6. B. Beispiel - Markus 10

Exegese zu Markus  10, 46 – 52                            

(Beispielexegese auf der Basis der Ausarbeitung von Mechthild Holtermann, Dozentin für das NT)

1. Erstbegegnung mit dem Text

Mir gefällt: wie beharrlich der Blinde sein Vorhaben gegen den Einspruch der Menge durchsetzt. Dass Jesus trotz all der vielen Menschen stehen blieb, weil Einer schreit.
Mich ärgert: unter all den Leuten kommt keiner auf die Idee, den Blinden gleich zu Jesus zu bringen, auch die Jünger widersprechen nicht, als der Blinde bedroht wird.
Sie müssten es eigentlich besser wissen (Unverständnis dafür oder alles vielleicht eine Absicht des Autors ?)
Mir fällt auf: es dauert sehr lange, bis der Blinde sein Ziel erreicht hat und der Glaube wird nicht definiert, sondern das gesamte Verhalten des Blinden wird so bezeichnet.

2. Textvergleich:

2.1. Übersetzungen (L= revidierter Luthertext; W= Wilckensbibel; GN= Gute Nachricht)

V.47: GN setzt für den Ruf „erbarme dich“ das Wort „hab Mitleid“ ein. Der Ausdruck „erbarmen“ signalisiert aber in der Verkündigung mehr als unser, zwar modernes, aber sehr abgegriffenes Wort „Mitleid“. L und W, benutzen beide das Wort „erbarmen“, scheint mir somit sinnkonformer zu sein.

V.49: Der Zuspruch Jesu heißt bei L „seid getrost!“; bei W „hab guten Mut“; bei GN „freu dich“. W hat meiner Ansicht das Gemeinte am verständlichsten ausgedrückt. Denn Mut und Beharrlichkeit sind es, was der Heilungssuchende hier nötig hat. Darin liegt der Trost für ihn. Ich entscheide mich für W.

V.51: Die Frage von Jesu ist sehr umständlich für unsere Ohren formuliert. Sie enthält aber bei L und W den wichtigen (Gewichtig) Moment „was willst du ...?“ Das geht in der GN völlig verloren. W glättet leicht die umständliche Ausdrucksweise gegenüber L und ziehe  darum diese Fassung vor. Ob die Anrede „Rabbuni“ in L und W sachgemäß mit „Herr“ wiedergegeben ist, muss die Sachklärung zeigen. Ebenso ist die Frage, ob mit „sehen“ ein „wieder sehen“ oder ein „aufsehen“ gemeint ist.

V.52: Hier fällt auf, dass jede Übersetzung, das, was durch den Glauben geschehen konnte, anders ausdrückt: L = „dein Glaube hat dir geholfen“; W= „dein Glaube hat dich geheilt“; GN= „dein Glaube hat dich gerettet“. Hier scheint mir die, GN die umfassendste und tiefgreifenste Übersetzung zu sein. Aber auch das muss in der Sach- und Worterklärung noch festgestellt werden.

2.2. Paralleltexte – Synopse (L= Lukas 18, 35 - 43; M= Matthäus 20, 29 - 34; und einem Bericht einer Blindenheilung durch Kaiser Vespasian, in den Kaiserbiographien des Sueton, einer außerbiblische Wundergeschichte; der synoptische Vergleich steht aber im Mittelpunkt)

V. 46: In allen 3 Berichten ist die Erzählung mit Jericho verbunden. Das unterstreicht jene Notiz bei Markus. Bei M sind es zwei Blinde, die am Weg sitzen. Das deutet auf eine spätere Korrektur hin, die wir aus anderen Texten auch kennen (Mk. 16,5= ein Jüngling am Grabe; Lk 24,4= zwei Männer oder bei Mk. 5,1 = ein Besessener; Matth.  8,28 = zwei Besessene).
Es wird also ein Blinder gewesen sein, zumal Markus noch seinen Namen nennt. L und M haben ihn gestrichen, weil es nicht üblich ist, in Heilungsgeschichten Namen zu nennen. Dann muss Markus, der das nur an dieser Stelle tut, damit eine bestimmte Absicht verfolgen.

V.47: M verändert die Anrede des Blinden von „Sohn Davids, Jesus“ in „Herr, ... Sohn Davids“. L hat die Fassung von Markus übernommen. Hier muss die Sacherklärung Auskunft geben. Auf alle Fälle ist „Herr“ ein nachösterlicher Titel.

V.49/50: Diese Verse sind bei L und M stark vereinfacht, bzw. die ganze umständliche Prozedur zwischen Jesus und der Menge, der Menge und dem Blinden sind gekürzt. Das lässt erkennen, dass beide die umständliche Art der Markus -Fassung in dem Wunderbericht als störend empfanden und ihn sozusagen wieder auf seinen ursprünglichen Bestand reduzieren wollten. Das zeigt, dass Markus an jene Ausführlichkeit ein besonderes Interesse gehabt haben muss, wenn er sogar das übliche Schema einer Wundergeschichte durchbricht.

V. 51: Hier hat M Markus offenbar genau verstanden, wenn er die Bitte des Blinden interpretierend formuliert: „ ... das unsere Augen geöffnet werden.“ Das unterstreicht, was Markus meint.

V. 52: Hier zeigt der Vergleich mit M und L sehr deutlich, wie beide offenbar den Bericht des Markus als Heilungsgeschichte unzureichend fanden. So hat M die heilende Geste (er berührte ihre Augen) und L das heilende Wort (sei wieder sehend) hinzu gefügt. L fügt dann noch den typischen Schluss an, vom Lobpreis des Geheilten und des ganzen Volkes.
Der Vergleich ergibt also für die Fassung der Erzählung bei Markus, dass er offensichtlich in einen alten Bestand stark verändernd eingegriffen hat. Der Ursprung lässt sich nicht mehr erkennen. M und  L weichen auch so stark voneinander ab, dass ihre Texte nicht die ursprüngliche Fassung der Geschichte bieten können.
Bleibt also als Ergebnis die Vermutung, dass Markus hier, vielleicht aufgrund einer nicht mehr erkennbaren älteren Fassung, selbst deutlich gestaltet hat. Das heißt für unsere Auslegung, dass wir bei der Geschichte nicht mehr nach dem Sitz im Leben des irdischen Jesus, auch kaum nach dem Sitz im Leben der Urgemeinde, sondern vor allem nach dem Sitz im Leben der Adressaten des Evangeliums fragen.

3. Form und Stil des Textes:

Der Text liegt in Form einer Wundergeschichte, speziell einer Heilungsgeschichte vor. Wir sahen schon, dass Markus diese Form an einigen Punkten deutlich verlassen hat.
Es ist also zu fragen, ob er mit dem Text, wie sonst mit Wundergeschichten, Zeichen der anbrechenden Gottesherrschaft setzen will, oder ob gerade seine Umgestaltung auch die Aussagerichtung der Erzählung verändert. Stilistisch zeichnet sich die Erzählung durch viele wörtliche Reden und einer anschaulichen Darstellungsweise aus. Dadurch wird der Leser unmittelbar in das Geschehen hineingenommen. Er kann sich mit dem, um die Heilung Rufenden gut identifizieren.

4.  Überlieferungsgeschichten wurde schon in den Punkten zuvor abgehandelt!

5.  Zusammenhang des Textes

Da der Text, wie wir bereits feststellten, stark vom Redaktor gestaltet ist, um seine Hörer in ihrer Zeit und Situation anzureden, müssen wir uns in die Lage der Christen versetzen, für die Markus schreibt. Leider wissen wir darüber nur wenig. Die Entstehungszeit der Schrift war vermutlich zwischen dem Jahr 66 und 70. Das wäre die Zeit vor und während des jüdischen Krieges. Die Christen sind in jener Zeit zunehmend von den Vertretern der jüdischen Frömmigkeit und Theologie verunsichert worden.
Außerdem war ihre Existenz durch den sich zuspitzenden Konflikt zwischen Rom und Jerusalem bedroht. Was konnte aber den Leuten in der Situation mit solch einer Erzählung verkündigt werden? Darauf gilt es in der Einzelexegese zu achten.
Den weiteren Zusammenhang bildet der Abschnitt 8,27 bis 10,52, deren Verkündigungsan-liegen zwei Fragen aufwirft:
Wer ist Jesus und wie ist der Messias? Was kennzeichnet die Gemeinde Jesu Christi?
Auf diesem Hintergrund ist der Text zu hören. Er ist ein Beitrag zu der Antwort, dass dieser Jesus als der Dienende und Leidende der Sohn Gottes ist. Gleichzeitig lässt das Verhalten des Blinden erkennen, was die Glieder der Gemeinde Christi besonders auszeichnet. Beides ist in der Einzelexegese entfaltet. Dass dieser Bericht am Ende des 2. Abschnittes im Markus-evangelium steht, will zeigen, was es damit auf sich hat, dass dem Nachfolgenden die Augen geöffnet werden müssen, zumal dem, der auf dem Wege nach Jerusalem Jesus nachfolgt.
Der engere Zusammenhang 10, 32 - 52 zeigt das noch genauer. Bei denen, die nachfolgen, geht es nicht um die ersten Ränge, sondern darum, sich in Dienst nehmen zu lassen.   

6. Wort – und Sacherklärungen

Jericho: Die Heilungsgeschichte ist fest mit diesem Ort verbunden. Auf dem Weg nach Jerusalem erreichen die Jünger mit der Menge die Stadt (10,32), „die 250 m unter dem Meeresspiegel gelegene Palmenstadt in einer Oase der Jordansenke. Das neutestamentliche Jericho, südwestlich des altbiblischen Jericho gelegen, verdankt seine Entstehung der Bautätigkeit des Herodes, der dort seine luxuriöse Winterresidenz errichtet hatte, um die sich die Stadt gruppiert. Die römischen Prokuratoren hatten Besatzungstruppen in die Stadt hineingelegt, die Herodes deshalb (zur Unterhaltung der Söldner) auch mit einem Hippodrom und einem Amphitheater ausstattete.“ (Quelle: Gnilka, Seite 109).
Im Alten Testament begann mit der Eroberung Jerichos, die Landnahme des Volkes Israel und damit erfüllte sich Gottes versprechen, Kanaan zu unterwerfen und ein großes Volk zu werden. Im übertragenen Sinne könnte Jericho erneut für den Ausgangspunkt stehen. Nun beginnt die Passion Jesu und von nun an, wird der neue Glauben die Welt verändern. Die Metapher von der Blindenheilung steht für die Menschen, die vom neuen Bund Gottes über Jesus erfahren und „sehend“ werden. Mit Jericho beginnt das Finale im irdischen Dasein von Jesus und der damit verbundenen angebrochenen Gottesherrschaft. 

Sohn Davids: Der Titel ist hier im Sinne des zeitgenössischen Judentums gemeint. In Jesus, der das Heil Gottes bringt, ist der verheißene Messias, der Sohn Davids, erschienen. Seit dem 2. Buch Samuel (7,12) steht die Verheißung aus. Die Urchristenheit hat in Jesus den Nachfolger von König David erkannt. Er bringt das endzeitliche Heil für alle Menschen. Damit geht die Aussage über die jüdische Erwartung hinaus. Sie hebt gegenüber der politisch - nationalen Hoffnung, die universale Seite hervor. Für alle ist er gekommen, so kann er auch von allen um Erbarmen angerufen werden.

Rabbuni: In der üblichen Anrede „Rabbi“ kommt durch die verlängerte Form so etwas wie Ehrfurcht hinein. Die Achtung vor dem angeredeten Meister kommt deutlich zur Geltung.

Glaube: Das ist einer der zentralen Begriffe im Neuen Testament. Für uns ist er im Zusammenhang mit Heilungen wichtig. Wiederholt sagt Jesus den Geheilten zu, dass ihr Glaube sie gerettet bzw. geheilt hat (Vergl. Mk. 5,34 ; Matth. 15,28 ; Matth. 8,13). Liest man diese Heilungsgeschichten, so fällt auf, dass Jesus den Glauben des um Heilung Bittenden dort besonders hervorhebt, wo sich ein Hilfesuchender gegen Widerstände beharrlich durchsetzen musste. Da bekommt der Glaube dann die Bedeutung: Jesus beim Wort nehmen und feste Zuversicht haben, dass er die Bitte nicht abweist. Glaube ist in diesem Zusammenhang immer auf Jesus gerichtet.

Nachfolgen auf dem Wege: Hier meint der Ausdruck zunächst, dass der Geheilte Jesus nach Jerusalem folgt. Jerusalem aber hat hier theologische Bedeutung und zeigt an, dass es jetzt in die Stadt des Todes geht. Der Gesamte Abschnitt 8,27 - 10,52 zeigt, dass „Nachfolgen“ für die Gemeinde heißen kann, den Weg des Leidens mit Jesus mitzugehen (s. 8,34).

7. Aufbau und Gliederung

Der Aufbau, lässt trotz der Eingriffe des Markus, das „Schema“ einer Wundergeschichte noch deutlich erkennen.

Aufbau Gliederung
V. 46a:           Einleitung
V. 46b - 47:   Schilderung des Falles 
V. 48  - 52 a:  Begegnung mit dem Wundertäter

V. 48  - 50 a:  Versuch der Begegnung (Jesus zu begegnen)
V. 51  - 52b:   Die Begegnung mit Jesu als Rettung         

V. 52:              Die Nachfolge
V. 46a:              Einleitung
V. 46b:             Vorstellung des Hilfesuchenden
V. 47 - 50:        Der erfolgreiche Versuch
V. 50b - 52a:    Zuspruch der Rettung 
V. 52 b:             Konstatierung des Wunders
V. 52 c:             Reaktion der Betroffenen

  

Der Spannungsbogen der Erzählung wird durch die Bedrohung der Menge und den noch-maligen Rufen des Blinden immer mehr erhört. Es gipfelt darin, dass der Blinde „wegwirft“, „aufspringt“ und „kommt“ und Jesus ihn anspricht. Dann kommt die Erzählung gleichsam zur Ruhe, es geht nur noch um Jesus und den Hilfesuchenden. Und fast beiläufig wird die Rettung mitgeteilt, auch die Folgen werden ganz knapp erwähnt.

8. Einzelexegese

46a : Einleitung

Die Erzählung beginnt in Jericho und schlägt damit einen Bogen zum Alten Testament. Der Ortsname signalisiert den Startpunkt für das neue Wort Gottes, dass sein Sohn Jesus verkündet. Nun beginnt die Passion von Jesus, die letzte Etappe seines irdischen Lebens, sein Weg nach Jerusalem.

46 b : Die Vorstellung des Hilfesuchenden

Noch wird Jesus auf diesem Wege von einer großen Menge und seinen Jüngern begleitet. Alles sieht mehr nach einem Triumphzug nach Jerusalem aus. Aber der Leser weiß schon, der Eindruck täuscht. Am Wege sitzt einer, der namentlich erwähnt wird und bettelt. Das war ein üblicher Anblick, also nichts Besonderes. Aber Markus erwähnt seinen Namen. Das zeigt an, dass Markus hier das Augenmerk auf den Hilfesuchenden richtet und ihm würdigt, indem er ihm einen Namen gibt. Mit einem Namen hebt er die Niedrigkeit des Bettlers auf und setzt ihn auf die Stufe (Status) des allgemeinen Volkes. Es wird hier klar, dass die Geschichte nicht, wie sonst, dem Hörer Jesus vor Augen führen will, sondern er wird auf das Verhalten dieses Menschen fokussiert. Er ist blind. Wie lange, wodurch, das bleibt unerwähnt. Seine Augen sind verschlossen.

 47 – 50 :  Der erfolgreiche Versuch, Jesus zu begegnen

Dieser Mensch findet sich aber nicht mit seiner Blindheit ab. Er sucht nach Rettung. Er hört von Jesus von Nazareth und für ihn steht fest: er kann sich ihm rettend zuwenden. In seinem Schrei erfährt der Leser indirekt, dass der Blinde von Jesus schon gehört haben muss, denn er nennt ihn Sohn Davids. Der Bringer des Heils wird auch ihm Heilung bringen. Das ist der Ausdruck des Schreis, den der Blinde Bartimäus ausstößt. Eigentlich müsste Jesus ihn gehört haben, aber nichts geschieht. Stattdessen wird ihm der Mund verboten, von denen die mitlaufen. Sie haben offenbar anderes mit Jesus im Sinn, und da stört die Bitte eines Verwahrlosten (Bettlers). Dennoch schreit der Eine um Rettung, aber der Schrei dringt nicht an das Ohr von Jesus. Wie ist das zu verstehen?
Was wird aus der festen Zuversicht des Hilfesuchenden? Der Widerstand gegen sein Schreien verstärkt sich sogar. Doch umso stärker man ihn anfeindet, desto stärker wächst beim Blinden das Vertrauen, doch noch gehört zu werden. Er gibt also keineswegs auf, sondern schreit erneut. Er appelliert noch einmal an ihn als Davids Sohn. Der Leser wird in die Spannung hineingenommen: wird Jesus ihn jetzt hören? In der Tat, Jesus bleibt stehen, aber immer noch nicht wendet er sich dem Blinden zu. Vielmehr gibt er denen, die den Bettler zum Schweigen bringen wollten, den Auftrag, ihn zu ihm zu führen. Noch immer muss der Blinde warten und er beweist wiederum Geduld. Sein Vertrauen wird auf eine harte Probe gestellt. Dann aber endlich erreicht ihn der Ruf: „Hab Mut, steh auf, er ruft dich.“
Die bislang abweisende Menge wird nun zur Brücke zu seinem Retter. Diese Worte genügen ihm. Alle Fragen, wie er als Nicht-Sehender den Weg zu Jesus findet, sind überflüssig. Für den Leser wird deutlich: Ein solches Vertrauen zum Glauben bricht sich die Bahn und findet den Weg zur Quelle der Heilung.

51 – 52 b : Die Begegnung mit Jesus als Rettung

Jetzt endlich antwortet Jesus auf seinen Hilferuf. Aber noch nicht mit dem Zuspruch, sondern mir einer Frage, eigentlich ist sie höchst überflüssig. Sie assoziiert somit dem Leser, worauf es auf dem Weg in der Nachfolge ankommt; dass man SEHEND werde! So wichtig ist diese Bitte, dass sie mit einer besonders feierlichen und ehrfürchtigen Anrede eingeleitet wird: Rabbuni - Meister. Es hat lange gedauert, bis der Blinde seine Bitte um Heilung vor Jesus aussprechen kann. Das muss dem Hörer zu denken geben.
Es ist ein langwieriger Prozess, wo immer Menschen die Augen geöffnet werden sollen. Schließlich geschieht es, aber merkwürdig, die Rettung wird gar nicht ausgesprochen. Der Glaube wird erwähnt und nur im Zusammenhang damit ist von Rettung die Rede. Daraus wird klar, dass es dem Erzähler nicht in erster Linie um eine vollmächtige Heilungstat Jesus geht, sondern darum, dass der Leser in der Gestalt des Bartimäus erfährt, dass das Öffnen der Augen die beharrliche Bitte einschließt. Das ist der wahre Glaube, der zum Ziel führt, worauf der Blinde wieder sehen konnte.
Auf Grund der letzten Formulierung liegt es nahe, auch die Bitte in Vers 51 so zu verstehen, dass ich wieder sehen (Glaube erfahren) kann. Jesus schenkt dem Blinden sein Augenlicht zurück. Es ist durch alles bisherige erkennbar, dass es hier weniger darum geht, dass Markus Jesus in den Mittelpunkt stellt, der mit seiner Tat etwas von der Erlösung der unerlösten Schöpfung zeichenhaft aufleuchten lässt. Dieser Zug einer Wundergeschichte tritt zurück, kein beschönigender Gestus, kein bedrohendes Wort der wiedergöttlichen Mächte. Stattdessen der Hinweis auf einen Glaubenden, der allen Widerständen zum Trotz nicht aufgibt und dem Jesus die Augen öffnet.

52 c : Die Nachfolge

Auch mit dem untypischen Schluss einer Wundergeschichte verkündigt Markus etwas ihm sehr Wichtiges: Wer sich so, wie dieser Blinde, von Jesus Leben eröffnen lässt, der geht seinen Weg mit, auch wenn er dabei zum Dienenden wird und mit ihm Leiden auf sich nehmen muss und so in harter Arbeit sein Kreuz tragen muss. Der Schluss Vers schlägt zugleich die Brücke zu Jericho, dass nun der Glaube den Menschen die Augen öffnen wird.

9. Die Botschaft

Der erste und zweite Sitz im Leben dieser Wundergeschichte ist nur ungenau zu erkennen. Umso deutlicher aber zeigt sich, dass Markus die Form bewusst abgeändert hat, um auf jene Weise seinen Hörern in der Zeit des jüdischen Krieges zu verkündigen: Jesus ist auch für euch der verheißene Heilsbringer. Wer es mit ihm zu tun bekommt, erfährt, dass er blind ist für das, was Jesus für sein Leben bedeutet. Jesus aber will den Menschen dienen, indem er ihnen dafür die Augen öffnet.
Wer sein ganzes Vertrauen darauf setzt, dass Jesus dies tut; wer sich von dieser Zuversicht nicht durch andere Interessen abweisen lässt; wer gegen die Widerstände nach Befreiung von Blindheit schreit, dem öffnet Jesus die Augen. Er lässt ihn erkennen, worauf es in seinem Leben ankommt. Den eigenen Weg und den Weg der Gemeinde in Unsicherheit und Existenzangst als Jesu Weg anzunehmen und ihm darin nachzufolgen. So verkündet Markus den Christen seiner Zeit, dass was Jesus dem blinden Bartimäus tat, will er als euer Retter auch an euch tun. Ruft ihn um offene Augen beharrlich an. Er wird sie öffnen, euer Leben retten, indem er es in seinen Dienst nimmt. Darin werdet ihr ihm nachfolgen.