4. D. Kapitel 7 bis 11,1

Kapitel 7 - 11,1

Kernthemen:  Ehe, Götzenfleisch und Freiheit des Apostels 

Exkurs ⇒ über Ehe und Ehestand

In der jüdischen Tradition, war der Mann verpflichtet zu heiraten, sein Heiratsalter lag zwischen 18 bis 24 Jahren. Die Mädchen wurden im Alter von 12/13 Jahren verlobt (Heiratsversprechen) und konnten mit 13/14 Jahren verheiratet werden. Der junge Mann war in der Regel wirtschaftlich noch abhängig vom Vater, deshalb wählte der Vater ihm die Braut aus, was in vielen Schriften heißt, „er nahm seinem Sohne eine Frau“.
Für das Mädchen hieß es, „sie wurde dem Mann zur Frau gegeben“. Der Vater des Bräutigams verhandelte mit dem Brautvater über die Aussteuer (Zuwendungen für die Existenzgrundlage), Mitgift  (Ausstattungszuwendung für die Hochzeit) und Hochzeitsverschreibung (finanzielle Absicherung oder Abfindung der Braut im Scheidungs-/ Todesfall des Bräutigams). Das Aushandeln entsprach einem Kaufvertrag. Mit dem Abschluss der Verhandlungen, tritt die Verlobung in Kraft und es beginnt in der Regel eine einjährige Vorbereitungszeit auf die Hochzeit. Mit der Hochzeit zieht die junge Frau zur Familie des Bräutigams. Die Frau war im Judentum vom Manne abhängig, ihr Stand war unterprivilegiert und ihr Leben bestand darin, dem Manne in jeglicher Hinsicht zu dienen und sich dadurch ein respektables Ansehen zu verschaffen. Die Frau wurde besonders dadurch gedemütigt, dass dem Manne die Polygamie (Heirat mit mehreren Frauen) erlaubt war, dass aber in der Regel für den Durchschnittsmann zu teuer war und sich lieber eine Mätresse (Geliebte) hielt.
Der Mann hatte das einseitige Recht, der Frau einen Scheidebrief zuzustellen, musste darin darlegen, was ihm an seiner Frau missfiel. Natürlich hatte sie, im
Gegensatz zum Mann, nicht dieses Recht und Unzucht (Fremdgehen) oder Untreue wurde hart bestraft. Die Frauen litten auch unter ihrer gesellschaftlichen Ausgrenzung, so durften sie nicht an Wallfahrten nach Jerusalem teilnehmen, nicht das Gesetz studieren und vor Gericht durften sie nicht als Zeuge aussagen. Ihr Leben war auf die Hausarbeit und der Kindererziehung beschränkt und juristisch hatten sie nur wenige Rechte.
Im römisch/griechischen Alltag, sah das Los der Frauen nicht viel besser aus. Der Stand einer Frau, wurde gemessen an dem Ansehen des Mannes. Nach gnostischer Vorstellung leitete der Mann mit seinen Geist und
seine Erkenntnis die Frau und bekämpfte so die Verlockung der Finsternis, da die Frau das Medium des Bösen war. So konnte nur der Mann die Frau von den starken Einflüssen der Finsternis befreien und somit ist die Frau immer das Produkt ihres Mannes. Deshalb war es nicht nötig die Frau zu bestrafen (s. Kap. 5), da sie ohnehin bestraft ist, wegen ihrer Natur und dem Versagen des Mannes, der ihr die falschen Erkenntnisse vermittelte.
Als solche Fehlgeleitete wurde sie entsprechend gesellschaftlich geächtet. Neben der Gnosis gab es in Korinth eine Vielzahl von Religionen, die den Status der Frau ähnlich sahen. Letztendlich aber waren die heidnischen Frauen ein wenig Freier und etwas beachteter, als die jüdischen Frauen, in der Gesellschaft. Die Freiheiten der Frau und ihre Anerkennung in der Gesellschaft definierten sich immer am Stande des Mannes. Man sollte sich diesbezüglich klarmachen, dass es nur wenige Frauen schafften einen hohen gesellschaftlichen Status zu erlangen. Im Hintergrund von den wenigen erfolgreichen Frauen standen immer einflussreiche Männer, die sie zielgerichtet benutzten oder unterstützten. Nicht unerheblich war die erotische Ausstrahlung, bei den heidnischen Frauen, die bei den Männern ein höheres Ansehen einbrachte. Jüdischen Frauen dagegen konnten wegen ihren Bekleidungsvorschriften kaum punkten.

Ehe und Ehelosigkeit (Kapitel 7)

Paulus fordert die Reinheit der Ehe und stellt scheinbar Frau und Mann gleichberechtigt gegenüber, schlägt aber nur eine Brücke zu den etwas freieren Heiden. Paulus ehrt damit die Frauen als Gehilfinnen seiner Missionsarbeit und als Begleiterinnen für den Mann, auf einen christlichen Weg, in ermahnende Verantwortlichkeit zur Tugend. Diese Ehre ist in Wirklichkeit eine zielgerichtete Weisung, dass die Frau den Glauben in ihrem Schicksal trägt, den Mann stets an den Glauben erinnert und somit Ehre und Anerkennung erlangt. Das gewünschte konkrete Verhalten der Frauen in der Gemeinde verlangte von Paulus viel Fingerspitzengefühl. Er muss auf das Problem eingehen, ohne die jüdische Tradition und heidnische Bräuche dabei zu vergessen bzw. ihnen gerecht zu werden.
Er versucht aber dabei die heidnischen Frauen auf die jüdische Tradition zu orientieren. Paulus wollte eine moralische Ordnung zu erzeugen, indem er den Frauen
schmeichelt, dass sie die Stützen des Glaubens sind, unter der Berücksichtigung ihrer Natur und die Ordnung befolgen, die zugleich ihre Rechte sind.
Ab Vers 10, widmet sich Paulus speziellen Anfragen. So hat ein Partner den christlichen Glauben angenommen, worauf der andere sich scheiden ließ. Prinzipiell stellt Paulus fest, dass nach einer Anordnung Jesu, die Scheidung untersagt ist. Das Verbot ist aber kein Gesetz, dennoch sollte der Christ keine Scheidung betreiben. Scheidet sich aber der Nichtchrist, so ist der Christ nicht länger an diesem Partner gebunden. Der geschiedene Christ darf wieder heiraten, da kein Nichtchrist die Freiheit des christlichen Lebens einschränken kann. Interessant ist dabei, dass Paulus hier scheinbar keine Unterschiede zwischen Mann und Frau macht, lässt aber den nötigen Freiraum für eine zielgerichtete Auslegung.
In Vers 17 mahnt Paulus zu den wahren Werten des Glaubens und erteilt den äußerlichen jüdischen Symbolen eine Abfuhr, was besonders für die Bescheidung galt, die für Juden ein Gesetz war. Ab Vers 25 philosophiert Paulus, über die Frage, des Verheiratet seins und der Ehelosigkeit. Offensichtlich gab eine asketische Bewegung, in der die Heirat abgelehnt wurde. Im Sinne der Gnosis wollten sie den Leib nicht der Verführung der Finsternis aussetzen, um nicht den Weg zur Erkenntnis, der Weisheit, zu versperren. Paulus begrüßt solche Ehelosigkeit, da sie zu Gott führen würde und argumentiert erneut vom Endgericht her. Mit seiner Darlegung, fordert er aber auch eine Überprüfung der Verantwortlichen (Väter der Töchter oder Söhne), welcher Weg der geeignete ist, für einem Mann oder einer Frau. Es klingt eindeutig an, dass die Betroffenen (Töchter und Söhne) die Frage allein entscheiden sollten. Neben dieser Darlegung hebt Paulus die Ehelosigkeit aus der Schande heraus und erlaubt zudem den Witwen sich neu zu verheiraten. Beides bezog sich auf streng jüdische Ansichten und wurde durch Paulus christlich neu ausgesagt.

Götzenopferfleisch (Kap. 8 und 10, 10 bis 11,1)

In Korinth gab es eine große Ansammlung von Göttern (Götzen), für die es zahlreiche Opferzeremonien und Feste gab. In der Regel wurde dabei das geopferte Tier gegessen und als Götzenopfermahlzeit bezeichnet. Ein einfache Segnungen reichte dabei aus, dass eine Mahlzeit zur Opfermahlzeit wurde. Juden war es eigentlich verboten an Götzen-Mahlzeiten teilzunehmen. Waren sie bei Andersgläubigen eingeladen, so sollten die Juden auf jeglichen Fleischgenuss verzichten, da es ja zuvor gesegnet sein könnte.
Selbst auf Märkten kauften viele Juden kein Fleisch, da das angebotene Fleisch Opferhandlungen unterliegen könnte.
Die meisten Andersgläubigen sahen Fleisch als ihren wertvollsten Besitz an und demzufolge wurde das Tier vor dem Schlachten (opfern) gesegnet, um ihren Gott gnädig/wohlwollend zu stimmen. Mit dem Verspeisen des gesegneten Tieres erhofften sich die Gläubigen, dass sie ein Teil von der Kraft Gottes in sich aufnahmen.
Nach dem Verständnis der Juden gibt es nur einen wahren Gott und es kann keine weiteren Götter neben ihm geben. Deshalb darf der Jude nicht vom Opferfleisch fremder Götter essen, weil er damit seinen Gott verleugnen würde, indem er dem fremden Gott damit huldigt. Die Heidenchristen hatten aber mit dem Verbot ein Problem. Bislang nahmen sie an solchen Mahlzeiten teil und mit ihrem christlichen Glauben durften sie es plötzlich nicht mehr. Paulus räumte ein, dass keiner mit gewohnten Traditionen von heute auf Morgen brechen könne. Hinzu kam ein libertinistisches Verständnis der Heidenchristen, die ganz offen an den verschiedensten Opfermahlen teilnahmen. Ihrer Meinung nach, können sie das Fleisch essen, solange sie nicht bewusst die nicht jeweiligen Götzen ehren.
Paulus musste also eine Lösung finden zwischen der strikte Ablehnung (Juden), einer Überganzzeit und den Libertinisten, die im Opferfleischessen keine Sünde sahen. Paulus führte einen Fall aus, wo ein Heide von einem Libertinisten fast gezwungen wurde Opferfleisch zu essen, worauf der Heide danach starke Gewissenbisse bekam. Paulus ermahnte daraufhin die Libertinisten, keinen schwachen Bruder zu verführen. Wenn die Libertinisten meinen, die Freiheit zu haben Opferfleisch zu essen, so haben sie aber nicht die Freiheit ihre Erkenntnis zu verallgemeinern. Vielmehr gilt es den Standpunkt des Glaubensbruders zu akzeptieren. Grundsätzlich vertritt Paulus die Überzeugung, nach dem Vorbild der Juden kein Opferfleisch zu essen. So rät er den Heidenchristen, schnellstens ihre bisherigen Gewohnheiten zu überdenken, um damit eine Schwachstelle im Glauben zu überwinden. Den Libertinisten gegenüber meinte er, dass ihr Handeln zu Missverständnissen führt. Egal wie sie es auch betrachten, essen sie das Opferfleisch, so ehren sie deren Götter und es entsteht der Verdacht, dass sie zu der Gemeinschaft der Götzen halten und sich von Gott entfernen. Zudem ist ihr Handeln eine Versuchung für jeden mit schwachem Gewissen. Paulus rät deshalb allgemein, dass die Christen an kein Opfermahl von fremden Gottheiten teilnehmen, sowie jeglichen Opferdienst für solche Götzen meiden.

Freiheit des Apostel (Kapitel 9 bis 10,9 9)

Für Einige in der Gemeinde von Korinth stand Paulus zur Disposition, da er kein regulärer Apostel war. Schon auf dem Apostelkonzil (49) entbrannte deswegen ein Streit darüber, ob die angebliche Jesusbegegnung das rechtfertigen würde, dass Paulus sich Apostel nennt. In der Gemeinde von Korinth wurde damit seine Autorität, als Verkünder der Wahrheit des Evangeliums infrage gestellt. Paulus unterstreicht in seinem Schreiben, dass ihm Jesus Christus wahrhaftig erschienen ist und von ihm die Befähigung zum Apostel erhalten habe.
Er verwies darauf, dass er die Gemeinde in Korinth aufgebaut hatte und die Gemeinde sein Evangelium angenommen habe und nach ihm lebe. Sie sollten also nicht vergessen, dass Sie letztendlich das Siegel zu seinem Apostelamt sind, leugnen sie dies, so leugnet sich die Gemeinde selbst. Im weiteren Wortlaut geht er auf Missverständnisse ein, wie die Gemeinde einen Apostel sieht. Paulus greift diese Sichtweisen auf und erklärt seine Freiheiten. Nur weil er seine Apostelrolle anders sieht, ist er dennoch der Verkünder des Geistes von Jesu. Er betont, dass er kein Priester ist und dass er keine Sonderrechte braucht, er beansprucht dieselben Freiheiten, die jeder Mensch beanspruchen kann. Trotz der Freiheiten, ist er doch immer ein Diener des Herrn Jesus Christus, dem er verpflichtet ist ein Vorbild zu sein.
Ein Apostel, der sich allerdings keine Freiheiten bewahrt, läuft Gefahr den Blick für das Reale zu verlieren. Aus der Argumentation heraus, weißt er einen Vorwurf der Inkonsequenz von sich. Warum sollte er starre Gesetze predigen, die den Menschen nicht wirklich helfen?
Mit seiner Freiheit, kann er auf Einstellungen, Überzeugungen und Verhaltensweisen der Menschen eingehen und sie für das Evangelium gewinnen. So ist seine Vorstellung vom Evangelium, keine starre Masse (Gesetze), sondern lebt durch den Menschen. In jenem freiheitlichen Geist, sind die Antworten von Paulus insgesamt zu verstehen. Er gibt letztendlich eine Richtung vor bzw. seine Meinung, vermeidet aber eine gesetzliche Sprache, die zwar jüdische Christen vermissen, aber dafür heidnische Christen anziehen. Glauben muss in der Diskussion sein und ebenso das Verkünderamt (Apostel).

Zusammenfassend spricht Paulus folgende theologische Dimensionen an.

1. Was Gott über Jesus Christus uns getan hat (der Zuspruch von Gnade und Frieden), ist für uns anzunehmen, wenn wir Gott immer neu und konkret zu uns zusprechen lassen und ihm im Glauben trauen.
2. Schon für das Leben der ersten christlichen Gemeinde ist maßgebend, dass die Christen untereinander Verbindung halten, sich grüßen, sich informieren, sich stärken, um so die Gemeinschaft in Christus zu verwirklichen.
3. Das Fundament des Glaubens verkündigt Paulus, dass Gott, auch die Korinther, durch das Kreuz Jesu Christi gerettet hat.
4. Finden sich in der Gemeinde Menschen unterschiedlicher sozialer oder religiöser Herkunft, muss die Gemeinde darauf eingehen, das heißt, die Situation berücksichtigen, wenn sie entscheiden will und nach Maßstäben sucht, wie sich Christen in einem konkreten Fall verhalten sollen.
5. Paulus sieht alle Verkündigung unter dem Gesichtspunkt des nahen Weltendes (jüngstes Gericht/Apokalypse) und mahnt zur Bewährung durch Liebe bzw. ihre Tugenden, wie Rücksicht, Toleranz und ähnlichem. Die Qualität der Liebe eröffnet und begrenzt die Freiheit der Christen, im normalen Leben.