1. Der Zauberapfel

Geschichten 1 bis 5

1. Der Zauberapfel
2. Der veflixte Donnerstag
3. Die Schulbücher

4. Ein hellblaues Kleid

 

1. Der Zauberapfel
 
Der September neigte sich dem Ende und zeigte sich von seiner schönsten Seite.
Der kleine Michael schaute in den wolkenlosen Himmel, wo sich zwei Schwalben spielerisch jagten. Die ersten Blätter wurden bunt und fielen vom Baum. Erschöpft saß er unter einem Apfelbaum und genoss die spätsommerliche Wärme. Ein leichter Wind spielte mit den längsgestreiften halblangen Ärmeln des hellblauen T-Shirts. Eben noch war er der kühne Prinz, der den bösen schwarzen Ritter besiegte. Neben ihm auf der Wiese lag sein prächtiges Schwert, ein langer glatter Stock, aus Opas Werkstatt. Zur Stärkung aß er erst einmal einen Apfel, die auf dem Lande viel besser schmeckten, als aus dem städtischen Supermarkt.
Inmitten der Wiese fiel ihm plötzlich etwas goldgelb Leuchtendes auf. Neugierig sprang er auf, ging hin und fand einen außergewöhnlichen hellen Apfel. Er war so seltsam glatt, ganz ohne andere Farbpigmente und nichts Unebenes. Wie gemalt wirkte er, wie ein Ball mit Stiel. Erstaunt hielt er den Apfel in den Händen und betrachtete ihn von allen Seiten. Das musste etwas ganz Besonderes sein. War es gar ein Zauberapfel?
Er dachte sofort an das Märchen von Oma Friedel, das ihn tief beeindruckte. Sie erzählte es ihm, als er dem Obst noch ablehnend gegenüberstand und Vitamine lieber in Form von Säften zu sich nahm. Ihm ging es ein bisschen so, wie jener Prinzessin, die kein Obst mochte.
Als Kind verschluckte sie sich an einen Kirschstein und glaubte beinahe daran erstickt zu sein. Zu oft entdeckte sie in Äpfel einen Wurm oder sie hatten braune faulige Flecken.
Und die bitteren Kerne in den Weintrauben mochte sie auch nicht.
Eines Tages überfiel ein bösartiger schwarzer Ritter das kleine Königreich und verlangte, dass ihn die Prinzessin heiraten sollte. Es gelang ihr zu flüchten, doch die Häscher des Ritters verfolgten sie, sodass nur der Wald ihr Schutz bot. Je tiefer sie aber hinein ging, desto mehr verirrte sie sich. Schließlich musste sie auch die Nacht im Wald verbringen. Am nächsten Morgen bekam sie langsam Hunger, aber sie hatte nichts zum Essen mitgenommen.
Oma sagte, dass sie stundenlang umherlief. Doch dann kam sie plötzlich zu einer Lichtung und inmitten davon stand ein Apfelbaum. Es blieb ihr nichts anderes übrig, um die Früchte
zu essen. Sie hatte Hunger und angeekelt biss sie hinein und war überrascht, wie saftig und ungewöhnlich süß die Äpfel schmeckten. So vergingen die Tage, denn jeder Weg den sie ging führte wieder zur Lichtung zurück. Sie war inzwischen ganz verzweifelt und weinte bitterlich. Doch dann sprach überraschend ein Eichhörnchen zu ihr, „Suche den goldenen Apfel und reibe an seiner Schale, dann wird er dir drei Wünsche erfüllen.“
Die Prinzessin glaubte zu träumen, aber das Eichhörnchen widerholte seine Worte. Also suchte die Prinzessin die goldene Frucht und fand sie versteckte im hohen Gras. Nur was sollte sie sich wünschen? Oma erzählte, wie lange die Prinzessin hin und her überlegte, und beschloss erst einmal dem Land zu helfen. So wünschte sie sich, dass der schwarze Ritter verschwand und ihr Volk immer glücklich und zufrieden Leben sollte. Bevor sie ihren dritten Wunsch sagen wollte, sagte das Eichhörnchen zu ihr, „Du hast Weise gewählt! Deshalb spare deinen letzten Wunsch und folge dem Licht, der dich nachhause führt.“ Plötzlich leuchtete ein grelles Licht auf und führte die Prinzessin auf den Heimweg. Von nun an aß sie viel Obst und jedes Mal, wenn sie in einen Apfel biss, erinnerte sie sich an jene Lichtung im Wald.
„Und was ist mit dem letzten Wunsch?“, wollte Michael wissen, denn Oma beendete immer die Geschichte so. „Weißt du, dass blieb ihr Geheimnis. Vielleicht hat sie sich einen Prinzen
gewünscht, der wer sie voller Liebe war und ihr Herz verzaubern konnte.“  
Das Märchen bekam Michael von Oma öfter hören, aber jedes Mal erzählte sie es anders. War sie beim Kartoffelschälen, fuchtelte sie mit dem Messer umher und mimte den Kampf mit dem bösen Ritter nach. Lag sie im Liegestuhl und lass ein Buch, schilderte sie das Aussehen der Prinzessin in kleinsten Einzelheiten. Nach einer Mahlzeit am Esstisch beschrieb sie eher die köstlichen Speisen, die sie verzehrte.
Wie dem auch sei, bei seiner Oma aß Michael gerne Obst und glaubte dadurch klüger zu werden. Nur zu Hause schmeckten die Früchte irgendwie anders und im Kindergarten überhaupt nicht. Auch das Mittagessen bei Oma mundete ihn mehr als daheim. Für ihn war Oma Friedel eine Spitzenköchin und Superbäckerin, auch die selbstgemachte Marmelade war ebenfalls hervorragend. Er war gerne bei seiner rundlichen, kleinen Oma auf dem Dorf zu Besuch. Sie hatte immer Zeit für ihn, beantwortete all seine Fragen und meisten verpackte sie ihre Antworten in märchenhafte Geschichten.
Aber sein sehnlichster Wunsch erfüllte sich auch hier nicht.
Immer noch starrte er auf den Zauberapfel und dachte an den verkorksten Geburtstag vor vierzehn Tagen. Es war sein sechster Geburtstag und er hatte sich so sehr einen kleinen Hund gewünscht. Sein Freund Dieter hatte einen richtig großen Collie und selbst der doofe Steffen hatte zumindest eine Katze. Michael suchte aber vergeblich nach einem lebenden Geschenk. Stattdessen musste er sich diesbezüglich die Begründungen seiner Eltern anhören, die er über-haupt nicht einsah. Wer sollte sich um den Hund kümmern, hieß es, wenn die Eltern auf der Arbeit sind und er im Kindergarten oder später in der Schule ist? Papa sprach zudem von Tierquälerei, wenn man einen Hund in der städtischen Neubauwohnung halten würde. Mama dagegen störten die Hundehaare, der Gestank vom nassen Fell und der ganze Schmutz, den ein Vierbeiner in die Wohnung bringen würde. Für ihn waren dies alles Ausreden.
Michael schob sein verkehrt herum sitzendes, dunkelblaues Base Cap nach hinten und kratzte sich nachdenklich in den blonden Haaren. Konnte es denn sein, dass er wirklich einen Zauberapfel in den Händen hielt ...? Schließlich sagten alle, dass er ein lieber Junge sei.
Na gut! Im Kindergarten fanden ihn einige doof. Aber er half der spindeldürren Conny, wenn man sie wieder ärgerte, und befreite den dicken Torben, wenn er von dem blöden Sven in den Schwitzkasten genommen wurde. Demzufolge müsste ein Zauberapfel funktionieren.   
Nein, das wäre ein Wunder und so etwas gibt es nicht, sagt Papa immer. Oder? Genauso albern war es in der Fantasie ein Prinz zu sein! Aber er war eben ein Prinz und kämpfte gegen einen bösen Ritter, der in Wirklichkeit ein Baum war! Michael fühlte sich gut dabei, also warum sollte er es mit dem Wünschen nicht mal probieren? Liebevoll wischte er den Apfel mit seinem T-Shirt noch blanker, hielt ihn vor das Gesicht und flüsterte ihm seinen Wunsch zu. Michael drehte sich suchend nach allen Seiten um, spitzte seine Ohren, doch nichts geschah. Wie nur funktioniert so ein magischer Apfel?
Noch einmal putzte er ihn, sprach etwas lauter, holte Wasser und wusch ihn. Wieder kein Bellen, wieder kein Hund in Sicht. Immer grimmiger wurde sein Blick und Zornesfalten legten sich auf die Stirn, weil noch nichts geschah. Schließlich nahm er enttäuscht den Apfel und feuerte ihn kräftig zu Boden. Der Apfel zerplatzte in viele Einzelteile und eine Träne kullerte aus Michaels Augen. Es wäre zu schön gewesen, doch noch zu einem Hund zu kommen!
In diesem Moment hörte er seine Mutter rufen. Aufgeschreckt fiel ihm ein, dass heute Sonntag war, der Tag, an dem sie ihn wieder abholen wollten. Schade dachte er kurz, denn er war gern bei seiner Oma, aber Mama hatte er genauso lieb. Also rannte er los begrüßte sie herzlich und versuchte seinen Kummer zu verbergen. Aber sie schien sowieso nichts zu merken, denn sie schickte ihn sofort vor das Landhaus und er sollte beim ausladen helfen.
An der kaum befahrenen Straße parkte das Auto in der Einfahrt und Papa wartete schon mit ziemlich ernster Miene. Was hab ich denn nun wieder falsch gemacht, dachte Michael, so langsam war er doch gar nicht! Nach einer knappen Begrüßung befahl ihm sein Vater, „Hol' mal bitte das Päckchen auf dem Rücksitz für Oma!"
Michael öffnete missmutig die Tür und glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Auf dem Rücksitz saß ein kleiner tapsiger weißer Hund, der ihn halbschräg mit großen Augen und gespitzten Ohren anschaute. Gebannt starrte er auf den Hund, rieb ungläubig seine Augen und konnte sein Glück nicht fassen. Sein Vater lächelte spitzbübisch, und inzwischen sind auch seine Mutter und die Oma auf die Straße gekommen und freuten sich mit ihm. In einem unbändigen Jubel riss er seine Arme hoch, umarmte dankend voller Freude seine Eltern und Oma Friedel. Innerlich völlig aufgewühlt wirkte er konfus, bis er sich seinen Hund widmete, ihn liebevoll streichelte und durchknuddelte.
Es war wohl doch ein Zauberapfel, fiel ihm ein? Michael glaubte, dass es doch Wunder gibt, durch die Kraft der Fantasie. Unwichtig, warum die Eltern plötzlich umdachten und dass eine befreundete Nachbarin sich mit um den Hund kümmern wollte.
Zur Verblüffung aller, setzte Michael den Hund zurück in den Wagen und rannte so schnell er konnte in den Garten. Vor den Überresten des goldgelben Apfels blieb er mit einem Blick der Entschuldigung stehen. Reumütig hockte er sich hin, schob die Apfelteile sanft zusammen und mit Tränen beklagte er sein tun. „Verzeih mir“, sagte er schluchzend, hob die Apfelteile  mit den Händen hoch und legte sie feierlich unter den Apfelbaum.
Bevor er ging, verneigte er sich und sagte „Danke!“

2. Der verflixte Donnerstag

Hannes Diesel ist seit langer Zeit Fahrer des Schulbusses. Von den umliegenden Siedlungen der Stadt Templin bringt er die Schüler zum uckermärkischen Unterricht. Die Eltern und die Schule schätzen ihn sehr, da er für seine sichere Fahrweise bekannt ist und demzufolge noch nie einen Unfall gehabt hatte. Wenn jemand das Prädikat „Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit“ verdiente, dann war er es. Er war auch noch nie an einem Schultag krank gewesen. Und eine kleine Erkältung oder eine sonstige Unpässlichkeit war für ihn keine Krankheit.
Früher brachte er mich mit dem kleinen Robur (Kleinbus der IFA-Werke der DDR) sicher zur Schule und heute fahren meine Kinder mit ihm. Inzwischen betagt, hatte er von seiner kräftigen Statur nichts verloren, nur schiebt er heute einen kleinen Bierbauch vor sich her. Mit seiner markanten, kräftigen Stimme flößt er den Schülern immer noch den nötigen Respekt ein und gleichzeitig strahlte er durch seine ruhige, ausgeglichene Art Sicherheit aus.
Tag für Tag düst er mit dem Schulbus von Siedlung zu Siedlung, deren Orte mitunter aus drei Häusern bestehen. Selbst in der heutigen Zeit lohnte es sich nicht, für die wenigen Be-wohner eine Straße zu bauen. Die Tour führte ihn deswegen über einen extra verbreiterten, festgefahrenen Waldweg, der zugleich Hauptstraße war und von dem sich Wege in die Dörfer abzweigten. Selbst auf dem Hauptweg musste Hannes ganz besonders vorsichtig fahren, denn durch die Witterung bildeten sich immer wieder Mulden und Löcher. Meistens kümmerten sich die Anwohner um den Waldweg und füllten Schlaglöcher mit Bauschutt oder Steinen auf. Schließlich nutzten sie selbst mit ihrem Auto den Fahrweg. Dennoch barg eine unbefestigte Straße immer wieder neue Gefahren. Hannes manövrierte sicher den Kleinbus durch das waldreiche Gebiet, auch wenn man als Schüler so manches Mal kräftig durchgeschüttelt wurde. Er kannte jede Vertiefung und war auf alles vorbereitet. Sogar eine Motorsäge hatte er dabei, falls ein umgestürzter Baum den Weg blockieren würde.
An dem Donnerstag vor Ostern machte er, wie gewohnt, mit seiner knatternden Kutsche die vertraute Rundfahrt. Gut gelaunt fuhr Hannes an dem herrlichen, wolkenlosen Morgen der
aufgehenden Sonne entgegen. Die Frühlingsferien standen vor der Tür und er war von seiner Tochter nach Berlin eingeladen worden. Besonders freut er sich auf seine Enkeltochter, die mit ihrem Kleinkindcharme ihren Opa umgarnte und sein Herz erfreute.

In Gedanken hätte er beinahe den ersten Zwischenhalt verpasst. Da seine Route nie durch die Ortschaften führte, weil das mit dem Bus zu kompliziert gewesen wäre, gab es links und rechts nur dichten Wald. Er konnte sich lediglich an die kleinen hölzernen Wartehäuschen orientieren und den Bushalteschildern. Dahin mussten die Kinder laufen und dort auf ihn warten. Die Entfernung zu ihren Wohnhäusern war meistens gering, und wenn Hannes genau hinsah, konnte er die roten Dächer mancher Häuser erkennen. 
Doch was war das? Am ersten Wartehäuschen stand keiner. Er schaute noch einmal auf die Uhr. Pünktlich wie immer! Hier stiegen sonst immer die drei Rüpel von Schmidts ein. Vielleicht waren sie krank oder verreist? Sicherheitshalber betätigte Hannes die Hupe und wartete ein wenig, aber nichts passierte. Durch das Warten in Verzug geraten fuhr er etwas schneller und kam mit sieben Minuten Verspätung am nächsten Halt an. An diesem Ort standen sonst die meisten Schüler. Wieder war keiner von den acht Kindern zu sehen.
Hannes schaute ungläubig suchend umher. Was war hier los? Die können doch nicht einfach nach Hause gegangen sein? Es war zwar schon ungewöhnlich spät, aber er hatte stets ein entsprechendes Zeitpolster für alle Eventualitäten. Langsam wurde Hannes unruhig. 
Er konnte es sich nicht erklären. Wieder wartete er, hupte und überlegte hin und her. Hatten die Ferien etwa heute schon begonnen? Fieberhaft schaute er auf den Einsatzplan, vielleicht hatte er irgendetwas übersehen. Alles in Ordnung, zumal keine neue Order in seinem Fach im Betrieb lag. Hannes grübelte, was denn sonst der Grund sein könnte? Plötzlich fiel sein Blick auf die Uhr. Es waren noch sieben Kinder abzuholen und er hatte inzwischen neunzehn Minuten vertrödelt. Der sonst so ruhige Hannes geriet in Panik und wollte die Zeit unbedingt aufholen. Dass er dabei zunächst den Motor abwürgte, macht ihn nicht ruhiger.
Mit unerlaubt hoher Geschwindigkeit donnerte er durch die Botanik, um beim nächsten Wartehäuschen einigermaßen pünktlich anzukommen. Ausgerechnet an dem Tag kam plötzlich von rechts ein Waldfahrzeug aus dem Busch. Erschrocken riss er die Augen auf und geistesgegenwärtig wagte er ein riskantes Ausweichmanöver.
Hannes umschiffte zwar denn Holztransporter, kam jedoch vom Wege ab und steuerte auf eine Kiefer zu. Das Bremsen gelang ihm durch das Ruckeln und Schuckeln nicht so richtig und krachte doch noch dagegen. Kurz darauf knackte es und ein furchtbarer Schmerz durchfuhr seinen Körper. Die Fahrerseite war demoliert und der linke Unterschenkel hatte sich ungünstig verkeilt gehabt und er hatte sich durch den Aufprall offenbar ein Beinbruch zugezogen. Hannes saß kopfschüttelnd im Bus, spürte keine Schmerzen mehr, weil er sich über den Unfall ärgerte und sich um die wartenden Kinder sorgte. Der Fahrer des Forstfahrzeuges hatte inzwischen mit seinem Mobiltelefon einen Krankenwagen gerufen. Obwohl selbst noch unter Schock, schaute er nach Hannes, der mit Selbstvorwürfen beschäftigt war und ihn gar nicht wahrnahm. Nach kurzer Zeit kam ein Rettungswagen mit lautem Tatütata, gefolgt von einem Streifenwagen. Während sich der Notarzt und sein Fahrer um Hannes kümmerten und ihn aus der misslichen Lage befreiten, befragten die Polizisten den Kraftfahrer des Forst-fahrzeuges. Als Hannes schon auf der Krankentrage lag, befragten ihn die Beamten nach seiner Version vom Unfall. Einer der Beamten war ausgerechnet dieser Schmidt, registrierte Hannes mürrisch, deren drei Rabauken er öfter zur Ordnung rufen musste. Für Hannes stand fest, dass dies an der Erziehung lag, und mochte den Ordnungshüter deswegen nicht. Die Fragen beantwortete er deshalb nur kurz und knapp. Schließlich fragte er ihn noch, was er überhaupt hier machen würde, da verlor Hannes die Beherrschung.
„Nach was sieht's denn aus?“, entgegnet er schnippisch und gab sich entrüstet.
„Nach einer Spazierfahrt im Grünen!“, hielt Schmidt spitzfindig dagegen. Daraufhin schwoll Hannes Brustkorb vor Wut an, dass es aussah, als würde sein Bierbauch in die Lunge aufgesaugt werden. Unbeeindruckt vor einem drohenden Vulkanausbruch machte der Beamte seine Notizen.
„Also meine Kinder wussten, dass heute keine Schule ist!“, meinte er beiläufig.
Hannes, der inzwischen im Krankenwagen lag, kam sich wie ein Boxer vor, der gerade mehrere KO - Schläge hinnehmen musste. „Wieso keine Schule?“
„Die Lehrer haben kurzfristig für heute eine Lehrerkonferenz einberufen und das sollte zugleich eine Art Protestmaßnahme gegen die Sparmaßnahmen der Landesregierung sein.“
Wie sich später herausstellte, ist eine entsprechende Information für ihn im falschen Fach des Fahrbetriebes gelandet. Somit galt für ihn, der nicht korrigierte Dienstplan.
Hannes verlor an diesem Donnerstag seinen guten Ruf und einige Kollegen machten sich sogar über ihn lustig. Doch am schlimmsten war, dass er seine Enkeltochter in Berlin nicht besuchen konnte und über Ostern Krankenhauskost essen musste.  

3. Die Schulbücher

Gabriela trug gerade ihr neues hellgrünes Kleid über den Berliner Alexanderplatz zur Schau, als sie ein bekanntes Gesicht erkannte. Sie überlegte und rief verunsichert, „Renate?!“
Die mittelgroße zierlich Schwarzhaarige blieb stehen, drehte sich um und schaute zunächst ungläubig zur Rufenden. Sie erkannte sofort das lockige blonde Haar und die schrille Stimme, die immer noch dieselbe war und Freude legte sich auf ihr blasses Gesicht. Sie kannten sich aus Magdeburg, wo sie lange Zeit nebeneinander in einem Mietshaus wohnten und fast Freundinnen geworden waren.
„Mensch Gaby! Dass ich Dich hier treffe. Manchmal ist die Welt wirklich ein Dorf.“
„Grüß Dich, Renate! Schön Dich mal wieder zu sehen.“
Wie früher umarmten sie sich freundschaftlich mit einem angedeuteten Küsschen.
„Du hier in Berlin? Wohl auch auf Shoppingtour?“, vermutete Gabriela.
„Nee, leider nicht! Ich muss diese bescheuerten Schulbücher kaufen“, echauffierte sie sich. „Schulbücher?“, wunderte sich Gabriela, während sich über Renates Stirn finstere Runzeln legten, und zog die Mundwinkel schief.
„Na Du weißt doch. Wir sind damals nach Schwerin gezogen, wegen seiner Arbeit. Leider machte die Firma Pleite und er war arbeitslos. Zum Glück fand er sofort eine neue Anstel-lung, hier in Berlin. Na und das hieß erneut umziehen.“
,,Prima! Wir wohnen jetzt ebenfalls hier“, warf Gabriela erfreut ein.
„Toll! Da können wir uns ja regelmäßig treffen. Wo wohnt Ihr denn?“
„In Friedrichshain!“ „Na Prima! Wir auch!“
Freudig tauschten sie die Adressen und Handynummern aus und speicherten alles.
„Sag mal! Du wirkst etwas verärgert“, stellte Gabriela fest.
„Na das kann ich Dir sagen!“, begann Renate aufgebracht. „Meine Ines braucht neue Schul-bücher, da jede Schule andere benutzt. Und die neuen Bücher aus Schwerin kann ich jetzt in die Tonne werfen. Denkst Du, ich habe die verkauft bekommen?“, ereiferte sie sich mit einem bissigen Unterton. Gabriele schüttelte verständnisvoll den Kopf und machte sich ihrerseits Luft über ihre Erfahrungen mit dem Bildungssystem.
„Das Spiel kenn' ich! Die Bücher waren zwar nicht so sehr das Problem, denn unser Steven brauchte eh Neue. Aber dafür gingen seine Leistungen bergab und schuld daran sind diese unterschiedlichen Lehrpläne. In Englisch rutschte er von zwei auf vier, nur weil Die hier im Stoff viel weiter waren. Da kam er zunächst überhaupt nicht mit. Dagegen war er in Mathe den Berlinern weit voraus, was aber auch nicht gut war. Vor lauter Langeweile verpennte er den neuen Stoff.“
„Ach ja!“ bemerkte sie erschrocken. „Das blüht Ines sicherlich auch. Ich weiß noch, wie sehr sie in Schwerin darunter gelitten hatte. In Magdeburg war sie Klassenbeste und in Schwerin nur noch Durchschnitt.
Weißt Du?“, wurde Renate nachdenklich, „in puncto Schule wünschte ich mir das DDR-System zurück. Von Rostock bis Suhl einheitliche Schulbücher und die gleichen Lehrpläne.“
„Und gleiche Ferienzeiten“, ergänzte Gabriela. „Mein Bruder wohnt jetzt in Hessen und der Freund von meinem Mann in Brandenburg. Was meinst Du, wie wir umherzirkeln müssen, um gemeinsam in Urlaub fahren zu können.“ Renate nickte bekräftigend und verglichen die heutige Zeit mit der Vergangenheit.
„Spielerisch lernen heißt es und die Kinder mit Streicheleinheiten zum Lernen animieren“, betonte Gabriela sarkastisch. „Unser Steven hat die ersten drei Jahre Schule als Spielplatz begriffen. Ihm waren auch Bienchen und die anderen Tiere als Noten völlig egal.“
„Meine Tochter hat auch ein Phlegma entwickelt, weil sie nicht wusste, wo sie steht“, ergänzte Renate. „Mit der Zensierung hat sich das glücklicherweise geändert.“
„Und man wusste auch nie als Elternteil, wo man seinem Kind helfen sollte!“
„Das weiß man jetzt auch nicht so richtig. Manches wirkt schon ziemlich konfus.“
„Wie wahr! In den Schulbüchern springen sie im Stoff munter umher oder lassen einige Themen einfach aus. Ein System lässt sich jedenfalls nicht erkennen.“
„Sie Schreiben auch kein Tafelbild mehr ab und erhalten Aufgabenblätter. Man fühlte sich wie bei Günther Jauch (*5) und brauchen sich nur zwischen A, B, C oder D entscheiden.“
Beide kicherten ironisch.
„Vielleicht schnitt Deutschland deswegen in dieser PISA-Studie 2000 (*6) so schlecht ab?“ vermutete Gabriela. „Das würde mich nicht wundern“, pflichtete Renate ihr bei. „Und ich kann mir nicht vorstellen, dass alle Schüler in der Zehnten denselben Bildungsstand haben. Nicht umsonst müssen sich alle Stellenbewerber einen Wissenstest unterziehen. In der Firma meines Mannes ist das nämlich so. Selbst Gymnasiasten werden überprüft“, betonte sie.
,,Das macht wohl heute jede Firma. Mein Mann sagte mir ähnliches. Zumindest verlässt sich sein Betrieb nicht mehr auf das Abschlusszeugnis. Was nützen die besten Noten, wenn man sich nicht an das wahre Leistungsvermögen orientieren kann? Entscheidende Defizite kann eben nicht die Lehrzeit ausgleichen, sagt mein Mann. Wenn man sich das Mal auf der Zunge zergehen lässt, so bekommen unsere Kinder ein Abschlusszeugnis, dass nichts wert ist!“
Gabriela gefiel diese Feststellung überhaupt nicht. Beide dachten dabei an die Zukunft ihrer Sprösslinge und Renate sah eher düstere Wolken am Bildungshorizont hochziehen.
„Und die Politiker und Pädagogen labern nur umher und schwingen großartige Reden, statt sich nur mal in Europa umzusehen. Manchmal denk ich, dahinter verbirgt sich eine Methode.“ „Das Gefühl habe ich auch langsam!“, erzürnt sich Renate. „Die Einheimischen sind wohl dem Staat zu teuer. Statt in die Bildung zu investieren, darf sich die Wirtschaft preiswerte Fachleute aus dem Ausland holen, und hierzulande kann jeder mit Bildung experimentieren.
Wir sind ja so fortschrittlich! In Wirklichkeit soll das unsere Augen verkleben!“
„Du meinst, die Politik ist gar nicht an ein gutes Bildungsniveau interessiert?“
„Zumindest nicht für jeden. Schau Dich doch mal um im Bildungschaos. Kinder, die keine Eigeninitiative entwickeln bleiben auf der Strecke. Für die Meisten ist die Tangente heute schon ein Schwimmvogel und Schiller eine Rockband.“ Gabriela musste lachen und Renate lächelte kurz und fuhr besorgt fort.
„Dazu kommen die neuen pädagogischen Richtlinien, die aus unseren Kindern Miniterroristen machen. Wenn das so weiter geht, müssen wir unseren Nachwuchs in teuren Privat-schulen anmelden. Mein Mann sagt, ihre Firma nimmt solche Schüler mit Kusshand.“
„Wirklich?“, erstaunt warf Gabriela Renate einen interessierten Blick zu und wollte mehr darüber wissen, denn schließlich sorgte sie sich ebenso, um die Zukunft von ihrem Steven. Gabrielas Augen begannen zu leuchten und sie erzählte schwärmerisch weiter.
„Wegen Ines hab’ ich mir mal so eine Schule angeschaut. Stell Dir vor! Ich dachte wieder in der DDR zu sein. Dort stürmen sie nicht, wie eine Hammelherde nach der Pause das Schulgebäude, sondern stellen sich artig in Zweierreihen an und werden von ihren Lehrern abgeholt. Und wie in England tragen sie eine einheitliche Schuluniform und vermeiden damit modische Missstimmungen. Die soziale Herkunft rückt somit völlig in den Hintergrund.“
„Meinen Sohn hatten sie unlängst verspottet, weil er keine Sportschuhe von Adidas oder Nike (*7) hatte“, steuerte Gabriela zum Problem bei und Renate nickte wissend dazu. 
„Ich hab mir mal den Lehrplan angeschaut. Selbst für einen Laien war er klar strukturiert und für alle Privatschulen des Typs Pflicht. Natürlich werden die Eltern im Lernprozess aktiv einbezogen und es ist selbstverständlich, dass Leistungsschwache nicht ihrem Schicksal überlassen werden. An solchen Schulen wird der Gemeinschaftsgeist über die Individualität gestellt. Eine Klasse begreift sich als Team, das sich untereinander hilft. Ab der achten Klasse kommen die Leistungsstärksten in eine Sonderklasse, nennt sich aber nicht Gymnasium.“
„Wie damals die EOS (*8)“, verglich Gabriela.
„Auf jeden Fall bekommen sie zum Abschluss eine Bewerbungsmappe, in der detailliert das Wissensniveau des Schülers dargestellt wird. Zu jedem Fach steht eine Kurzbeschreibung des vermittelten Wissens. Das Ganze hat schon rein formal Stil. Wenn ich Chef wäre, würde ich schon deswegen einen solchen Bewerber bevorzugen.“
Renate Ausführungen klangen für Gabriela etwas übertrieben und sicherlich war ein bisschen Wunschdenken mit dabei. Dennoch dachte sie an ihren Sohn und war schon davon überzeugt, dass er nur in den Privatschulen die besten Chancen für die Zukunft hatte. „Klingt wirklich toll!“, kommentierte sie fasziniert.
„Übrigens, die Vertragsbedingungen garantieren den Erfolg, so fliegt jeder, der nicht spurt.“
„Du meinst ...!“, Gabriela sah Renate skeptisch an.

„Genau! Die Pädagogen lenken die Kinder zu einem verantwortungsvollen Umgang mitein-ander und dulden kein Ausscheren und keine Gewalt. Natürlich unterscheiden sie zwischen kindlichen Ungezogenheiten, wie kleinen Frechheiten, Streichen oder Raufereien und jenen Unbelehrbaren, deren Taten schon eine hohe kriminelle Energie in sich bürgen.“
„Man sollte für Solche Erziehungsinternate einrichten“, meinte Gabriela, deren Blick vor Wut schäumte. „Mein Sohn wurde lange Zeit von einer Klicke bedroht und angegriffen. Die Bande terrorisierte die gesamte Schule. Eingaben über Eingaben hagelte es von uns Eltern, aber nichts passierte. Angeblich wurden sie stets bestraft, aber weil sie sich reumütig zeigten, war die Schule verpflichtet, ihnen eine neue Chance zu geben.“ Renate zog Augenbrauen hoch, rollte mit den Augen und brachte mit einem kopfschüttelnden Zischgeräusch ihren Frust über die besänftigenden Behördensprüche zum Ausdruck. Deren Argumente forderten immer wieder ein entmachtendes Verständnis für die Täter.
„Manchmal hab ich das Gefühl, dass sich die Opfer bei den Tätern entschuldigen sollten“, meinte Renate sarkastisch. „Denn wenn man Strafen verlangt, wird man schnell als fremden-feindlich, verständnislos oder hinterwäldlerisch bezeichnet.“
„Genau!“, unterstrich Gabriela.
„Erst wenn eine Situation eskaliert, kommt das große Entsetzen. Jedenfalls haben jene Chaoten einen Lehrer krankenhausreif geschlagen, wegen einer Fünf in Mathe. Das Amt suchte zunächst die Schuld beim Lehrer, provokante Lehrmethoden oder so. Aber die Meisten Lehrer weigerten sich demonstrativ, die Schläger weiter zu unterrichten. Es gab dann tatsächlich ein Strafverfahren gegen die Drei und sie wurden mit einem Freizeitarrest belegt und flogen sogar von der Schule. Und was soll ich Dir sagen. Ich habe gehört, dass sie jetzt an einer anderen Schule sind und unbelehrbar genauso weiter machen.“
„Unglaublich!“ schüttelte Renate fassungslos den Kopf. „Schon um sein Kind zu schützen, sollte man die Schule wechseln.“
„Sag mal, was kostet denn die Privatschule?“, wollte Gabriela wissen.
„Leider 400 Euro monatlich, inklusive Unterrichtsmaterial“, sagte Renate betrübt.
Ebenso pustete Gabriela über diese Kosten. Wie sollte man das finanzieren, dachte sie.

„Ganz schön teuer. Ich weiß nicht, ob wir uns das leisten können?“
„Dasselbe Problem haben wir auch. Irgendwo hoffe ich ja, dass die Politiker sich doch noch zu einem vernünftigen Bildungssystem durchringen.“
Erschrocken sah Renate auf ihre Uhr.

„Oh Gott, schon so spät. Du entschuldige! Aber ich muss jetzt los. Wichtige Termine. Warte mal …“, dabei kramt sie in ihre Tasche und holt noch eine Visitenkarte hervor.
„Ruf mich bitte heute Abend an! Wir müssen uns unbedingt mal wieder treffen.“

*5 = Moderator der populäre RTL Quizshow „Wer wird Millionär!“
*6 = europäische Schulleistungsstudie im 3-Jahreszyklus
*7 = führende Sportschuhhersteller ( Adidas / Nike )
*8 = Abkürzung für Erweitere Oberschule in der DDR und entspricht dem heutigen Gymnasium

 

4. Ein hellblaues Kleid

Sehnsuchtsvoll sah ich nach draußen. Der Septembertag versprach von der Sonne verwöhnt zu werden. Leider musste ich die Weisheiten der Lehrer über mich ergehen lassen.
Plötzlich öffnete sich die Tür und die Direktorin trat mit einer hellblauen Erscheinung herein. Das Mädchen stand vor der Klasse mit gesenktem Kopf und wirkte ängstlich. Und vor allem trug sie dieses komische hellblaue Kleid. Viel zu groß für diese kleine zierliche Person. Unmodisch, ohne Chic und Stil, schlicht und einfach, wie sie selbst. Das Kleid ähnelte einem übergroßen Herrenhemd. Dazu passte ihr strubbeliges Haar, das weder blond, noch braun war. Ein Gemisch, von jedem etwas und völlig verschnitten.
Die Direktorin erklärte uns, dass Sylvia die zehnte Klasse hier zu Ende bringen soll. Keinen weiteren Grund nannte sie, wie Umzug oder so. Der Schulleiterin war es allerdings wichtig, uns zu einem fairen Umgang miteinander zu ermahnen. Ihre Anspielungen waren mehr als deutlich. Nachdem die Direktorin gegangen war, hielt uns die Klassenlehrerin einen Vortrag darüber, dass nicht jeder auf der Sonnenseite sitzen kann. Und Sylvia gehörte zur Anderen. 
Unsere Möchtegernschönheiten rümpften natürlich sofort ihre Nasen und tuschelten sich ab-wertend und kichernd zu. Ebenso musterte die anderen Mädchen sie von oben bis unten, zogen Vergleiche mit sich selbst und schnatternd adelten sie sich ihr gegenüber. Fern ab von jeder Mode wurde sie zu einer Asozialen abgestempelt, die sicher noch nie Markenware besessen hatte. Selbst ihre Now-Name Sportschuhe sahen alt und abgetragen aus. Noch respektloser verhielt sich die Klicke um Eric, genannt Locke. Sie brachen in brüllendes Gelächter aus und hatten nur Spott für sie übrig. „Vogelscheuche“, war da noch die mildeste Bezeichnung für sie. Leider sah sie nun mal sehr – Speziell (*9) aus.
Dennoch gab es ihnen nicht das Recht so entwürdigend über sie herzuziehen. Obwohl ich ihr Gesicht immer noch nicht sah, spürte ich ihr Leiden. Sie tat mir leid und am liebsten wäre ich aufgestanden und hätte Erics Gehirnzellen zurecht gerüttelt. Aber ich war nur ein Hänfling und eine Kassenbrille trug ich auch. Bei jedem Angriff auf sie, spürte ich einen Stich in meiner Brust. War es Mitleid oder eher eigene Betroffenheit, was ich spürte. Alle die schlimmen Erinnerungen kamen wieder hoch.
Eigentlich ließ mich Locke im Großen und Ganzen in Ruhe, aber einmal hatte ich ihn bei den Lehrern angeschwärzt. Seine Rache war furchtbar. Eine ganze Woche hat er mich schikaniert. Tagelang habe ich heimlich geweint und ruhelose Nächte verlebt. Nach außen hin wollte ich Stärke demonstrieren, aber in Wahrheit fühlte ich mich minderwertig und nutzlos. Bis auf Benny hatte ich keine Freunde und schon gar nicht eine Freundin. Von meinen Eltern fühlte ich mich unverstanden. Andererseits spielte ich ihnen eine heile Schulwelt vor und meine Schulzensuren waren akzeptabel. Immer wenn der Schmerz besonders kräftig an der Seele nagte, dachte ich schon mal über Selbstmord nach oder entwarf finstere Rachepläne. Für Locke hatte ich einen tödlichen Unfall vorgesehen, aber er war nie allein. Also musste ich erst einmal seine Klicke ausschalten und mich an jene rächen, die am lautesten lachten. In meiner Fantasie war alles so klar und Locke war darin schon tausend Mal gestorben. Leider war ich ein Feigling und fürchtete die Konsequenzen und dann konnte ich einfach keinem wehtun.
Beim Fußball habe ich mal einen Angreifer gestoppt, er ist so ungünstig gefallen, dass er vom Platz getragen werden musste. Ich entschuldigte mich mehrmals und selbst er meinte, dass er halt unglücklich gefallen war. Fortan wollte mich keiner mehr beim Fußball haben, weil ich den Angreifern immer ausgewichen bin. Was wäre, wenn ich damals kein Weichei gewesen wäre, würde ich heute als Amokläufer in der Psychiatrie sitzen? Wenn auch die Kindheit aus viel Leid bestand und mir niemand half, so hat mich das spätere Leben dafür entschädigt. Doch was beklag ich mich? Es gab Schüler, die von Locke viel mehr gequält wurden. Wie mussten sich der Dicke Henry oder die spindeldürre Kerstin gefühlt haben, die regelmäßig bei ihm Mode waren.
Ich wünschte ihm die Pest an den Hals, - doch eigentlich … - eigentlich träumte ich davon, zu Erics Gang zu gehören. Einmal im Mittelpunkt stehen. Einmal von den heißen Mädchen umschwärmt und von den Jungs geachtet werden. Ich wäre bereit gewesen, alles Mögliche für ihn zu tun. Aber ich hatte weder Muskeln, noch war ich sportlich oder konnte sonst mit etwas besonderem Punkten. Ich war halt unauffällig und mittelmäßig und gehörte zum Kreis der Looser. 
Frau Krüger versuchte immer noch die Klasse zur Ordnung zu rufen, doch stets erfolglos. Schließlich gab sie auf, denn gegen Eric war sowieso jedes Wort überflüssig. Die junge Lehrerin wies dem Mädchen, im blassblauen Kleid einen Platz zu. Sie schleppte sich eine Reihe vor mir, als wenn sie zur Hinrichtung müsse. In der Regel zogen die Mädchen eine markante Parfümwolke mit sich, sie jedoch roch leicht nach Zigarettenqualm und billiger Seife. Ich beobachte sie den Rest der Stunde, denn ich wollte nicht verpassen, ihr Gesicht zu sehen. Die Lehrerin faselte irgendwas über Japans Wirtschaft und niemand hörte zu.
Eric probierte sein neuestes Handygame aus, andere unterhielten sich per SMS und manche Mädchen feilten ihre Fingernägel. Ich versank in Gedanken und träumte davon, dass sie eventuell meine Freundin werden könnte. Mein Mädchen im blassblauen Kleid rührte sich jedoch die ganze Stunde nicht.
Es klingelte zur großen Pause und auf dem Schulhof wurde sie sofort umzingelt. Locke und seine Lakaien machte sich über sie lustig, rempelten und schubsten sie. Zu dem Spießruten-kreis gesellten sich die Blondinen, die nur eine Modellkarriere im Kopf hatten. Sie lechzten danach das böse Spiel zu sehen, amüsierten sich und trampelten mit Worten auf die Psyche des Mädchens herum. Wie immer schaute die Mehrheit der Schüler auf dem Schulhof lieber weg und ich …? Ja, auch ich wendete meinen Blick ab, obwohl mein Herz vor Wut zu explodieren drohte.
Meine Angst bremste jeglichen Zorn. Ich war Locke in keiner Weise gewachsen und mein Herz konnte lediglich weinen für sie. Außerdem schämte ich mich, nichts zu tun und es noch nicht einmal versucht zu haben. Zu heftig flammten die Bilder in mir auf, als ich einmal Hilfe bei den Lehrern erwartete. Nichts passierte! Sie konnten ihm nichts nachweisen und ich war der Dumme. Von wegen, „wenn ihr uns nichts sagt, können wir euch auch nicht helfen?“ Cooler Spruch, für eine zukünftige Welt, aber nicht für die Realität. Seitdem habe ich nie wieder etwas den Lehrern erzählt. Sie mussten nicht die demütigenden Folgen ertragen. Natürlich sagte ich auch nichts meinen Eltern. Keiner kann 24 Stunden am Tag bei mir sein und Erics Eltern haben Einfluss und Geld. Und er erinnert sich noch daran, als sich die Eltern von der dürren Kerstin einmischten, da begann für sie der eigentliche Horror. Was nutzen all die schönen Sprüche, wenn man letztendlich doch ausgeliefert ist.
Ich werde die Pein nicht vergessen, als ich nach dem Sportunterricht, nackt auf dem Schulhof meine Sachen zusammen suchen musste, begleitet vom hämischen Lachen. Wie beschämend war es, als ich auf dem Flur Lockes Schuhe küssen musste und dutzende Schüler schauten zu. Hätte ich es nicht getan, drohten sie mir, einen Finger abzuschneiden. Er hätte es getan!
„Assis haben hier nichts zu suchen!“, schrie Locke sie an und tätschelte ihr Gesicht. Das Mädchen im hellblauen Kleid schützte sich mit ihren Armen vor den Angriffen und ertrug geduldig alle Gemeinheiten. Die schubsenden Stöße der Jungs wurden immer heftiger, worauf sie das Gleichgewicht verlor und auf den steinigen Schulhof stürzte.
Locke begann daraufhin, wie ein Pfarrer auf einer Beerdigung zu gestikulieren. „Erde zu Erde, Staub zu Staub.“ Mit schallendem Gelächter warf er ein paar Hände Schulhofdreck auf sie und suchte sich ein neues Opfer. Locke fand sich wieder unheimlich toll und strich sich mit seinen Wurstfingern über die feuchte Glatze. Absichtlich rasierte er sich die Haare ab und zog sich militante Kleidung an. Er machte kein Hehl aus seiner nationalistischen Gesinnung. Zum Outfit fehlten nur noch die Springerstiefel. Sandra, die Klassenschönste, nannte ihn mal scherzhaft „Locke“. Er fühlte sich geschmeichelt und hoffte bei ihr landen zu können. Obwohl sie sich prächtig verstanden waren sie nur befreundet. Eric, der sich für den König der Schule hielt, akzeptierte das. Es gab genügend Mädchen, die um seine Gunst buhlten und Schleimer, die ihm Lobeshymnen sangen. Die Mehrheit wollte einfach nur Ärger mit seinen muskelbepackten Freunden vermeiden.
Sylvia untersuchte inzwischen sitzend ihre Knie, denn sie hatte sich beim Fallen eine Schürf-wunde zugefügt. Zusammen mit Benny näherte ich mich. Schließlich stand sie auf, klopfte sich den Schmutz von ihrem Kleid und schaute unvermittelt in meine Richtung. Verlegen wechselte ich die Gesichtsfarbe und versuchte meinen Blick abzuwenden. „Was glotzt du so blöde“, fauchte sie mich an. In diesem Moment wirkte sie sehr selbst-bewusst. „Es ist überall dasselbe! Nur Idioten und Hasenfüße!“, wetterte sie vor sich hin. Zwei freche Augen mit Stupsnase blickten mich an, die in mir ein anziehendes Gefühl erzeugten. Ihre Sommersprossen und die schmalen Lippen verliehen ihrer Blässe etwas Magisches. Durch ihren spitzbübischen Gesichtsausdruck fiel es mir schwer ihren Ärger ernst zu nehmen.
„Entschuldige!“, brachte ich nur stotternd heraus und Benny sagte lieber nichts. Wie immer!
Ich muss wohl komisch und unbeholfen geguckt haben, denn plötzlich lächelte sie mich an.
„Schon gut! Du bist genauso ein Looser, wie ich“, und machte sich dabei weiter sauber.
Für Sekunden, die wie Stunden wirkten, schaute ich ihr nur zu. Ohne ein Wort. Benny zupfte mich plötzlich am Ärmel und suche nervös das Weite. Locke war mit seinen Schlägern im Anmarsch. Sylvia spielte sofort wieder das schwache schüchterne Mädchen und ich stand zu nah bei ihr. Sie umzingelten uns und Locke begann uns mit Hohn und Spott zu überschütten.
„Was haben wir denn da!?“, begann Locke sarkastisch. „Ein Liebespaar! Eine Assibraut und ein Hosenscheißer!“ Alles lachte und ich zitterte. Eine Mischung aus Angst und Wut. 
„Sie ist keine …“, mehr brachte ich nicht stammelnd heraus, denn Locke schubste mich mit seiner Hand. „Wow! Ein Ritter! Mal seh’n, was der Rächer der Enterbten so drauf hat.“ Natürlich war ich ihm unterlegen, als er mich in den Schwitzkasten und mich zu Boden warf. 
„Und nun verschwinde! Das ist mein Mädchen!“, lästerte er und strich Sylvia derb über den gesenkten Kopf. Angsterfüllt rannte ich fort und machte mir dabei Vorwürfe. Aber ich konnte ihr nicht helfen, sie hätten mich grün und blau geschlagen. Wütend über mich selbst kickte ich die größeren Steine auf dem Hof mit voller Wucht fort. Sie hatte recht, ich bin ein Verlierer. Noch einmal drehte ich mich nach ihr um. Offensichtlich bot sie Locke keinerlei Angriffsfläche und er verlor das Interesse an ihr. Jetzt erst näherte sich Pausenaufsicht. Die jeweiligen Lehrer und Erzieher wanderten nur bei schönem Wetter über den Schulhof, ansonsten verharrten sie an der Eingangstür. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, als wollten sie nichts mitbekommen, um sich keinen Stress zu machen.
Den Rest des Tages wich ich ihr aus und an den Folgetagen ebenso. Ich schämte mich für mein feiges nicht mannhaftes Verhalten. Und wenn sich unsere Blicke kreuzten, schaute ich sofort weg. Wobei! Ihre Blicke lächelten ihm sanft entgegen. Aber was war er für ein Mann? Schuldbeladen fand ich keine Worte der Entschuldigung für mich.
Benny, der meine Gefühle für Silvia kannte, erzählte mir eines Tages von ihrer Familie. „Weißt du? Ihre Mutter ist eine fette Trulla (*10), die den ganzen Tag Sahnetörtchen in sich hinein stopft. Früher soll sie mal `ne Schönheit gewesen sein“, setzte er zynisch nach und kicherte hinter vorgehaltener Hand. Wenn Benny sonst nichts konnte, schaffte er es zumindest seine Mutter einzuwickeln. Sie arbeitete beim Sozialamt und dürfte eigentlich nicht über ihre Arbeit sagen. Mit seinem lächelnden Gesicht schaffte es jedes Mal, ihre Zunge zu lockern. Vielleicht war er deshalb mein Freund, wegen seiner angenehmen Art. Allerdings hielt sich Benny aus allem heraus und hat mir nie bei Gefahren geholfen. Erst wenn alles vorbei war, kam er um mir zu helfen. Er wusste, wie man sich unbeschadet durchs Leben schummelte, und habe ihm deswegen nie Vorwürfe gemacht. Benny versprühte viel Herzlichkeit und war trotz seiner Ängstlichkeit ein wirklicher Freund. 
Ich habe nie heraus bekommen, wofür Er sich interessiert. Stets orientierte er sich an mich. „Ihr Vater ist wohl ein Schlägertyp“, setzte Benny fort. „Er war mal Bauarbeiter und ließ sich von keinem etwas sagen. Noch nicht einmal vom Chef. Die Lehrlinge soll er, wie Sklaven behandelt haben und trank mit seinen Kumpanen während der Arbeitszeit viel Alkohol.“
„Das ging sicherlich irgendwann schief“, vermutete ich.
„Richtig!“, unterstrich Benny. „Sein Chef kündigte ihn, worauf er ihn krankenhausreif schlug.
Vor ein paar Wochen, kam er wegen guter Führung vorzeitig aus dem Knast. Er soll sich aber nicht geändert haben. Deswegen hagelte es wohl Mieterproteste und weil der Druck zu stark war musste er mit der Familie umziehen. Eben in die Berliner Straße. Du weißt, dort wo die alten hässlichen Häuser stehen.“ 
In der Tat war es dort gruselig. Runtergekommene Arbeiterwohnungen, wo außen der Putz abbröckelte und viele Wohnungen im Erdgeschoß nicht mehr bewohnbar waren. Die Zimmer in den dreistöckigen Häusern waren sehr hoch und demzufolge kalt, weil nur ein Kachelofen solche Räume beheizte. In den Fluren der Gebäude roch es modrig und der Dreck der Jahre machte alles düster. Irgendwann soll alles einmal restauriert werden. Man munkelte, dass hier nur noch abreißen und Neuaufbauen sinnvoll wäre. Wie dem auch sei, ich war froh darüber, dass ich dort nicht wohnen musste. Jedoch meine Sylvia lebte dort.
„Ja und Silvia ist das Familien-Aschenputtel. Sie muss zuhause alles machen. Meine Mutter vermutet, dass sie auch öfter geschlagen wird.“ Benny schüttelt fassungslos den Kopf.
„Arme Silvia! Das Amt wollte sie dort herauszuholen, scheiterten aber an den Gesetzen, meinte meine Mutter.“ Von den Worten Bennys animiert, wollte ich mich von Silvias Leben selbst ein Bild machen. 
Am nächsten Tag schlich ich ihr hinterher. Sie bemerkte mich nicht. Aufgeregt mit pochendem Herzen wagte ich mich über die LKW Zufahrt auf den Hof. Aus Angst davor, dass mir jemand unangenehme Fragen stellen könnte, verlangsamte sich mein Schritt. Mein Blut jagte durch die Adern, brachte mein Herz zum rasen, sodass ich keinen klaren Gedanken für eine Notfallausrede fassen konnte. Ihre Eltern bewohnten eine der wenigen Kellerwohnungen, die noch bewohnbar waren. Somit konnte ich in ihr gardinenloses Zimmer blicken. Als ich verstohlen in ihren Raum sah, ging das Licht aus, denn ihre Mutter rief sie. Mit keifenden Worten wurde Sylvia zum Einkaufen geschickt.     
Aufgeregt schaute ich in ihr Zimmer, das sehr spartanisch eingerichtet war. Das Fenster war einen Spalt geöffnet und ein muffiger Geruch stieg heraus. Vielleicht roch der abgelaufene Holzfußboden so oder es war der altmodische Kleiderschrank, der äußerst instabil aussah. In der einen Ecke konnte ich ein rostiges Eisenbett erkennen und ein grüner Klappgartenstuhl stand an einem ebenso klapperigen Tisch. Der Raum wirkte finster und schmutzig. Alte Tapeten, die sich schon teilweise gelöst hatten, unterstrichen diesen Eindruck. Der einzige Lichtblick war ein zerfranster Teddybär auf ihrem Bett.
Ich hatte genug gesehen und war entsetzt darüber, wie sie hausen musste. Schnell wollte ich mich entfernen. Auf der Straßenseite nahm gerade mein hellblaues Mädchen Kurs auf den Hauseingang. Ich versteckte mich in der Toreinfahrt. Ein betrunkener Mann lief schwankend Sylvia hinterher und rief lallend, „bleib stehen, du missratene Göre, und hilf mir!“
Sylvia ging zurück und unterstützte ihren Vater beim Gehen. Nachdem beide im Hausflur verschwunden waren, rannte ich fort. Ich konnte es nicht fassen, unter welchen Bedingungen sie leben musste. Wie war so etwas heute möglich? Ich war entschlossen, sie am nächsten Tag anzusprechen und mit ihr Fluchtpläne zu schmieden. Wie mir Benny erzählte, waren dem Sozialamt bislang die Hände gebunden. Bei Kontrollen machten die Eltern ihre Armut geltend und da sie arbeitslos waren, gab es jene Missstände. Im Rahmen der Gegebenheiten konnten ihnen nichts nachgewiesen werden, worauf das Kindeswohl gefährdet war. Zuschüsse für neue Möbel hatte das Amt schon genehmigt. Benny erzählte, wie sich seine Mutter über das Parasitenpack aufregte, aber dass ihr die Hände gebunden waren. Sie schöpften lediglich alle finanziellen Hilfen vom Staat ab. Zum Schein machte der Vater sogar eine Antialkoholiker-Therapie. Bennys Mutter war sich sicher, dass er Amtsgelder veruntreuen und in krumme Geschäfte stecken würde.
Die Zeit im Knast hatte ihn zum Säufer gemacht und seine Frau ließ sich während der Haft-zeit gehen und nahm 40 Kilo zu. Seine Freunde waren nur noch Saufkumpane und er litt darunter nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen und eine andere Frau bekam er ebenfalls nicht mehr ins Bett. Sicherlich war er in seinen Jugendjahren, wie „Locke“, aber nun war sein Stern gefallen und machte dafür seine Familie verantwortlich. In der Kneipe soll er laut getönt haben, wie sehr ihn die Fettleibigkeit seiner Frau anekelt, und glaubte wegen des Bastards Sylvia in seiner Freiheit eingeschränkt zu sein. Ein paar Gehirnzellen waren offensichtlich schon ertrunken, denn dann hätte er sich bewusst gemacht, dass er seinen Suff mit Sylvias Kindergeld bezahlte. Die Nachbarn deuten öfter an, dass er beide im Suff schlug. Eine konkrete Anzeige wagte niemand, denn jeder wusste, wie brutal er werden konnte. Somit blieb mein Mädchen im hellblauen Kleid weiter Sklavin der Familie, bekam ihre Wäsche aus dem Altkleidercontainer und ihre Geschenke von der Mülldeponie. Obwohl es das Amt schaffte, einige Auflagen durchzusetzen, zweigten die Eltern trotzdem manchen Euro für ihre eigene Sucht ab.
Am nächsten Tag kam sie nicht mehr zur Schule. Mehr zufällig schaute ich mir mit meinen Eltern die Regionalnachrichten an. Sie berichteten über einen Vorfall in der Nachbarschaft. Wie gelähmt starrte ich auf die Mattscheibe und ein Eissturm fegte durch meine Seele. Nein, es musste eine Verwechslung sein, sagte ich mir. Ein Lokalreporter berichtete von einem fassungslosen Familiendrama. Die Befragten spielten bestürzt ihre Rolle und taten sich als allwissend hervor, um einmal im Fernsehen zu sein. „Das musste ja so kommen, bei diesem Vater!“, wettete bestürzt eine gewichtige Frau. Und schließlich kamen jene typischen Weisheiten: „Man müsste! Man sollte! Man könnte!“
Geschwafel und Lippenbekenntnisse, die niemanden mehr halfen. Zu spät!
Mit offenem Mund wurde mir heiß und kalt. Meine Gefühle spielten Achterbahn und pendelten zwischen Wut und Entsetzen. Ich wollte nicht glauben, dass es um Sylvia ging. Fassungslos rannte das Leben an mir vorbei und hatte keine Träne mehr. Ich fühlte mich leer und glaubte mit ihr gestorben zu sein. Meine Eltern rüttelten mich, aber sie verstanden nicht, was mit mir war. Tagelang war ich nicht mehr ich selbst, durchlebte mechanisch den Tag, weil ich innerlich weinte. In der Schule war es still geworden und die Trauer war echt.
Heute besuche ich mein Mädchen im hellblauen Kleid auf der Grünen Wiese (*11). Ihr Vater hatte sie betrunken im Affekt geschlagen. Hieß es!
Sie fiel wohl ungünstig. Ein Unfall. Hieß es! Unzurechnungsfähig wegen Trunkenheit, milderte die Strafe auf vier Jahre. Ich kannte sie zwar kaum, aber vielleicht wäre sie mindestens vierzig Jahre meines Glücks gewesen. Nur vier Jahre für eine genommene Chance zu Leben und einer keimenden Liebe.
Eine „Locke“ hauchte einfach ihr Leben aus. Mit verschleiertem Blick schau auf ihr Grab.

  *9= im Sinne von außergewöhnlich, unvorteilhaft, schlecht aussehend
*10= abfälliges Wort für hässliche dicke Frau
*11= Begräbnisform nach Feuerbestattung mit Gedenktafel