7. A. Vorbetrachtung

Vorbetrachtung zu den Evangelien

1. Begriff: Evangelium
2. Formgeschichte der Evangelien
3. Entstehung des Evangeliums

 

1. Begriff: Evangelium

Das Wort setzt sich zusammen aus Ev =gut und Aggelion = Nachricht, Botschaft (griech.). Modernisierte Bibelfassungen des NT sind mit den deutschen Namen versehen und heißen entweder Die Gute Nachricht oder Die Frohe Botschaft. Die Verwendung des Begriffes ist dabei nicht ganz korrekt, da neben den Evangelien auch die anderen Schriften enthalten sind (Briefe, Apostelgeschichte).

Geschichtliches: Das älteste Evangelium (Markus), beginnt als einziges mit den Worten: „Dies ist der Anfang des Evangeliums (der frohen Botschaft) von Jesus Christus.“ Evangelium steht auch für Freudenbotschaft und Siegesbotschaft des Glaubens.
Das Wort Evangelium, wurde auch im antiken Herrschaftskult benutzt. Speziell seit der Zeit von Alexander des Großen (336 - 323 v. Chr.), wurde der Begriff im Zusammenhang mit Ephiphanie (Erscheinung) benutzt. Der griechische Herrscher ließ sich gern als göttliche Erscheinung verehren und als Evangelium (Freudenbotschaft) galten die ruhmreichen Erfolge, vor allem nach einer siegreichen Schlacht.
Später im römischen Reich ehrten besonders die orientalischen Provinzen den amtierenden, römischen Kaiser.
Die Verfasser der Urschriften der Evangelien nahmen das Wort bewusst in den Kontext auf. Die Autoren knüpfen dabei an die Hoffnungen des Volkes Israel an, da die Juden mit dem Anbruch der Gottesherrschaft einen göttlichen König erwarteten (Apokalypse). Für die Christen jedoch, ist nun dieser König erschienen, der überhaupt nicht in das ursprüngliche Bild des Wortes Evangelium passt.

Bedeutung: Im Unterschied zum hellenistischen Verständnis, sagen die Christen, dass es nur ein Evangelium gibt und das ist die Botschaft vom gekreuzigten und auferstandenen Christus. Nur jene Botschaft macht die Christen froh und ist heilsam für ihr Leben. Erneut haben die Christen eine Begrifflichkeit übernommen, die regulär einen hellenistischen Ursprung hatte.
Für Paulus war das Evangelium nie ein Buch, sondern eine mündlich, ausgerichtete Botschaft und der Inhalt seines Evangeliums, war nicht das Leben Jesu, sondern das Heilsgeschehen in der Gegenwart durch das Vermächtnis von Jesus, durch seinen Tod und seiner Auferstehung. Paulus argumentiert daher seinen Gemeinden, einem lebendigen Christus und verkündet die frohe Botschaft, dass Jesus für die Menschen gestorben und auferstanden ist. 
Markus dagegen veranschaulicht die irdische Geschichte Jesu, sein richtungweisendes Leben, das Heil für die Christen war und ist. Der Autor Markus, erweitert somit die Frohe Botschaft und fixiert sie schriftlich, aus den Urschriften zum Buch „Das Evangelium“. Mit seiner Einleitung („…Anfang des Evangelium...“), macht er sein Werk zum Programm und gewinnt somit seine literarische Bezeichnung (Evangelium). Anzumerken ist, dass ursprünglich die weiteren Evangelisten ihre Werke nicht als Evangelien bezeichneten. Matthäus und Johannes nennen ihre Schrift einfach nur Buch und Lukas, nennt seine Schrift Bericht.
In der zeitgenössischen Literatur, gab es keine vergleichbare Form und somit war zunächst der Begriff Evangelium ein Unikat (Einmaliges), was an dem Inhalt, einer einmaligen Botschaft in einmaliger (End-) Form gebunden war. Die Bezeichnung für die Schriftgattung Evangelium, erhielten die anderen drei Schriften (Matthäus, Lukas, Johannes), erst im 2. Jahrhundert durch Theologen. So erwähnte Justin (ca. 165) die Evangelien schriftlich, bei einer Verteidigungsschrift über das Abendmahl.
Letztendlich ist das Evangelium heute, die schriftliche Verkündigung der Heils- und Freudenbotschaft von Jesus Christus. Das Evangelium ist zudem Zeugnis des lebendigen Herrn, der durch sein Leben in den Christen weiter lebt. Die Schriften des Evangeliums, sind dabei aber keine Lebensbeschreibungen oder Lebensbilder (Biografie) und erst recht nicht Gedenkbücher für einen toten Mann aus der Vergangenheit.

2. Formgeschichte der Evangelien

Zunächst einmal ist anzumerken, dass Jesus nichts Schriftliches hinterlassen hatte. Die Evangelien wurden nach dem Vorbild des AT erstellt. Sie setzen sich aus Geschichten, Legenden, Sprüchen und Gebete zusammen, und wurden miteinander verknüpft. Zunächst einmal wurden Überlieferungen gesammelt, von den ersten christlichen Gemeinden und deren Zeugnisse über Jesus. Es wurden Sprüche, Gleichnisse und Jesusgeschichte usw. erfasst. Das Material waren Urzeugnisse von dem lebendigen Jesu, die nun zum Evangelium verarbeitet werden konnten. Zu den Überlieferungen sei gesagt, dass sie kein umfassendes Wissen über Jesus vermitteln konnten. Bei den urchristlichen Gemeinden haben sich nur jene Überlieferungen manifestiert, die Glaubensfragen der Gemeinde in ihrer Lebenssituation entsprachen (Sitz im Leben). Somit blieben nur Überlieferungen im Sieb der Notwendigkeit erhalten. Dazu kamen die unterschiedlichen Varianten von Geschichten, durch die mündliche Weitergabe, die eine schriftliche Fixierung erschwerte.
Weiterhin benötigte man ein Ordnungsschema, um das Material zu verarbeiten. Die Autoren der Evangelien wählten den biografischen Stil, der als Leitfaden dienen sollte, um das Material in eine logische Reihenfolge zu bringen. Zentraler Schwerpunkt ist dabei den lebendigen Jesus als Vorbild auszusagen und ist somit kein Lebenslauf von Jesus.
Im 1. Korintherbrief von Paulus wurde es „Sitz im Leben“ genannt und auch die Evangelien der Urgemeinden, kennzeichneten so einen „ Sitz im Leben“ (Sinn der Jesus-Botschaften). Um den Sinn der Botschaften von Jesus Christus besser zu erkennen ist es notwendig die Überlieferungsformen zu erschließen, lesen Sie bitte dazu in Markus 2,1-12.
Beim aufmerksamen Lesen werden Sie bemerken, dass Verse 6-10 eingeschoben sind. Vers 6-12, sind von der Form her ein Streitgespräch, um die Frage, „haben Christen die Vollmacht Sünden zu vergeben?“ Daraus ergibt sich, dass es in der Gemeinde offensichtlich Streit um diese Frage gab und Rückschlüsse auf den „Sitz im Leben“ der Gemeinde gibt.
Das heißt:
Überlieferungsform (lässt schließen auf) = Streitgespräch
Zweck: Text gibt Aufschluss über die Streitschlichtung, durch beantworten der Frage
Situation: (=Sitz im Leben) ⇒ Streit um die Vollmacht der Sündenvergebung

                                    Form + Zweck = Situation

Der Vorgang lässt sich auch umkehren: Situation + Zweck =Form. Das ergibt einen hermeneutischen Zirkel, eine Übersetzungsmethode, eine Art Betrachtungs-kreis (Hermeneutik = griech.: Übersetzer, Deutungen der Texte und ihrem Sinn, sowie deren Bedeutung, meint aber keine Wortübersetzung). Aus den Überlieferungsformen kann man auf die Situation der Gemeinde schließen, wie auch umgekehrt. Wenn der Weg von beiden Richtungen logisch und stimmig zum Zweck führt, beginnt der Text zu leben. Theologen und auch Geschichtsforscher beschreiten den Weg, um Rückschlüsse auf die damalige Situation zu gewinnen und sie mit historischen Fakten zu verbinden. Im religiösen Sinne sind sie Zeugnisse über die Gemeinden, die Auskunft über ihren Glauben geben und Zeugnisse des Wirken Jesu sind. So können Reden und Sprüche auf Jesu zurückgeführt werden, die von der Gemeinde zusammengestellt wurde, als Gemeinderegeln und zum Taufunterricht/-Unterweisung (Katechismus).
Die Taten von Jesu wurden in den Gottesdiensten verwandt und Schul -/Streitgespräche dienten der Auseinandersetzung mit Menschen, die den Glauben verfälschen wollten.
Die Evangelien sind deshalb eine Ansammlung von Texten, die vom Jesu erzählen, also sein Vermächtnis in Form von Überlieferungen lebt. Evangelien beinhalten Lehrbücher, Weisheiten, Heilsnachweise, Geschichtsbetrachtungen und anderes, sind aber keine Biographie von Jesu. 

3. Zur Entstehung des Evangeliums

Vermutlich waren die Verfasser Judenchristen und keine Augenzeugen des Lebenden Jesus. Sie hatte nur ungenaue geographische Kenntnisse von Palästina, die durch die Textstellen 5,1; 5,18; 6,45 und 7,31 belegt werden.
Die Adressaten sind Heidenchristen, da ihnen die jüdischen Bräuche erklärt (z.B.: 2,18 & 7,3-4) und aramäische Worte übersetzt werden müssen (z.B.: 5,14 & 7,34). Die Adressaten könnten Gläubige in der Nähe von Galiläa gewesen sein, zumal das Evangelium dort eine herausgehobene Rolle spielt.
Zugleich könnte es auch der Abfassungsort sein. Die betonte Rolle Galiläas, lässt zumindest den Abfassungsort in der Nähe von Galiläa vermuten. Möglich wäre auch Syrien, aber auf jeden Fall außerhalb Palästinas.
Die Abfassungszeit ist ebenfalls strittig, tendiert aber zum Ausgangsdatum, der Zerstörung Jerusalems und dem Ende des jüdischen Krieges (66 -70). Im Kapitel 13 gibt es eine Anspielung auf dem Fall von Jerusalem und demzufolge müsste die Schrift nach dem Jahr 70 entstanden sein. Wahrscheinlicher ist, dass es die Urfassung des Evangeliums bereits viel früher gab. Lukas benutzte bereits das Markus-Evangelium und wenn man die Apostelgeschichte auf das Jahr 63 datiert, muss das Markus-Evangelium um das Jahr 60 entstanden sein.
Historiker gehen davon aus, dass bereits um das Jahr 35 erste Jesus-Überlieferungen niedergeschrieben wurden. Vermutlich war es dann Johannes Markus, der die Schriften in ein Kontext brachte und das Ur-Evangelium formte. Johannes Markus, war ein Vetter von Barnabas, der in Antiochia (Syrien) predigte. Er begleitete Paulus auf seiner 1. Missionsreise und verließ vor dem schwersten Teil der Reise die Missionare. Das nahm ihm Paulus sehr übel und wollte den unzuverlässigen Markus nicht wieder bei sich haben. Markus wurde daraufhin ein treuer Begleiter von Petrus.
Auf den Reisen bemerkte Markus, wie unterschiedlich die Jesus-Überlieferungen erzählt wurden und vergewisserte sich bei Petrus, welche Version die richtige war. Da Petrus Jesus kannte, war deren Meinung ausschlaggebend. Während der Zeit mit Petrus fertigte er vermutlich sein Evangelium an. Er verarbeitete vorhandene Schriften und schrieb die mündlichen Überlieferungen nieder und brachte sie in eine biografische Form.
Vermutlich ließ sich Markus in der Nähe von Antiochia (Barnabas) nieder und betreute dort (Galiläa) die Gemeinden und vollendete zwischen dem Jahr 50 bis 60 sein Evangelium. Aufgrund dieser Leistung versöhnte sich auch Paulus wieder mit ihm.„Das Evangelium“ wurde für die Verkünder wichtig, um den Heidenchristen einheitlich von Jesus zu erzählen und war Quelle, um den Glauben zu festigen. Durch die historischen Ereignisse wurde es notwendig das Evangelium (70) zeitgemäß zu überarbeitet. In dieser Region (Syrien, Galiläa) blieb das Evangelium dominierend und erst mit der Konfrontation der anderen Evangelien bekam das Werk einen Namenszusatz (2. Jh.) und wurde das „Evangelium nach Markus“ oder „Markus-Evangelium“ genannt. Übrigens nannte sich ursprünglich nur dieses Werk „Evangelium“. In Ehrerbietung zu Markus, nannten sich die Bücher nach Matthäus, Lukas und Johannes nicht Evangelien, sondern den Beinamen erhielten sie ebenfalls später (2. Jh.).

Motivation/ Hintergründe 

Das Evangelium richtet sich in einer bestimmten geschichtlichen Situation an die Christen. Die Christen hatte noch verschiedene Vorstellungen vom Christ-Sein, wodurch auch die Verkünder (Priester) die Jesus-Überlieferungen interpretierten. Neben Verfälschungen und Irrlehren, waren die Gläubigen irritiert, wenn sie ihren Glauben mit anderen austauschten, die eine ganz andere Sichtweise hatte.

Im Mittelpunkt der Missdeutungen standen folgende Sachverhalte:

1. Jesus, als großer Wundermann: Da Jesus in den Himmel aufgenommen wurde (göttlicher Mensch), meinte man an die Krafttaten Gottes, durch Jesus erscheinen ablesen zu können. Von daher versteht man Jesus, als einen Wundermann. Wundergeschichten, Heilungs- und Erweckungserzählungen erhielten daher ein besonderes Gewicht und auch Beweiskraft für eine hellenistische Missdeutung.

2. Jesus, als Lehrer und Vorbild: Seine (göttlichen) Lehren wurden gesammelt und verklärten zugleich den Blick auf Gottes heilschaffendes Handeln, in Jesus Leiden und Sterben.

3. Jesus, als himmlisches Gottwesen (mythische Person): Heidenchristen glaubten sich in der Gegenwart des Erhöhten (Gnosis) zu sein, wo der irdische Jesus kaum eine Rolle spielte.

Schon im 1. Korintherbrief von Paulus wurden jene Missdeutungen thematisiert, aber sein Brief war nur an die Korinther gerichtet. Die anderen Gemeinden kannten den Brief noch nicht, der erst viel später (in Abschriften) seine Verbreitung fand. Nachdem Paulus von den Römern enthauptet wurde, verschwand auch ein wichtiger Verkünder, der zu Lebzeiten erfolgreich gegen die Irrlehren ankämpfte.
Die Motivation für eine umfassende Schrift war gegeben und auch notwendig geworden. Johannes Markus wollte deshalb auf die Verfälschungen und Missdeutungen reagieren, ohne zu polemisieren (eine Streitschrift verfassen). Er sammelte zunächst nur die Überlieferungen, die meistens schon in einigen Gemeinden erprobt wurden (als Predigt oder Lesung).
Er schrieb die meistens mündlichen Überlieferungen auf und klärte die unterschiedlichen Versionen, mit der Autorität von Petrus. Da Petrus Jesus persönlich kannte, konnte Markus die Passion von Jesus ausführlich beschreiben. Speziell mit dem Komplex der Passionsgeschichte, konnte Markus spezifischer auf Irrlehren und Missdeutungen reagieren, indem er Jesus irdisches Handeln darstellt. In den Geschichten und Sprüchen über Jesus wird Glaube greifbar und grenzt sich ab von Missdeutungen.
Ein weiterer Ansatz waren für ihn die verschiedenen Ausdrucksformen und Aspekte des Glaubens, die er in seinem Evangelium integrierte. So findet man in seiner Schrift die unterschiedlichen Bezeichnungen für Jesus, wie Menschensohn, Sohn Gottes, Davids Sohn, Christus, Messias, Kyrios, Herr und anderes. Markus und auch die späteren Redaktoren versuchten diesbezüglich keine Vereinheitlichung vorzunehmen und damit wird klar, dass die Verfasser weitgehend Originale integriert haben. Sicherlich wollte man insofern eine Interpretation vermeiden, um nicht individuelle Sichtweisen zu verbauen und dann war es auch wichtig wertvolle Traditionen zu bewahren, die in vielen Gemeinden verankert waren. Hierbei war es wichtig den Glauben zu stärken und so wurde manches Zugeständnis an eine Falschdeutung gemacht, wenn sie tief im Gemeindeleben verankert war.