4. F. Kapitel 12 bis 14

Kapitel 12 bis 14

Kernthemen:  Geistesgaben, Hohelied der Liebe, Zungenreden und die Frau im Gottesdienst 

Geistesgaben und die Liebe als höchste Gabe 
Zum besseren Verständnis ist es erforderlich das religiöse Leben im römischen Reich näher zu beleuchten, um die Ursachen für ein vielfältiges, gottesdienstliches Leben zu begreifen.

Hellenistische Volksfrömmigkeit:
Stark verbreitet in der hellenistisch-römischen Welt war der Glaube an Heilgötter und Wundertäter. Der Heilsgott Asklepios (oder Aesculap) genoss dabei eine besondere Verehrung, dessen Wahrzeichen, der von einer Schlange umwundene Stab war (heute Logo bei Apotheken). Der Heilsgott, soll schon als Kind Krankenheilungen und Totenauferweckungen vollbracht haben. Dem Heilsgott zu Ehren, feierten die Menschen jährlich ein Fest (zunächst nur in Griechenland), bei dem er als Heiland (Retter) gepriesen wurde. Der Begriff Heiland wurde im Sprachgebrauch für Jesus übernommen.
Der ägyptischen Göttin Isis sagt man nach, dass sie durch Traumanweisungen Kranke heilte, bei denen die irdische, ärztliche Kunst versagte. Auf zeitgenössischen Bildern wurde Isis mit dem Knaben Horus auf ihrem Arm dargestellt, was später dem christlichen Madonnenbildern entsprach.
Neben den Göttern in der Antike, gab es noch die göttlichen Menschen bzw. Menschen mit gottgleichem Wissen und Können. Von ihnen meinte man, sie seien von göttlicher Geburt und so war ihr Ende/Tod, entweder, ein auffahren zur Götterwelt oder eine Umwandlung zu einem Gott (Geisteswesen). Häufig wurden Männer verehrt die Philosophen und Wundertäter in einem waren, manche von ihnen waren zudem noch Politiker. Von Empedokles, einem Schüler des Philosophen Pythagoras, wird berichtet, dass ihm selbst Wind und Regen gehorchten. Ein anderer war ein Arzt aus Syrakrus, der die besondere Gabe hatte Epileptiker zu heilen. Überheblich verglich er sich mit Zeus und nötigte die Geheilten, in seine Gefolgschaft zu treten. Einigen von ihnen gab er göttliche Namen und errichtete eine Art himmlischen Götterrat auf Erden.

Von den vielen Menschen, die durch die Gläubigkeit zu göttlichen Menschen wurde, zählte auch der Wanderprediger Apollonius von Tyana (ein Zeitgenosse von Paulus). Der Biograf Philostratus, zeichnete ein Bild von Apollonius, der zur rechten Götterverehrung mahnte, prophetisch Vorrausschauen konnte und die Fähigkeit besaß Kranke zu heilen und Tote zu erwecken. In einer Geschichten heißt es: „Ein Mädchen schien zur Stunde ihrer Hochzeit gestorben zu sein. Der Bräutigam folgte der Totenbahre und wehklagte über die unvollendete Hochzeit. Aber auch Rom nahm Anteil, denn das Mädchen stammte aus konsularischen Kreisen. Da nun Apollonius gerade zum Unglück dazukam, sprach er: `Setzt die Bahre ab, ich will eure Tränen über das Mädchen trocknen. ´ Zugleich fragte er nach ihrem Namen.
Die Leute meinten, er werde eine öffentliche Rede halten, wie die Leichenreden sind, die Wehklagen wecken. Er aber berührte sie lediglich und sagte unbemerkt etwas und erweckte so das Mädchen von dem vermeintlichen Tode. Die Jungfrau gab einen Laut von sich und kehrte in das Haus ihres Vaters zurück ... (es folgen Vergleiche zur griechischen Mythologie) ... Als die Verwandten des Mädchen dem Apollonius ein Geschenk von 150.000 Denaren machten, sagte er, `füge sie der Ausstattung (für die Hochzeit) der Tochter hinzu.“
Der Biograf fügte folgenden Kommentar hinzu: Ob er nun einen Funken Leben in ihr fand, der den Ärzten verborgen geblieben war oder ob das erloschene Leben wieder entfacht wurde und zurückrief, das zu begreifen reichte nicht nur mir, sondern auch denen die zugegen waren. - Egal wie, hier ist ein Wunder geschehen.
Der Biograf berichtete auch von dem wundersamen Ende des Apollonius. Kaiser Domitian (81 - 96), in seiner Selbstherrlichkeit, duldete er keine Wundertäter neben sich. Bei einem Prozess vor dem Kaiser verschwindet Apollonius auf wundersamer Weise aus dem Gerichtssaal und erscheint seinen Freunden, wie er ihnen vorausgesagt hatte, an einen völlig anderen Ort. Vierzig Tage soll er mit seinen Freunden geredet haben und überzeugte letzte Zweifler, dass er ihnen erschienen war, wo er doch weit entfernt ein Gefangener Roms war. Schließlich soll er in den Tempel gegangen sein und verschwand für immer. Seine Freunde wollen einen feierlichen Gesang gehört haben, bei dem er wahrscheinlich aufgefahren ist (Götterwelt).

Zur Apollonius-Geschichte drängen sich Parallelen zur Jesusgeschichte auf. Obwohl die zeitliche Zuordnung von Apollonius nicht stimmig ist (Kaiser Domitian – Zeitgenosse von Paulus). Apollonius könnte eine fiktive Person gewesen sein, so auch seine Geschichte, als auch der Name des Kaisers. Mit der Niederschrift und dem Kaiser Domitian erhielt die Geschichte von Apollonius eine feste zeitliche Zuordnung. Wie dem auch sei, all jene Geschichten über irdische Wunder, differenzieren Jesus Wirken und es erhebt sich die Frage, wer von wem die Wundergeschichten übernahm?
Auf jeden Fall wird eines deutlich, die Wunder in Bezug zu Jesus, standen in der Konkurrenz zu den zahlreichen anderen Wundertätern. Wie sollten da die Menschen den wahren Messias erkennen?
In der antiken Welt hatten Wunder auch immer etwas mit zaubern zu tun. Die Fähigkeit der Zauberei wurde den göttlichen Menschen nachgesagt, durch welche sie zu Göttern werden konnten. Diese Sicht resultierte auf eine religiöse Unsicherheit, wo sich Enttäuschung über die Götter breit machte. Bislang hatte Zauberei (Wunder), stets etwas mit einer Göttergabe zu tun, doch nun schien sich die Zauberei zu verselbstständigen. In der Vorstellungen der Antike hatte Zauberei seine Ursprünge, die von irdischen Dämonen weiter gegeben wurde.
Es war lediglich fraglich welche Dämonen wirkten. Welche Namen trugen sie und waren sie Gut oder Böse? Nur wenn der irdische Mensch den Namen wusste, kannte er auch das Sinnen und Trachten des Dämons. Mit jenem Verständnis, konnte nun der Mensch die Macht über den Dämon gewinnen bzw. ein gefährliches Spiel vollziehen.
Neben den Zauber/Wunderdingen, war der Mensch stets bestrebt seine Zukunft zu sehen. In uralter Zeit befragte man dazu das Orakel, übte sich in Traumdeutung oder beobachtete bewertend Naturerscheinungen. Zu jener Zeit gewann die Astrologie stark an Bedeutung. An Hand der Gestirne wurde Zukunftsaussagen getroffen, für ganze Völker und dem einzelnen Menschen. Sternbilder und Sternzeichen wurden Kräfte und Einflüsse auf den Menschen nachgesagt und persönliche Horoskope wurden erstellt. Die Astrologie reifte nach Maßstäben der Wissenschaftlichkeit und war daher sehr angesehen. Auf kleineren Gruppen beschränkt, aber dennoch weit verbreitet waren die Mysterien (= Geheimnis). Für jene Geheimkulte war ein Schweigegebot charakteristisch, bei dem  Außenstehende keine Einzelheiten des Ritus erfahren durften. Mitglied der Kultgemeinschaft wurde man durch eine Bewerbung, dem ein besonderer Aufnahmeakt folgte, der aus einer rituellen Waschung bestand, bei der die Kultsymbole vorgezeigt wurden und die Kultform mitgeteilt wurde. An einem Kultmahl durften ausschließlich nur Kultmitglieder teilnehmen.
Die Anziehungskraft solcher Mysterien lag darin begründet, da sie den einzelnen Menschen und seiner Entscheidung eine besonderen Bedeutung gaben, unabhängig von seiner Herkunft und der sozialen Stellung. Verbunden durch gemeinsame Kultmahle, der kleinen Gruppen, entstanden echte verschworene Gemeinschaften. In solchen Geheimkulten wurden meistens Naturgötter verehrt, deren Mythen und Feste im Zusammenhang mit dem irdischen Leben standen. Ein solcher Gott ist zum Beispiel Dionysos (Bacchus), der Gott des Weines und der Fruchtbarkeit. Der Kult wurde 700 v. Chr. bereits in Kleinasien und Trakien (etwa Serbien heute) verehrt und verbreitete sich um 500 v. Chr. über Griechenland. Besonders bei Frauen genoss Dionysos ein hohes Ansehen. Die Urform der Verehrung mündete in eine Kultorgie, mit wilden, hemmungslosen Sex und reichlichen Alkoholgenuss. Dazu belebte das Essen von Früchten die Sinne und schärfte den erotischen Effekt. Insgesamt zielte der Kult auf eine totale Ekstase. Zu Jesu Zeiten, wurde dieses Orgien-Ritual von der griechisch-römischen Gesellschaft als unmoralisch, verwerflich angesehen. Mit einer geistigen Neuordnung (Verehrungszeremonie), wurde der Kult wieder akzeptiert, aber die sexuelle Ausrichtung blieb und der Weingenuss war wesentlicher Bestandteil des Mysteriums.

Durch die Vielfältigkeit des religiösen Lebens hatte das Christentum einen schweren Stand. Wenn Paulus in Vers 2 von sprachlosen Götzen spricht, so meint er jene Mysterien, in dem der Kultgläubige in Ekstase geriet und zum willenlosen Objekt wurde und von der Gewalt der Pneuma fortgerissen war. Paulus knüpft dabei an frühere Erfahrungen an, wo er selbst ein Ekstatiker gewesen war.
Im 2. Korintherbrief Kapitel 12, Vers 1 bis 10 ist dazu lesen: „Ich kenne einen Menschen in Christus; vor 40 Jahren - ist er in dem Leib gewesen, so weiß ich’s nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen, so weiß ich’s auch nicht; Gott weiß es - da ward derselbe entrückt bis an den 3. Himmel ...“
Der Verdacht erhärtet sich hierbei, dass die Korinther und sogar Paulus, an heidnischen Kulte teilnahm. Paulus versucht im ersten Abschnitt des 12. Kapitels zu zeigen, dass Ekstase nur dann eine fruchtbare Erscheinung in der Gemeinde ist, wenn durch sie Christus ausgerufen wird. Nur in diesem Sinne, lässt sich erkennen, ob die Ekstase, wie alle anderen Gaben (= Charismen) durch den Geist (= Pneuma) Gottes bewirkt sind. Darum heißen die Begabten, wenn der Ton, auf der vom Geist gewirkter Gaben liegt, die Pneumatiker (Verbindung mit dem heiligen Geist). Liegt aber die Begabung mehr auf der geistgewirkten Gabe, so sind diese Charismatiker (Fähigkeiten der Heilung).
Ekstatische Bräuche sind nun in die christliche Gemeinde eingeflossen und Paulus mahnt, dass nur eine Ekstase in einen bewussten Sinn zu Gott christlich war. Doch gerade Gnostiker hielten sich mit solchen Begabungen (so oder so) für etwas Besonderes. Sie erhoben sich über die anderen Gemeindeglieder, sahen sich als Vollkommen, sahen herabblickend auf die ihrer Meinung Unvollkommenen und wurden Enthusiasten genannt. Sie glaubten bereits neue Äonen zu sein, die jenseits des Todes standen und nur noch scheinbar irdisch waren.

Kapitel 12 (Geistesgaben) 

Das Zungenreden wird an dieser Stelle zunächst ausgeklammert und in Kapitel 14 betrachtet. Hier soll es um die Enthusiasten gehen, die den Gottesdienst beherrschten.
Paulus macht in seinem Brief klar, dass niemand seine Geistesgabe zum eigenen Nutzen gebrauchen sollte und schon gar nicht, um sich damit zu brüsken oder zu rühmen. In Vers 1 bis 11, stellt Paulus nachdrücklich fest: „Nicht der Mensch ist wichtig, sondern dass durch ihn der Geist Gottes wirkt und sich ihm mächtig erweist.“ So hat der Pneumatiker seine Begabung nicht aus sich heraus, sondern ist ein Geschenk Gottes. Darum sollte der Pneumatiker Gott loben, denn Gott erweist ihm seinen Geist. Wenn er sich aber seiner Gabe rühmt, macht er den Geist Gottes zunichte und schadet der Gemeinde. Mit der Sicht, wird die Geistesgabe mit allen profanen Dienstleistungen (wie der diakonischen Tätigkeit) gleichgestellt und nur daran gemessen, was dem Wohl der Gemeinde dient.
In dem Sinne ordnen sich auch die Charismatiker in der Gemeinschaft ein. Eine Begabung, ist also eine Fähigkeit die von Gott kommt und der Begabte soll sie zum Wohle der Gemeinde nutzen, gleichrangig zu den anderen Gemeindegliedern mit ihren besonderen Fähigkeiten. Vers 12 bis 26 führt den Gedanken weiter fort. Die Summe aus mancherlei Gaben, dient dazu die Gemeinde aufzubauen, sie zu stärken und Spaltungen zu verhindern. Ekstatiker, sind genauso wie Nichtekstatiker, Empfänger des Geistes Gottes, jeder auf seine Art. So weisen auch die unterschiedlichen Charismen darauf hin, dass Einer auf den Anderen angewiesen ist. Es geht nicht, dass Enthusiasten in ihrer überheblichen Art und Weise, die Apostel und die Lehrer in Frage stellen. In dem Brief deutet sich an, wie verunsichert die Gemeinde durch solche enthusiastischen Selbstermächtigungen war und darunter leidete.
In Vers 27 bis 31, legt Paulus eine deutliche Rangfolge fest. An erster irdischer Stelle stehen die Apostel, gefolgt von den Propheten und den Lehrern, und erst zum Schluss kommen die enthusiastischen Zungenredner (siehe Kap. 14). Paulus entwirft in dem Brief, das Bild vom Leib und den Gliedern, in Bezug auf die Gaben. Das Bild erzeugt verschiedene Aussagen:

-   alle Gaben sind ein Geschenk Gottes durch seinen Geist
-   durch die Taufe sind alle Mitglieder gleich und gehören zu dem einen Leib (Gemeinde)
-   die Gemeindemitglieder haben unterschiedliche Gaben, die sich ergänzen
-   die Gemeinde braucht die Gaben, um zu leben
-   die Unterschiede bestehen in der Art und Weise, nicht aber im Wert
-   die Gaben haben zusammen ein Ziel, eine Gemeinde aufzubauen und zu festigen (Leben in der Gemeinde)

Nicht die Gemeinde schafft den Leib Christi, sondern Christus schafft ihn, indem er Menschen durch seinen Geist in der Taufe zusammenruft (Kap. 12,13).

Hohelied der Liebe  (Kapitel 13)
Im Kapitel wird die Liebe als höchste aller Geistesgaben gepriesen und ist vom Text her, eine nachträgliche Einfügung, durch Paulus oder einem späteren Redaktor. Das wird mit dem logischen Bruch deutlich ab Kap. 12, 31 zu Vers 30. Kap. 12,30 beschäftigt sich mit dem Zungenreden und wird als Thema erst im Kap. 14,2 logisch fortgesetzt. Die Frage stellt sich nach dem warum? Weshalb wurde das Hohelied der Liebe an dieser Stelle eingefügt?
Zunächst sei festgestellt, dass die griechische Philosophie und das hellenistische Judentum ähnliche (Hohe-) Lieder schon kannten. Bei dem Hohelied werden besonders die Tugenden herausgestellt. Im Zusammenhang mit Kapitel 12 gesehen, war jenes Hohelied, ein Aufruf zur Bescheidenheit und ein scharfer Angriff gegen die Enthusiasten. In Vers 4 bis 7 heißt es: „... Die Liebe prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf ...“ und in Vers 8 bis 13 steht: „ ... die Gabe prophetischer Rede wird ein Ende nehmen, die Zungenreden werden aufhören ... Als ich ein Kind war redete ich wie ein Kind ... Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe diese drei, die größte unter diesen aber ist die Liebe.“
An den Wortfetzen wird klar, wie Paulus zu den Enthusiasten steht. Gottes Gaben sind nie etwas endgültiges, sondern immer etwas vorläufiges, um Gott zu erkennen. Es ist deshalb eine Illusion der Enthusiasten, sich als etwas Vollkommenes zu sehen, sie haben die Liebe (Gottes) nicht verstanden, sie haben den Glauben nicht verstanden und sind daher auch hoffnungslos. Übrigens, das Hohelied wurde in diesem Zusammenhang eingepasst. Obwohl der Text eine spätere Einfügung war, durfte der Text nicht wieder gelöst werden. Aber genau das wurde getan und führte nun zu moralischen Missverständnissen. Doch das zielgerichtete Einfügen bewirkte seine besondere Bedeutung in Bezug der Enthusiasten und ist nun absichtlich in den Kontext des Zungenredens eingebettet.

Zungenreden (Kap. 14)

Diese heute seltene Begabung, ist eine Art ekstatische Trance, ohne bewusste Wort zu sprechen (den Mund zu bewegen), es säuseln dabei unverständliche Laute scheinbar über die Zunge. Der Ekstatiker/ Enthusiast meint, dass durch ihn, der Heilige Geist zu ihnen spricht. Die mystisch, erscheinende Art schien aber einige Gemeindeglieder zu ängstigen und sahen darin das Wirken böser Damonen. Paulus unterstrich den Wert des Zungenredens, aber nur, wenn sich ein Übersetzer der Laute findet und die Worte dem Aufbau der Gemeinde dienen. Es wird angenommen, dass Paulus selbst der Zungenrede mächtig war und aus eigener Erfahrung argumentieren konnte.
Er ermahnte die Zungenredner auf Einhalt ihrer Fähigkeit, wenn durch sie nur Zank und Streit entsteht. Paulus wusste, dass die ekstatische Zungenrede eine steuerbare Gabe ist und den Pneumatiker nicht einfach überfällt. Bis zum Vers 33, stellt Paulus die Bedeutung der Zungenrede hinter die Verkündigung, der Apostel, der Propheten und der Lehrer. Er wertete die Zungenrede mehr als eine persönliche Erbauung, die aber nicht zur Erbauung der Gemeinde dient. In einer Art Beweisaufnahme, versucht Paulus die Gefahren der Zungenrede deutlich zu machen. Ein zeitgemäßer Vergleich könnte sein: Wenn verschiedene Personen einen namenlosen Instrumentaltitel hören, so empfindet jeder etwas anderes zu dem Titel, also kann keiner von sich behaupten, dass er das wahre Empfinden dazu hat. Zungenreden ist eine ekstatische Angelegenheit, wie beim Rausch durch Alkohol, kann man bei Musik in eine Tanzekstase gelangen oder beim sexuellen Verkehr den Orgasmus steigern. In beiden Fällen dient man nur dem Geist bzw. Trieb, aber nicht der Vernunft. So ist das Zungenreden eine geistige Ekstase, die ihren wohligen Sinn hat, aber nicht in der Welt der Vernunft, sie ist somit irreal.

Synagogendienst

Überall wo Juden in geschlossenen Ortschaften (Palästina) oder in großer Anzahl (Diaspora) zusammen lebten, wurden Synagogen (jüdische Kirchen) errichtet. Auf der Grundlage, das Moses vor langer Zeit durch die Lande zog und predigte, begannen die Juden in den Schulen der Städte, an den Sabbattagen zu predigen. Die Schulen wurden nach Möglichkeit am Wasser errichtet, um die rituellen Waschungen vornehmen zu können. Aus den Schulen wurden vielfach separate Kirchen gebaut und je nach dem Wohlstand der Gemeinde, wurden später direkt bescheidene Kirchen errichtet. Der Synagogendienst fand am Sabbat (Sonntag), jeweils am Vormittag und am Nachmittag statt. Reguläre Gottesdienste gab es auch am Dienstag- und Freitagnachmittag. Der Gottesdienst umfasste Bekenntnis, Gebete, Schriftlesungen, Ansprachen und Segnungen. Das Bekenntnis, besteht aus drei Textauszügen aus den Mosesbüchern (5. Mose 6,4 - 9; 5. Mose 11, 13 - 21 und 4. Mose 15, 37 - 41), die stets innerhalb des Synagogendienstes mehrmals zitiert wurden.
Die Schriftauslegung bestand, aus der Auslegung der Thora (die 5 Bücher Mose), unter Bezugnahme eines Propheten und dessen Schrift, welche von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich gewählt wurde. Bei der Vorlesung der Bibel, lass man zunächst den Originaltext und schloss Vers für Vers die Übersetzung an (in Korinth die griech. Übersetzung). Die Predigt wurde kurz gehalten und erklärte lediglich die vorgelesenen Abschnitte und belegte sie mit Beispielen aus der Bibel. Die Bemühungen, die Bibel genauer auszulegen, scheiterte oft an geschulten Predigern oder berufsmäßigen Vorlesern, was vor allem für die Diaspora galt. Im Prinzip konnte jeder das Wort verkünden und jeder konnte auch ein Wort an die Gemeinde richten, was nicht selten zu einer Art Diskussionsrunde führte. Es lag letztendlich am Synagogenvorsteher, in wie weit er so etwas zuließ. Der Vorsteher war ein gewählter Leiter, der auch abwählbar war. Für die Schriftrollen war der Synagogendiener zuständig, deren Funktion ebenfalls abwählbar war.

Die Rolle der Frau im Synagogendienst

Ergänzend zum schon geschilderten Frauenbild, geht es hier (Versen 34 bis 36) um die Verhaltensmaßregeln von Frauen im Gottesdienst. Offensichtlich hat eine Frau im Gottesdienst das Wort ergriffen, was ihr verboten war. Von der jüdischen Tradition her, war der Frau das Reden beim Gottesdienst nicht unbedingt verboten, aber in der Praxis doch. Es galt die prinzipielle Regel, wenn der Mann redet, schweige die Frau. Es ist für die Ehre der Frau ausreichend, überhaupt am Gottesdienst teilzuhaben. Die Frauen saßen streng verhüllt, abseits im Dunkeln des Synagogendienstes. Den Altar und das Zentrum füllten die Männer und die Frauen wurden als schweigende Zuhörer geduldet. Sie sollten von Gott lediglich lernen, ihre Sündigkeit zu erkennen, um somit gerettet zu werden. Diese jüdische Sicht wurde von den Christen übernommen, begründet aus der Sicht der Gnosis heraus.
Der praktizierte christliche Glaube wurde von manchen hellenistischen Frauen als sklavisch angesehen und einige begehrten dagegen auf. Letztendlich fügten sich jedoch die Frauen, aufgrund ihrer antiken Ohnmacht. Angemerkt sei, dass Frauen als Dienerinnen Gottes ihren Status bedeutend aufwerten konnten. Obwohl ihnen die Reife abgesprochen wurde Gott zu verstehen, so waren sie ein Werkzeug Gottes. Fromme Frauen erzogen die Kinder im Geiste Gottes und wachten über die Gottesfürchtigkeit ihrer Männer. Im gottesdienstlichen Rahmen bekleideten die Frauen verschiedene Funktionen an den offiziellen Heiligtümern. Besonders bei rituellen Handlungen wurden Frauen in Szene gesetzt. Sie waren zuständig zur kultischen Reinheit der Glaubensrituale und außerhalb der heiligen Stätten geleiteten sie Sterbende und Gestorbene auf den letzten Weg. Die rituellen Kulte waren dazu genau vorgeschrieben, sodass Verstöße gegen den Kult mit strenge Strafen geahndet wurden. Frauen, die für kultische Rituale erwählt wurden, hatten einen höheren gesellschaftlichen Status. Übrigen, auch Frauen die sich der Krankenversorgung verdient machten, wurden in der Gemeinde aufgewertet.