6.1. Vorbetrachtung Sintflut

Vorbetrachtung Sintflut

A. Einleitende Grundbetrachtung
B. Die verwobene Geschichte
C. Der Bibel-Text - 6. Kapitel

A. Einleitende Grundbetrachtung

Die Sintflut-Geschichte ist in der Genesis eine wichtige Glaubens-Kreuzung zwischen der Urgeschichte und der Vätergeschichte. Die sündige Urzeit der Menschheit wird beendet und Gott hat mit der Flut einen Neuanfang beschlossen. Der ursprüngliche Bund Gottes mit den Menschen wird neu geschlossen und er begleitet ausgesuchte und würdige Väter, aus denen das Volk Gottes hervorgeht. In den weiteren Büchern des Pentateuchs (5 Bücher Moses) wird Gott seinen Bund mit dem Volk Israel beweisen und sie ins gelobte Land führen.
Wissenschaftlich ist die reale Sintflut stark umstritten, könnte aber nach derzeitigen Wissensstand 5.500 v. Chr. stattgefunden haben. Da in altorientalischen Schriften die Sintflut ebenfalls erwähnt wurde und Menschen sie höchstwahrscheinlich erlebt haben (Legenden, Überlieferungen), kann zumindest von einer gigantischen Überschwemmungskatastrophe ausgegangen werden. In der sumerischen Königsliste wurden die Dynastien vor und nach der Flut aufgelistet. Die älteste Sintflutsage stammt aus dem Altrahasis-Epos (1.900 v.Chr.) und wurde teilweise im Gilgamesch-Epos (etwa zwischen 1.800 und 1.600 v.Chr. entstanden) übernommen.
In diesem Epos wurde auch ein Boot gebaut und ausgewählte Tiere mit an Bord genommen. Die spätere babylonische Version ähnelt ziemlich stark, der späteren Priestervariante. Nach sumerischen Angaben soll die Flut unmittelbar vor der Herrschaft des Königs Etana stattgefunden haben, aber eine zeitliche Zuordnung ist nur spekulativ möglich. Zieht man andere Quellen hinzu, hat die Sintflut um 2.500 v.Chr. Mesopotamien überschwemmt.
Dieser Zeitpunkt wird jedoch für unwahrscheinlich gehalten, doch dazu später mehr. Nun gibt es auch andere Sintflutgeschichten, die sich nicht in Mesopotamien ereigneten.
In Indien soll der Fisch Matsya den König Manu aufgefordert haben eine Arche zu bauen und im isländischen Edda-Epos wird von einer weltweiten Flut berichtet, die nur der Riese Bergelmir und seine Frau überlebte. Bei den australischen Aborigines gibt es den Mythos vom Großen Känguru, der von einer Flut erzählt und im chinesischen Altertum soll sich, zur Zeit des Kaisers Yaos, das Wasser bis zum Himmel getürmt haben. In indianischen Legenden wird von einer Flut erzählt, die die Erdoberfläche überspült haben soll und auch afrikanische und indonesische Legenden berichten von Fluten, die aber mehr im Zusammenhang mit Überschwemmungen (Flüssen) oder Tsunamis (gigantische Meereswellen) stehen.
Die biblische Sintflut erzählt die Geschichte von Noah, der von Gott beauftragt wurde eine Arche (gigantisches Schiff) zu bauen und soll von jedem Tier ein Paar mit an Bord nehmen. Nachdem die Flut alles Unreine/Böse ertränkt hatte, sank das Wasser. Noah, sowie die Geretteten wurden zur Basis für das neue Leben und dem aktuellen Bund mit Gott.
So einfach wie die Geschichte wirkt, ist sie aber nicht. Jeder aufmerksame Leser wird schnell Ungereimtheiten entdecken, sowohl stilistisch, als auch in der Aussage. Und es stellt sich vor allem die Frage, welche zentrale Botschaft enthält die Sintflutgeschichte.

B. Die verwobene Geschichte

Beim Durchlesen des Textes fallen zunächst textliche Unstimmigkeiten auf. In Gen 7,17  heißt es „die Flut dauerte 40 Tage“, aber in Gen 7,24 liest man „das Wasser schwoll 150 Tage“ an. Im Text von Gen 7,2 heißt es Noah soll „von allen reinen Tieren…7 Paare und von allen unreinen Tieren 1 Paar“ mitnehmen, aber in Gen 6,20 soll Noah grundsätzlich nur 1 Paar Tiere (von jeder Art) mitnehmen. Achtet man nun noch auf die stilistischen Unterschieden wird klar, dass hier unterschiedliche Fassungen ineinander verwoben wurden. Zum einen fällt da der jahwistische Stil (um 1000 v.Chr.) durch seine anschauliche Erzählweise auf, mit einem Gott zum Anfassen. Zum anderen wird dagegen der priesterliche Stil (um 500 v.Chr.) deutlich, der durch seine nüchterne Abstraktheit mit einer formelhaften Sprache hervorsticht. Zwei unterschiedliche und doch inhaltlich gleiche Geschichten wurden ineinander verknüpft.
Bei einer genaueren Analyse wird deutlich, dass sich die zentralen Verse in den Worten stark vermischen, sich dann wieder trennen und speziell im 9. Kapitel ausschließlich Priesterschrift ist. Allerdings sind spätere redaktionelle Einfügungen im Stile der Priesterschrift möglich, die nicht als solche bisher identifiziert werden konnten. Hier eine kleine Übersicht dazu:

Kapitel  6
5 - J
6 - J
7 - J
8 - P
9 - P
10 - P
11 - P
12 - P
13 - P
14 - P
15 – P
16 - P
17 - P
18 - P
19 - P
20 - P
21 - P
22 - P
Kapitel  7
1 - J
2 - J
3 - J
4 - JP
5 - J
6 - P
7 – #
8 - #
9 - #
10 - #
11 - P
12 - J
13 - P
14 - P
15 - P
16 - JP
17- JP
18 - P
19 - P
20 - P
21 - P
22 - J
23 - J
24 - P
Kapitel  8
1 - P
2 - JP
3 - JP
5 – P
5 - P
 6 - J
7 - P 
 8 - J
9 - J
10 - J
11 - J
12 - J
13 - JP
14 - P
15 - P
16 - P
17 – P
18 - P
19 - P
20 - J
21 - J
22 - J
 
Kapitel   9
 alle Verse von 1 bis 17 = P
 
 J = Jahwist     P = Priesterschrift      JP = Versvermischung J & P     # = späterer redaktioneller Einschub

Die letztendliche Entstehung der Bibel-Fassung entspricht dem Verarbeitungsvorgang der für alle Texte des Pentateuchs üblich sind.

1. Sammeln: Uralte mündliche Legenden oder Überlieferungen wurden von Schriftgelehrten (um etwa 1000 v.Chr.) niedergeschrieben. Dabei wurde der Wert einer Geschichte bestimmt, die dem Antrieb (Motivation) der Gelehrten diente. Thematisch wurden die Geschichten geordnet und als Kulturschatz angelegt. Für den Glauben relevant, wurden speziell Gotteserfahrungen gesammelt und Geschichten, die den Bedarf nach Antworten erfüllten, aufgrund von Problemen und Fragen der Menschheit seiner Zeit.
2. Gattung/Stil: Die gesammelte Auswahl wurde in einem weiteren Schritt gesichtet, ob sie einen Zusammenhang mit Gott besitzen oder sich herstellen ließ. Entsprechend wurden die Geschichten einer Gattung zugeordnet, wie die Ur-Geschichten (Schöpfung & Sintflut) – Vätergeschichte (Stammesgeschichte) – Genealogie (Stammbaum, Völkertafel) – Schuld / Strafe Geschichten (Turmbau zu Babel) oder Weisungen (Gesetze, Gebote, Anordnungen). Für die jeweiligen Gattungen wurde ein bestimmter Stil angewandt, um die inhaltliche Art zu verdeutlichen. Der mythologische Stil eignet sich hervorragend dazu, möglichst viele Antworten in einfacher Form zu geben. Dagegen sollten Vätergeschichten wahrhaftig klingen. Die Sintflutgeschichte wurde hierbei zu einem besonderen Fall, eine stilistische Kombination (Mythos, Vätergeschichte und formale Gesetzlichkeit).
3. Material: Das gesichtete Material wurde nun zu einem Geschichtenkomplex zusammengefügt (z.B.: Texte die die Sintflut betreffen). Zudem wurde überprüft, ob es noch andere Texte gab, die zur Geschichte passten und mit eingebunden werden sollten. Das heißt zum Thema Sintflut sollten alle Einzelgeschichten und Überlieferungen auch aus anderen Kulturen und Religionen berücksichtigt werden und deren Kernaussagen mit verarbeitet werden. Höchstwahrscheinlich diente den Jahwisten das Gilgamesch-Epos als Vorlage, für die eigene Sintflutgeschichte und vereinnahmten dieses Ereignis für ihren Gott.
4. Fixierung: Diese Geschichte brauchte aber ein zielgerichtetes stimmiges Konzept. Vor allem galt es für die Schriftgelehrten den Text eine geistige, theologische Leitlinie zu geben, damit die Geschichte eine gehaltvolle Grundaussage erhält. Im Prinzip wird damit der Glaube definiert und in den Geschichten plastisch dargestellt. Der Glaube basiert auf Vergangenes (Glaubenstradition von Kanaanäer, Ägypter), dass sich mit dem Gegenwärtigen (eigene Gotteserfahrungen) auseinandersetzt und dem Zukünftigen (Gottvertrauen), dass zuversichtliche Hoffnung gibt für dem ewige Bund mit Gott. Das heißt das Gilgamesch-Epos wird benutzt und als eigene Gotteserfahrung dargestellt. Es drückt perspektivisch die Liebe Gottes zu den Menschen aus und symbolisch hat Gott auch die uralten Reiche Mesopotamiens weggespült und eine Neue Zeit eingeläutet. 
5. Verflechtung: Dieser Punkt umfasst die späteren Überarbeitungen der Urfassung. In den verschiedene Zeitepochen wurde es notwendig, das Gegenwärtige zu reflektieren, wodurch sich die Glaubensauffassung veränderte. Das glorreiche Königreich gab es nicht mehr und die Teilreichen ebenfalls nicht, sondern das Volk Juda befand sich im Exil von Babylon. Damit musste auch die Ur-Geschichten der Zeit angepasst werden und in der Regel wurden die Geschichten mit neuen Passagen ergänzt. Der Jahwist schrieb also meistens die Urform nieder, die Elohisten fügten Texte hinzu und die späteren priesterlichen Gelehrten überarbeiteten umfassend die heilige Schrift. Im Rahmen der Sintflutgeschichte verarbeiteten die Priester höchstwahrscheinlich die babylonische Version (zur Gilgamesch-Saga) der Sintflut, zumal es textlich deutliche Ähnlichkeiten gibt.

Durch die spezifische Art der antiken Zeichenschrift in seiner Mehrdeutigkeit, kann bei der Übersetzung oder Übertragung nicht ausgeschlossen werden, dass die Ur-Texte unabsichtlich verändert wurden. Redaktionelle Nachbearbeitungen (Zusammenfügen der Bibel) und in jüngerer Zeit Bibel-Übersetzungen haben die Texte unweigerlich interpretiert. Demzufolge gibt es heute diverse Bibelfassungen mit textlichen unterschieden. Ursprünglich muss allerdings betont werden, dass die Schriftgelehrten bemüht waren, die Texte der Heiligen Schrift nicht zu verändern.
Zudem muss an dieser Stelle noch einmal
betont werden, dass die Heilige Schrift nicht als Lektüre für das Volk gedacht war. Ob Thora oder Bibel, sie sind ausschließlich ein Buch der Gelehrten des Glaubens. Demzufolge stellten textliche Einschübe in einem Geschichtenkomplex kein Problem dar, sondern es war hilfreich zu einem Thema eine andere Sichtweise zu finden. Die Schriftgelehrten gingen also davon aus, dass die nachfolgenden Gelehrten den Text entsprechend erschließen konnten, aber es eigentlich nicht notwendig war, weil es um die inhaltliche Aussage ging. Dieser Umstand hat dafür gesorgt, dass für dem normalen Leser, die Bibel eine Sammlung von verwirrenden Texten ist.
Somit kennt fast jeder auf der Welt
die Bibel, aber wirklich gelesen hat sie kaum jemand. Inzwischen gibt es Übersetzungen in einem verständlichen Sprachgebrauch, mit inhaltlichen Defiziten, wodurch die Aussage verfremdet wurde. Und es gibt zahlreiche Bibelversionen mit Erklärungen, die sich im Detail stark unterscheiden, weil sie ihr Verständnis von der Bibel hineininterpretieren.

Auch diese Abhandlung kann nicht frei von Interpretationen sein, es ist menschlich unvermeidlich, dass unweigerlich eine eigene Sicht dargelegt wird. Es obliegt ihrer Entscheidung, ob Sie diese atheistisch religiöse Betrachtung für objektiv halten.

Typisch für die Sintflutgeschichte ist ihre starke Vernetzung und nicht immer wird der Verfasser deutlich, sondern er fällt erst durch textliche Widersprüchlichkeiten auf. Hierzu muss auf die hebräische Zeichenschrift hingewiesen werden, besonders die Angaben von Zahlen stehen im engen Zusammenhang mit der Zahlensymbolik. Der betrachtende Gelehrte kann nun für sich entscheiden, ob er die Zahlensymbolik 40 (=Wende und Neubeginn) ins Zentrum seiner Auslegung stellt oder/und versucht die gematrische Bedeutung der Zahl 150 zu erschließen. Sie sehen an diesem Beispiel, dass eine Korrektur er Bibel diesbezüglich nicht möglich ist, weil beide sich widersprechende Zahlen in ihrem Text eine große Bedeutung haben.
Widersprüche im Text sind deshalb insofern beabsichtigt, weil jedes Wort und jede Zahl eine Botschaft enthält und zugleich kulturelles Erbe ist.
Überhaupt ist bei antike Schriften auffällig, dass sie nur das Notwendigste erwähnen und alles andere dem Vorstellungsvermögen des Lesers oder des Deuters überlassen. Beide Erzählstränge beinhalten grob gesagt die gleichen Aussagen.
Gott hat einen Entschluss gefasst, weil der alte Zustand der Menschheit nicht Gut war. Dennoch bleibt Gott mit den Menschen eng verbunden und gibt den Menschen am Ende stets seinen Segen.

Die Sintflut stellt einen Scheitelpunkt dar und löscht die boshafte Menschheit aus. In der Bibel steht dazu, dass der Mensch zu massiver Gewalt und Unrecht neigte. „Sie nahmen sich zu Weibern, welche sie nur wollten“ (Gen 6,2) und „Alles Trachten ihres Herzens war die ganze Zeit nur böse“ (Gen 6,5). Als besonders verwerflich klingt an, die „Gewalt, die fähig ist, das Gute im Menschen zu demoralisieren und die als unüberwindbare Barriere zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer steht“. Gutes das von Bösen erstickt wird, lässt für Gott keinen Platz. Für einige Glaubengemeinschaften von heute ist diese Sicht vom Bösen, der unrettbaren korrumpierten Menschheit, wieder ein aktuelles Thema und warnt vor einer neuen Sintflut. Doch die Sintflutgeschichte stellt klar, dass Gott keine Flut mehr schicken würde und für etweilige Katastrophen der Mensch selbst verantwortlich ist.
Aber zu jener Urzeit, sah Gott die Verderbtheit der Menschen, die ihn notgedrungen zur Erkenntnis brachte und er sich gezwungen sah, seine Schöpfung durch die Flut zu erneuern. Nun wurde die böse Menschheit durch die Flut vernichtet, aber nach der Flut sündigten die neuen Menschen jedoch weiter. Es stellt sich die Frage, warum Gott die Sintflut schickte, wenn sich eigentlich nicht geändert hat?
Die Antwort muss sich also aus den Texten davor erschließen. Vor der Sintflut gibt es nur die Geschichte von Sündenfall, Kains Brudermord, den Stammbaum bis Noah und die Geschichte von den Gottessöhnen. In diesem Zusammenhang fällt die hohe Lebenserwartung der Menschen auf (um die 900 Jahre) und das Gott einige Personen bevorzugt hatte (hohe Erwartungen hatte) und ließ sie zu Gottessöhnen aufsteigen. Aber in ihrem gottgleichen Streben zeigten sie ihr unreifes Wesen und vergifteten den Geist der Menschen. Gott erkannte, dass den Menschen nicht klar war, welche Bedingungen es galt einzuhalten, um wieder ins Paradies zurückzukehren, stattdessen wurde der Mensch maßlos, böse und sündhaft. Dieser Missstand musste beseitigt werden, wollte aber seine Schöpfung bewahren. Fortan sollten die Menschen kürzer Leben, ihre Niedrigkeit gegenüber Gott erkennen und lernen seine Geschöpfe zu sein.
Im Bund mit Noah reicht Gott somit den Menschen erneut die Hand und beweist einmal mehr seine Liebe zu den Menschen, obwohl Gott weiß, dass die Menschen weiter sündigen werden, doch er hofft, das die Menschen ihn folgen werden.
Mit der damaligen pragmatischen Sichtweise, war die Flut ein legitimes Mittel um das Böse zu beseitigen. Nach heutiger Auffassung könnte man schon von einem Massenmord durch Gott reden, nur sollte man stets den Mythos dahinter sehen und versuchen die antike Sichtweise zu verstehen. Lohn und Strafen galten häufig nicht nur für den Einzelnen, sondern betrafen je nach Umstand eine Familie, Sippe oder gar ein ganzes Volk.
In der radikalen Erneuerung ist der Mensch künftig selbst für seine Sünden verantwortlich, doch Gott wird dennoch stets bei den Menschen sein, wenn sie seine Weisungen beachten. Gott hat erkannt, dass es urzeitlich ein Fehler war dem Menschen Göttlichkeit zuzutrauen, also wird Gott sie zukünftig leiten, aber aus ihren Fehlern müssen sie selbst lernen. Für die priesterliche Flutversion im babylonischen Exil, ist dies eine fundamentalistische Aussage, der den Untergang des Reiches Juda, auch als Neuanfang interpretiert. Und betont zugleich, dass Gott die alten mesopotamischen Dynastien weggespült hatte. 

C. Der Bibel-Text  (Kapitel 6)

Farblich gekennzeichnet die Autorenepoche: Jahwist – Priester – Redaktoren - Gemisch

Im Kapitel 6 wird der Grund für die Flut genannt und das Noah, als einziger Gerechte, beauftragt wird eine Arche zu bauen und erhält dazu konkrete Anweisungen.

Genesis 6

(5) Als aber der HERR sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, (6) da reute es ihn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen (7) und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis hin zum Vieh und bis zum Gewürm und bis zu den Vögeln unter dem Himmel; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe.

(8) Aber Noah fand Gnade vor dem HERRN. (9) Dies ist die Geschichte von Noahs Geschlecht. Noah war ein frommer Mann und ohne Tadel zu seinen Zeiten; er wandelte mit Gott. (10) Und er zeugte drei Söhne: Sem, Ham und Jafet. (11) Aber die Erde war verderbt vor Gottes Augen und voller Frevel. (12) Da sah Gott auf die Erde, und siehe, sie war verderbt; denn alles Fleisch hatte seinen Weg verderbt auf Erden. (13) Da sprach Gott zu Noah: Das Ende allen Fleisches ist bei mir beschlossen, denn die Erde ist voller Frevel von ihnen; und siehe, ich will sie verderben mit der Erde. (14) Mache dir einen Kasten von Tannenholz und mache Kammern darin und verpiche ihn mit Pech innen und außen. (15) Und mache ihn so: 300 Ellen sei die Länge, 50 Ellen die Breite und 30 Ellen die Höhe. (16) Ein Fenster sollst du daran machen obenan, eine Elle groß. Die Tür sollst du mitten in seine Seite setzen. Und er soll drei Stockwerke haben, eines unten, das zweite in der Mitte, das dritte oben.

(17) Denn siehe, ich will eine Sintflut kommen lassen auf Erden, zu verderben alles Fleisch, darin Odem des Lebens ist, unter dem Himmel. Alles, was auf Erden ist, soll untergehen. (18) Aber mit dir will ich meinen Bund aufrichten, und du sollst in die Arche gehen mit deinen Söhnen, mit deiner Frau und mit den Frauen deiner Söhne. (19) Und du sollst in die Arche bringen von allen Tieren, von allem Fleisch, je ein Paar, Männchen und Weibchen, dass sie leben bleiben mit dir. (20) Von den Vögeln nach ihrer Art, von dem Vieh nach seiner Art und von allem Gewürm auf Erden nach seiner Art: von den allen soll je ein Paar zu dir hineingehen, dass sie leben bleiben. (21) Und du sollst dir von jeder Speise nehmen, die gegessen wird, und sollst sie bei dir sammeln, dass sie dir und ihnen zur Nahrung diene. (22) Und Noah tat alles, was ihm Gott gebot.

 

In Vers 5 bis 7 wird erklärt, warum Gott die Menschen und die gesamte Schöpfung vertilgen will. Der Text widerspiegelt seinen tiefen Kummer darüber, dass vor allem seine Schöpfung Mensch in so schwer enttäuschte. Für die antike Zeit war es typisch, nichts großartig zu erklären oder zu beschreiben, sondern überlässt es den Lesern sich die „Bosheit der Menschen“ und das „böse Trachten der Herzen“ vorzustellen. Selbiges trifft auf Gottes Kummer zu, der schweren Herzens diesen Entschluss fasste. Zwischen den Zeilen kann man aber heraushören, dass Gott sich bereits eine Alternative, einen Neubeginn, überlegte.
Betrachtet man die Sintflutgeschichte als separate Überlieferung bleibt völlig unklar, wie sich die Bosheit der Urzeit-Menschen äußerte. Die Verse sind deshalb mythologisch zu sehen, die Urzeit-Menschen waren halt unvorstellbar Böse. Die Bibeltexte vor der Sintflut dienten einer nachträglichen Interpretation, die den Menschen vorwarfen, dass sie zu alt wurden und deshalb sich wie Götter aufspielten ohne göttlichen Eigenschaften zu besitzen.
Im Prinzip wurden damit symbolisch alle alten mesopotamischen Kulturen und Religionen als Böse bezeichnet, die es vor der Sintflut gab und verurteilen die aktuellen Reiche, die die alten Traditionen wieder aufleben ließen. Der jahwistische Text verbirgt in sich die Aussage, dass mit dem Israelischen Königreich Gottes Neuzeit beginnt und die „vorsintflutlichen“ Kulturen (Ägypter, Assyrer) wegspülen wird.
In Vers 8 bis 22 wird Gottes Freude darüber deutlich, dass er in Noah einen gerechten und gottesfürchtigen Mann fand und seinen Plan zur Erneuerung durchsetzen konnte. In der priesterlichen Schrift wird nicht von der Bosheit der Menschen gesprochen, sondern mehrfach von „verderbt“ und unterstreicht damit die Rettungslosigkeit. Böses kann man zum Guten bekehren, aber verdorbenes ist unbrauchbar.
Die Anweisungen zum Bau der Arche verstehen sich als symbolischer Bauplan. Durch die Zahlengematrie wird deutlich, warum nur die Arche die Flut überstehen wird und nicht die anderen Schiffe der Menschen. 300 (Ellen) steht für die Versöhnung von Gottes Geist mit dem (erwählten) Menschen, im Sinne der Zahlenkette 200 +6+8+1+30+5+10+40.
Die 50 symbolisiert die Neuschöpfung: 40 (Zahl für Wende und Neubeginn) + 7 (Schöpfungszahl) + 2 (der Bund zwischen Mensch und Gott) +1 (Luke = als Öffnung zur neuen Welt). Auch die Zahl 30 kann gematrisch betrachtet werden, ist aber in diesem Fall vermutlich als Einheitszahl gedacht, im Sinne von einen göttlichen Zyklus (z.B.: als Ideal = 30 Tage im Monat; 30 Tage Trauer um Moses; 30 Jahre Amtszeit eines Pharao).
Die drei Stockwerke in der Arche symbolisieren eine Wertigkeit im Status = Mensch, Tier und niedere Wesen. Im übertragenen Sinne sind hier die Gesellschaftsschichten gemeint von Herrscher, Mittelschicht und Unterschicht. Alle drei Schichten sitzen letztendlich in einem „Boot“, wodurch der gegenseitige Respekt untereinander und auch die Verantwortlichkeit ausgedrückt werden. Die Priester stellen also nicht das Prinzip von Herrschenden und Beherrschten in Frage, aber fordern von den Herrschenden, dass sie den Beherrschten ein respektables Leben ermöglichen.
Noah und seine Familie sollen der Grundstamm der neuen Menschen sein (Bund) und Noah soll von jeder Art ein Tierpaar retten. Auch diese Aussage ist nur symbolisch gemeint, denn die Arche wäre zu klein für die vielen Tiere. Denn wären die Zahlenangaben real, müsste die Arche etwa 140m lang, 25m breit und 15m hoch gewesen sein. Selbst wenn man annimmt, dass die Priester lediglich die regionale Tierwelt kannten, so konnten sie unmöglich so viele Tiere mit an Bord nehmen. Speziell die notwendige Nahrung würde auf der Arche einen großen Teil des Platzes benötigen. Zudem gäbe es weitere logistische Probleme mit der Unterbringung von Raubtieren und Ungeziefer, sowie der Beseitigung von Ausscheidungen.