7. G. Die Offenbarung

Die Offenbarung

Fortsetzung der Chronologie der Ereignisse nach Markus über Jesus Christus, bis zur Passion, mit den Schwerpunkten Epiphanias und der Zuspitzung in Jerusalem.

E: Epiphanias - Die Offenbarung    (8,27  -  10,52)

Nach der Blindenheilung folgt das Messiasbekenntnis von Petrus und vertieft die Frage, wer Jesus ist. Mit der Thematisierung des Messias-Geheimnis erfolgt zugleich im Ablauf des Evangeliums ein Einschnitt. Der Text fordert nun eine Gewisse Blindheit, denn seine Jünger sollen ihn zwar Erkennen, aber sie sollen es niemanden sagen. Erneut wird die gnostische Vorstellung verarbeitet, dass das Böse den Sohn Gottes vernichten wird, sofern diese von ihm erfahren. „Der Sohn Gottes wird in die Welt der Finsternis kommen und Auserwählte, zur Erkenntnis verhelfen, die dann andere Menschen zur Erkenntnis führen. Der Gottes Sohn muss unerkannt bleiben, denn sobald ihn das Böse (die Finsternis) erkennt, wird er getötet werden. Gottes Sohn braucht keine Angst vor dem Tod zu haben, da nur sein Scheinleib stirbt, aber er benötigt genügend Zeit, damit die Auserwählten ihn erkennen.“

Bisher stand im Evangelium der lebendige Jesus mit seinen Worten und Taten im Mittelpunkt. Allein schon deswegen hätte in Palästina eine größere Würdigung von Jesus stattfinden müssen. Die Realität sah jedoch anders aus, denn Jesus blieb zu Lebzeiten relativ unbekannt. Sicherlich bewirkten Missverständnisse und Feindseligkeiten, dass die Würdigung von Jesus verhalten ausfiel und Flucht und Verrat zum Kreuzestod führten. Das aber allein konnte kein befriedigende Antwort sein. Markus bediente sich einem antiken Stilmittel, bei dem sich das Gute tarnt, um vom Bösen nicht erkannt zu werden. Hierzu entwickelte der Autor das Messiasgeheimnis, das sich in vier Aspekte gliedert.

1. Schweigegebot: Jesus verbietet den Geheilten, Anderen von seiner Heilung zu erzählen. Der Geheilte hält sich aber nicht daran, wodurch andere von dem Wunder erfahren. Trotzdem beschränkt sich der Kreis der Wissenden durch das Schweigegebot.
2. Christusgeheimnis: Bei der Dämonenaustreibung erkennt das Böse im Besessenen sofort Jesus als Gottes Sohn. Jesus bringt jedoch den Dämon zum verstummen. Bevor der böse Geist ihn verraten kann, verwirrt Jesus ihn, sodass lediglich Vorwürfe der Gotteslästerung über den Mund des Besessenen kommen. Die Anwesenden erfahren also nicht, was der Geist erkannte.
3. Unverständnis der Jünger:  Die Jünger erkannten Jesus als Gottes Sohn, waren aber irritiert vom drohenden Gebot, „Es niemanden zu sagen!“ Auch die Epiphaniengeschichten vom Seewandeln (6,49 - 52), der Frage der Nachfolge (10,28 – 31) und der Leidensweggeschichte (8,31 – 33), verwirten die Jünger eher. Letztendlich waren sie an Jesus Wort gebunden, im Sinne von, „Die Zeit ist noch nicht Reif für die Erkenntnis.“ Das heißt, dass die Jünger Jesus das Messiasgeheimnis bewahrten. Das bedeutet aber auch, dass sie die Passion von Jesus nicht verstanden. Mit seiner göttlichen Kraft hätte er ein großes Wunder bewirken können. Mit der Auferstehung wurde schließlich deutlich, dass die Kreuzigung das große unerwartete Wunder war, zumal Jesus an sich selbst keine Wunder vollbringen konnte.
4. Gleichnistheorie:  In Form einer Vermutung stellt Markus in Vers 4,1- 34, in einem Gleichnis dar, wie das kommende Gottesreich entstehen wird und das Jemand die Saat setzen wird, die unterschiedlich gedeihen wird (Jemand = Jesus). Dazwischen in Vers 10 - 12 nährt er die Vermutung zur Gewissheit, dass ihn seine Jünger erkennen und erneut wird betont, dass ihn die anderen Menschen nicht erkennen sollen. In Form von Gleichnissen sollen die Menschen hören und sehen (siehe Seepredigt - S. 348).
Im Gegensatz zur Seepredigt sollen die Menschen, über die Apostel, Jesus als Sohn Gottes sehen und erkennen. Doch noch ist die Zeit nicht reif und selbst die Apostel werden Jesus erst nach seinem Tode umfassend erkennen. In Gleichnissen wird Jesus, als Gottes Sohn, angedeutet, aber nicht konkret benannt. Die Gleichnisse sind auch entsprechend so formuliert, dass ein Über-Setzer benötigt wird und das kann nur ein Apostel sein, der Jesus erkannt hat und weiß, wie seine Worte zu verstehen sind. Dem Autor Markus gelingt es dadurch, dass Geheimnis von Jesus zu bekräftigen und schafft zeitlose Gleichnisse für die Auslegung in der Gegenwart und für die Zukunft, aus der Vergangenheit. Ein zu früher Tod von Gottes Sohn würde ihn scheitern lassen und keine Berufenen könnten die Menschen in die Welt des Lichts führen. Daher ist das Messiasgeheimnis so wichtig und deshalb bleibt Jesus zu Lebzeiten relativ unbekannt.

Inhaltsübersicht der Offenbarung

8,27 -  30:  Messiasbekenntnis des Petrus  
8,30 -  33:  Erste Leidensankündigung Jesu
8,34 - 9,1:  Über die Leidensnachfolge der Jünger 
9,2   -  13:  Verklärung der Jünger
9,14 -  29:  Heilung des fallsüchtigen Knaben    
9,30  - 32:  Zweite Leidensankündigung Jesu
9,33  - 50:  Wider Ergeiz und Unduldsamkeit  
10,1  - 12:  Über Ehe und Ehescheidungen
10,13 -16:  Jesus segnet die Kinder  
10,17 -27:  Der reiche Jüngling
10,28 -31:  Vom Lohn der Nachfolge 
10,32 -34:  Dritte Leidensankündigung Jesu
10,35 -45:  Bitte der Zebedäussöhne   
10,46 -52:  Heilung des blinden Bartimäus

Nach dem Petrusbekenntnis, werden von zentraler Bedeutung, jene Überlieferungen die Jesus in seinen Lehren klar stellt, was er von seiner Gemeinde in Zukunft erwartet. Zwischendurch sind die Leidensankündigungen von Jesus gestreut und verfestigen die Aussage, dass Jesus sein Ende kannte und bewusst den Weg weiterging. Zugleich macht er seinen Jüngern klar, welcher Weg auch sie erwartet und das der Glaube kein leichter Weg sein wird.
Den Schlusspunkt des Komplexes setzt wieder eine Blinden-Heilungsgeschichte. Noch einmal wird eine übertragende Aussage in die Heilung integriert. „Um die Botschaft Jesus zu hören, müssen zuvor den Nichtsehenden die Augen geöffnet werden!“  Wer sich zum Messias bekennen will, kann dies allerdings nicht aus sich selbst tun (bleibt blind). Der Glaube (Augen öffnen) kann nur über Jesu geschehen, wenn man sich auf ihn einlässt, sein Leben erkennt und ihn begreift.
Hierzu spielt das Petrusbekenntnis eine wichtige Rolle.
Petrusbekenntnis (8,27 - 33):  Mit dem Vers 27 leitet Markus zur Offenbarung ein, gegenüber seinen Jüngern („es kam Jesu und seine Jünger nach“). Die Jünger Jesu symbolisieren aber zugleich die Gemeinde der Markus Adressaten. Die Ortsangabe bekräftigt Jesus Weg nach Jerusalem. Die Passion steht bevor und zugleich ahnt der Leser, dass Jesus kurz vor seinem Ziel steht. Die Zeit ist reif, um die Jünger zu Apostel zu machen. Bisher stand im Fokus, die Jünger vom Glauben zu überzeugen, nun aber müssen sie belehrt werden, damit sie ihre Erkenntnis weitergeben und dennoch das Messiasgeheimnis bewahren.
Zunächst lässt sich Jesus berichten, was die Menschen von ihm halten und es wird ihm gewiss, dass ihn die Menschen noch nicht erkannt haben. Als er aber die Jünger fragt, bekennt Petrus ihn als Christus und Jesu erkannte seine Reife. Da ihn nun alle bezeugten gebot Jesus ihnen darüber vor anderen zu schweigen.
In diesem Zusammenhang folgt die erste Leidensankündigung von Jesu (8,30 – 33). Die Worte von Petrus darauf, zeigten Jesus, dass sie ihn noch nicht verstanden haben und Jesus rügt Petrus mit scharfem Ton. Die Leidenankündigung, wirkt wie eine Testfrage, an dessen Verhalten Jesu erforscht, ob die Jünger ihn begriffen haben. Es reicht nicht aus Christus zu bekennen, wenn man nicht weiß was Christus heißt. Wenn Petrus sogar sagt, du bist der Christus, so heißt das, Der Eine ist gekommen, in dem sich die Erwartungen Israels erfüllen. Das Wort Christus ist dem Wort Messias gleichzusetzen, wobei die christliche Vorstellung vom Erlöser, nicht identisch mit der jüdischen Vorstellung ist (ein mächtiger Führer). Das griechische Wort Christus, entwickelte sich deshalb zum Eigenname gegenüber dem jüdischen Messias Begriff. Mit dem Bekenntnis Jesu ist der Christus, fließt aber zunächst jüdisches Gedankengut ein, das durch Petrus Worte verdeutlicht wird.
Jesus erkennt das und lehrt seinen Jünger die neue Bedeutung und fokussiert dabei den Begriff Christus. In der Leidensankündigung sagt Jesus: „Des Menschensohn muss viel Leiden ...!“ Dreimal kündigt er sein Leiden an und jeweils benutzt er das Wort Menschensohn.

Exkurs: Der Menschensohn:

1. Der kommende Menschensohn:       Mk 8,38      Mk 13,24 - 27      Matth. 25,31  
2. Der gegenwärtig wirkende MS:        Mk 2,10     Mk 10,45
3. Der leidende und sterbende MS:       Mk 8,31     Mk 9,31                Mk  10,33

1. Der kommende Menschensohn:  Mit den Worten klingt an, wie man den Sohn Gottes erwartete, als einen Menschensohn. Die Erwartung des jüngsten Gerichtes steht dabei im Vordergrund. Die Worte vom kommenden Menschensohn haben somit etwas drohendes, werden aber zugleich von Christen freundlich empfunden. Sie sind Zukunftsworte und setzen die Christen auf die Richterseite beim Endgericht, da sie den Christus in ihremLeben erkannt und bekannt haben. Den kommenden Menschensohn zu bekennen, heißt im Leben den Christus zu erkennen, der gekommen ist um in seiner Niedrigkeit zu dienen. Die Mehrheit des ehemaligen Volkes Israel lehnte ihn ab, akzeptierten ihn nicht als Gottes Sohn. Er war für sie nicht der erwartete Messias und somit wird Christus zu einem eigenständigen Titel.

2. Der gegenwärtig wirkende Menschensohn: Mit dem irdischen Wirken in der Vollmacht Gottes, zeigt Der gegenwärtig Wirkende, dass der Prophezeite schon da gewesen ist. An ihm wird die Entscheidung im jüngsten Gericht gemessen, daran wie man sich im Leben zu Jesus verhalten hat. Deshalb ist der kommende Menschensohn derjenige, an dem zu Lebzeiten sich Glaube und Unglaube entschieden haben. Das Betrachtungsverhältnis vom wirkenden und kommenden Menschensohn, war für die Gemeinden wichtig, da das wie mit dem wann erweitert wurde.

3. Der leidende und sterbende Menschensohn: In der Erfahrung zu Jesu, folgt das wodurch. Mit dem Wort wird daraufhin verwiesen, dass der Menschensohn von Menschen angeklagt wurde. Mit dem leidenden und sterbenden Menschensohn wird verdeutlicht, dass Jesus zwar der Richter des Endgerichtes ist, aber im irdischen Dasein von einem Menschengericht gerichtet wurde. Somit ist der Kommende gekommen (Leben Jesu), den Menschen in seinem Leiden und Sterben das kommende Gottesreich zu verkünden. Jesus werden jene Worte in den Mund gelegt, um die Zeichen seines Hierseins zu verdeutlichen. Der Menschensohn = der Mensch gewordene Sohn Gottes, der da war und das kommende Gottesreich einleitete.

Die Bezeichnung Menschensohn, geht auf Überlieferungen in Palästina zurück, der sich aber nicht durchgesetzt hatte. So taucht der Begriff eigentlich nur im Markusevangelium auf. Für die Adressaten des Evangeliums war die Bezeichnung Menschensohn im Sprachgebrauch gegenwärtig und machte das Sein von Jesus plastischer (erklärbarer). Später und an anderen Orten sorgte der Begriff Menschsohn eher für Missverständnisse.

In den weiteren Leidensankündigungen im Offenbarungs-Abschnitt, findet jeweils eine Steigerung statt. Inhaltlich sind die Texte ähnlich und jeweils wird an den Jüngern und damit auch den Lesern, eine zentrale Botschaft gesandt. Tod und Auferstehung werden zum Dreh und Angelpunkt des Glaubens, das göttliche Muss wird erkennbar in Jesus Voraussage. Jesus kannte seinen Weg, dem sein Vater (Gott) für ihn vorbestimmt hatte. Mit den Leidensankündigungen verfolgt der Autor einen schleichenden Hintergedanken. Weil Jesus sein Schicksal annimmt, kann er nur der Sohn Gottes sein.
Jesus musste damit rechnen, dass er einen grausamen Tod findet, schließlich waren seine Gegner hasserfüllte Pharisäer, Schriftgelehrte und Mitglieder des Hohen Rates. Dementsprechend wird auch klarer, warum Jesus den Jünger Petrus so scharf anredete. Petrus deutete mit seiner Rede sein jüdisches Messias-Verständnis an, der Rettungspläne schmieden wollte. Doch Jesus will nicht gerettet werden, denn er will ein neues Zeichen setzen und ist deshalb enttäuscht, dass die Jünger ihn noch nicht begriffen haben.
Stilistisch gesehen erklärt das auch, warum die Jünger Jesus im größten Leiden allein ließen. Sie waren noch nicht soweit, sie haben den Christus noch nicht umfassend erkannt.

Kennzeichen der Gemeinde des Christus

In den weiteren Texten der Offenbarung werden die Lehre von Jesus formuliert, die im Sinne Gottes sind. Dabei wird der Nachfolgegedanke hervorgehoben und wesentliche Kennzeichen für eine Gemeinde Christi herausgestellt. In dem Mix aus verschiedenen Überlieferungen, finden sich (unter anderem) die Gemeinderegeln (8,34 + 35 + 38) oder Sprichworte (8, 36 & 37).
Die gesamten Geschichten werden in Form einer Jüngerbelehrung umrahmt und wenden sich dabei konkret an Probleme der nachösterliche Gemeinde (Adressaten). Im Mittelpunkt der Auslegung stehen dabei zwei Denkrichtungen: die Selbstverleugnung und Sein Kreuz auf sich nehmen.
„Ich kenne den Menschen nicht“, ist so eine Selbstverleugnung, bei der Petrus bestreitet Jesus zu kennen. Indem Petrus das sagt, wird ersichtlich, dass er sich selbst nicht kennt und nicht von sich selbst frei ist, da er zu sehr bedacht darauf ist sein eigenes Leben zu sichern. Somit heißt Nachfolge, dass man keinen Anspruch auf das Reich Gottes einklagen kann, keinen Lohn für die Nachfolge erwarten kann, somit keine irdische Garantie bekommt. Ein Jünger Jesus zu sein, heißt, die Nachfolge anzutreten und seine eigenen Wünsche und Pläne zurück zu stellen. Als Nachfolgende sollen die Gläubigen ihr Leben bis in die physische Existenz Gott überlassen.
Die Petrusverleugnung ist deshalb kein profaner Verrat an Jesus. Petrus verleugnet nicht Jesu sondern sich selbst, weil er innerlich nicht bereit ist Jesus zu folgen, weil existenziell sein Leben gefährdet ist. Innere Widerstände lassen ihn daran Zweifel, ob er Jesu erkannt hat, ob er den Menschen Jesus kannte. Die Petrusworte sind daher eine Wahrheit, die jeden Christen betreffen und anfragen, wie bereit man ist die Nachfolge anzutreten. Es ist deshalb nicht korrekt, wenn man behauptet ein Christ zu sein, richtiger ist es, das man versucht ein Christ zu sein.
Sein Kreuz (auf) sich nehmen, ist im Zusammenhang mit der Passion zu sehen, aber die Jünger werden schon zuvor auf einen schweren Weg hingewiesen. Der Weg steht dabei auch symbolisch für die Gemeinde. Neben den inneren Kämpfen (Selbstverleugnung), werden auch die äußeren Kämpfe sichtbar. Nachfolge meint die Bereitschaft Jesus bis in den Tod zu folgen. Ein Leben mit Anfechtungen, Anfeindungen und Verfolgungen zu ertragen und bedeutet der Letzte aller Diener zu sein. Nur über jene Bürden des Lebens, kann man das Heil Gottes erfahren.
In der Realität neigen Christen deshalb dazu alle Schicksalsschläge, als Bürde Gottes zu sehen, aber nicht alles ist eine Nachfolgeprüfung. Für diverse Schicksalsschläge ist der Mensch selbst verantwortlich. Durch sein Tun, aber auch durch sein Nicht –Tun zieht der Mensch eine logische Folge nach sich. Wenn jemand fahrlässig ein Feuer entfacht und glaubt ein Gebet könnte das Feuer löschen, der darf sich nicht wundern, wenn sein Besitz verbrennt.  
Den Versen über die Nachfolge schließt sich der Vers an, „wer sein Leben retten will ...“  Als Resümee wird unterstrichen, dass die Christen nur gewinnen, wenn sie bereit sind sich für den Glauben aufzugeben. „Leben retten“, heißt allen ein selbstloser Diener zu sein, so wie es Jesus vorlebte. Hier werden die bestehenden Werte umgekehrt und das menschliche Miteinander hervorgehoben, dass ohne Besitz auskommt, da einer für den anderen lebt. Der Tod wird bedeutungslos in der Gewissheit des jüngsten Gerichtes (Endgericht) und somit auch die Angst. Wer Jesus nachfolgt, der ist gerettet.
Eine solche Sichtweise ist nur zu verstehen, wenn man sich dazu die historische Situation der Adressaten klar macht. Die Römer haben den jüdischen Aufstand niedergeschlagen und die Christenverfolgung verschärfte sich. Wer sich zum Christentum bekannte lebte zu jener Zeit gefährlich. Die christliche Theorie baute darauf, mit gewaltlosen Widerstand und dem aufopferungsvollem Dienen die Gegner zu beschämen und ein Umdenken zu bewirken. In der Tat bewirkte christliches Handeln ein Umdenken. Die Zahl der Christen und seiner Sympathisanten stieg an und die Toleranz wuchs. Doch je stärker die Christenheit wurde, desto grausamer wurden ihre Gegner. Bis zum verbindlichen Toleranzedikt, durch Licinius (311) wurden vermutlich Millionen von Christen im Römischen Reich ermordet.
Insofern fällt es schwer, einen solchen Nachfolgeweg Gut zu heißen und man fragt sich, ob er wirklich Gott gewollt ist? Wenn man in die weitere Geschichte blickt, könnte man sagen Ja, das Christentum etablierte sich. Doch wie interpretierten die Kirchenfürsten den Glauben, indem sie den selbstzerstörerischen Akzent betonten?
Christen zogen nun in heilige Kriege (Kreuzzüge) für Gottes Herrlichkeit, Sklaven- und Fronarbeit wurden christlich legitimiert und stützten den Status von Herrschern und Beherrschten. Der Gedanke der Nachfolge wurde von den Mächtigen Kirchenvertretern schändlich missbraucht, um das Volk gefügig zu halten. Die selbstherrlichen Gottesvertreter ließen sich machtbesessen verführen und interpretierten das Wort Gottes in ihrem Sinne, statt die Worte so zu Über-Setzten, wie sie Jesus vorlebte.
Zur Zeit des Markusevangeliums war das Christentum noch weit entfernt sich durchzusetzen und man kann nur darüber philosophieren, ob der selbstzerrstörerische Weg der richtige war. Zumindest ist die Botschaft vom Markusevangelium auch ein Stück zeitbezogen und muss für die heutige Zeit entsprechend Über-Setzt werden. Im Zeichen der Nachfolge und auf der Basis einer christlichen Gesellschaft, sollten mit den entsprechenden christlichen Tugenden die gegenwärtigen Probleme gelöst werden, für eine gerechte christliche Welt. Leider sind wir davon weit entfernt, da auch heute Glaube in vielfacher Hinsicht interpretiert wird und nicht immer als Irrglaube entlarvt werden kann.
Im Markusevangelium werden in den Kapiteln 9 und 10 weitere Geschichten erzählt, die Fragen und Probleme der Jünger aufzeigen und damit belegen, welche Schwierigkeiten die Jünger mit der Nachfolge Jesu hatten. Methodisch wurden aktuelle Unsicherheiten und Schwierigkeiten der jungen Christen in jene Geschichten verarbeitet. Zur Bestärkung im Glauben lässt Markus die Jünger diese Probleme durchleben und schafft damit den AHA-Effekt („schaut mal die Jünger hatten damals dieselben Probleme“). Durch die Autorität der Jünger wird somit eine erhöhte Glaubensmotivation erreicht.

Tenor (Resümee) der Offenbarung

Mit der abschließenden Blindenheilung soll klar werden, dass die Nachfolge Jesu kein Programm, sondern ein Weg zu Gott ist. Es gilt Tag für Tag seinen Glauben zu füllen (zu sehen) und den Herrn beharrlich dafür anzubeten, um seinen Weg sehen zu können. Es bleibt aber ein Versuch der Nachfolge, denn im gefahrenvollen Alltag lauern zahlreiche abtrünnige Wege und heißt, durch das Erkennen wieder zu Gott zu finden, und heißt der Menschheit ein Diener zu sein, aber nicht ein Sklave.
Gerade im letzten Teil der Aussage, liegt der Sinn für den Glaubenden. Christen sind längst nicht mehr der Verfolgung ausgesetzt, sondern werden eher verspottet und für hinterweltlerisch gehalten. Dazu kommen die zahlreichen Scheinchristen und die vielen christlichen Glaubensgemeinschaften, die den Gläubigen verwirren, da sie meinen den wahren Glauben zu besitzen. Wenn sich aber Glaubensgemeinschaften von anderen Abschotten, so muss in der Verkündigung heute etwas gewaltig schief laufen. Das Recht auf eine subjektive Sicht ist vom Glauben her gegeben und es sollte deshalb Toleranz gegenüber anderen Sichtweisen geübt werden. Es erhebt sich lediglich die Frage, welche Glaubensansicht zur Irrlehre wird oder zu einer Gefahr für den Menschen.
Glaube ist eigentlich eine einfache Sache, aber gerade mit einfachen Sachen tut sich der Mensch sehr schwer. Es genügt seinem Herzen zu folgen und Gefühle wie Liebe, Mitleid, Verständnis und Toleranz auszuleben, dass Leben anderer (Menschenwürde) zu respektieren und allgemein die Schöpfung Gottes zu bewahren (auch die Natur, Tiere, Umwelt). Der eigene Egoismus sollte mit Bescheidenheit ausgebremst werden und man sollte dafür Möglichkeiten finden sich selbst zu belohnen, ohne jemanden zu schaden, denn Egoismus ist Teil des natürlichen Triebes, der sich nicht dauerhaft unterdrücken lässt.
Somit stellt sich beispielweise die Frage, wieviel Luxus brauche ich, um glücklich zu sein, statt im Luxusstreben meine Seele zu verlieren? Solche und ähnliche Fragen sollten die Menschen wieder zu Gott führen, denn viele, die sich Christen nennen haben sich vom Weg entfernt und müssen den richtigen Weg erst wieder neu erkennen. Der Menschheit ein uneigennütziger Diener zu sein und Nichtglaubende vom Glauben zu erzählen oder ihnen einfach nur Glaube vorleben bedeutet heute Jesus nachzufolgen.

Die Zuspitzung, Jesus in Jerusalem  (11,1 – 13,37)

Im dritten Hauptabschnitt ist Jesus in Jerusalem und es verschärfen sich die Auseinandersetzungen mit den Vertretern einflussreicher jüdischer Gruppen. Bereits in Kapitel 11 wird deutlich, wie alles unaufhaltsam auf das Leiden und Sterben von Jesus zuläuft. Mit Jesus Einzug in den Tempelbezirk von Jerusalem, unterstreicht der Autor, dass sich die Tempelgemeinde (Juden) von ihrer Erwartung des Messias trennen muss.
Es wird kein messianisch, mächtiger, politischer Gotteskönig (Sohn) kommen, denn mit Jesus ist jener König gekommen. Er ist Gottes Sohn, der König der Armen und der Anwalt für den Frieden der Völker. Um die Völker geht es auch (Mk. 11,15 - 17), bei der Geschichte von der Austreibung der Verkäufer und Wechsler aus dem Tempel. Jesus sorgt dafür, dass im Vorhof der Heiden nicht länger Opfertiere verkauft werden und keine Gelder für die Tempelsteuer gewechselt werden. Solche Art von Geschäften, vor einem Gotteshaus, sollte zukünftig unterbleiben. Zugleich fordert er, dass auch die Heiden Gott anbeten können. Fortan soll allen Menschen das Heil Gottes zugutekommen. Damit brach Jesu ein jüdisches Tabu, wonach nur jüdische Gläubige den Tempel betreten durften.
Darüber hinaus würde es den jüdischen Glaubensvorstellungen widersprechen, wonach Gott nur seinem auserwählten Volk (Israel = Juden) das Heil bringen würde. Für die Juden sind Jesus Ansichten ketzerisch.
In Kapitel 12 verschärft sich die Situation weiter. Im Gleichnis „Von den treulosen Weingärtnern (12,1 - 12), führt Jesus eine scharfe Auseinandersetzung mit der jüdischen Priesterschaft, die nicht bereit sind, Gottes neue Botschaft zu empfangen. Die Priester empfinden Jesus Worte als Angriff auf den jüdischen Glauben und fällen ihr Urteil über Jesus. Ihre Absicht Jesus zu töten, verschieben sie jedoch aufgrund der zahlreichen Gefolgschaft von Jesu. Der jüdische Rat wartet daher auf einen geeigneten Moment.
Pharisäer suchen heuchlerisch das Gespräch mit Jesus, um seine Worte zu widerlegen bzw. ihn aus der Reserve zu locken, um genügend Beweise für sein ketzerisches Tun zu sammeln. Der Autor lässt aber Jesus das Heucheln erkennen (z. B: 12,15) und warnt die wahren Gläubigen vor jenen Schriftgelehrten, wegen ihrer Gier, ihrem Ehrgeiz und ihrer List (12,38 – 40). Jesus wirft ihnen vor, den Glauben zerstören zu wollen und ruft daher zum Vertrauen in die Zukunft auf (12,27) und zur Hingabe (12,28 - 34).
Die Auseinandersetzungen der Pharisäer mit Jesus finden in Gleichnissen statt und beinhalten zugleich eine Lehre. Zwischen der Zuspitzung und der Passion, fügt der Autor des Markus-Evangeliums eine Endzeitrede ein (Kapitel 13). Vermutlich hat dem Autor diese kleine Apokalypse vorgelegen und fand sie an dieser Stelle passend, wobei ihm unterstellt werden kann, dass er den Text an einigen Stellen verändert, interpretiert und ergänzt hat. Mit der Endzeitrede schließt sich der Rahmen. Mit Jesus hat Gottes Endzeit begonnen und schließt somit an die Botschaft von Johannes, dem Täufer, vom Anfang des Evangeliums an. Die Form der apokalyptischen Rede bezeugt, dass der eine Gerechte (Jesus) leiden muss, der sich als Gottes Sohn erweisen wird, der als der Sohn der Menschen kommen wird und endgültig zum Heil für die Seinen (Gläubigen, Christen) handeln wird.

Zusammenfassung

Der Autor will seine frohe Botschaft verkünden, dass Jesus sich als Sohn Gottes und Christus erwiesen hat. Gleich am Anfang macht er das klar, indem er vom „Evangelium“ spricht. Typisch für die Schrift, sind ein handelnder Jesu und sein Dasein als Mensch. Der Autor verkündet den Christus, den von Gott auferweckten, gekreuzigten Jesus, der nach den Überlieferungen als der irdische Jesus bekannt wird.
Der Autor will den damaligen Glaubenden (um das Jahr 70) also sagen:

1. Jesus war nicht einfach ein Wundertäter und göttlicher Mensch, sondern seine Wunder sind als Zeichen zu verstehen, dass er in der Vollmacht Gottes, das Heil Gottes allen Menschen bringt bis in die physische Existenz des Daseins (also nicht nur geistig). Es ist dabei egal, ob Jesus wahrhaftig Wunder vollbrachte. Wichtig ist der Glaube, dass jene Wunder dazu verhelfen um Sehen zu können.

2. Nachdem die Botschaft von der Auferweckung Jesus verkündigt worden ist, kann man sich nicht einfach auf den himmlischen Christus berufen, denn der Auferweckte ist der Leidende und Gekreuzigte. Der eigentlich handelnde ist Gott. In seinem Gehorsam im Leiden und Sterben, hat sich Jesus als der Sohn Gottes erwiesen. Jesus ist der Botschafter Gottes und er zeigt den Menschen Gottes Weg.

3. Jesus war kein göttlicher Lehrer oder Idol, sondern seine Lehre wurden durch sein Handeln gedeckt und hat das ausgelegt. Er hat den neuen Weg zu Gott vorgelebt und bietet nun den Menschen an ihm zu folgen. Seine Art, wie er Menschen begegnete, haben seine Worte und seinen Anspruch als wahr erwiesen. Seine Lehren fordern somit zur Nachfolge auf, um gerettet zu werden, dahingehend ist der Geist seines Tun’s, doch Lehrer und Vorbild.

4. Jesus als den Sohn Gottes wirklich zu verstehen und an ihn glauben lernen, kann nur der, wer ihm wirklich nachfolgt und bereit ist sein Leben Tag für Tag dranzugeben, im Leiden und Dienen. Heißt, trotz vieler Anfechtungen und Anfeindungen zum Glauben zu stehen, selbst dafür zu sterben. Auf diesem Wege öffnet Gott die Augen und schenkt Glauben.

Anmerkung: Diese Punkte sind auf die historische Situation der Adressaten gemünzt, insofern muss das Anliegen des Markusevangeliums in unserer Gegenwart neu Über-Setzt werden. Da Gott grundsätzlich Leben will, muss die Opferbereitschaft heute anders definiert werden. Das Christentum hat sich als Weltreligion durchgesetzt, daher heißt Opferbereitschaft heute mehr den weltlichen Verführungen zu widerstehen und fatale Irrlehren im Glauben zu erkennen. Glauben in der Nachfolge Jesus heißt daher, ein verantwortungsbewusstes Leben zu führen und sich auf das Wesentliche zu besinnen.  
Die Botschaft von der Auferweckung Jesu bedeutet, im realen Leben davon ausgehen, dass Gott das Wirken von Jesus (heiliger Geist) in Kraft gesetzt hat und durch den Glauben weiter  Kraft haben wird. Um reale Wunder durch Glauben zu wecken und zu (er)leben, hat Markus die gute Nachricht (Evangelium) von Jesus verkündigt.
Zu einem Inhaltlichen Schwerpunkt wird im gesamten NT immer wieder die Apokalypse, indem man vom kommenden Gottesreich und der angebrochenen Gottesherrschaft spricht. Jesus ist somit der Initiator einer neuen Idee (= angebrochene Herrschaft) und die Vision davon, dass sich die Idee durchsetzt ist das kommende Gottesreich. Die Apokalypse spricht von einem radikalen Umbruch und im Hinblick zu der Johannes Offenbarung und es wurden im Glauben düstere Bilder davon gemalt.
Für die damaligen Autoren der Evangelien deutete sich an, dass trotz erheblicher Widerstände sich der Christliche Glaube durchsetzen wird. Eigentlich erfüllte sich die Apokalypse, als sich das Christentum durchsetzte. Mit der Macht der Kirche entstanden aber neue Probleme und die Apokalypse musste neu definiert werden. Somit haben wir das Dilemma, dass nicht absehbar ist, wann sich die Apokalypse erfüllen wird. Da nun Tausende Jahre vergangen sind und die Menschheit unbelehrbar blieb, läuft alles auf die Vernichtung des Menschen durch den Menschen hin. Da Gottes Reich in ferner Zukunft liegt, macht es keinen Sinn, im hier und heute, gegen Mauern zu rennen und es ist besser in der Realität notwendige Kompromisse einzugehen. Da der Mensch sowieso zur Sünde neigt und Jesus am Kreuz den Menschen davon freigesprochen hat, sollte der Mensch nicht auf das Endgericht warten.
Wichtig ist in der Gegenwart möglichst christlich zu leben, sodass der Heilige Geist wirken kann und im Alltag kleinere Wunder bewirken kann. In diesem Sinne sollte die Prediger von heute, weniger vom utopischen Endgericht reden, sondern Christen in der aktuellen Situation einen geeigneten Weg im Glauben aufzeigen.