus. Wien trat das Erbe der norditalienischen Kultur an und zog zugleich Europas Künstler an, weil Napoleons Heere Europa verwüsteten. Nach dem Krieg zeigte sich Österreich als Besatzer Norditaliens und Wien galt nach dem Tod Mozart, als schillernde Musikmetropole Europas. Wien hatte sich Jahre zuvor, mit seiner aufgeschlossenen vielschichtigen Musikszene einen Namen gemacht. Besonders die Konkurrenz zwischen Haydn und Mozart prägte die Szene. Kennzeichnend für die Mozart-Ära waren leichte, melodiöse Lieder in Anlehnung an der Volksmusik. Wolfgang Amadeus Mozart war sicherlich der genialste und revolutionärste Künstler seiner Zeit, der sich der Bevormundung des italienischen Stils entledigte. Mit „Die Entführung aus dem Serail“ (1782) wagte er es ein Singspiel in deutscher Sprache zu komponieren. Alle seine Werken waren von einem ungewöhnlichen melodischen und volkstümlichen Charakter durchzogen. Von den Opern stachen „Figaro“ (1786), „Don Giovanni“ (1787) und vor allem „Die Zauberflöte“ (1791) hervor. Ein weiteres musikalisches Genie kam nach Mozarts Tod nach Wien. Ludwig van Beethoven setzte mit seinen Orchesterstücken (Sinfonien) neue Maßstäbe und mit „Fidelio“ gelang ihm eine erfolgreiche Oper. Die Wiener Klassik wurde zum Vorreiter für die nationale Musik, die ebenso auf die internationale Musik starke Einflüsse besaß.


 
Gioachino Rossini   Ludwig van Beethoven Wolfgang Amadeus Mozart 

 

19. Jahrhundert:

Bürgerliche Revolutionen und der Humanismus prägten die Gesellschaften Europas. Die Aristokratie verlor an Einfluss und das Bürgertum leitete seine Marionetten. Die Leibeigenschaft wurde aufgehoben, stattdessen griff die Arbeitslosigkeit um sich und verursachte in Städten Not und Elend. Besonders im industrialisierten England beuteten die Fabrikbesitzer ihre Arbeiter extrem aus, dass selbst jene die Arbeit hatten, kaum von ihrem Geld Leben konnten. Die Industriellen stahlen sich aus der sozialen Verantwortung und überließen die Arbeiter im Krankheitsfall, bei Betriebsunfällen oder Entlassungen ihrem Schicksal. Gesellschaftlich schmolzen die Standesunterschiede zwischen Adel und Bürgertum dahin und der umgreifende Humanismus setze sich stärker für die Armen ein. Vor allem über die Studentenschaft und die Kulturszene wurden die sozialen Missstände publiziert.
Schriftsteller, wie Victor Hugo („Les Miserables“ /1862) oder Charles Dickens („Oliver Twist“/ 1838 & „David Copperfield“ / 1849), spiegelten eindrucksvoll das Elend wieder und klagten die Gesellschaft an. In der Musik entledigten sich die Künstler dem Zwang italienisch zu komponieren und dem Musikgeschmack der Herrschenden zu bedienen. Sie nahmen sich die Freiheit ihrer Gefühle und konnten in nationaler Sprache ihre zeitnahen Gedanken äußern.
Sie erreichten damit eine innovative Gefühlstiefe die Lachen und Weinen ausdrückten, die in ihrer Art half die Seele aufzurichten. Durch die überwiegend leisen gefühlsvollen Töne nannte sich die Musikepoche Romantik, die im 19. Jahrhundert die Früh- und Hochphase umfasste. Typisch für die Musikrichtung wurde, dass Komponisten folkloristische Elemente einfließen ließen und somit die Musik national unverkennbar machten.
Ludwig van Beethoven wurde von den Anfängen der Romantik beeinflusst. Einer Epoche, die die Empfindungen des Menschen in den Mittelpunkt stellte, sowie Sehnsüchte, Träume und Hoffnungen weckten und somit Liebe erzeugte.
E.T.A. Hoffmann („Undine“-1816) und Carl Maria von Weber („Der Freischütz“-1821) zeigten in ihren Opern erste Ansätze. Der bedeutendste Vertreter der Frühromantik ist Franz Schubert (1797–1828), der durch zahlreiche Kompositionen bekannt geworden ist. Carl Maria von Weber (1786–1826) setzte neue Impulse für die deutsche Oper und mit heiteren Spielopern begeisterte Albert Lortzing (1801–1851), u. a. „Zar und Zimmermann“ und „Die lustigen Weiber von Windsor“. In Italien brillierte die Belcanto-Oper (=schöner Gesang), die mit Gioacchino Rossini (1792–1868) seinen bekanntesten Vertreter hatte und die komische Oper bekannt machte. Dem entgegen standen Gaetano Donizetti (1797–1848) und Vincenzo Bellini (1801–1835) für die tragische Oper.
Legendär war in jener Zeit der Instrumentalkomponist und „Teufelsgeiger“ Niccolo Paganini (1782–1840). Die Pariser Szene nahm sich der Komischen Oper an und brachte Francois Adrien Boieldieu (1775–1834) und Adolphe Adam (1803–1856) hervor. Die Hochromantik machte eine Flut von Musikern in ganz Europa populär. Der Pole Frederic Chopin (1810–1849) erreichte mit Charakterstücken und Tänzen für Klavier eine bislang unbekannte Gefühlstiefe. Robert Schumann (1810–1856) bestach durch leidenschaftlich eigenwillige Klavierstücke und der Deutsch-Ungar Franz Liszt (1811–1886), war ein umschwärmter Klaviervirtuose. Der Franzose Hector Berlioz (1803–1869) prägte entscheidend den Kunsttanz (Ballett) und Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847) erweiterten mit seinen Ideen das Orchester.http://userserve-ak.last.fm/serve/_/28438689/Giuseppe+Verdi+verdi.jpg
In Italien schrieb Giuseppe Verdi (1813–1901; s. Bild) einen Opernhit nach dem anderen, wie „La Traviata“ „Aida“, „Otello“, „Rigoletto“ und „Don Carlos“.
Doch Verdis Oper „Nabucco“ machte ihn zum Nationalhelden. In der Zeit der österreichischen Besatzung rief er mit der Oper unterschwellig zum Widerstand auf und das Lied vom „Gefangenenchor“ wurde zur Hymne.
In Frankreich machten sich Ambroise Thomas (1811–1896) und Charles Gounod (1818–1893) einen Namen und in Russland setzte Michail Glinka (1804–1857) nationale Akzente.
Mit Richard Wagner (1813 – 1883; s. Bild) kam ein Opernkomponist, der Musikdramen fantasievoll mit düsteren Klängen konzipierte. Opern, wie „Der fliegende Holländer“, „ Tannhäuser“, „Die Meistersänger von Nürnberg“,http://2.bp.blogspot.com/_JJHLRY9K2gs/Sw_LWX4TswI/AAAAAAAAAB8/o2__O35oMf8/s1600/richard-wagner1.jpg „Lohengrin“ und „Tristan und Isolde“ sind heute noch beliebte Bühnenstücke. Ein musikalisches Denkmal setzte er sich mit dem Epos „Der Ring der Nibelungen“, der sich in vier Abschnitten aufteilt („Das Rheingold“, „Die Walküre“, „Siegfried“, „Götterdämmerung“). In seinen Werken hebt Wagner die Arien (Sologesang) auf und bietet ein durchkomponiertes Gesamtstück an.

Johannes Brahms (1833–1897), der Wagner nacheiferte, neigte dazu das klassische Erbe logisch fortzuführen. In selbiger Richtung versuchte Anton Bruckner (1824–1896) einen formklaren Stil herauszuarbeiten.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts triumphierte in Frankreich die leichte Muse, in Form der gesellschaftskritischen Operette durch Jacques Offenbach (1819–1880). An einer lyrischen Oper versucht sich dagegen Jules Massenet (1842–1912) und mit realistischen Bezügen bewegte sich George Bizet (1838 -1875) thematisch mit „Carmen“ in der Gegenwart.
In der russischen Musikszene setzten Alexander Borodin (1833–1887), Nikolai Rimski Korsakow (1844–1908) und Modest Mussorgski (1839–1881) Akzente für die nationale Musik.
Anton Rubinstein (1829–1894) und Pjotr Tschaikowski (1840–1893) orientierten sich da eher an die westliche klassische Musik.
Aus Böhmen (Tschechien) stammen Bedrich Smetana (1824–1884) und Antonin Dvorak (1841–1904), die Weltruhm erlangten und der Norweger Edvard Grieg (1843–1907) war besonders in England beliebt. Etliche Musiker aus Europa und den USA überschwemmten den Musikmarkt, aber nur wenige setzten sich letztendlich durch und viele gerieten in Vergessenheit.
Musik war inzwischen eine bindende Größe geworden und besonders die leichte Muse kaschierte die Klassenunterschiede. Die kurzweilige Operette brachte Lieder hervor, die von Adlige und Bürger und der Bevölkerung gleichermaßen gesungen wurden. Die erfolgreichsten Operettenlieder wurden in den Cafés oder in der Kneipe auf dem Klavier nachgespielt.

Vor allem waren es die Varietés, die nicht nur einen stetigen Wechsel aus Musik, Artistik, Tanz, Zauberei und Humor anboten, sondern hier wurden Lieder zu Schlagern. Unabhängig von den Ständen konnte sich hier jeder gleichermaßen amüsieren, vorausgesetzt er konnte den Eintritt bezahlen. Die besseren Tische vor der Bühne waren natürlich für die Reichen reserviert. Die Sittenwächter akzeptierten inzwischen die Lästerhöhlen, sofern die tanzenden Damen sich akzeptabel bedeckt hielten. Gesellschaftlich fruchtete langsam die humanistische Idee und vereinzelt konnten einige akute Missstände beseitigt werden. Häufig waren es Einzelinitiativen, die die Not der Elenden linderten und es gründeten sich gemeinnützige Verbände. Die Regierenden taten sich dagegen schwer, entsprechende Sozialgesetze zu erlassen. Wegen des steigenden Lebensstandards sahen die Politiker keinen Handlungsbedarf, zumal die Mittelschicht stark anwuchs. Ein steigender Lohn und mehr Freizeit für die Arbeiter waren Indizien für den gesellschaftlichen Aufschwung und man gab sich zuversicht-lich, dass auch bald die Elendsviertel am Rande der Stadt verschwinden würden. Mit der bürgerlichen Revolution (1848/49) verlor der Adel die wirtschaftliche Macht und wurde politisch über das Parlament kontrolliert. Die Bourgeoisie war an einer direkten Machtausübung nicht interessiert, zog aber im Hintergrund die Fäden. Wichtiger waren ihnen die Geschäfte, unter anderem die Übernahme der Kulturstätten. Die durch die Aristokratie hoch verschuldeten Theater und Opern übernahmen nun bürgerliche Unternehmer.
Über den Eintritt und einem publikumsorientierten Programm sanierten sie die Kulturbühnen. Die neuen Intendanten förderten im Prinzip die Komponisten der Romantik, weil sie frische und publikumswirksame Musik anboten. Das steife Geschmacksrepertoire des Adels wurde aus dem Programm genommen und durch eine volksnahe melodische Musik ersetzt.

Der Zeitgeist begünstigte ebenso die Operetten, die in den Augen der aristokratischen Kunstkenner keine Musik war. Zuerst setzte sich die Musikform im liberaleren Paris durch. Mit Jacques Offenbach hatte die Operette ab 1856 seinen ersten Starkomponisten. Diese Mischung aus Theaterstück mit melodischen Gesangseinlagen begeisterte das Publikum. Paris wurde über die Operette wieder zur Musikmetropole. Wien, die sich mehr in der Pflicht ihrer klassischen Wurzeln sahen, ignorierte anfangs den Trend und folgte ihm erst 1860. Musik war ein lukratives Geschäft geworden und durch die Vielzahl von Komponisten wurde der Markt unübersichtlich und animierten zum geistigen Diebstahl. Dringend musste daher das Urheberrecht geregelt werden. Die Musiker jener Zeit waren selbstständig und deswegen darauf angewiesen, dass ihre Werke geschützt wurden und finanzielle Ansprüche regelten.
Eine besonders profitable Einnahmequelle war der Verkauf von Notenblättern, der dem heutigen Singleverkauf (CD) ähnelt. Neben dem Verkauf von Notenblättern, verdiente ein Komponist am meisten, wenn er in einem Heft ein Gesamtwerk (Album) anbieten konnte. Die Musik verselbstständigte sich und wurde nicht nur auf den Bühnen angeboten, sondern man spielte sie auf Tanzveranstaltungen (Bälle), in Biergärten (Freiluftlokale) und im privaten Bereich. Reiche Leute richteten sich einen Musiksalon und luden Gäste zur Hausmusik ein. Das Klavier, das Ende des 17. Jahrhunderts aus dem Spinett hervorging, wurde erst im 19. Jahrhundert zu einer festen Größe, da die maschinelle Fertigung den Preis drückte.
Das klangvolle Multiinstrument galt als perfektes Laieninstrument, was schnell erlernbar war und es ließ sich fast jedes Lied nachspielen. Das Klavier förderte als Begleitinstrument das Entstehen von Gesangsvereinen, die lange Zeit eine Domäne der Männer blieb. Sie trugen ihre Weisheiten von Ehre, Nationalstolz und Heimatverbundenheit bei großen Festen vor.
In jenen Liedern wurde stets ein heroischer Geist beschworen in Anlehnung der politischen Situation. In Deutschland wurde die Einheit gesucht und träumte von der Weltmacht. Großbritannien und Frankreich sonnten sich als Supermacht und prahlten mit ihren Kolonien. Österreich erinnerte sich sehnsüchtig an alte Zeiten und großen Monarchen, angesichts eines zusammenbrechenden Reiches. In den Armenvierteln sang man andere Lieder. Die Werte alter Zeiten waren nicht ihre, weil sie letztendlich nur missbraucht wurden. Musikalisch kündigte sich die Phase der realistischen Romantik an, die Arbeiterklasse wuchs stetig heran und die sozialistische Idee von Karl Marx griff um sich.

Imperialismus (ab 1860):

Das Zeitalter der Industrialisierung und der Kolonialisierung erreichte einen ersten Höhepunkt und verschärfte die Gegensätze. Der Lebensstandard stieg zwar weiter und die breite Mittel-schicht kam in Genuss von Wohlstand, dennoch begann eine Zeit voller Spannungen und Widersprüchen. Der Adel fühlte sich immer stärker eingegrenzt, die Konkurrenz zwischen den Unternehmern nahm zu, Studenten und Gelehrte prangerten die Missstände an, Kirche und Sittenwächter sahen die moralischen Werte in Gefahr und das Elend nahm wieder deutlich zu. Erwerbslose fielen ungebremst in die Armut. Auf dem Lande trieb der Adel die Bauern ins Elend und in den Städten die Kapitalisten. Besonders in den Städten nahm die Not gravierende Ausmaße an und gemeinnützige Organisationen waren in ihrer Hilfe überfordert. Große Fabriken waren entstanden und neue Maschinen sparten Arbeitskräfte ein und machten das Arbeitslosenheer größer. Jene die Arbeit hatten waren in Gefahr, weil sie unzureichend mit den Maschinen vertraut gemacht worden sind und weil die Unternehmer Arbeitsschutzmaßnahmen einsparten. Nicht selten wurden bei Unfällen Werktätige dadurch arbeitsunfähig und so mancher starb. Eine stärker werdende sozialistische Bewegung forderte umgehend bessere Arbeitsbedingungen und eine soziale Absicherung der Erwerbslosen. Die Regierenden gingen zunächst mit Gewalt gegen die Proteste der Arbeiter vor und jagten ihre Anführer. Jedoch Unmut machte sich ebenso im Parlament breit und forderte soziale Gesetze. Zur Beseitigung der schlimmsten Missstände wurden Anordnungen verabschiedet, die allerdings nur schleppend umgesetzt wurden.
Kulturell bewirkten die gesellschaftlichen Gegensätze eine große Vergnügungssucht. Mit überzogener Ausgelassenheit glichen sie ihre Sorgen und Nöte aus. Mit Frohsinn ließen sich am besten die Alltagssorgen ersticken oder man ertränkte sie im Alkohol. Die Operette stieg zur beliebtesten Musikkunstform auf, da sie inhaltlich einer Komödie entsprach, deren Texte in beschwingten Melodien eingebettet waren. Gelegentlich wurden gesellschaftskritische Töne angeschlagen, die sich darauf beschränkten veralterten Werte von Sitte und Anstand zu kritisieren oder der Aristokratie den Spiegel vorhielten. Die eingängigsten Lieder einer Operette verbreiteten sich rasch und besonders schnell ging es über das Varieté. Zudem bot die Schaubühne für jeden unbekannten Musiker die beste Gelegenheit eigene Lieder zu veröffentlichen. Die zahlreichen unabhängigen Lieder wurden Chansons genannt.

Im Gegensatz zu den Operettenliedern konnte ein Chanson plötzlich ein Hit werden. Solche Lieder, die unvermittelt erfolgreich wurden, nannten sich Gassenhauern. Sie waren beliebte Lieder, dass die Menschen auf der Straße ohne Instrumente nachsangen oder deren Melodie nachpfiffen. Jene Lieder, die von Mund zu Mund gingen, über die Stadtgrenzen hinaus bekannt wurden, waren Schlager. Im Gegensatz zum Volkslied war ein Schlager vorder-gründige Unterhaltung, die zu einer bestimmten Zeit eine große Bevölkerungsmenge begeisterte. Ein Volkslied begriff sich als Kulturgut, das überwiegend zum Zuhören gedacht war, was einen gewissen Unterhaltungswert nicht ausschloss.
Ein Schlager orientierte sich in der Regel an tanzbarer Musik, wie Walzer oder Polka und mitunter wurden Tänze für einen Schlager kreiert. Im Varieté entwickelte sich der Tanz zum Showtanz. Wurden bisher Fantasien tänzerisch dargestellt in Anlehnung an das klassische Ballett, so wollte das Publikum unterhalten werden und machte sich über allzu steifes Tanzgehabe lustig. Professionelle Tänzerinnen empfanden Auftritte im Varieté als erniedrigend. Bald schon rückten Amateurtänzerinnen nach, die bewusst komische Elemente einbauten, um besser ihre Defizite zu überspielen. Abseits jeglicher Kontrollen hatten die Varietés in den Kolonien alle Freiheiten, so auch bei der Darbietung von Tänzen.

Die Hauptstadt der französischen Kolonie Algeriens, Algier, galt als Sündenbabel der Franzosen. Beliebt waren dort die Flamenco-Tänzerinnen. Bei dem spanischen Volkstanz wedelten die Frauen stolz und verrucht mit ihren Röcken. Jemand kam auf die Idee, den Tanz mit dem quirligeren Cancan zu kreuzen und dass die Damen die Röcke noch höher ziehen sollten. Der Einblicke auf die weibliche Unterwäsche wurde ein voller Erfolg. Von Algier kam der erste wirkliche Showtanz nach Paris und trat als Can-Can seinen weltweiten Siegeszug an. Überall tanzten die Mädchen in einer Reihe, ließen ihre Röcke fliegen, gewährten dem Betrachter einen Blick auf ihre Unterwäsche und sprangen abschließend in einen Spagat. Der anrüchige Tanz wurde jedoch nur noch sporadisch Verboten und von den Sittenwächtern inkonsequent überwacht.
Mit dem Can-Can wurde moralische Werte durchbrochen und eine freie Tanzart erschaffen, die Grundsätze des klassischen Balletts ignorierte. Motiviert vom Erfolg gelangten gewagtere Vorführungen über die kolonialen Großstädte Singapur, Kairo oder Schanghai in die europäischen Varietés. Beispielsweise wurde in Paris 1894 der erste Striptease in einem Varieté aufgeführt. Die Entkleidungstänzerin wurde lediglich mit einer Geldstrafe belegt. Überall in Europa wurden die Grenzen von Sitte und Moral ausgetestet.

Beinahe unbeachtet blieben Gustav Mahler (1860–1911) und Wilhelm Furtwängler (1886–1954), die traditionelle Grenzen im Komponieren durchbrachen. Engelbert Humperdinck (1854–1921) gelangen eindrucksvolle Volks- und Märchenopern und Richard Strauss (1864–1949) wurde mit den Opern „Salome“ und „Elektra“ bekannt. In Italien dominierte weiterhin die Oper mit übersteigertem Realismus durch Giacomo Puccini (1858–1924). „La Boheme“ (1896) kommt einem Sittengemälde von Paris gleich, wogegen „Tosca“ mehr ein Krimi ist. Später gleitet Puccini mit „Madame Butterfly“ und „Turandot“ in die asiatische Welt ab.
In Frankreich lässt sich Claude Debussy (1862–1918) vom Impressionismus (Malerei) inspirieren und Maurice Ravel (1875–1937) besticht als glänzender Orchestervirtuose.
Die Publikumsresonanz für klassische Musik schwächt sich ab und selbst die bahnbrechende Erfindung der Schallplatte, durch Emil Berliner (1887), wird keiner großen Bedeutung beigemessen. Zur Jahrhundertwende amüsiert man sich lieber im Varieté, lauscht den Männerchören, tanz auf Volksfesten und trällert die Operettenhits aus Paris und Wien nach. Die Wiener Operette wurde geprägt von Walzerklängen, die sich zum Tanzen wunderbar eigneten. Im preußischen Berlin erwacht eine andere Musikszene, bei der die Marschmusik charakteristisch wurde und sich der polnischen Polka als Tanzelement bediente.
Die klassischen Musikformen haben sich im 20. Jahrhundert überlebt und schon bald sollte ebenso die Operette Geschichte sein.

Nachfolgend werden Sie einen Überblick über die weitere Entwicklung der klassischen Musikformen finden. Das Hauptaugenmerk soll aber die moderne Unterhaltungsmusik (populäre Musik) sein, dass was die heutigen Medien als Schlager und Popmusik bezeichnen. Nichts desto trotz, sollten Sie sich folgende Lieder bei „You Tube“ (Internet) einmal anhören, um sich über diese Auswahl einen Eindruck über die Hits der Klassik-Epoche zu verschaffen.   

 Titel Zeit in min. Komponist
Die Zauberflöte (Gesamte Oper)
Die vier Jahreszeiten 
Sinfonie Nr. 9 (an die Freude)
Die Kindersinfonie
Die Moldau  (Sinfonie)
Nr.4 opus 90 
Nussknacker Suite   
Das Forellenquintett  
Die kleine Nachtmusik  
Die Hochzeit des Figaro 
Der Gefangenenchor aus „Nabucco“
Air – Suite Nr.3  
Nocturne Nr. 2 in Es-Dur op. 9 
Ave Maria
Etude in E-Dur opus 10 
Liebestraum  
Schicksalsmelodie  
La Traviata  
Für Elise (A-Moll / WoO59)
Träumerei 
Minuet in G   
2,30:00 
41:49
23:35
10:40
10:00
9:58 
7:31
6:54
6:37 
5:50
5:29 
4:55
4:42
4:14
4:07
4:05
4:05
3:23
2:56
 2:40 
 2:08 
Wolfgang Amadeus Mozart
Antonio Vivaldi
Ludwig van Beethoven
Leopold Mozart
Bedrich Smetana
Felix Mendelssohn Bartholdy
Peter Tschaikowsky
Franz Schubert
Wolfgang Amadeus Mozart
Wolfgang Amadeus Mozart
Giuseppe Verdi
Johann Sebastian Bach
Frederic Chopin
Franz Schubert
Frederic Chopin
Franz Liszt
Ludwig van Beethoven
Giuseppe Verdi
Ludwig van Beethoven
Robert Schumann
George Friedrich Händel