1.1. Spiegel der Zeit - Global

Spiegel der Zeit -  Global

0. Einleitendes
1. International - Allgemein    (Weltpolitik kurz Zusammengefasst) 
2. Ostalgie                               (Spannungen zwischen Ost und West)
3. Spaßgesellschaft            (Extreme zwischen Grunge und Comedy)
4. Arbeitswelt                     (Workaholic, Arbeitsmarkt, Arbeitslosigkeit)

 

0. Einleitendes

Das Jahrzehnt war geprägt von der mentalen Spaltung zwischen Ost und West im Alltag und einer jungen Gesellschaft, die privat und beruflich die Extreme suchte.
Dazu definierte eine Spaßgesellschaft ihre Vorstellungen von Freiheiten und die  Medien bedienten profitgierig den Trend.
International spielten sich die USA als Weltpolizei auf und die viel gepriesene Globalisierung entpuppte sich als neue Form
der Kolonialisierung, der wirtschaftsschwachen Staaten.

1. International - Allgemein

In Europa war das sozialistische Staatensystem zusammengebrochen, deren Länder nun einen „freiheitlich demokratischen“ Kurs probierten, dem bald die Ernüchterung folgte. Eine Mehrheit profitierte zwar irgendwie von dem neuen System, aber es gab auch viele Verlierer, die ins Elend absackten und für die es keine sozialen Sicherheiten mehr gab. Die Weltmacht Sowjetunion löste sich in Unionsrepubliken auf und im Kernland Russland wurde ebenso eine demokratische Regierung gewählt. Die militärische Stärke der UdSSR war damit Geschichte und wirtschaftlich versank das Land im Chaos.
Die USA waren nun alleinige Supermacht und versuchten sich als Weltpolizei. Mit dem Rückhalt der Westeuropäer (speziell Großbritannien & Deutschland) diktierten sie der Welt ihre Vorstellungen von Demokratie und Gerechtigkeit. Sie mischten sich mit humanistischen Anschein in die inneren Angelegenheiten anderer Länder, verbargen aber hinter ihrer Maske die wahren wirtschaftspolitischen Interessen. Es galt, im Sinne der Wirtschaftskonzerne, die Konkurrenz in der Welt, in den Ruin zu treiben, um ein Monopol zu errichten.
Insbesondere sollte sich der ehemalige Feind Russland (Sowjetunion) nicht mehr erholen und die letzten sozialistischen Staaten wirtschaftspolitisch vernichtet werden. Mit dem russischen Präsidenten Jelzin, sahen US-Unternehmen und die anderen westlichen Unternehmen die Chance, das wirtschaftlich angeschlagene Russland aufzukaufen. Um einen schnellen Erfolg zu ermöglichen war es notwendig, Handelspartner oder Freunde Russlands auszuschalten bzw. deren Beziehungen zu kappen.
Der Irak, ein Verbündeter Russlands, verlor seine Souveränität im 2. Golfkrieg. Mit der Besetzung Kuwaits legte sich der Irak unweigerlich mit den USA an. Die Großmacht demonstrierte seine militärische Überlegenheit und zwang den Irak zu Kapitulation. Obwohl der Irak selbstständig blieb, mussten sie UNO-Kontrollen im Land zu lassen. Als letzter sozialistischer Staat in Europa und Bruderland Russlands, versuchte Serbien die jugoslawische Union zu retten, was zu militärischen Unabhängigkeitskonflikten führte. Im Bosnienkrieg und dem Kosovo-Konflikt schrumpfte Jugoslawien auf Serbien zurück und Russland konnte nur wenig Hilfe leisten.
Zudem hatte Russland im eigenen Land genügend Probleme. Neben der wirtschaftlichen Talfahrt, strebten nun auch die Provinzen nach ihrer Unabhängigkeit. Besonders in Tschetschenien eskalierte die Situation und sollte ein ständiger Unruheherd bleiben. 
Aber auch die USA verrechnete sich. Ihre Hilfe für die Taliban in Afghanistan ging nach Hinten los. Statt das Land wirtschaftspolitisch kontrollierenden zu können, unterstützten die Taliban den islamischen Terror (Al-Qaida) gegen die USA und bauten einen streng fundamentalistischen Gottesstaat auf. Der Bürgerkrieg in Afghanistan fand kein Ende. Ebenfalls wurde der geschürte Hass der islamischen Welt gegenüber den USA, zu einem wirtschaftlichem Problem. Der Widerstand der muslimischen Bevölkerung, zwang die Vasallen (Emirate, Schah) zum Einlenken und der islamistische Terror nahm zu.
Die Initiative der USA für einen Staat Palästina bewirkte kaum einen positiven Effekt in der arabischen Welt. In den Augen der Moslems gehörte das Gebiet von Israel den Palästinensern und demzufolge entstand dort zu Unrecht der jüdische Staat Israel.
Neben der Problematik mit der islamischen Welt funktionierte auch die Globalisierung nicht so, wie erhofft. Mit dem Ende der sozialistischen Staaten verloren viele Länder in Afrika und Asien ihre Handelspartner. Sie waren gezwungen mit den Unternehmen aus den USA und Europa Handelsbeziehungen aufzubauen. Die kapitalistischen Firmen tarnten ihre Verträge als wirtschaftliche Hilfe und es sollte ein wirtschaftliches Netz entstehen, von dem alle Handelspartner profitierten (= Globalisierung). Schnell entpuppten sich die Verträge als eine moderne Form der Kolonialisierung.
Ausländische Unternehmen beutete die Bodenschätze aus, verursachten profitorientiert eine Monokultur und ließen billig Waren für ihre eigenen Wohlstandsstaaten herstellen. Das funktionierte auch deshalb so gut, da eine Oberschicht in den Entwicklungsstaaten davon profitierte. Geblendet von eigenen Luxus und dem technischen Fortschritt, gingen die Herrschenden mit Gewalt gegen aufflammende Unruhen vor. Mit der wirtschaftlichen Abhängigkeit, gewannen zudem die Industriemächte auch an politischen Einfluss auf die Regierungen. Doch die Ignoranz der Verelendung des Volkes, in jenen Staaten, sollte sich erst später rächen (Flüchtlingsbewegung). Ebenfalls verbreitet sich der islamische Glaube, als Widerstandsbewegung gegen die westliche Welt, zumal der christliche Glaube als ein Werkzeug der Ausbeutung gesehen wurde.
Das Ziel einer wirtschaftspolitischen Weltherrschaft der Industriestaaten bekam unerwartet  durch China einen Dämpfer. China strebte eine sozialistische Marktwirtschaft an und lockte zunächst ausländische Unternehmen ins Land, mit profitablen Gewinnen. China lernte schnell von den Firmen und modernisierte seine Wirtschaft, sodass sie die ausländischen Unternehmen nicht mehr benötigten. China konnte somit auch wirtschaftlich Expandieren und den Staaten in Afrika und Asien bessere Verträge anbieten. China stieg zu einer ernsthaften Konkurrenz für die westliche Wirtschaft auf.
Die USA und die westliche wirtschaftspolitische Strategie, legten somit die Basis für das neue Jahrtausend und ist auch für bestimmte Folgen auch selbstverantwortlich. Die als Bumerangs auf die westliche Welt trafen, aber wie so oft nur die Bevölkerung.

 2. Ostalgie

Nach der euphorischen Wiedervereinigung erfolgte die Ernüchterung in Ost und West. Dem Westdeutschen machten die Politiker klar, dass sie solidarisch mit dem Osten sein sollten und Opfer zu bringen hätten.
Dem Ostdeutschen wurde im Alltag deutlich, dass es die deutsche Einheit nicht zum Nulltarif gab. Doch die Maßnahmen der Integration zu einem Gesamtdeutschland, kamen dem Osten, wie eine Kolonialisierung vor.
Die folgenden drei Maßnahmen wirkten sich besonders drastisch auf die Neuen Bundesländern aus, aber es gab noch weitere kleinere Ärgernisse.

  1.  Treuhand AG: Rücksichtslos werden auch funktionierende Betriebe abgewickelt oder einer westdeutschen Leitung unterstellt, damit keine Konkurrenzfirmen entstehen können bzw. profitable Betriebe sofort zu Filialen von BRD-Firmen werden.
  2. Währungsunion: Barvermögen wird bis 10.000 DDR-Mark 2:1 (DM) umgetauscht, ansonsten zum Kurs 4 DDR-Mark = 1 DM. Viele Bürger verlieren damit ihr privates Barvermögen und auch zahlreiche Betriebe sind davon betroffen und ruiniert.
  3. Gesetz- Rückgabe vor Entschädigung: Eigentlich sollte jenes Gesetz, die Funktionäre und die Nutznießer des SED Regimes treffen, doch die Meisten von ihnen wohnten gar nicht in Luxusvillen oder hatten Grundstücke (lebten oft in modernen Plattenneubauten). Betroffen waren daher Menschen, die ihr Haus/Grundstück in der DDR rechtmäßig erworben hatten (50er & 60er Jahre). Die Menschen haben ihr ganzes Vermögen in den Ausbau ihrer Immobilien gesteckt und ein Leben lang dafür gearbeitet. Doch nun hatten alle Vertriebenen und Geflüchteten (aus der Ostzone/DDR) das Recht ihren ehemaligen Besitz zurückzubekommen. Entschädigungslos stand daher der DDR-Bewohner schuldlos  vor dem existenziellen Ruin. Jene ungerechte Praxis bewirkte zahlreiche verzweifelte Taten und so mancher Bürger wählte am hoffnungslosen Ende den Suizid als Ausweg. Neben den Privatpersonen, verloren auch Betriebe ihr Grund und Boden, da ehemalige Besitzer erhoben Anspruch.

Ostdeutschland wurde zu einer wirtschaftlichen Wüste und aus einem unbändigen Frust wurde Zorn. Die hohe Arbeitslosigkeit, die im Schnitt bei 17% lag (im Westen um die 8%), verursachte zusätzlich existenzielle Ängste. Der Ostbürger bekam auch nur 70% Lohn im Vergleich zum Westen und Frauen sogar noch weniger.

                     Die drei Säulen der Ostalgie, dem verärgerten Umdenken der ehemaligen DDR-Bürger
             Wirtschaftstalfahrt
  Marode Wirtschaft erhielt
      den Todesstoß, durch ...
          Ideologische Säuberung
  Kulturelle Identität ging verloren,    
  durch ...
            Privater Abstieg
  Sozialer Niedergang statt
  „Blühenden Landschaften“, durch ...
→ teure D-Mark, kappte be-
     stehende Exportverträge
→ Boykott von Ostwaren und
     Produkten im Handel
Treuhand GmbH blockierte
     Eigeninitiativen oder den
     Verkauf an interessierten
     ausländischen Firmen
→ Rückgabegesetzt ruinierte
     Firmen (Betriebsgelände)
→ einige Westchefs führten
     Firmen absichtlich in die
     Insolvenz
→ Mit dem Einfluss der West-
     industrie wurde versucht  
     eine Ostkonkurrenz zu
    verhindern
→ Funk und Fernsehen wurden
     trotz Proteste abgewickelt
→ Abwerbungspraxis (z.B.
     Ausverkauf der Fußballklubs )
→ Diffamierungskampagne (z.B.
     wurde ein Dopingverdacht 
     gegen alle ehemaligen DDR
     Spitzensportler erhoben )
→ beliebte Konsumprodukte /-
     Waren wurden boykottiert
→ Zerfall oder Abriss von
     Kulturgebäuden der DDR,
     z.B. „Palast der Republik“
     oder Jugendklubs
→ Ignoranz (DDR Künstler oder
     Werke wurden nicht mehr
     vermittelt bzw. aufgeführt
→ Vermögensschwund durch die
     D-Mark (halbieren des Ersparten)
→ geringeres Einkommen (70%) bei
     gleichen Lebenshaltungskosten
→ hohe Arbeitslosigkeit (17 %, im
     Westen zwischen 5 und 8 %)
→ geringe Rente = dadurch Sozialfall
Rückgabegesetz brachten viele
     Hausbesitzer um ihr Grundstück
→ die ungewohnten Bürokratie baute
     ein Gefühl der Schutzlosigkeit auf
→ Denunzierungspraktiken, um 
     vermeintliche Stasivergangenheit
→ fühlten sich gegenüber Ausländern
     benachteiligt, rechtlos und existen-
     ziell bedroht, wodurch sich eine
     Ausländerfeindlichkeit entwickelte
Dadurch wurde der Osten zu einer Wirtschaftswüste:  
Hohe Arbeitslosigkeit um die 17 % und gestuerte  Firmenpleiten - - -  Niedriglohn, (70%), der Westfirmen motivieren sollte
im Osten zu investieren - - - Perspektivlos, 
wanderte die Jugend in den Westen ab  
Dadurch Widerstände im Osten und
Ossi zum Ehrenbegriff erklärten.
Medien konstruieren das Image, dass der OSSI aufsässig, faul und undankbar sei, zudem ausländerfeindlich ist. Dabei fühlt er sich fremd im eigenen Land, dem man seine Identität genommen hatte.
Soziale Ungerechtigkeiten, unsachliche Vorwürfe von Ausländerfeindlichkeit und Stasiverleumdungen entfachen eine unbändige, zuweilen unkontrollierte Wut.
Politiker ignorierten die Ängste und Nöte im Osten und die Medien trampeln auf den Befindlichkeiten der OSSIs herum.

Resultat:

Neues Selbstbewusstsein des Ostbürgers erwachte und wurde zugleich Nährboden für den Widerstand gegen Politiker und Medien - - -
die
 Ostdeutschen reagierten besonders Heftig auf verbale Angriffe, Beleidigungen oder Diffamierungen - - - Ostrockpartys werden zu Wallfahrtorte und feiern dabei nicht nur ihre Ost-Musik, sondern auch ihre Ost-Kultur - - - provokativ wählen sie die PDS, bei den Bundestagswahlen und machen ihre Enttäuschung über die anderen Parteien klar, die nicht begreifen wollen, dass es ein Unterschied zwischen DDR-Kultur und SED-Staat gab - - - Stasi- und Dopingvorwürfe werden als inszeniert betrachtet, um die Erfolge von Sportler
zu schmälern und Prominente des Ostens zu verunglimpfen - - - der MDR wird zur Stimme des Ostens, da nur dieser TV-Sender wieder
DDR Kultur auferstehen lässt und zeigen Filme und Unterhaltungssendungen aus der DDR - - - Bis heute hat sich der Osten sein eigenes Selbstbewusstsein bewahrt und solange Politiker, Medien oder Prominente des Westens nicht Ostbürger nicht verstehen, solange bleibt
ein tiefer Graben zwischen Ost und West.

Jede Halbwahrheit und Lüge über den DDR Bürger verschärft die Mauer in den Köpfen, da sich der Osten provoziert fühlt und neigt dann dazu sich kontroversen Bewegungen anzuschließen.

 
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Die 80er Jahre - 1.2. Ende der 80er: Das Ende der DDR – Wiedervereinigung

 

Die Ostalgie ist ein Produkt der wirtschaftspolitischen Bundespolitik, die dem Osten seine Identität nahm, eine wirtschaftliche Konkurrenz verhinderte und den Bürgern einreden wollte, wie großherzig die Politik ist. Der geringe Lohn wurde damit gerechtfertigt, um angeblich Unternehmen in den Osten locken, um die marode Wirtschaft wieder anzukurbeln. Doch die wenigen profitablen Betriebe waren inzwischen bereits verkauft oder in westlicher Hand.
Bei den restlichen maroden Betrieben schreckten ungeklärte Besitzverhältnisse und hohe Investitionskosten die Unternehmen ab. Zudem wurden ausländische Interessenten von der Treuhand blockiert und verhinderten z.B. ein Engagement von Schweden und Japan. Die versprochenen „blühenden Landschaften“ waren zunächst zu einer Wüste geworden.
Kritische Stimmen von Prominenten und Politiker aus dem Osten wurden zum Schweigen gebracht, mit Stasivorwürfen oder Kommunist zu sein. Der Bürger in den alten Bundesländern, bekam über die Medien ein völlig falsches Bild über den Osten und zeigte daher wenig Verständnis für den Protest im Osten. In diesen sozialen Brennpunkt wurden nun auch noch verstärkt Asylanten untergebracht und brachten das Fass zum Überlaufen. Der Ostbürger kam sich in Deutschland drittklassig vor, da die Ausländer sozial besser abgesichert waren als der Ostbürger. Sie bekamen schneller einen Arbeitsplatz und Rechtsverstöße von Ausländern wurde mit ihre Kultur entschuldigt.
Es heizte sich eine Stimmung gegen die Asylanten auf, zumal die Bundes-Politiker die kritischen Stimmen der Ost-Bevölkerung ignorierten und ihre Probleme herunterspielten, und sie als ausländerfeindliche Nörgler betrachteten.
Die Neonazis gossen mit ihren ausländerfeindlichen Parolen Öl ins Feuer. Anscheinend, kamen dann den Westpolitiker die Ausschreitungen im Osten sehr gelegen und sie konnte den Ostdeutschen als ausländerfeindlich diffamieren. Mit bedacht wurden in den Medien auch nur die ausländerfeindlichen Vorkommnisse im Osten popularisiert. Außerdem suggerierten die Medien das Bild von einem undankbaren, faulen (dummen) „Ossi“. 
Um 1993 erinnerte sich der Ostdeutsche trotzig an seiner Herkunft und sah in den Begriff Ossi eine Ehrenbezeichnung. Ein neues Selbstbewusstsein war entstanden und eine starke Distanz zu der Bundespolitik wuchs an. Die Ossis verlangten ihre Kultur zurück und die Ostrock-Veranstaltungen wurden zu Wallfahrtsorten, wo sich Gleichgesinnte trafen und ihre DDR-Kultur als Ostalgie feierte. Obwohl der Ostdeutsche, die PDS als einzige Ostpartei betrachtete, so meinte Ostalgie den Erhalt der kulturellen Vergangenheit, aber nicht die Rückkehr zum SED-Regime. Wer nun im Westen glaubte, dass die Ostalgie nur eine kurze Phase sein würde, hatte den Osten nicht verstanden. Eine Mentalität entwickelte sich, die regierungskritisch blieb und sich auch kontrovers zu popularisierten Meinung verhielt.
Statt einer wirklichen Wiedervereinigung wurde nun der Graben zwischen Ost und West immer tiefer. Es waren Politiker, Prominente und Medien, die jenes Klima anheizten und sich Arrogant über die DDR-Bürger äußerten und deren kulturelle Geschichte ignorierten. Unerwünscht waren Prominente in den Medien, die sich positiv über die DDR äußerten. Für die Medien war es inakzeptabel zwischen DDR Kultur und dem SED-Regime zu unterscheiden. Somit wurden sie sofort als Kommunist beschimpft oder ihnen eine Stasivergangenheit unterstellt. Erst recht wurde verschwiegen oder bagatellisiert, wie die Wiedervereinigung rücksichtslos über den Osten gerollt ist und sie zu Fremde im eigenen Land wurden. Wo sich Westdeutschen als die besseren Deutschen (Besserwessis) aufspielten und meinten, sie müssten den Osten erst einmal die Marktwirtschaft beibringen. Der Ärger über so viel Ignoranz, in die Fähigkeiten von Ostdeutschen und der Boykott von regionalen Produkten, sowie ehemalige DDR-Waren, gruben die Gräben noch tiefer.
Auf Ost-Pro-Märkten wurden bewusst regionale und beliebt Ostprodukte gekauft, sodass die Supermarktketten reagieren mussten. Beliebte Ost-Waren waren wieder im Sortiment zu finden und auch die bisher ignorierte regionale Landwirtschaft verkauften ihre Produkte. Die DDR-Musik erlebte ihr Revival, egal ob Schlager, Rock oder Volksmusik. Im Zuge der Ostalgie wagte dann RTL eine „DDR-Show“ zu senden, worauf einige Westpolitiker pikiert reagierten. Der MDR gab sich ein Ost-Image und ließ DDR-Sendungen wieder aufleben. Mit dem Publikums-Preis „Goldene Henne“ ehrte der Sender ab 1995 besonders beliebte Künstler aus Ostdeutschland. Auch 1995 entstand der Dauerbrenner „Damals war’s“, der auch immer wieder an den Alltag der DDR erinnerte, ohne ideologischen Zeigefinger.
Musik-Events mit ehemaligen DDR Interpreten und Gruppen wurden zu großen Festen. Die Zuhörerzahlen stiegen enorm an und auch in den alten Bundesländern konnte die Ost Musik begeistern, besonders Puhdys, Karat, Silly und City. 
Zu einem weiteren Symbol der ostdeutschen Mentalität wurden die Fußball-Klubs. In Berlin war die Ost-West-Rivalität zwischen Union und Hertha präsent. Die Fußballfans im Osten waren besonders darüber verärgert, wie sehr man versuchte Union sportlich zu blockieren. Mehrmals wurde ihnen der Aufstieg verwehrt, wegen fragwürdiger Auflagen, die Union nicht erfüllten (Stadion zu klein, fehlende Finanzierung usw.). Der Fußball im Osten litt aber grundsätzlich an den sportlichen Ausverkauf von Spielern. Besonders heftig betraf das Dynamo Dresden und den BFC Dynamo. Hinzu kam ein neues Management, was die ehemaligen DDR-Vereine mehr schadete, als nutzte. Hansa Rostock und Dynamo Dresden durften zwar in der Bundesliga starten, waren aber mit den übrig gebliebenen Spielern chancenlos. Nach dem logischen Abstieg kam Hansa Rostock 1995 zurück in die Bundesliga und wurde zum gefeierten Klub des Ostens.
Inzwischen wurde die Ostalgie zum Geschäft. Zahlreiche CDs (Musik) und Videos (Filme) waren im Handel erschienen und die Märkte richteten Extra Rubriken (Regale) ein. Politisch wurden in den Neuen Bundesländern, Personen gewählt, die entweder aus dem Osten stammten oder den Osten verstanden haben. Ende der 90er Jahre schienen auch die Politiker die Sorgen und Befindlichkeiten der Ossis begriffen zu haben. Doch der ideologische Strategiewechsel war oft nur mit leeren Worten verbunden. Obwohl nun auch im Osten der Wohlstand stieg und sich infrastrukturell einiges tat, so diente alles nur markstrategischen Zielen. Grundsätzliche Probleme wurden nicht gelöst. Bei gleichen Lebenshaltungskosten blieb die Arbeitslosigkeit hoch und das Lohnniveau zum Westen erhöhte sich nur geringfügig. Zahlreiche junge Leute suchten deshalb ihr Glück in den alten Bundesländern. Die Altersstruktur im Osten stieg enorm an und in vielen Orten sank die Bewohnerzahl dramatisch. Der Ossi stark jedoch nicht aus. Auch wenn der Begriff Ostalgie Geschichte wurde, so verhielt sich die Bevölkerung im Osten weiterhin kritisch zur Bundespolitik und bot immer wieder den Nährboden für ein kontroverse Meinungssicht.                                                            

Überblick der Verschmelzung der Ost-Parteien zu den West-Parteien:
CDU = CDU; LDPD = FDP; SDP = SPD; NDPD50% CSU & 50% DVU ; Bündnis 90 = Grüne. Die SED gab sich den Beinamen
Partei 
des Demokratischen Sozialismus (PDS). Unter den Vorsitzenden Gregor Gysi wurde der Name SED gestrichen und nannte
sich nur noch PDS (später Fusion zur Linken).

Prominente Ostpolitiker, die mit Stasi-Vorwürfen zum Rücktritt gezwungen werden sollten:
Lothar de Maiziere: Vorsitzender der Ost-CDU und erster frei gewählter Ministerpräsident der DDR. Im vereinigten Deutschland
wurde er stellvertretender CDU Vorsitzender. Aufgrund von massiven Stasivorwürfen trat er im Herbst 1991 von seinem Amt zurück.

Ibrahim Böhme: Mitbegründer der SDP in der DDR, gehörte zum Vorstand der SPD in der BRD.
Wegen Stasi-Vorwürfen wurde er 1992 von der SPD ausgeschlossen.

Manfred Stolpe: Dem beliebten Ministerpräsidenten von Brandenburg, wurde 1993 ebenfalls eine Stasimitarbeit unterstellt. Er gab zu,
dass ein Kontakt in seiner Funktion in der evangelischen Kirche zwangsweise (*1) nötig war, aber nie jemanden geschadet habe.
Ein starkes
Bekenntnis der Brandenburger ließ ihn weiter Ministerpräsident bis 2002 sein, bis man ihn mit einem Ministerposten
beauf
tragte und somit nicht mehr die kritische Stimme Brandenburgs war.

Gregor Gysi: Vorsitzender der reformierten SED als PDS, stand seit 1990 ständig im Kreuzfeuer der Kritik und wurde mit etlichen
Stasivorwürfen bombardiert. Als Rechtsanwalt ergaben sich auch für ihn zwangsweise (*1) Kontakte. Trotz Medienschelte erwarb sich
Gysi im Osten große Sympathien, die die Westbürger nur wenig nachvollziehen konnten.

*1= Bei bestimmten gesellschaftlichen Positionen und besonders im kirchlichen Bereich, stand jeder unter der Kontrolle der Staatssicherheit und wurde auch von ihnen unter Druck gesetzt. Häufig war es erforderlich gewisse Kompromisse einzugehen (abzuwägen), um seine Arbeit fortsetzen zu können. Die Frage war, inwiefern eine Mitgliedschaft notwendig war, um die eigentlichen Ziele (etwas bewirken können) erreichen zu können, ohne dabei Andere zu schädigten. Noch einmal sollte hier unterstrichen werden, welchen Druck die Staatsicherheit der DDR ausübte. Höchstwahrscheinlich wurde die Mehrheit der Stasiinformanten unter existenziellen Druck gesetzt. Entscheidend ist daher, inwiefern ein Mitgliedern die Stasi aktiv unterstützte und Personen schädigte.  Anderseits sollte man stets bedenken, dass auch Paulus einmal Saulus (Bibel) war oder „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“

3. Spaßgesellschaft

Während der Osten mit den Auswirkungen der Wiedervereinigung klar kommen musste, entstand im Westen ein neues Lebensgefühl. Getragen vom Geist der 80er Jahre, galt es Leben zu konsumieren. Wegwerfgesellschaft und Karrieresucht wurden zu den typischen Begleiterscheinungen. Es wurde nicht mehr repariert, sondern neu gekauft und Unmodernes ersetzt. Begünstigt wurde das durch den Preisverfall, wodurch Waren immer preiswerter wurden und dadurch das Konsumverhalten der Bürger zum Wirtschaftsfaktor wurde.
Um sich einen hohen Lebensstandard leisten zu können, waren gut bezahlte Stellungen nötig. Somit waren leitende Positionen besonders begehrt. Im Sinne der Unternehmen brach ein regelrechter Karrierekampf aus, mit zum Teil unfairen Mitteln. Um sich unentbehrlich zu machen, leistete man unentgeltlich Überstunden oder verzichtete auf seine Freizeit (Workaholic). Das Wort Mobbing machte die Runde und meint, einen Konkurrenten mit unfairen Mitteln (Verleumdung, Anschwärzen, Sabotieren) zu schädigen.
Aus den ursprünglichen Antrieb einen hohen privaten Luxus zu erreichen, wurde damit die Selbstdarstellungssucht. Betrieblich galt es seinen Status und sein Ansehen in der Firma zu sichern und privat, sich gegenüber Freunden und Bekannten als Erfolgsmensch darzustellen. Mit seinem Luxus und seinem Status zu prahlen wurde selbstverständlich. Der allgemeine Durchschnittsbürger hatte mehr Geld in der Tasche, sodass Urlaubsreisen ins Ausland, sowie ein Auto und ein eigenes Haus zum grundsätzlichen Maßstab wurden.
Im Gegensatz dazu gab es die gesellschaftlichen Verlierer, die sich den Wohlstand nicht leisten konnten und jene, die sich bewusst der Wohlstandgesellschaft verweigerten. Es entstand die Grunge-Bewegung, die den gesellschaftlichen Wohlstand als Vorbote der Apokalypse (Weltuntergang) sahen. Sie kleideten sich wie Hippies und waren Punker in ihrer Lebensweise. Jene destruktive Grunge-Bewegung war zum Glück nur ein kurzes Strohfeuer, zumal zu viele von ihnen im Alkohol- und Drogenrausch endeten. 
Zukunftsorientierter war dagegen die Alternative-Bewegung, die sich ökologisch bewusst einer verschwenderischen Wohlstandsgesellschaft verweigerte. Mit ihrer Sicht von einer Verantwortung zur Welt, propagierten sie umweltbewusste Lebensweisen, definierten ihre Sicht von Freiheit und machten sich insbesondere für die Frauenrechte stark. Zwischen Verschwendungssucht und alternativer Lebensart, gab es die Mehrheit der Jugend, die sich genau deswegen zum grenzenlosen Spaß motiviert fühlte. Sie wollten weder asketisch auf den Weltuntergang warten, noch im goldenen Karrierekäfig gefangen sein, sondern grenzenlosen Spaß genießen.
Waren bisher die Disco und die Kneipen der Treffpunkt für Jugendliche, so werden nun große Partys gefeiert. So manches Grundstück wird zur Partyzone, an denen Sauforgien und freizügigen Sex stattfinden. Es sind meisten Geburtstage zur Volljährigkeit, wo die Eltern ihren Kindern eine Party gestatten. Nicht selten wird so eine Feier von der Polizei gestoppt, wegen ruhestörenden Lärm.
Wer den Behörden entgehen will reist nach Mallorca, die Balearen-Insel genießt den Ruf einer Partyinsel. Speziell die Kneipe Ballermann 6 ist dafür bekannt und Schlagersänger, wie Jürgen Drews und Michael Wendler werden dort mit ihren frivolen Nonsens Lieder als Stars gefeiert. Ein solcher Erfolg findet natürlich auch Nachahmer. In den Alpenländer locken im Winter nun wilde Apres Ski-Partys nach Österreich und in die Schweiz. Musikalisch dominieren deswegen partytaugliche Songs in den Charts und besonders die privaten TV-Sender RTL und SAT1 bedienen den Frohsinn der Jugend. Ihre TV-Formate durchbrechen jegliche moralischen Grenzen des Humors und neigen zu makabren Späßen. Der Jugend gefällt dieser geschmacklose und beleidigende Humor, der nun Comedy heißt.
Viele neue Comedians werden über das Fernsehen bekannt und sie versuchen oft mit einem Tabu-Thema ihr Publikum zu begeistern. Sie machen sich beleidigend lustig über Politiker und Prominente, Religionen und Kulturen, Polizisten und Lehrer, Schwule und Lesben und immer wieder beliebt, sind Witze über sexuelle Dinge und Beziehungsprobleme. Eigentlich wird kein Thema ausgelassen, sofern sich Zuhörer darüber amüsieren. 
Noch perfider geht es zu Menschen vor laufender Kamera bloß zu stellen, sie vorzuführen oder in peinliche Situationen zu bringen. Seit 1980 gibt es die TV-Sendung „Verstehen Sie Spaß?“ und wurde erfolgreich, da dort der Humor Grenzen hatte. Nun aber produzierten die Privatsender eigene Formate und Verletzten mit ihren Späßen schon die Menschenwürde.
Mit der Sendung „Bitte lächeln“, wurden ab 1990 Videos gezeigt, die vergnügliche Missgeschicke gezeigten. Motiviert davon, wurden nun zahlreiche Videos gedreht, unter anderem auch Verkehrsunfälle oder missglückte Inszenierungen. Es gab zahlreiche Proteste gegen jene Art von Humor, aber sie verstummten, nachdem jene Kritiker nun zu Opfer des Spaß-TVs wurden. Auch eine Klage wegen Verstoßes gegen die Menschenwürde dauerte rechtliche zu lange und drohte mit dem Gesetz zur Pressefreiheit und der Meinungsfreiheit (auch Satire) zu scheitern. Es war letztendlich die marktrelevante Publikumsresonanz, die den TV-Sendern das Recht gab, grenzenlos zu sein. Im Kampf um die Einschaltquoten, die den Sendern ihren Profit brachten, war auch stets der Antrieb da, etwas Neues zu bieten. So schraubte sich die Spirale der Grenzenlosigkeit immer tiefer ins absurde, hin zu einem bluttriefenden Humor. Jener Trend hatte auch gesellschaftliche 
Folgen. Karrieresucht auf der einen Seite und ein 
grenzenloser Spaß auf der anderen Seite, förderte die Selbstdarstellung. Der Antrieb aus der Masse hervorzustechen wurde zum allgemeinen Trend.
Tattoos (Tätowierung), Piercing oder das Branding wurden populär, trotz oder wegen der starken Widerstände bei der Elterngeneration. Skateboard fahren und das Bungee Jumping lagen im Trend obwohl das Unfallrisiko anfangs noch hoch war. Um einmal im Mittelpunkt zu stehen neigten Jugendliche zu lebensgefährlichen Aktionen (Kicks), wie das S-Bahn-Surfen (während der Fahrt, außen auf dem geöffneten Türbrett stehen) oder das Fluss-springen (von einer hohen Brücke). Auffallen um jeden Preis, war auch die Motivation der Flitzer, die nackt während eines Fußballspiel über das Spielfeld rannten.
Zu einer positiven Erscheinung wurde Beach Volleyball, sowohl von Jungen als auch von Mädchen gern am Strand gespielt wurde. Da im Bikini bzw. Badehose gespielt wurde, hatte der Sport auch eine erotisierende Wirkung, wegen der körperlichen Reize. In der Spaßgesellschaft hatte die Erotik ohnehin einen hohen Stellenwert. Dementsprechend reagierte der Markt mit diversen Zeitschriften und auch das Privat-Fernsehen. Am Kiosk lockten „Praline“ und „Wochenend“ mit Humor und nackten Mädchen und im TV wurden ab Mitternacht die Softpornos aus den 70er Jahren gesendet. 
Auf Clubbühnen präsentierten Männer halbnackt ihre Muskeln und Frauen stellten beim Striptease ihre Nacktheit zur Schau. Erotikshops und Bordelle waren in jeder größeren Stadt zu finden und zu oft existierte eine Altersbegrenzung nur auf dem Papier.
In den 90er Jahren entstand ein irreführendes Frauenbild, was als Emanzipation gedeutet wurde. Das Selbstbewusstsein der Frau stieg zwar an, wurde aber durch die erotische Vermarktung in der Realität revidiert. Es war auch ein Unterschied, ob eine Frau erotisch bewundert wird oder das Auftreten einer Frau Respekt erzeugt. Somit war man in den 90er Jahren noch weit entfernt von einer wahren Emanzipation aller Frauen. Mädchen, die in der Disco dachten, mit erotisch gewagter Kleidung ihr Ansehen zu heben, förderten lediglich eine sexuellen Gier. So manches Mädchen wurde dann vergewaltigt.
Überhaupt, häuften sich sexuelle Straftaten infolge einer propagierten freien Sexualität. Die Medien (Presse, TV) und die Popmusik heizten die Erotik an und modisch wurden die weiblichen Reize erotisierend untermalt. Liebe wurde auf Sex reduziert und machten eine Beziehung oberflächlicher. Die sexuelle Ausrichtung in der Spaßgesellschaft verursachte bei viele eine Sexsucht, die mitunter zu einer Psychose wurde.
Die Zahl von Vergewaltigungen nahm zu, aber auch brutalen Straftaten, die ihre Opfer gefangen hielten und sie peinigten. Hinzu kamen Rachestraftaten, die ihre Geliebte töteten, weil sie die Liebe nicht erwiderte oder sich von ihm trennte. Neu waren auch sogenannte Amokläufe, die unterschiedlich motiviert waren. Die Rache galt hierbei mehreren Personen und der eigene Tod war einkalkuliert. Meistens waren es Mörder, die gesellschaftlich als Loser (Versager, Trottel) bezeichnet wurden. 
Die Spaßgesellschaft auch dieses Phänomen erzeugt. Besonders für die ältere Generation war dieses Jahrzehnt ein unmoralischer Bruch mit den gesellschaftlichen Werten. Es war für sie unverständlich, wie sehr die Medien jene sittliche Talfahrt mittrugen. Neben der jugendlichen Grenzenlosigkeit strebten auch noch die Kids (8 bis 12 Jahre) nach einer Anerkennung ihrer Persönlichkeit. Sie imitieren die Erwachsenen und entwickeln ihre spezielle Weltsicht. Dadurch werden sie für den Markt als Konsumentenquelle entdeckt. 
Kino-Filme, Musik-CDs, Computerspiele und Freizeitangebote wurden auf die Kids zugeschnitten. Besonders wird die weibliche Fan-Euphorie gegenüber den Boygroups gefördert und die Medien schwenken auch schnell um, als Kids und Teenager die Kelly Family idealisieren. Kids verlieren somit ihr Kind-sein und werden zu schnell in die Erwachsenwelt gestoßen. Nur wenige Stimmen wiesen auf negative Erscheinungen in der Gesellschaft hin, da die meisten sich scheuten ihre Meinung zu sagen, um nicht selbst zur Zielscheibe zu werden. Keiner wollte als Spielverderber gelten, um nicht so Spott und Hohn von den Comedians ertragen zu müssen oder von aggressiven Reportern belagert zu werden. Selbst Prominente, über die sich Comedians lustig machten, wagte kaum einer Kritik. Wer eine unpopuläre Meinung wagte, der war Spott und Beleidigungen ausgesetzt. Selbst gegen verbreitete Lügen, hatte man kaum eine Chance sich zu wehren. Zum einen dauerte ein juristischer Prozess zu lange und zum anderen war es eine Auslegungssache, ob Worte oder Aussagen eine rechtlich eine Beleidigung sind.
Die Politiker hielten sich erst recht heraus. Obwohl auch sie derb verspottet wurden, so hatte die Spaßgesellschaft auch politisch Vorteile. Die Mehrheit interessierte sich somit nicht für die praktizierte Politik und wenn, so ließen sie eine Meinung über die Medien in eine gewünschte Richtung dirigieren. Die Politiker hatten daher einen großen Handelsspielraum, zumal die wenigen alternativen Proteste keine politische Bedrohung waren. Demokratisch wurde nur manchmal der Anschein erweckt, reagieren zu müssen, aber es wurde nur gehandelt, wenn etwas politisch notwendig oder für ihre Gönner profitabel war. Als einzige unberechenbare Größe, wurde der Aufstieg der nationalistischen Republikaner (REP) und der DVU gesehen, zumal die Zahl der Nichtwähler deutlich zunahm und bei den Bundestagswahlen zu einer Gefahr hätte werden können.

 4. Arbeitswelt

Die Wirtschaftsstrategie hatte sich geändert und legte Wert auf die Kaufkraft des Bürgers. Das Gehalt der Arbeitnehmer erhöhte sich, damit sie den Wohlstand konsumieren und den Unternehmen hohe Gewinne einbringen. Die neuen Jugendtrends werden dabei als Glücksfall angesehen, da sie profitable Märkte eröffnen und negative Erscheinungen deshalb in kauf genommen werden.
Damit sich der Bürger den Wohlstand leisten kann, braucht er ein Einkommen. Daher sind Berufe mit hohen Einkommen begehrt und setzen dafür einen höheren Bildungsstand voraus. Im Verhältnis zu früheren Jahrzehnten wurde nun ein höherer Ausbildungsstand erreicht. Mit dem angestrebten Ausbildungsstand zielte man auf eine gehobene Stellung, um zugleich die Gier nach einem luxuriösen Lebensstandard zu stillen. Dadurch erhöhte sich in der Gesellschaft ein erhöhtes Karrieredenken. Die Zahl von Abiturienten und Studenten stieg stark an. Der Wirtschaft stand daher ein Überangebot von Fachkräften zur Verfügung und verstärkte, bei den Ausgebildeten, den Konkurrenzkampf um lukrative Anstellungen.
Vom Ehrgeiz getrieben strebten junge Menschen vor allem leitenden Positionen an. Sie wollten Abteilungsleiter oder Manager sein oder eine eigene Firma aufbauen.
Begehrt waren computer-technische Berufe, da ihnen die Zukunft gehörte. Dagegen waren körperlich oder/und geistig anstrengende Berufe weniger gefragt. Deshalb fehlte es in vielen Handwerksberufen an Lehrlingen, auch Pflegekräfte und Fabrikarbeiter wurden gesucht. Schon gar nicht wollte ein Jugendlicher Müllfahrer oder Reinigungskraft werden. In Status sehr hoch standen Berufe, wie Arzt, Lehrer oder Einzelhandelsverkäufer.
Das Karrierestreben zwischen weiblichen und männlichen Jugendlichen unterschied sich kaum noch, auch wenn Mädchen weniger eine technische Karriere anstrebten. Mit dem Streben nach begehrte Leitungspositionen wuchs auch ein erhöhter Leistungsdruck heran, aber mehr, um für sich zu werben und sich gegen die Konkurrenz zu behaupten.
Von einer krankhaften Arbeitssucht getrieben vernachlässigten viele ihr Privatleben und lebten nur noch für ihren Job. Das Phänomen wurde Workaholic genannt. Für Karrierefrauen wurde das Privatleben zum Planungsakt. Eine Schwangerschaft und ein Kind, wurden für sie zu einem unberechenbaren Störfaktor. Häufig haben Karrieremenschen deshalb kein intaktes Privatleben, sondern hetzen von einem Termin zum anderen und selbst sexuelle Bedürfnisse werden nach der Stoppuhr abgehandelt. Keine Sekunde darf verschenkt werden, damit die Konkurrenz kein Oberwasser bekommt oder ein wichtiger Auftrag flöten geht. Jene Arbeitsmaschinen redeten sich ein, ihre verdiente Ruhe zu finden, wenn sie ihr Ziel erreicht haben. Aber genau das passierte nie, da sich immer wieder ein neues fächer-artiges Aufgabenkonstrukt ergab. Das Ziel muss stets neu definiert werden, wodurch kein Ende erreicht werden konnte. Sofern Workaholics diese Leistungsspirale nicht erkennen, werden sie nur im Grab ihre Ruhe finden. Es verwundert daher nicht, dass so viele junge Menschen psychisch krank wurden oder einen Nervenzusammenbruch hatten.
Doch die wenigen renommierten Jobs auf den Arbeitsmarkt trieben den Angestellten auch dazu, sich unentbehrlich zu machen, um seine Arbeit zu behalten. Dazu gehörte auch sich selbst darzustellen und Rivalen zu verdrängen, anzuschwärzen oder sie zu diffamieren. Mit egoistischer Energie galt es den Konkurrenten so zu schädigen, dass er keine Gefahr mehr war oder kündigen musste. Jenes Phänomen wurde Mobbing genannt.
Die Konkurrenz blieb groß, da es für begehrte Jobs ein Überangebot gab und somit wurde Mobbing zum wirtschaftlichen Problem. Nicht wegen dem Konkurrenzkampf untereinander, sondern deren wirtschaftsschädigenden Auswirkungen für die Firma (Sabotageakte). Durch ein Überangebot von Fachkräften stieg besonders hoch die Arbeitslosigkeit von studierten Menschen an. Viele von ihnen mussten auf unterqualifizierte Tätigkeiten auszuweichen. Sehr hoch war auch ansonsten die Jugendarbeitslosigkeit (um 9%). Mitschuld daran, war die Lohn-Neuregelung für Auszubildende. Die Arbeitgeber scheuten sich daher vor den Ausbildungskosten, da das Lehrgeld im Missverhältnis zum Nutzen stand. Viele Unternehmer bevorzugten daher einen angelernten untertariflichen Ausländer einzustellen, statt die Arbeitskraft eines teureren Lehrlings auszubeuten.
Das Angebot von Lehrstellen war rückläufig, trotz einer eingeleiteten staatlichen Förderung von Lehrfirmen. Noch düsterer sah es bei den Anstellungen aus und erzeugte bei der Jugend Frustrationen. Für den Jugendlichen machte es keinen Sinn über einen Beruf nachzudenken, sie mussten eh den Job annehmen, der sich ihnen anbot. Um sich finanziell über Wasser halten zu können, nahmen viele Gelegenheits-Jobs an. Die Unternehmen reagierten auf den Trend und boten schlecht bezahlte Kurzzeitjobs an. Es waren meistens Saisonarbeiten oder als Helfer auf Baustellen. Nicht selten sparten sich die Unternehmen auch noch die Steuern, die sie ans Finanzamt hätten zahlen müssen.
Zumindest brauchte ein Unternehmer somit keine dauerhafte Arbeitskraft einstellen, die unter anderem, Anspruch auf Urlaub und einen festen Arbeitsvertrag hatte.
Andere arbeitslose Jugendliche ließen sie sich von ihren Eltern aushalten. Im „Hotel Mama“ war ein angenehmes Leben möglich und so verbarrikadierten sich so mancher Teenager in seinen Träumen. Mädchen träumten davon Model zu werden oder einen reichen Star zu heiraten. Die Jungs wollten eher Rockstar, Computerfachmann oder Manager werden. 
Im Grunde wollte alle dasselbe, ohne viel Arbeit reich werden, aber das reale Leben sah anders aus. Wenn man dann noch unmotiviert in den Tag lebte, rächte sich das meistens später, wenn nur noch der soziale Abstieg bleibt.
Andererseits war die Arbeitsplatzsituation dramatisch. Lag die Arbeitslosenzahl 1991 noch bei 2,6 Millionen (= 7,2%), so waren es 1995 schon 3,6 Millionen (= 10,4 %) und lag 1997 am höchsten mit 4,4 Millionen (=12,7%). Im Osten war die Arbeitslosigkeit noch höher und die 1,5 Millionen Erwerbslose (1997) entsprachen einer Quote von 19 %. Hinzu kam, dass der Arbeitnehmer nur 70% Gehalt erhielten, im Vergleich zu den alten Bundesländern.
Bei gleichen Lebenshaltungskosten verdiente der Ostdeutsche weniger Geld. Aus diesem Grund versuchte die Ost-Jugend eine Anstellung im Westen zu finden und verschärften dort die Arbeitsplatzsituation. Im Osten verblieben dagegen die Alten und Rentner.
Trotz Spaßgesellschaft verursachte die Lage auf dem Arbeitsmarkt, aggressive Reaktionen der Jugendlichen, zu deren Fürsprecher sich nationalistische Parteien machten. Im politischen Hick Hack waren die Bundespolitiker kaum entscheidungsfähig. Offensichtlich waren sie mehr damit beschäftigt ihr eigenes Schäfchen ins trockne zu bringen, statt auf die Probleme der Zeit zu reagieren. Erst mit dem Regierungswechsel Ende der 90er, wurde das CDU-Chaos sichtbar und hinterließ der Schröder (SPD) Regierung ein schweres Erbe. Die SPD scheute sich aber wahlstrategisch die nötigen Entscheidungen zu treffen. Zumindest dämmten sie die Jugendarbeitslosigkeit ein, indem die Regierung ein aufgestocktes Ausbildungsgeld an die Firmen zahlte und Lehrstellenquoten veranschlagten.
Die unausgegorenen Maßnahmen der Regierung zeigten weniger Resonanz als erhofft. Ebenso fruchteten die anderen halbherzigen Reformen nicht. Das Staatsdefizit stieg munter weiter und neue Steuern baten den Bürger zur Kasse. Die Privatisierung staatlicher Firmen, wie der Post, der Telekom und der Bahn brachten nicht die erwartete Entlastung. Immerhin sank bis zum Ende des Jahrzehnts die Arbeitslosigkeit auf 8% und die Lage auf dem Arbeitsmarkt entspannte sich etwas.

Arbeitslosigkeit in Deutschland

BRD  1950 bis 1989 (Prozent im Verhältnis zur Anzahl der gesamten Erwerbstätigen)

1950: 1,868 Mio.  (11,0 %)    1955:  1,073 Mio.  (7,6 %)      1960:  0,270 Mio.   (1,3 %)
1965: 0,147 Mio.  (0,7 %)      1970:  0,148 Mio.  (0,7 %)      1975:  1,074 Mio.   (4,6 %)
1980: 0.888 Mio.  (3,8 %)      1985:  2,358 Mio.  (9,3 %)      1989:  2,037 Mio.   (7,9 %)

Deutschland 1990 bis 2000
(Prozent im Verhältnis zur Anzahl der gesamten Erwerbstätigen)

Jahr Westdeutschland Ostdeutschland
1990 1. 888. 147               (7,2 %) Noch nicht erfasst
1991 1. 596. 457               (6,2 %) 1. 005. 746                (10,2 %)
1992 1. 699. 273               (6,4 %) 1. 279. 297                (14,4 %)

Es machte sich bemerkbar, dass Ostdeutsche in den Westen auswanderten und sich somit in Ost und West die Arbeitslosigkeit erhöhte (im Osten vor allem, da es weniger Erwerbstätige gab)

1993 2. 149. 465               (8,0 %)  1. 269. 676                (15,4 %)
1994 2. 426. 276               (9,0 %) 1. 271. 781                (15,7 %)
1995 2. 427. 083               (9,1 %)  1. 184. 838                (14,8 %)
1996 2. 646. 442               (9,9 %) 1. 318. 622                (16,6 %)
1997 2. 870. 021              (10,8 %) 1. 514. 435                (19,1 %)
1998 2. 751. 535              (10,3 %) 1. 529. 095                (19,2 %)
1999 2. 604. 720               (9,6 %) 1. 495. 779                (18,7 %)
2000 2. 380. 987               (8,4 %) 1. 508. 707                (18,6 %)

 

Höchste Quote im Osten: Sachsen Anhalt ⇒ 1998 = 20,4 %

Niedrigste Quote im Osten: Brandenburg ⇒ 1994 =  13,4 %

Höchste Quote im Westen: Bremen   ⇒1997 = 15,4 %

Niedrigste Quote im Westen: Bayern ⇒1995 =  6,0 %