7. B. Überlieferungsformen

Überlieferungsformen

A. Wortüberlieferungen 

Prophetisch– Apokalyptische Worte

1. Heilsworte:
In ihnen kündigt Jesus den nahen Anbruch der Herrschaft Gottes an, mit der Vollmacht der Sohn Gottes zu sein. Er preist dabei jene selig, die den Anbruch hören oder sehen, ihn schon jetzt erleben („Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer “).

2. Drohworte:
Drohungen an jene, welche die Stunde der Entscheidung verkennen, im Sinne des Endgerichts und meistens mit dem Wort „wehe“ beginnen („Wehe euch Schriftgelehrten und ihr Pharisäer, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen“).

3. Mahnworte:
Sind apokalyptische Worte der Mahnung, die zum Beispiel zur Wachsamkeit aufrufen sollen („lasset eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen und seid gleich den Menschen, die auf ihren Herrn warten ...“). Mahnworte sind aber auch Weissagungen über das Geschehen in der Endzeit („es werden viele kommen unter meinem Namen ...“) und der nahen Wiederkunft des Menschensohn („denn wie der Blitz oben vom Himmel blitzt und leuchtet über alles, was unter dem Himmel ist, also wird des Menschen Sohn an diesem Tage sein“). Die apokalyptischen Worte sind dabei Überlieferungsgut aus der ursprünglich jüdischen Tradition.

Insgesamt tritt Jesus mit dem Redestoff, als Prophet der Apokalypse hervor.

Weisheitsworte:
Hier werden sprichwortartig allgemeine Lebenserfahrungen vermittelt, sind bodenständig und sind nicht zu verwechseln mit den apokalyptischen Weisheitsworte (da sich diese aufs Endgericht beziehen). In der Tradition zum Judentum wurde solche Weisheitsworte in Sprüchen, Gleichnissen oder Rätsel formuliert. Neben den vermutlich echten Weisheiten Jesu, wurden auch jüdische Weisheiten (Parallelen dazu haben) vermittelt oder auch allgemeine orientalische Spruchweisheiten eingearbeitet, die Lebensregeln, Volksmoral und auch Frömmigkeit wiederspiegeln („Alles nun, was ihr wollt, das euch die Leute tun, das tut ihr ihnen auch“). Diese Worte kennzeichnen Jesus als Weisheitslehrer.

Gesetzesworte & Gemeinderegeln:
Sind Worte die im Gesetzesstil verfasst sind („Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben ...“ - Mtth. 7,6). Die Worte geben an, was befolgt werden sollte und sind im NT meist zu einer Reihe von Worten verknüpft. Sie geben Richtlinien für die christliche Gemeinde an, welche Ordnung sie im Leben halten sollen (Mtth. 18,15-22 – „Sündigt aber dein Bruder, so gehe hin und ...“). In den Worten übernimmt Jesus die Rolle eines Rabbi. Jesus legt die Thora aus, zeigt ihnen was der Wille Gottes für die Gemeinschaft ist. Im Prinzip sind jene Worte die Grundlage, der ersten Gemeindeordnungen mit der klaren Ermahnung sie zu befolgen, damit diese Worte lebensfördernd für die Gemeinde sind.

Bildworte und Gleichnisse:
Unter diesem Begriff sind mehrere Einzelformen gemeint, sie alle stellen einen Vergleich aus dem alltäglichen Leben zum Reich Gottes her.

Bildworte: Ein Bild wird neben der eigentlichen Sache gestellt, ohne ein Vergleichswort.
Beispiel: „Wo kein Augapfel ist, fehlt das Licht und wo kein Verstand ist, fehlt die Weisheit“ - aus Sirach 3,25. Das Bild kann verschieden gedeutet werden ⇒ biologisch gesehen fehlen Augen und Gehirn und bedeutet im übertragenen Sinne ⇒ wer nicht sehen kann und ohne Geist ist, kann nicht erleuchtet werden und die Weisheit erkennen.
Eine Bildhälfte kann auch ohne die Sache stehen und dennoch eine Sachaussage treffen.
Beispiel: „Es kann eine Stadt, die auf dem Berge liegt nicht verborgen bleiben“ - Mtth. 5,14. Das Bild sagt, was deutlich erkennbar ist, kann sich nicht verbergen oder verleugnen und das gilt nicht nur für Objekte, auch für Sachverhalte.

Metapher: Ein kurzer Vergleich ohne Vergleichswort, ein Bild was für eine Sache steht.
Beispiel: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geeignet für das Reich Gottes“ - Lk. 9,62. Sinngemäß, es ist ein mühsamer Weg zu Gott, aber bei jedem zurücksehen ist man gefährdet seinen Weg zu verlassen. Es kommen Fragen auf wie: Warum plage ich mich, es reicht doch, was ich bisher geschafft habe?

Einfacher Vergleich:  Ein Bild wird deutlich verglichen mit einer Sachfeststellung.
Beispiel: "Denn wie der Blitz aufgeht vom Aufgang und leuchtet bis zum Niedergang, so wird auch sein das Kommen des Menschensohnes“ - Mtth. 24, 27. Jesus wird also unerwartet und plötzlich kommen. Hierbei wird nach der Formel agiert: Bild ist gleich wie die Sache – oder umgekehrt.

Parabel (Gleichnis): Die Bildhälfte in einem Vergleich, wird ausführlicher geschildert und enthält meistens ein typisches oder regelmäßiges Ereignis bzw. Vorgang.
Beispiel vom Gleichnis zum verlorenem Schaf (Lk.15,4 ff). Die Formel dazu: Bild (100 Schafe)  + Erweiterung (1 Schaf geht verloren) = Sachverhalt (Hirte sucht das eine Schaf) + Erweiterung (er lässt dafür 99 Schafe allein) ist gleich wie, Sinnvergleich / als Slogan: Rettet den Irrgeleiteten, die Geretteten brauchen nicht mehr gerettet zu werden. Der Vergleich wird hier indirekt vollzogen, ein realer Fakt wird mit einer Parabel verdeutlicht!

Gleichnis Erzählung: Die Bildhälfte ist in einer richtigen Erzählung verpackt, die man aber auch mit einer Parabel verwechseln kann, da die Übergänge fließend sind.
Lesen Sie dazu Matthäus 20, 1 -15 „Die Arbeiter im Weinberg“.
Das Gleichnis berichtet über merkwürdige, ja sogar anstößige Sachverhalte. Betrachten Sie dazu die Formel: Bild (Arbeitgeber beschäftigt Arbeiter) + Erweiterung (stellt Arbeiter zu unterschiedlichen Zeiten ein, einige sogar kurz vor Arbeitsschluss) = Sachverhalt (trotzdem zahlt er jeden Arbeiter den gleichen Lohn) ⇒ Erweiterung /Konflikt (die Arbeiter von Anbeginn können nicht verstehen, warum sie durch ihre Mehrarbeit nicht mehr Lohn bekommen.
Diese scheinbare Ungerechtigkeit wird im entsprechenden Rahmen zum Vergleich, dass durch den Anfang der Geschichte sichtbar wird. „Das Himmelreich ist gleich einem Hausvater ...“, wodurch die Geschichte das Endgericht thematisiert (am Ende sind alle gleich). Vers 16 macht den Sinn dieser Erzählung in einer Art Slogan sichtbar: Die letzten werden die Ersten sein. Grob gesagt bedeutet der Vergleich, wenn man beginnt die Zeitdauer des Glauben gegenüber Anderen (Neuchristen) in die Waagschale zu werfen, so verspielt man zum Endgericht den Glaubenskredit vor dem Herrn.   

Beispielbilder: Sind beispielhafte Erzählungen, die in bestimmter Beziehung lehren.
Lesen Sie dazu bitte Lukas  10, 30 –35 „Vom barmherzigen Samariter!“
Kurzform: ein Mann wird ausgeraubt, liegt verletzt am Straßenrand, ein Priester und ein Levit gehen achtlos vorüber, aber ein Samariter kümmert sich um den Verletzten. Jenes Beispiel verurteilt diejenigen, die auf Grund ihres jüdischen Glauben helfen müssten, es hilft aber ausgerechnet ein Samariter, denen der jüdische Glaube abgesprochen wurde. Erinnern Sie sich dazu an das historische Verhältnis von den Juden zu den Samaritern, die eigentlich Brüder sind (israelisches Reich).
Mit dem Bild der handelnden Personen erhält der Text noch eine zusätzliche Brisanz für die Christen in jener Zeit. Der Aussageslogan jedoch ist zeitlos und lautet: Christ sein wird nicht nur am Glauben gemessen, sondern an seinen Taten und so kann ein Ungläubiger gläubiger sein, als ein Glaubender.

Allegorie: Diese seltene Form stellt ein Gleichnis vor und gibt eine Gleichnis Deutung vor, die aber keine spezifische Richtung vorgibt.
Lesen Sie dazu Markus 4, 1- 8 und dessen unspezifische Deutung Vers 14 - 20 „Vom Säemann (Bauer, der die Saat ausbringt).“
In einem Detail wird beschrieben, wie dem Bauer Samen auf den Weg fällt und Vögel kommen und fressen es auf. Der Samen symbolisiert die Worte Jesu, die nicht auf fruchtbaren Boden fallen und vom Teufel/ Satan weggenommen, entkräftet werden. Die Allegorie versucht zu deuten, was mit den Worten (Jesus) alles geschehen kann. Weiterhin können von der Geschichte andere Details losgelöst von Ganzen betrachten werden und es finden sich weitere Aussagen. 

Ich Worte und Menschensohn -Worte:
Hierbei handelt es sich um Sprüche, wozu Jesu gekommen ist und steht vom Stil her, in der ersten oder dritten Person („Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten“). Sie belegen auch Jesus Hoheit und dessen Schicksal („Des Menschensohn muss viel Leiden und verworfen werden ...“). Menschensohn = Jesus = Christus = Messias! Anmerkung: Sind die bisherigen Formen, palästinensischen Ursprungs, so stammen die Ich-Worte aus der hellenistischen Tradition.

B. Zwischenform

Schul - und Streitgespräche:
Es sind Gespräche über strittige Punkte aus dem Glauben und dem Leben der ersten Gemeinden. Den Stil der Gespräche verraten schon die Namen, Streit-und Schulgespräche (Schul= Belehrung). Zu erkennen sind solche Gespräche daran, dass sie meist von einer kurzen Szene eingerahmt werden oder in einer Erzählung eingebaut sind. Diese Gespräche sind eine Zwischenform, zwischen Rede- und Erzählüberlieferungen. Kernpunkt oder Kernaussage stehen immer im Zusammenhang mit dem Jesus-Wort.
Unter den dem Punkt Formgeschichte wurde bereits ein Streitgespräch erwähnt (Mk 2,1-12). In Vers 1-5 wird ein Gichtbrüchiger zu Jesus gebracht und es folgt (Vers 6) das Jesus-Wort: „Mein Sohn deine Sünden sind dir vergeben“. In Vers 7 -10 ereifern sich die Schriftgelehrten über die Sündenvergebung und findet in Vers 11-12 seine logische Fortsetzung von Vers 1-5.
In dem Streitgespräch ist das Jesuswort eingebettet, in der Erzählung „Von der Heilung des Gichtbrüchigen“. Beim ersten anhören des Textes, empfinden die Schriftgelehrten es als Frevel, dass Jesus Sünden vergibt, was allein nur Gott kann. Jesus begründet das und durch die Exegese (Textbetrachtung) erkennt man, dass Jesus als Sohn Gottes, selbstverständlich Sünden vergeben darf. Da er auch Menschensohn ist, berechtigt er damit die Gläubigen ihm gleich zu tun, also dürfen Christen verantwortungsvoll Sünden vergeben.
Zurück zur Zwischenform die verschiedenartig vorkommen kann. Das Jesus-Wort kann am Anfang, in der Mitte oder am Ende der Geschichte stehen, gleiches gilt für die Gesprächsart. Jesus-Worte, waren den damaligen Gläubigen wichtig, sodass man sie in einen Rahmen gebracht hatte, um den Sinn nicht zu verlieren. Absichtlich haben die urchristlichen Gemeinden, Jesus-Worte oder auch Sprüche in keine Spruchsammlungen getan, sondern wurden als Beispiele für eine Gemeindepredigt (Paradigmen) überliefert oder als kurze Sinnsprüche (Apophthegma) angewandt. Wenn man den Sinn der Gespräche erschließen will, so sollte zunächst der Spruch herausfiltert werden, um die Überlieferung Über-Setzen zu können (Aussagen, Kern und Botschaft des Textes).
Jene Sprüche bringen zum Ausdruck, was die Gemeinde als charakteristische Neuerung erfahren hatte durch Jesus, das abweicht von der gegebenen, jüdischen Frömmigkeit. Eingebettet in einem Streit- oder Schulgespräch, lässt sich so der „Sitz im Leben“ erschließen und sind grob gesagt, eine Auseinandersetzung der nachösterlichen Gemeinden mit den Kritikern und Gegnern und sind Beleg dafür, welche Fragen die Gemeinden bewegten.

C. Erzählüberlieferungen:

Wundergeschichten: Sind Geschichten, die in großer Zahl in die synoptische Tradition eingegangen sind, das heißt, es gibt mehrere Geschichten gleichen Inhalts, aber in einer anderen Version (Synopse). Der Vergleich der Geschichten mit gleichem Textinhalt (= synoptischer Vergleich), zeigt einen wiederkehrenden Grundaufbau, dass die Wundergeschichten zu einer festen Überlieferungsform machen. Wundergeschichten haben viele Parallelen in der jüdischen und hellenistischen Tradition. Sie ähneln sich nicht nur in der Form, sondern gleichen sich mitunter in den Motiven. Nur im Sinngehalt unterscheiden sie sich untereinander. Im Vorwissen über Jesus und seine Zeit, wurde schon einiges über die Wundergeschichten gesagt und daher lässt sich heute nicht mehr eindeutig sagen, wer sich von wem inhaltlich bediente und ob es die Wunder überhaupt gab.

Christusgeschichten: Im Stil einer heiligen Legende werden konkrete Lebensstationen im Leben Jesu beleuchtet, wie Geburt, Taufe, Versuchungen und ähnliches. Zeugen solcher Lebensstationen sind meistens nicht vorhanden oder beschränken sich auf einen intimen benannten Zeugenkreis. In den Geschichten tritt Jesu in seiner Besonderheit hervor und zeichnet seine Hoheit in einmaliger, übernatürlicher Weise. Die Legenden haben ihren Haftpunkt in der Person Jesu und orientieren sich an Belege für seine Existenz.
Wissenschaftlich gesehen sind aber jene Belege sehr fraglich und machen die Legenden unglaubwürdig. Die nachösterlichen Gemeinden äußerten in ihrer Überlieferung, was Jesus für sie bedeutete und hinterfragten nicht die Legenden. Nach den zunächst mündlichen Überlieferungen, wurden die Christus-Legenden schließlich niedergeschrieben. Sie fanden ihren würdigen Rahmen bei Festen- und Feiertagen und bei denen die betreffenden Christusgeschichten den Rahmen bildeten. Christus-Legenden, im Sinne von frommen Geschichten, dienten der Gemeinde mehr zur Erbauung (Mut schöpfen, moralisch aufbauen).

Passionsgeschichten (Leidensgeschichten): Ursprünglich bestehen die Geschichten, aus selbstständigen Einzelteilen und wurden zu Erzählkränzen zusammengefügt. Die Passionsgeschichten bilden den ältesten Erzählzusammenhang in der Jesusüberlieferung und wurden vermutlich auch im Gottesdienst verwendet. Passionsgeschichten bemühen sich Fakten zu übermitteln (Jesus Leiden, Sterben und Auferstehen in Jerusalem), aber wie der synoptische Vergleich zeigt wurden Fakten auch gedeutet, wodurch sich die unterschiedlichen Textinhalte erklären. Die Passion Jesu, ist der einzige Geschichtenkomplex der fundamentiert wirkt und daher als reale Lebensstation von Jesu für möglich gehalten wird.  

Anmerkungen zu den Jesusüberlieferung (Neuchristentum ab dem Jahr 70)

Nach der Zerschlagung des jüdischen Aufstandes verschwand der jüdische Glaube im Untergrund. Das römische Gericht (Strafmaßnahmen) über Judäa unterschied dabei nicht zwischen Juden und Christen, sondern setzte sie gleich. Zudem hatte sich, durch die Missionierung von Paulus, das Christentum über Vorderasien stark verbreitet und wurde von den Römern als Gefahr angesehen. Dennoch konnte sich das Christentum in Griechenland, Kleinasien und Syrien gut entwickeln, wodurch die Heidenchristen zum Träger des jungen Glaubens wurden.
Die urchristlichen Gemeinden in Judäa wurden bedeutungslos. Bisher war das Vermächtnis von Jesus, auch immer eine Auseinandersetzung, mit den Traditionen der jüdischen Kultgemeinde (Pharisäer, Leviten usw.), um das Gemeindeleben danach auszurichten. Für die heidnischen Neuchristen, hatte die jüdische Tradition deutlich an Einfluss verloren. Die Gefahr für Neuchristen bestand nun darin, durch den Einfluss anderer Strömungen vom christlichen Weg abzuweichen. Besonders die Gnosis vereinnahmte zu stark den Neuen Glauben.
Es bestand die Notwendigkeit die Überlieferungen von Jesus zu bündeln, in ein logisches Werk zu fassen, um sich vor Irrlehren zu schützen. Das Problem bei den Überlieferungen war jedoch, dass die Adressaten jener Schriften an Juden gerichtet waren (z.B.: die Pharisäer, Sadduzäer oder Schriftgelehrte). Die Autoren der Evangelien mussten jene Schriften umadressieren, die nun als Mahnungen an die Christen galten, da sie jetzt in die gleichen Sünden verfielen, wie die jüdischen Gruppierungen.
Bei einigen Abschnitten der Evangelien lassen sich die ursprünglichen Schichten der Überlieferung entdecken. Das heißt, da es zu Jesus Lebzeiten keine Christen gab, wurden die Worte oder Erzählungen an die Gruppierungen verallgemeinert. In der Regel wählte man einen Gesprächspartner, mit denen sich die späteren Gemeindemitglieder identifizieren  konnten, wie den Jüngern Jesu. Beim umadressieren fand daher keine Veränderung im Inhalt und der Aussage statt, sondern ein Über-Setzen (aktualisiertes transportieren).
Die Über-Setzer, beachteten dabei die Grundfragestellungen der nachösterlichen Gemeinde. Wozu ermächtigt uns Jesus? Woran bindet er uns? Worum geht es in seiner Nachfolge und im Glauben an ihn? Was haben wir dabei erfahren und bezeugen es nun?
Allein die Fragestellungen machen noch einmal deutlich, dass es in den Evangelien nicht um die Biographie oder dem historischen Jesus geht. Die Evangelien sind Jesus Überlieferungen, deren Texte mit den Glaubenden, der nachösterlichen Gemeinde in Verbindung stehen. Eine erste Sammlung von Überlieferungen beinhaltet das Evangelium nach Markus. Es ist jedoch fraglich, wann es entstand. Eine mögliche erste Schriftensammlung könnte bereits ab dem Jahr 35 vorgelegen haben. Zwischen dem Jahr 50 bis 60 könnte dann Markus aus der Schriftsammlung und den mündlichen Überlieferungen das Ur-Evangelium erstellt haben. Aufgrund von Anspielungen auf den jüdischen Aufstand und der Tempelzerstörung wurde das Evangelium von Markus zwischen dem Jahr 66 und 70 überarbeitet und aktualisiert.
Das Überarbeiten wurde notwendig, da sich im historischen Palästina viel verändert hatte, wodurch sich auch der gelebte Glaube änderte. In wie fern sich dadurch das ursprüngliche  Markus-Evangelium veränderte, ist heute nicht mehr nachweisbar. Es wurde aber erforscht, dass es eine Aktualisierung um das Jahr 70 (Markus-Evangelium) gegeben haben muss.

D. Redaktionsgeschichte (Sammlungen der Überlieferungen)

Die Verfahrensweise zum Schriftwerk ähnelte dem Ansatz der Schriftgelehrten vom AT.
Zunächst sammelten die Autoren die Schriften oder schrieben die mündlichen Überlieferungen nieder.
Als eine Grundlage diente die umfangreiche Passionsgeschichte und die Bergpredigt.
Anschließend wurden die Texte geschliffen, geformt, inhaltlich sortiert und schon mal thematisch zusammengestellt.
Das Material wurde nun in ein Konzept gebracht. Als Leitlinie dafür diente die Form des Lebenslaufes, der zudem in Themenabschnitten unterteilt wurden.
In jene Abschnitte wurden geeignete Sprüche und Geschichten über Jesus eingefügt. Unter anderem wurden die Passionsgeschichten nun zu einem stimmigen Ganzen zusammengefügt und dienten gleichzeitig als Schwerpunkt des Werkes. Das Material, für die vorangehenden Abschnitte, wurde nun zielgerichtet angepasst und steuerte auf den Höhepunkt (Passion) zu.
In den Abschnitten zuvor, wurden die einzelnen Geschichten, Sprüche oder Gleichnisse hineingearbeitet bzw. eine Geschichte wurde um eine Sammlung von Gleichnissen und Sprüchen konstruiert.
So wurden beispielsweise Gleichnisse mit verwandten Charakter aneinander gereiht, eine solche Reihe bildet die Grundlage der Seepredigt (Mk. 4, 1-34).
Eine weitere Verbindungskette sah bei Markus so aus: Überlieferung: Die Predigt des Johannes (1,4-8) ⇒ Verbindung/ Überleitung, „…und es begab sich in jenen Tagen“, ⇒ nächste Überlieferung: Die Taufe Jesu (1, 9 -11) ⇒ Verbindung, „und als bald trieb ihn der Geist in die Wüste“, ⇒ Überlieferung: Die Versuchung Jesus (1,13).

Abschließend wurde das Evangelium vom Autor erneut überarbeitet, um die theologische Absicht hervorzuheben. Das war letztendlich der Mörtel, der die Jesus-Überlieferungen, zu einer situationsbedingten Botschaft machte, zur Stärkung des Glaubens. Beim Zusammenstellen des Evangeliums stand den jeweiligen Autoren vermutlich ein unterschiedliches Quellenmaterial zur Verfügung. Die Basis für das Markus Evangelium dürfte eine umfangreiche Spruch und Redesammlungen gewesen sein (heute nicht mehr existent). Lukas und Matthäus standen neben dem Markusevangelium, noch weitere Überlieferungen zur Verfügung, die Markus nicht kannte oder berücksichtigte.
Denkbar sind ebenso Überlieferungen, die erst später bekannt oder konstruiert wurden.

Aufgrund dessen sind die Evangelien ähnlich und doch unterschiedlich.
1. Bis auf wenige Ausnahmen bieten Matthäus & Lukas, den gesamten Inhalt des Markus- Evangeliums an. Die Ausführungen sind jedoch unterschiedlich. Mit dem Vergleich, dem Zusammenschauen, der Evangelien kann auf die Absicht des Autors geschlossen werden. In der Theologie nennt man es Synopse (syn = zusammen; opsamai = sehen) und stellt Zusammenhänge zu allen relevanten Texten her.  

2. Matthäus & Lukas bieten wiederum untereinander Texte an, die Markus nicht kannte.

3. Bei Matthäus finden sich bestimmte Sonderüberlieferungen verschiedener Herkunft und auch Lukas kennt eigene Sonderüberlieferungen.

Die synoptische Arbeit belegt also, dass Matthäus & Lukas das Markusevangelium kannten und aus einer Spruchsammlung, sowie Sonderüberlieferungen schöpfen konnten. Durch die Synopse werden weitere Erkenntnisse deutlich und begründen, warum drei ähnliche Evangelien nebeneinander stehen. So kann anhand der Synopse die Spruchquellensammlung erschlossen werden, der sich Matthäus und Lukas bedienten, aber Markus nicht kannte.
Auf der Grundlage des Lukasevangeliums hatte der englische Forscher T. M. Manson die Sprüche herausgefiltert.

Kap. 3, 7-9 & 16 & 17    //   Kap. 4, 1-13   //   Kap. 6, 20- 49   //   Kap. 7, 6-9 & 18-35 //  Kap. 9, 57-62   //  Kap.10, 2 & 3 & 8- 16 & 21-24   //   Kap. 11, 9-26 & 29-36 & 42-52 //  Kap. 12, 2-12  &  22-34  &  39-46  &  51- 59 // Kap.13, 18-30  & 34  & 35 // Kap.14, 15-24 & 26 & 27 // Kap. 16, 13 & 16-18 // Kap. 17, 1- 6  & 22- 37  unklar sind die Verse: Kap. 7, 1- 6  //  Kap. 11,27  // Kap. 11,28  // Kap. 11, 37-41  // Kap. 12,1 //  Kap. 12,47-50  //  Kap. 14,34 //  Kap. 14,35

Jene Sprüche verstehen sich als Lehren Jesu und sind keine Erzählungen über Jesus Taten. Die Spruchsammlung war notwendig geworden, um einen internen Lehrbetrieb in den Gemeinden zu begründen, als Lehrbuch für den Sitz des Lebens in der Gemeinde.
Heutige Forscher vertreten die Ansicht, dass die früheren palästinensischen Gemeinden, die genannte Sammlung, in aramäischer Sprache verfassten und Markus sie nur zum Teil übersetzen konnte. Aramäisch war die ursprüngliche Sprache Judäas, die sich mit der Zeit und den kulturellen Einflüsse zur hebräischen Sprache wandelte. Aramäisch war deshalb zur alttestamentlichen Gelehrtensprache geworden, der nicht jeder mächtig war und deshalb wurden Schriften nicht als Jesus-Sprüche erkannt. Erst später übertrugen Schriftgelehrte die aramäische Sammlung ins griechische und erst dadurch sollen Matthäus und Lukas darauf aufmerksam geworden sein. Dieser These widerspricht jedoch die Aussage, dass die Sprüche ihren Sitz im Leben hatten, also als Lehr-Text bekannt waren. Es bleibt letztlich spekulativ, welcher Autor welche Quellen kannte, benutzte, ignorierte oder eigene Sprüche einarbeitete. Wichtig allein ist das Motiv der Autoren, die situationsbedingt Glaubensakzente setzen wollten.
Bei der Analyse der Evangelien erfahren wir etwas über die Zeitgeschichte, die zu drei unterschiedlichen historischen Abschnitten entstanden. So schlägt sich einerseits die Zerstörung von Jerusalem nieder oder andererseits die Christenverfolgung im römischen Reich. Das theologische Konzept der Autoren verarbeitete existenzielle Ereignisse der Gegenwart, um mit der Jesusgeschichte den Glaubenden zu stärken. Als zielgerichtete Christusverkündigungen gelten die Evangelien nach Markus, Lukas und Matthäus.
Das Johannesevangelium ist dagegen ein Sonderfall, der mehr mit prophetischen Worten die Offenbarung betont. Das es mehrere Evangelien gab, war der Zeit geschuldet. Neben der aktuellen Situation der Christenheit, drängten sich Fragen zu Jesus auf. So wurde die Geburt Jesu bedeutsam, die im Markus Evangelium keine Rolle spielte. Weiterhin sollten sich die Neufassungen gegen spezifische Irrlehren wenden. Der Name des ältesten Evangeliums wurde mit dem Namen Markus autorisiert.

Markus war ein Begleiter des Apostels Petrus, kannte Lukas und war auch ein Gefährte von Paulus. Aufgrund dessen besitzt Markus die Legitimation, für ein solches Werk, da er die beiden wichtigsten Missionare des Christentums (Petrus, Paulus) kannte. Mit Matthäus und Johannes wurden zwei Apostel geehrt, die mehr im Schatten von Petrus und Paulus standen, aber dennoch wichtige Missionare des Christentums waren. Lukas dagegen, könnte als einzige Person, ein Schriftwerk nach dem Markus-Evangelium erstellt haben. Nach heutigem Wissenstand wurden aber alle ursprünglichen Schriften später überarbeitet, sodass auch das Lukas-Evangelium kein Original ist, sondern er lediglich als der ursprüngliche Verfasser gilt.
Betont sei nochmals, dass in der antiken Welt Bescheidenheit als äußerst ehrenvoll galt und seinem Schriftwerk einer bedeutenden Person widmete. Häufig wurden lokale Herrscher damit geehrt. In der Regel waren aber die Autoren in ihrer Zeit bekannt, nur leider fehlen von vielen heute die Zeugnisse dazu. In den Kulturreichen wurden berühmte Verfasser von Werken zumindest in Chroniken erwähnt, sodass man bestimmte Werke ihren Verfassern zuordnen kann.
Anders sah es bei Schriften aus, die in der römisch-griechischen Kultur keine Rolle spielten. Die christliche Literatur zählte dazu, war eine Randerscheinung und für die jüdische Kultur waren es ketzerische Werke. Diesbezüglich war es sogar überlebenswichtig, als Verfasser namenlos zu bleiben (Christenverfolgung). Wahrscheinlicher ist jedoch, dass mehrere gelehrte Redakteure ein Evangelium zu bestimmten Zeiten überarbeiteten und demzufolge kein bestimmter Name genannt werden konnte, also gab man dem Werk einen Ehrennamen.
Es ist weiter zu bedenken, dass es im Laufe der christlichen Expansion zahlreiche Gemeinden im römischen Reich gab, die nur regional in Kontakt standen. Das heißt, sie kannten nur eine Version des Evangeliums und nicht die anderen Versionen. Welches wo, zur Glaubensgrundlage wurde, ist nur noch spekulativ nachweisbar. Aufgrund dessen verbreiteten sich die ursprünglichen Evangelien ohne die Namen von Autoren.
In der weiteren Entwicklung des Christentums war ein Kontakt zwischen den Regionen unvermeidlich. Um Gläubigen nicht zu irritieren, wurde es notwendig die Evangelien zu benennen. Vermutlich erst im 2. Jahrhundert erhielten die Evangelien ihre Namen, zumal begonnen wurde, die christlichen Schriften für das Neue Testament zu sammeln. Das alle Evangelien gleichberechtigt in den Kontext des NT aufgenommen wurden, hing damit zusammen, dass jedes Evangelium seine spezifische Kernbotschaft hatte und der Sitz im Leben der betreffende Gemeinde betraf. Das Herausfiltern der Grundproblematik der damaligen Gemeinde und Ziel der Verkündung wurde für die Verkünder der Neuzeit zu einer wichtigen theologischen Komponente.
Die Geistlichen konnten auch anhand der unterschiedlichen Versionen, eine für sich eine umfassende Jesus-Sicht gewinnen und daraufhin ihre Glaubensbotschaft für ihre Gemeinde formulierten.
Abschließend sei noch einmal betont, dass die Bibel nicht als Lektüre fürs Volk gedacht, sondern den Geistlichen (Priesterschaft) zu Studienzwecken dienen sollte. AT und im NT waren somit Quelle und Material zur Glaubensverkündung. Somit war es nicht nötig, die Bibel literarisch verständlich umzuschreiben. Zudem ist die Bibel ein in sich verschachteltes Werk, mit reichlich symbolischen Gehalt und mehrdeutigen Anspielungen, die bei einem Glätten der Texte verloren gehen würden. Daher sollte Leser von Heute unbedingt sich mit dem entsprechenden Hintergrundwissen vertraut machen, um nicht Fehldeutungen zu erliegen.