4.1. Popmusik Deutschland

Popmusik in Deutschland
1. Rock-Popmusik
  
Krautrock, Hardrock und Udo Lindenberg Zentren der Musik (Berlin, München, Hamburg, Ruhrgebiet)
   Punk, Wave und Deutschrocker (Lindenberg, Westernhagen, Maffay)
2. Liedermacher/ Blödelbarden
3. Schlager

1. Rock & Popmusik

In der Bundesrepublik wirkte die 68er Bewegung nach und man wollte vermeiden, dass eine progressive Rockmusikszene die Jugend erneut zur Rebellion motiviert. International verschärfte sich die Weltsituation zugunsten der sozialistischen Idee. Die Ostpolitik der SPD-Regierung war nicht nur eine wirtschaftliche Strategie, sondern wirkte sich innenpolitisch besänftigend auf die Jugend aus. Zielgerichtet versuchten die Medien, die Jugend zum Konsum zu verführen und priesen alte Werte im modernen Glanz an. Musikfilme und Jugendschlager wurden dazu benutzt die jüngere Generation psychologisch zu steuern und ein gewünschtes Denken zu suggerieren.
Die Schallplattenfirmen waren daher nicht an einer aufmüpfigen deutschsprachigen Rockszene interessiert, sondern propagierten die kritiklose angloamerikanische Popmusik. Allerdings gab es Anfang der 70er Jahre kaum Popbands oder Interpreten, die sich für einen Starkult eigneten. Die Beatles lösten sich auf und von den vielen Beatbands der 60er kam nichts Aktuelles mehr oder lösten sich ebenfalls auf.
Neu war die US-Countryrockband 
CCR, denen Hits in Serie gelangen, aber ihr Vogelscheuchen-Image taugte nicht zu einem Star-Kult. Außerdem war in Europa sowieso der britische Hardrock angesagt. Der Rock  begeisterte die Jugend, da jene Musik von den älteren Generationen abgelehnt wurde. Die Medien verpassten der Musik einen Gammlerstempel und verhöhnten Hardrock als Urwaldmusik. Besonders männliche Teenager mochten den schweren Rocksound, der sie motivierte, aufrüttelte und ihre Gefühle ansprach.
Ausschlaggebend für den Mainstream war jedoch der Geschmack der weiblichen Fans. Da sich Hardrockmusik, wegen der musikalischen Brüche schlecht als Tanzmusik eignete, wandten sich die Mädchen dem Jugendschlager zu. Um die Mädchen zu umgarnen, war es für die Jungen notwendig sich mit dem Schlager zu arrangieren. Dieser Effekt wurde von der Politik wohlwollend registriert.

Musikalisch bestand somit kein Bedarf an einer eigenen Rockszene, was in den 60er Jahren noch ganz anders aussah. Die Förderung der Beatmusik war inzwischen eingestellt und von den zahlreichen Gruppen blieben lediglich die Rattles übrig. Nach mehreren Umbesetzungen änderte die Band seinen Stil und nach dem Vorbild der niederländischen Poprockband Shocking Blue holten sie die Sängerin Edna Béjarano in die Band. Mit „The Witch“ konnten die Rattles 1970 mit einen Hit landen, aber weitere Songs blieben erfolglos.
Die Popularität der niederländischen Szene und erst recht der Durchbruch der DDR-Rockmusik inspirierte junge Musiker der Bundesrepublik, besonders in Westberlin. In der DDR waren es die positiven Erfahrungen in Ungarn und Polen mit der Rockmusik, die bei den Funktionären ein Umdenken bewirkten und das bisherige Beatverbot aufhoben. Die Kulturbosse erkannten die positive Wirkung der Musik auf die Jugend und deren Nutzen zum Steuern einer sozialistischen Denkweise. Zur besseren textlichen Kontrolle wurde die Auflage erteilt landessprachlich zu singen, so wie es in Ungarn und Polen ebenfalls üblich war.http://images4.wikia.nocookie.net/__cb20090106155005/lyricwiki/images/c/c5/Puhdys_-_Die_Gro%C3%9Fen_Erfolge.jpg
In der ersten Zeit überschwemmten Pop- und Rockgruppen aus Ungarn und Polen die DDR- Jugendhitlisten. Die geduldeten Beatbands, wie die Thomas Natschinski Combo rückten in den Hintergrund und die ersten Rockbands machten sich einen Namen. Eine Band der ersten Stunde war Panta Rhei, aus der später Karat und Veronika Fischer hervorging. Mit den Puhdys s. (Bild) wurde 1971 die Vormacht von Omega, Hungaria (bd. Ungarn) und den Roten Gitarren (Polen) gebrochen. Eine Reihe von Rockgruppen unterschiedlichster Stilrichtung bildete den Grundstein der DDR-Rockmusik und hinzu kam die Klaus Renft Combo, die sich einem hohen Zuspruch erfreute.

Detailliertes zur DDR-Rockmusik erfahren Sie nach der Betrachtung der 80er Jahre im separaten DDR Rockgeschichte & Lexikon

In der Bundesrepublik gab es ebenfalls Musiker, die sich nicht auf das Nachspielen von Hits auf Tanzveranstaltungen beschränkten, sondern versuchten Eigenes zu schaffen. Aus der Studentenbewegung heraus gründete sich 1967 in München Amon Düül und 1968 Amon Düll II. Beide Gruppen der Kommune waren experimentell orientiert, mit einem stetigen Besetzungswechsel. München war damals eine zentrale für anglo-amerikanische Musik, wodurch schnellere internationale Kontakte möglich waren. Dies begünstigte 1970, für Amon Düll II, das ihre LP „Yeti“ in England bekannt wurde.

Ebenfalls Anfang der 70er Jahre machte eine Undergroundszene im Ruhrgebiet auf sich aufmerksam. Im städtisch dicht gedrängten Ruhrgebiet suchten experimentelle Musiker für ihre Musik inspirative Ruhe. Da das in der Stadt nicht möglich war, zogen sie aufs Land. Bevorzugt wurden leer stehende Gehöfte, fern ab jeglicher Zivilisation (Dorf). Der Sound entsprach einer elektronischen Ausrichtung, nach Vorbild der britischen Emerson, Lake & Palmer und Pink Floyd orientierte. Dennoch entstand ein eigener Sound, der von britischen Musiker als Krautrock bezeichnet wurde. Der Begriff Kraut charakterisiert dabei die Vorliebe der Deutschen für Sauerkraut (auch Rot- und Weißkohl).
Neben dem Ruhrgebiet und München, bildete sich auch in Berlin eine Szene. Gruppen wie Kraan (Ulm), Can (Köln), Amon Düül 2 (München), Kraftwerk (Düsseldorf) und Tangerime Dream (Berlin) wurden in der Szene bekannt. Mit dem Synthesizer (elektronische Orgel) erzeugten sie ungewöhnliche Klänge, die der Musik einen eigentümlichen Sound gaben und sich vom bisherigen Psychedelic oder vom progressiven Artrock abhoben.
Auf den avantgardistischen (Bruch mit dem Herkömmlichen) Stil von Can wurde die Produzenten des Tatort-Krimis aufmerksam und verwenden den Titel „Spoon“ im Film. Kurz darauf war die Anfrage so groß, dass der Titel auf Single erschien und ein Hit wurde. Der Krautrock wurde zwar bekannt, aber der kommerzielle Erfolg hielt sich in Grenzen, da sich die Mehrheit der Jugend nicht für die Musik erwärmen konnte und daher von den Medien kaum publiziert wurde. Dazu kam das Image, dass überwiegend Drogensüchtige solche Platten kauften, um mit den Klängen den Rausch zu verstärkten. 
Erst Mitte der 70er Jahre kristallisierte sich bei den Gruppen ein spezifischer Stil heraus, wodurch der instrumentale Krautrock kommerzieller wurde. Tangerine Dream war 1973 mit der LP „Atem“ in Großbritannien erfolgreich und ging daraufhin auf Tournee in Großbritannien und den USA. Es folgte Kraftwerk, die ebenfalls 1973 international bekannt wurden. Aus dem veränderten Elektropopsound resultierte die LP „Autobahn“, die in Großbritannien und den USA erfolgreicher war als in der BRD. Ein Jahr später entstand aus der LP-Fassung (23 min) eine radikal gekürzte Singleversion. Obwohl das nationale Echo verhalten blieb, wurde der Song bekannt, wie auch die nach-folgenden Titel „Roboter“, „Musik non Stopp“ und „Das Model“. Mit der Neuen Deutschen Welle wurde „Das Model“ erneut veröffentlicht und stieg zum kommerziellen Hit auf. Insgesamt blieb der Krautrocksound im kommerziellen Abseits, aber Musikkritiker waren vom Sound begeistert (besonders in den USA und UK).

Neben den Krautrock bildeten sich Hardrockbands. Bereits 1965 formierten sich die Scorpions, ehe 1972 eine Plattenfirma ihre erste LP aufnahm. Die Rockband aus Hannover blieb lange Zeit ein Geheimtipp und war ebenfalls im Ausland populärer als im Inland. Mit einer stetig wachsenden Fangemeinde im Rücken gab die Band nicht auf und wurden dafür belohnt. 1979 platzierten sie sich erstmals in den Album-Chart (11.) und hatten mit „Still Loving You“ 1984 ihren ersten Singlehit (14.). Hartnäckigkeit zahlte sich letztendlich aus und 1991 erreichten sie den absoluten Durchbruch (Nr.1-Hit: „Wind Of Change“). Daumen Im Wind - Udo Lindenberg
Inspiriert von der Blödelszene (Insterburg & Co.) fand Udo Lindenberg (s.Bild) zu seinem sehr speziellen Rocksound. Der aus Gronau (NRW) stammende Udo Lindenberg machte Hamburg zur Wahlheimat und identifizierte sich schnell mit der norddeutschen Lebens-Art. In der Künstlerwohngemeinschaft „Villa Kunterbunt“ lernte er Otto Waalkes, Willem und Marius Müller Westernhagen kennen, die ihm inspirativ bei seinem Sound halfen.
Lindenberg kombinierte Blödeleien und Wortwitz mit Straßenjargon und interpretierte die Song in einer bizarren Show mit lässigem schnoddrigen Gehabe, wodurch die Lieder zusätzlich ironisch überzogen wirkten. Mit dem Song „Alles klar auf der Andrea Doria“ machte er 1973 auf sich aufmerksam. In der Folgezeit blieb Udo Lindenberg diesem Stil zunächst treu und zusammen mit dem Panikorchester wurde er in Norddeutschland und Berlin zum Star. Mit sämtlichen LP-Auskopplungen schaffte er es in den Radiocharts auf Platz 1 (z. B.: „Hey Music“ vom SFB). Kommerziell wurden seine LPs zwar Top Ten Erfolge, aber erst 1981 erreichte die erste Single die Top Ten („Wozu sind Kriege da“).

Regionale Musikentwicklung

Ab Mitte der 70er Jahre spielten regionale Eigenheiten eine Rolle, die wesentliche Akzente in der musikalischen Entwicklung mit sich brachten. 

1. München (ehemalige Besatzungszone der USA)

Bereits während der Besatzungszeit bauten die USA München zur neuen Medienhauptstadt aus. Unter anderem unterstützten sie die Bavaria Filmstudios, in denen der überwiegende Anteil von US-Filmen für den deutschen Markt synchronisiert wurde. Der US-Militär-Sender AFN München prägte hier besonders stark den musikalischen Zeitgeist und wurde schließlich das Zentrum des deutschen Rock’N' Roll Schlagers. Peter Kraus und Conny Froboes wurden hier als Teenie-Stars vermarktet und die US-Amerikaner Connie Francis und Bill Ramsey nahmen in München ihre deutschsprachigen Schlager auf. Die Liste der Musikstars ist lang und immer war eine fördernde Diskrepanz gegeben, zwischen der traditionellen Volksmusik (Blasmusik, Jodeln) und dem neuen Sound aus den USA.
In den 70er Jahren schwappte der Phillysound nach Deutschland und in England kreierte
Kenny den Bump. In der Kombination aus Philly-Soul, Motown-Stil und rhythmischen Bump, kreierten drei Produzenten den Munich Sound. Nach dem Vorbild des Frauentrios Three Degrees schuf Michael Kunze, zusammen mit Sylvester Levay, die Silver Convention. Gegen Ende des Jahres 1975 schnellte der Titel „Fly Robin Fly“ in den US-Charts auf Platz 1 und im Februar 1976 erreichte „Get Up And Boogie“ immerhin Platz 2 und hielt sich 20 Wochen in den US-Charts. In Deutschland setzte der Erfolg des Frauentrios verspätet ein.
Giorgio Moroder entdeckte die US-Sängerin Donna Summer, die in der deutschen Musicalfassung von „Hair“ auf der Bühne mitgespielt hatte. Der erste Song „Lady Of The Night“ (1975) brachte ihr einen Achtungserfolg ein, aber der erotisierende Song „Love To Love You Baby“ wurde Anfang des Jahres 1976 zum Welthit. 1976 hatte der Munichsound die Welt erobert, in den Charts, im Radio und vor allem in den Diskotheken.
Im Juli 1976 schickte Frank Farian das Discoquartett Boney M in Spur und sie sollten kommerziell der erfolgreichste Disco-Act von Deutschland werden.
Die Produzenten Moroder, Kunze und Farian hatten mit dem Munichsound entscheidend den folgenden Disco-Sound mitgeprägt. München blieb in der Folgezeit das Zentrum für amerikanisch orientierte Musik. Die Elite der US-Stars und der Discoszene wurde über Münchner Agenturen vermittelt und vermarktet. Zahlreiche deutsche Stars hatten ihren Erfolg der Stadt München zu verdanken. Später waren es Namen, wie Modern Talking, Roland Kaiser, Wildecker Herzbuben und Lou Bega (um nur einige zu nennen). 

2. Hamburg (ehemalige Besatzungszone von Großbritannien)

In der britischen Besatzungszone ergaben sich zwischen Briten und Norddeutsche einige grundsätzliche Gemeinsamkeiten. Die Partnerschaft zwischen Liverpool und Hamburg in den 60er Jahren resultierten aufgrund gemeinsamer traditioneller Wurzeln. So ähnelte sich der Stil der Shantys (Seemannslieder) und der Liverpooler Beat gründeten sich auf jene folkloristische Basis. Daraufhin wurde Hamburg nicht nur zum Zentrum der Beatmusik, sondern zur Inspirationsquelle eigener Musik. Aus der Hamburger Szene stiegen die Rattles zur bekanntesten deutschen Beatband auf. In der weltoffenen Hafenstadt fanden zahlreiche Musiker ihre Inspiration und für alles fand sich dort ein Publikum. Aufgeschlossen wurde jungen Künstlern eine Chance angeboten. Speziell die Künstlerkneipe Onkel Pö wurde zum Treffpunkt Guter Laune Musik. Hier erkannte Otto Waalkes sein komisches Talent und wurde zum Star des Comedy. Die Kneipe wurde auch zum Sprungbrett für den Kabarettisten Hans Scheibner, den blödelnden Sängern Willem, Peter Petrell und der Rentnerband, sowie der Gruppe Leinemann, Lonzo, der Countryband Truck Stopp und natürlich Udo Lindenberg.
In der Folgezeit war Hamburg vorrangig ein Sprungbrett für humorvolle Musik und den witzelnden Fips Asmussen und Günter Willumeit. Musikalisch brachten Mike Krüger, Klaus & Klaus und Torfrock die Nation zum Schmunzeln. Leider geriet die Hamburger Szene zunehmend unter kommerziellen Einfluss und publizierte britische, niederländische und skandinavische Popmusik. Das Duo Mouth & Mac Neal und die Gruppe ABBA traten im NDR Fernsehen auf, zu einer Zeit, wo sie noch keiner kannte. In der Zusammenarbeit mit Radio Bremen wurden häufiger Geheimtipps publiziert. Das Blödelquartett Insterburg & Co. wurde über den „Musikladen“ bundesweit bekannt, aber auch die DDR-Band Puhdys.
Obwohl die Hamburger Szene überwiegend humorvolle Künstler hervorbrachte, so war sie auch das Zentrum des Hardrocks. Konzerte von internationalen Hardrockbands wurden über Hamburger Agenturen vermittelt. Die deutschen Scorpions zählen mit dazu. Später 1990, wurde in Wacken das erste Hardrock Open Air Konzert organisiert und gilt heute als Wallfahrtsort für jeden Rockfan.   

3. Berlin (durch den Viermächtestatus multikulturell angelegt)

Berlin war durch die Besatzungsmächte mit vier Kulturen konfrontiert. Die Stadt, die ohne-hin seinen eigenen Weg ging, stand den gesamten Einflüssen offen gegenüber. Wie schon in den 20-iger Jahren entwickelte sich hier eine vielfältige Kulturszene, deren Kreativität durch den Ost-West Konflikt geleitet wurde. Unweigerlich wurde das Leben in der geteilten Stadt zum inspirativen Leitthema und bremste einen weit gefächerten Ideenreichtum aus. Dennoch kamen aus Berlin die ersten modernen Klänge. Deutschsprachige Swingmusik von Bully Buhlan eroberte Deutschland. Mit der Berlinblockade entstanden zahlreiche Berlinlieder in Mundart und wurden zur Anklage an das sowjetische Regime. In der Folgezeit setzte sich kaum ein richtiger Musiktrend durch. Die Berlinerin Connie Froboes wurde in München zum Teeniestar und die Beatband The Lords waren im Prinzip eine US-Band.
Ende der 60er Jahre entwickelte sich zumindest eine Blödelszene. Insterburg & Co. tourten mit bescheidenem Erfolg durch die Kneipen und wurden erst durch Radio Bremen bekannt. Auch das Interesse der Berliner an Reinhard Mey war zunächst verhalten und er fand in Frankreich mehr Bestätigung. Nachdem der Erfolg von Insterburg & Co. in Berlin anstieg, wuchs eine Blödelszene heran. Selbst Reinhard Mey ließ sich dazu hinreißen groteske Lieder zu singen. Mit Schobert & Black und Ulrich Roski wurde eine intellektuelle Nonsens-Szene geschaffen bis Frank Zander mit der Gruselspaßsatire „Ur-Urenkel von Frankenstein“ die Jugend begeisterte. Im Gegensatz zur bisherigen Nonsens-Szene gab sich Frank Zander sprachlich eher volkstümlich und verkörperte mehr den Kumpel von nebenan, mit großem Erfolg.
Der Inselstatus von Westberlin und die 68-Studentenbewegung lockten viele Aussteiger in die Stadt und machten sie zum avantgardistischen Zentrum. Das wirkte sich musikalisch hingehend aus, dass Ton Steine Scherben (mit Rio Reiser) extrem ihren Protest gegen alles hinausschrien. Mit dem Slogan „Macht kaputt, was euch kaputtmacht“ heizten sie ein aggressives Klima an. So berechtigt der Protest auch war, förderte jene Antimusik lediglich eine Eskalation der Gewalt. Besonders militante Hausbesetzer motivierten sich mit den Hass-Parolen und suchten den Konflikt mit der Polizei. Die Berliner Undergroundszene brachte ebenso die Einstürzenden Neubauten hervor, mit einer sehr eigentümlichen Art von Musik. Im Prinzip machten sie mit Schrott Musik oder hämmerten auf irgendwelche Gegenstände umher. Geräusche zu erzeugen, wurde als künstlerischer Stil bezeichnet.
Natürlich blieb solche Musik eine Randerscheinung und selbst die Mehrheit der Berliner Jugend lehnte jene Musik ab. Dennoch waren sie richtungweisende Inspirationsquelle für andere Bands. Ideal („Ich steh auf Berlin“) und Bel Ami („Berlin bei Nacht“) machten 1980 von sich Reden und gelten als erste NDW-Band. Obwohl der Begriff NDW erst ein Jahr später propagiert wurde, setzte Anette Humpe mit ihrer Band Ideal deutliche Akzente. Durch den deutschen New Wave Sound wurde Berlin neben Hamburg zum Zentrum der NDW-Ära. Die Berliner Szene glänzte dabei mit ungewöhnlicher Musik. Zu den großen NDW-Bands zählten neben Ideal: Cosa Rosa, Foyer des Arts, Malaria, Neonbabys, Spliff, UKW und DÖF. Aus DÖF mit Inga Humpe ging später die 2-Raumwohnung hervor. Schwester Anette Humpe (Ideal) produzierte später die Ostband Die Prinzen und war mit dem Projekt Ich & Ich erfolgreich. Insgesamt gesehen brachte die Berliner Szene immer wieder hervorragende Musiker hervor, ohne dass sich eine spezifische Richtung bildete. Vielmehr variierte hier der Zeitgeist, wie in keiner anderen Stadt, aus deren breiten vielfältigen Pool immer wieder etwas Besonderes resultierte.

4. Ruhrgebiet (ehemalige Besatzungszone Frankreichs)

In Nordrhein-Westfalen dominierte die volkstümliche Tradition, die stark im Zeichen der Karnevalsmusik stand. Demzufolge fanden Trink- und Stimmungslieder hier ihre zentrale Basis. Der Kölner Produzent Jack White führte beispielsweise Tony Marshall, Jürgen Markus und Roberto Blanco zum Erfolg. Gebürtige NRW-Kinder sind auch Heino und das Duo Cindy & Bert. Als ehemalige französische Besatzungszone vermischte sich hier das Chanson mit der traditionellen Musik im Ruhrgebiet. Wer Karnevalsschlager kennt, der weiß, dass viele Lieder einen nachdenklichen Text haben. Sie zeugen vom Einfluss der französischen und flämischen Musik. Mit dem Radiosender Radio Luxemburg strömte in den 60er Jahren die moderne Musik in Stereoqualität ins Wohnzimmer und der Deutschlandfunk Köln bereicherte kulturell die Musiklandschaft. Das führte dazu, dass die Musiklandschaft einen statischen Schlagerkurs folgte und im Pop- und Rockbereich andere kopierte. Fern ab von den Großstädten suchten daraufhin Künstler nach einer Alternative, die nicht im kommerziellen Fokus stand.
Mit den Synthesizerklängen entstand hier der ursprüngliche Krautrock. Auf der Grundlage des instrumentalen Sounds und des aufkommenden New Waves bildete sich hier eine experimentierfreudige NDW-Szene heraus. Im Schatten von Berlin und Hamburg machten sich Der Plan, Fehlfarben, DAF, Rheingold, Jawoll, Extrabreit und Geiersturzflug einen Namen. Eigentlich stammte auch Nena aus dem Ruhrgebiet, aber ihre erste Single „Nur geträumt“ nahm sie in Berlin auf. 
In der Folgezeit begriff sich Rockmusik im NRW als Gegenpol zur vorherrschenden NDW-Musik, die immer grotesker und niveauloser wurde.
Die Gruppe BAP setzte im Kölner-Dialekt mit aussagekräftigen Songs dagegen und war sogar gesellschaftskritisch, ob den Dialekt nur die Kölner verstanden. Zu einem Mittelding zwischen NDW und Rock wurde Herbert Grönemeyer und er stieg zu einem beliebten Rockpoeten auf, da er sang, was er dachte und fühlte. Überhaupt, war das prägnante an der Ruhrpott-Szene, die ehrliche Sprache und die Identifikation mit der Zeit. Auch die vielen Karnevalsgruppen, sind wegen ihre Volkstümlichkeit beliebt, allen voran de Höhner, deren Lieder fast zu Volksliedern wurden („Viva Colonia“).

In der Zweite Hälfte der 70er Jahre machten in der Bundesrepublik Rockpoeten von sich Reden. Udo Lindenberg schlug nachdenkliche Töne an („Mädchen aus Ostberlin“, „Gegen die Strömung“), Peter Maffay versuchte mit der LP „Steppenwolf“ sein Schlager-Image los zu werden und Marius Müller Westernhagen ließ seinen Gedanken freien Lauf, worauf der Song „Dicke“ erst einmal auf den Index kam. Der Song wurde als derbe Beleidigung gegenüber Übergewichtigen empfunden, aber mit Hilfe von den Kassettenrekordern wurde der Song „Dicke“ trotzdem verbreitet. Neben den Rockpoeten gab es Interpreten, die weder Rocker noch Schlagersänger waren. Nach dem Ende der Les Humphries Singers probierte es Jürgen Drews mit jugendgemäßen Liedern. Einen Achtungserfolg errang er zunächst 1973 mit „Zeit ist eine lange Straße“, bevor er 1976 seinen ersten Hit hatte. Nach dem „Bett im Kornfeld“ folgten weitere beachtliche Songs: „Barfuß durch den Sommer“, „Wir zieh’n heut Abend aufs Dach“ und „Du schaffst mich“. Das Problem war, dass die Jugend zunehmend englische Musik hörte und den Schlagerfans die Lieder zu modern waren. Ähnliches galt für Wolfgang Petry. „Sommer in der Stadt“, „Jeder Freund ist auch ein Mann“ oder „Gianna“ sind alles Titel, die erst später auf seinen Konzerten immer wieder von den Fans verlangt wurden. Kurzum, die Zeit für solche Art von Schlagern war noch nicht reif. Im Country-Stil probierte es Volker Lechtenbrink, aber „Der Macher“, „Erst drüben die Dame“ und „Der Spieler“ waren Hits für Insider.

International setzten Punk und New Wave die Akzente und sorgte für einen deutlichen Bruch der Jugend mit dem Schlager. Die No Future Generation sah den Schlager als Instrument für eine heile Welt an, die es real nicht gab. Sie verabscheuten die gesungenen Lügen einer Scheinwelt und gingen auf Distanz zur Gesellschaft. Die hohe Straffälligkeit von Punkern veranlasste die Regierung jene Punker in einer Kartei zu registrieren, um sie bei einem erneuten Vergehen entsprechend bestrafen zu können. Dazu sollte man wissen, dass Punker meist obdachlos waren und gern mal die Stadt wechselten. Deshalb wurde 1983 in Hannover die Punkerkartei angelegt. Wutentbrannt zogen daraufhin die Punker am 1. Juli zu den ersten Chaostagen nach Hannover und forderten das Löschen der Kartei, woraus Krawalle hervor gingen. Die Krawalltage von Hannover wurden daraufhin von Punkern regelmäßig durchgeführt. 
Musikalisch war Punk, eine sehr monotone, krachige Musik und bewegte nur eine Minderheit. Aber ausgerechnet Nina Hagen & Band wurde die erfolgreichste deutsche Punkband. Die ehemalige schräge DDR Sängerin hatte mit „Glotz TV“ und „Unbeschreiblich weiblich“ einen Hit. Mit schrillen Outfit und peinlichen Auftritten blieb Nina Hagen im Gespräch. Der New Wave, in der sich der Krautrock etablierte, war dagegen konstruktiver und ausdrucksstärker. Von extremer bis melodiöser Musik bot die Undergroundszene fast alles und spiegelte sich später in der NDW-Szene wieder.
In der DDR war Punk verboten und New Waves unerwünscht und das nicht nur musikalisch. Darüber hinaus hatte sich eine vielfältige Jugendmusikszene gebildet. Zu den Stars gehörten Puhdys, Karat, Veronika Fischer, Stern Combo Meißen, Kreis und City. Aus der verbotenen Klaus Renft Combo ging Karussell hervor. In der DDR war insgesamt eine vielfältige Musik-Szene entstanden. Gruppen, wie Lift, Elektra und Modern Soul Band betonten mehr den Jazz, wogegen die Interpreten Jürgen Kehrt und Stefan Distelmann im Blues zuhause waren. Die Rockbands Berluc, Prinzip und Magdeburg (eh. Klosterbrüder) konnte härtere Töne anschlagen und die Liedermacher Kurt Demmler, Gerhard Schöne und Bettina Wegner befanden sich stets auf einer Gradwanderung zum erlaubten. Und für den Countrysound sorgte Winni 2.
Diese kleine Auswahl spiegelt nur ein Teil der musikalischen Vielfalt wieder. Eine umfangreichere konkretere Betrachtung finden Sie im DDR-Rock-Lexikon oder Sie können sich über das Internet informieren: www.ostmusik.de  ; www.ostbeat.de ; und dem Internet-Lexikon Wikipedia à Stichwort: Musik der DDR und das Portal: Musik der DDRTrotz einer gutklassigen Musikszene in der DDR, unterschied sich die Jugend kaum von der in der Bundesrepublik. Zumindest im Musikgeschmack bevorzugten die Teenager die internationalen Hits. Nach dem Glamrock war der Discosound angesagt und das Saturday Night Fever lockte die Jugend in die Diskotheken. Damit die jungen Männer bei den Mädchen landen konnten, wurden es für sie wichtig sich dem modischen Trend anzupassen und den Discotanz zu erlernen.          

5.2. Liedermacher / Blödelbarden http://www.nwzonline.de/rf/image_online/NWZ_CMS/NWZ/Altdaten/2011/01/31/KULTUR/1/Bilder/KULTUR_1_f3564a0a-0879-42e2-bbb6-841d10a815db_c8_2529479.jpg
Infolge der internationalen Folksong-Bewegung und der begleitenden Studentenbewegung (um 1968) erwachte überall eine Liedermacherszene. In Frankreich lebte dadurch das Chanson auf und wirkte sich nachhaltig auf die europäische Musik aus. In der DDR wurden eine Reihe von französischen Chanson-Interpreten bekannt und nationale Künstler wie Barbara Thalheim und Gisela May wurden weltberühmt. Über den Kanadier Perry Friedman kam die Folkbewegung (Hootenanny) in die DDR und wurde von den Funktionären vereinnahmt. Als Singebewegung waren alle Lieder erwünscht, die dem sozialistischen Gedankengut entsprachen. Der daraus resultierende „Oktoberklub“ wurde zum Vorbild der Singebewegung und die Regierung förderte die Musik. Die strenge Zensur macht es jedoch zahlreiche Gesangsgruppen schwer ihre sozialistische Sichtweise zu vertreten. Folgerichtig verlor sich in den 70er Jahren das Interesse an der Singebewegung, dafür bildete sich eine kontroverse Liedermacherszene, die auf nicht publizierten Konzerten (Kirche) kritische Töne gegenüber den Regierenden wagten.    
In der Bundesrepublik wurde Ähnliches probiert, doch das Experiment wurde schnell sein gelassen, wegen des Desinteresses. Die Mehrzahl der Jugendlichen hatte genug von klugen Worten und Weltverbesserern. Ob SDS (Studentenbund) oder APO (illegale Opposition), es wurde zu hochgestochen geredet und nicht gehandelt oder stritten sich um Formulierungen (Wortklaubereien). Statt beispielsweise Gleichberechtigung zu leben, wurde darüber nur debattiert, analysiert und definiert. Es war schon genug, dass sich ein junger Mann zu beginn der 70er Jahre den Mund fusselig reden musste, um seine Geliebte überhaupt küssen zu können. Genau diese Jugend wollten nicht noch musikalisch bekehrt werden.
 
Reinhard Mey brachte 1967 seine erste LP „Ich wollte wie Orpheus singen“ heraus, die sich gut verkaufte. Doch der Mehrheit wirkten seine Lieder zu intellektuell, wodurch sich das Interesse an seine Musik in Deutschland in Grenzen hielt. In Frankreich und den Niederlanden war man seiner Musik gegenüber aufgeschlossener. Der Erfolg veranlasste ihn dazu, auch in Französisch zu singen und steigerte dort seine Popularität.  Um 1967 formierte sich das Quartett Insterburg & Co. und versuchte es mit intellektuellem Musikklamauk. Der steigende Erfolg sprach für den richtigen Kurs. In der Besetzung Ingo Insterburg (Ingo Wetzker), Karl Dall, Peter Ehlebracht und Jürgen Barz wurden sie schnell bekannt und nach dem Auftritt in der ARD-TV-Sendung Musikladen (1972) waren sie in ganz Deutschland populär. Maßgeblich veränderten sie entstehende Liedermacher-Szene hin zur Blödelszene.
Reinhard Mey stellte sich dem Trend mit der LP „Mein Achtel Lorbeerblatt“ (1972). Besonders mit der Satire „Annabelle, ach Annabelle“ (übertriebene Emanzipation) und „Die heiße Schlacht am kalten Büffet“ (Spendengala) traf er humorig den Nerv der Zeit und den Titel „Gute Nacht Freunde“ konnte man sehr zweideutig auslegen. Auf den folgenden LPs waren immer wieder satirische Songs enthalten, aber der Anteil von sanften nachdenklichen Songs nahm zu.
 

bekannte Reinhard Mey Songs in den 70er: 
Der Mörder ist immer der Gärtner - - - Die heiße Schlacht am kalten Büffet  - - - Annabelle, ach Annabelle  - - - Gute Nacht, Freunde  - - - Über den Wolken  - - - Mann aus Alemannia - - - Es gibt Tage, da wünscht' ich, ich wär' mein Hund - - - Ich bin Klempner von Beruf - - - Dr. Nahtlos, Dr. Sägebrecht und Dr. Hein  - - - Keine ruhige Minute

 

Von Insterburg & Co. (s. Bild oben) gibt es nur wenige Lieder, die sich für eine Single eigneten. Für ihren Musikklamauk typisch waren eine schnelle Abfolge von kurzen Liedern oder schrille gezogene Instrumentalstücke. Schwerpunkt der Show war der kommentierende Wortwitz. Die Lieder „Diese Scheibe ist ein Hit“ und „Ich liebte ein Mädchen …“ waren die absolute Ausnahme. In ähnlicher Form praktizierte das Otto Waalkes, der Musik meistens nur anspielte und darauf seine Sketche aufbaute oder sie zur Einleitung in ein Thema benutzte.
Im Rahmen der Blödelszene wurden Ulrich Roski und das Duo Schobert und Black bekannt. Sie sahen aber ihre Lieder als intellektuelle Satire. In Studentenkreisen kam die Musik gut an, aber die meisten Jugendlichen mochten diesen Humor nicht. Ein Zwischending ist dagegen der Österreicher Wolfgang. Kann das Lied vom Trödler Abraham (1971) noch als Schlager bezeichnet werden, so ist das Lied „Wir sind die Meyers“ eine deutliche Gesellschaftssatire gegen den Konsumzwang. 
1973 wurde der Berliner Frank Zander mit dem „Ur-Urenkel von Frankenstein“ im Radio bekannt und revolutionierte die Blödelszene. Mit einem Seitenhieb auf die Wissenschaft verzichtet Frank Zander auf ein intellektuelles Gehabe und präsentiert sich als Kumpel von neben an. Mit rauer Stimme schuf er in seinen Liedern eine gruslig groteske Atmosphäre. Mit dem Lied „Nic Nac Man“ geht er sogar einen Schritt weiter, mimt den Teufel und klagt zugleich die hohen Herren an, die dem Satan das Ende der Welt zuspielen. Die Aussage des Liedes verstimmte einige Radiosender und die Plattenfirma (erscheint verspätet als Single). In der Folgezeit nimmt er deshalb Dinge aufs Korn, über die man nicht spricht. „Ich trink auf dein Wohl, Marie“, das Lied entwickelt sich vom Schlagersingsang zum alkoholisierten Wut-Ausbruch über eine zerbrochene Liebe und offenbart ungeschminkte Gefühle. Das Lied wird ein großer Hit, der trotz seines humorigen Inhalts so tief greifend ist. Mit „Ich wünsch dir für die Zukunft alles Gute“, Discopolka“ und „Oh Suzi“ widmet er sich weiteren brisanten Themen, bevor über die Badewannenparty „Splish-Splash“ in die Galaxie verschwindet zum „Discoplanet“ und als „Captain Starlight“.
1975 versucht sich Rudi Carrel als humoriger Sänger mit „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“ und später mit „Goethe war gut“. Im gleichen Jahr begeistert ein junges Talent mit absurden Liedern die Hitparaden. Mit „Mein Gott Walter“ eroberte Mike Krüger die Nation. Obwohl nicht auf Single erschienen trällerte die Jugend seine Konzert-Lieder „Sie trägt ein Faltenrock“, „Seit ich hier wohne“ (Parodie auf „Mama Leone“) und „Auf der Autobahn nachts um halb eins“. Im Zuge der Musik-Slapstick eroberte eine Reihe von Liedern die Hitparaden. Allen voran die tragikomische Leidensgeschichte von Timi „Der Hamster“ oder dem tollpatschigen Willem, als „Tarzan, ist wieder da“. Hier eine Aufstellung der beliebtesten Blödellieder: 

   Ich liebte ein Mädchen                - Insterburg & Co.     Ur Urenkel von Frankenstein              - Frank Zander
  Diese Scheibe ist ein Hit              - Insterburg & Co.     Oh Suzi                                                 - Frank Zander
  Annabell, ach Annabell                    - Reinhard Mey     Captain Starlight                                  - Frank Zander
  Der Mörder war immer der Gärtner  - Reinhard Mey      Ich trink auf dein Wohl Marie            -  Frank Zander
  Die heiße Schlacht am kalten Büfett  – Reinhard Mey    Mein Gott Walter                                 - Mike Krüger
  Diplomatenjagd                                   - Reinhard Mey     Seit ich hier wohne                              - Mike Krüger
  Der Hamster                                            - Timi     Auf der Autobahn…                             - Mike Krüger
  Wir sind die Meyers                             - Wolfgang     Sie trägt 'nen Faltenrock                       - Mike Krüger
  Tarzan ist wieder da                                - Willem      Presslufthammer Bernhard                     - Torfrock
  Lass die Morgensonne endlich untergehn - Willem     Macht nichts es gibt Schlimmeres         - Rentnerband
  Komm aus den Federn Liebste         – Knut Kiesewetter     Ich möchte so gern am Fließband stehn – Meyers DK

 

Neben den Blödeleien gab es auch anspruchsvolle Liedermacher, die mehrheitlich aus Österreich kamen. Wolfgang Ambros, Andre Heller, Georg Danzer und Rainhard Fendrich füllten zunehmend die Konzertsäle, galten aber noch als Geheimtipp, bevor sie in den 80er Jahren in Deutschland populär wurden. In der DDR machten sich Kurt Demmler, Gerhard Schöne und Bettina Wegner einen Namen.
Kurt Demmler schaffte die Gradwanderung zwischen erlaubten und kritischen Tönen und schrieb für zahlreiche Rockbands die Texte. Gerhard Schöne publizierte sich über die evangelische Kirche und bei seinen Konzerten war stets die Stasi anwesend. Die Aktivitäten von Bettina Wegner („Sind so kleine Hände ...“) waren dem Staat zu sehr ein Dorn im Auge und legten ihr 1983 die Ausreise nahe. Der Fall des gebürtigen Hamburgers Wolf Biermann sorgte für hitzige Debatten. Einerseits provozierte er mit seinen Texten seine Ausbürgerung (1976), andererseits nahmen die Künstler der DDR die Ausweisung zum Anlass, um gegen die staatliche Zensur zu protestieren. Im Rahmen der Forderungen für künstlerische Freiheiten blieb die Regierung stur, worauf namhafte Künstler die Ausreise beantragten.

5.3. Schlager
In beiden deutschen Staaten spiegelte sich der gestiegene Wohlstand im Schlager nieder. Überwiegend heiter, gepaart von einer gewünschten Zweisamkeit und einer Spur Fernweh, wurden zu typischen Attributen des Schlagers. Trotzdem der Schlager immer Illusionen erzeugte, blieb der Schlager in den 70er Jahre nahe der Realität. Aus jenem Grund sind die meisten Schlager zu Evergreens geworden, dabei ist es egal, ob es sich um Party-, Liebes- oder nachdenkliche Lieder handelt.

Im Jahr 1970 stürmten Interpreten die Hitparaden, deren textlicher Inhalt die Jugend berührte. Die Liebeserklärung „Du bist anders (als all die andern)“ oder „Du (bist alles was ich habe auf der Welt)“ von Peter Maffay, ließ die Mädchenherzen dahinfließen. Chris Roberts philosophierte über „Die Maschen der Mädchen“ und Michael Holm tanzte mit ihnen „Barfuß im Regen“, wogegen Daliah Lavi über die sinnlosen Tage in der Woche nachdachte.
In der DDR war Frank Schöbel für Komplimente zuständig („Mädchen, du bist schön“) und im Duett mit Chris Doerk, folgte ein musikalischer Schlagabtausch, der auf die männliche Überheblichkeit zielte.

Von dem Stimmungskracher „Schöne Maid“ mit Tony Marshall war das Jahr 1971 geprägt. Deutschland war in Feierlaune, dem Heino seine „Mohikaner Shalali“ beisteuerte. Unter dem Motto „Hier ist ein Mensch“ mit Peter Alexander, gab es auch nachdenkliche Töne. Selbstbewusst erklärte Vicky Leandros „Ich bin, wie ich bin“ und Ricky Shayne bereute in „Mamy Blue“, wie sehr er seine Mutter verletzt haben muss. Humorvoll erzählt Bruce Low die Sintflutgeschichte von „Noah“ mit versteckten Seitenhieben auf die Gesellschaft.
In der DDR wird „Wie ein Stern“ zum Hit des Jahres. In einer Extrasendung wurden drei Versionen des Titels vorgestellt und die Version mit Frank Schöbel siegte souverän (2. Chris & Frank; 3. Chris Doerk).

Mit „Ich habe die Liebe gesehen“ von Vicky Leandros wird ein deutschsprachiger Song zum Jahreshit 1972. Obwohl es das Lied nur auf Platz 2 in den Wochencharts schaffte, hielt sich das Lied 19 Wochen in den Top-10. Überhaupt war es ein großes Jahr für den Schlager, neben Tony Marshall, Heino, Chris Roberts und Michael Holm, stürmte Jürgen Marcus mit „Eine neue Liebe“ die Hitlisten. Bata Illic besang seine „Michaela“ und Christian Anders trauerte im „Zug nach Nirgendwo“ seiner verlorenen Liebe nach und für beide Interpreten wurden die jeweiligen Lieder zum absoluten Hit. Juliane Werding durchbrach mit dem Antidrogensong „Am Tag als Conny Kramer starb“ ein Tabuthema und löste hitzige Debatten aus. Und der Zeichentrickhund Wumm (ZDF-Show: „Drei mal Neun“) begeisterte die Nation mit „Ich wünsch mir ne’ kleine Miezekatze“). Imca Marina entfachte das Reisefieber mit „Viva Espana“ und in dem Zusammenhang gelang Rex Gildo („Fiesta Mexicana“) sein größter Hit. Nicht unerwähnt soll das gesungene Drama „Du lebst in deiner Welt“ mit Daisy Door bleiben, deren Lied über die Krimiserie „Tatort“ bekannt wurde.
In der DDR setzten neue Namen die Akzente. „Yvetta“ mit dem Tschechen Jirgi Korn und „Maria Helena“ mit dem Jugoslawen Ivica Serfezi. Speziell Ivica Serfezi lud die DDR-Bürger zum Träumen ein, und obwohl er die Adria besang, schwebten die Gedanken an die anderen Mittelmeerküsten. 
Mit Bisser Kirow (BUL) und Kati Kovacz (HUN) konnten zwei weitere Ausländer einen Schlagerhit landen, dennoch blieben Frank Schöbel und das Duo Monika Hauff & Klaus Dieter Henkler die Lieblinge des DDR-Publikums. Mit dem Lied „Es war noch nicht das erste Mal“ besingt Reinhard Lakomy einfühlsam den Trennungsschmerz und es ist das erste Lied von ihm, das gleichzeitig zum Evergreen wurde.

Wesentlich beschaulicher ist die Schlagerszene 1973. Bernd Clüver erzeugt Traumwelten über den „Jungen mit der Mundharmonika“ und Freddy Breck umgarnt mit klassischen Tönen die Frauenherzen. Nach dem großen Erfolg von „Goodbye My Love Goodbye“ mit Demis Roussos (auch in Deutsch), entführt der Grieche mit weiteren Liedern seine Zuhörer in seine Heimat. Ihn unterstützen dabei Vicky Leandros, Costa Cordalis und die Berlinerin Katja Ebstein („Stern von Mykonos“). Frei nach der Devise „Wenn ein Schiff vorüber fährt“ mit Julio Eglesias entschwinden zumindest die Träume in andere Welten. Heino ist in „Tampico“ oder pflückt Blumen in den Alpen das „Edelweiß“, die britische Sängerin Ireen Sheer verlässt ihr Elternhaus mit „Goodbye Mama“ und Michael Holm besingt seine „Lady Of Spain“. Cindy & Bert treffen sich „Immer wieder Sonntags“ mit Freunden und Jürgen Markus gibt Lebensweisheiten zum Besten, „Schmetterlinge können nicht weinen“.
Abgesehen von den „Silbernen Nächten über Montenegro“ mit Ivica Serfezi gibt sich der DDR Schlager heiter. Frank Schöbel wandert munter vom „Nordpol zum Südpol zu Fuß“ und Vaslav Neskar besingt das „Krokodil Theophil“. Der Schwedin Nina Lizell gelingt mit „Dem Mann mit dem Panamahut“ ein inoffizieller Hit in der DDR. Im Dixielandstil singt Jirgi Korn „Als meine Oma zwanzig war“ und Bisser Kirow will alle Türen und Fenster aufmachen.

„Hey Boss, ich brauch mehr Geld“ heißt der Slogan mit Gunter Gabriel, der 1974 die Runde machte. Mit einer Reihe von Countryliedern sticht er aus der Schlagerszene hervor, die nicht viel Besonderes bot. Den Gassenhauer „Theo, wir fahr’n nach Lodz“ bereut Vicky Leandros noch heute. Sie, die eigentlich eher dem Chanson nahe steht, hat ausgerechnet mit dem Gassenhauer ihren größten Hit. Chris Robert stellt indes fest, dass man nicht immer 17 sein kann und der Bundespräsident Walter Sheel singt das Volkslied „Hoch auf dem gelben Wagen“. Ein weiterer Song über den Trennungsschmerz mit einer kleinen Hoffnung, „Tränen lügen nicht“ (Michael Holm), rührt die Nation. Howard Carpendale startet seinen 2. Anlauf mit „Du fängst den Wind niemals ein“. Ein schönes Bild über ein liebendes Herz interpretiert gefühlvoll Elfi Graf mit „Herzen haben keine Fenster“.
Mit der Schlagerhymne „Tag für Tag“ setzt sich in der DDR
Hans Jürgen Beyer ein Denkmal. Eine weitere aber heimliche Hymne wird das Lied „(7x) Morgenrot (7x) Abendrot“ mit Andreas Holm. Das Lied über ein sehnsüchtiges Warten wird für jeden Soldaten, der seinen Wehrdienst ableisten musste, zum ultimativen Hit. Erwähnenswert ist das lyrische Lied „Wenn die Wandervögel zieh`n“ mit Aurora Lacasa. Angemerkt sei, dass die Funktionäre liebend gern den Vorzeige-Amerikaner Dean Reed, als Superstar gehabt hätten, aber trotz einiger guter Songs lehnte ihn die Mehrheit ab.   

„Griechischer Wein“ mit Udo Jürgens war der absolute Schlagerhit 1975. Aus dem rühr-seligen Lied über Gastarbeiter, wird ein Partyknaller. Und auch auf die gestiegene Arbeitslosigkeit reagierte die Bevölkerung mit Frohsinn. „Wir lassen uns das Singen nicht verbieten“ sang Tina York und Katja Ebstein steuert munter die frivole Geschichte bei, „Es war einmal ein Jäger“. „Wart auf mich“ flehte Michael Holm und Howard Carpendale fand „Deine Spuren im Sand“. Frank Zander trank auf das Wohl von Marie und Mike Krüger amüsierte sich über „Mein Gott Walter“. Lyrisch einfühlsam bereitete Peter Maffay „Josie“ auf das Erwachsenwerden vor und Udo Jürgens berichtete über „Ein ehrenwertes Haus“, deren Bewohner mit einer spießbürgerlichen Denkweise ihre eigenen Sünden überdeckten.
In der DDR stagniert der Schlager etwas und dem Duo Hauff & Henkler fällt nichts anderes ein, außer „Keine Bange wir holen eine Zange“ und Frank Schöbel malt mit Kindern eine Sonne. Hervorzuheben sind lediglich Nina Lizell mit „Lass mich bitte nicht warten“ und die Roten Gitarren mit dem beschwingten Lied „Draußen bei den Weiden“.

Das Jahr 1976 ist wieder ein richtiges Schlagerjahr mit einem breiten Angebot. Besinnlich mit „Der kleinen Kneipe“ mit Peter Alexander, satirisch mit „Aber bitte mit Sahne“ von Udo Jürgens und grotesk mit „Schmidtchen Schleicher“ von Nico Haak. Jürgen Drews bietet als Tramp „Ein Bett im Kornfeld“ an, Peter Maffay erzählt von einer Affäre mit einer älteren Frau in „Es war Sommer“ und Frank Farian ist „Rocky“ deren Liebste tragisch stirbt und nur durch seine Tochter wieder aufgerichtet wird. Obwohl die Rhythmik des Liedes nicht zum Text passt, rührt das Lied Tausende zu Tränen. Ähnlich tragisch ist „Der letzte Tanz“ von Christian Anders, wo ein Unfall eine Liebe auslöscht und das Lied „Der Brief“ erzählt von einem Teenager, der unverstanden sein Elternhaus verlässt. „Frei, das heißt allein“ stellt Roland Kaiser fest und auf der Suche nach einem Mädchen verdammt Wolfgang Petry den „Sommer in der Stadt“. Lena Valaitis gelingt mit „Ein schöner Tag“ die erfolgreichste deutsche Version zu „Amazing Grace“. Viele Lieder wären noch zu nennen, doch unbedingt zu erwähnen sind noch, die „Lieder der Nacht“ mit Marianne Rosenberg oder „Komm in meinen Wigwam“ mit Heino.
In der DDR sorgten neue Namen für eine frische vielseitige Schlagerszene. Mit „He, kleine Linda“ bereichert Muck die Schlagerszene und „Hätt’ ich noch mal die Wahl“ mit Sandra Mo & Jan Gregor wurde ebenso zum Dauerbrenner. Relativ neu war auch Monika Herz, die mit „Ich wünsch mir Rosen im Schnee“ einen großen Schlagerhit hatte. Zu den Top-Schlagern des Jahres gehörten noch: „Varadero“ mit Andreas Holm, „Die Liebe ist ein Haus“ mit Regina Thoß, „Nimm den Zug der Sehnsucht heißt“ mit Aurora Lacasa und „Harlekino“ mit Alga Pugatschowa (SOW). Erstmals hielt Countrymusik Einzug im Schlager, mit Express („Ein Wigwam steht in Babelsberg“) und Winni 2 („Was soll ich mit dem Akkordeon“).

Ein Jahr voller musikalischer Geschichten ist 1977. Im Country-Stil bittet Michael Holm „Musst du jetzt gerade gehen Lucille“ seine Frau zur Umkehr. In ähnlicher Weise redet Marianne Rosenberg auf ihre Konkurrentin „Marleen“ ein, von ihrem Freund abzulassen. Costa Cordalis berichtet über das Traummädchen „Anita“ und Roland Kaiser verpasste wegen „Sieben Fässer Wein“ seine Hochzeit. Howard Carpendale wohnte „Tür an Tür mit Alice“ und Henry Valentino träumte auf der Autobahn vom Mädchen „Im Wagen vor mir“. Ironisch überzogen erzählte Johanna von Koczian über „Das bisschen Haushalt“ und Udo Jürgens fand deutliche Worte über die Entlassungspraxis von Unternehmen in „Gefeuert“. Weitere viele unterschiedlicher Geschichten bereicherten die Hitparaden.
„Alles im Eimer (Christina Marie)“ mit Frank Schöbel und „Das war ein Meisterschuss“ mit Monika Hauff & Klaus Dieter Henkler betonten die heitere Szene des DDR-Schlagers. Monika Herz beklagte sich über den Urlaubslärm durch den „Kleinen Vogel“, die Country-Band Winni 2 glaubte verunsichert „Du musst wohl eine Hexe sein“ und mit dem „Weißen Boot“ fuhr man mit den Roten Gitarren auf das Meer der Träume hinaus. Pechvogel Jürgen Walter erzählte von seinen Missgeschicken in „Schallali Schallala (es tut nicht mehr weh)“ und Muck servierte musikalisch „Schokolade“.

1978 war das Jahr der Schlümpfe. Vader Abraham eroberten mit den kleinen blauen Zeichen-Trickwesen die Hitlisten. Mit dem grotesken Trinklied „Kreuzberger Nächte“ machten sich die Gebrüder Blattschuß einen Namen. Statt bei der WM in Argentinien zu glänzen, stürmte die Fußballnationalelf & Udo Jürgens mit „Buenos dias Argentina“ die Hitparade. Eindrucksvoll besingt Bino den Nachruf auf „Mama Leone“ und Andrea Jürgens rührt mit „Und dabei liebe ich euch beide“, die sich nicht zwischen den geschiedenen Eltern entscheiden möchten
In der DDR wird der Popsong „Über sieben Brücken“ von
Karat zum Hit des Jahres und überhaupt bringt die Popmusik in diesem Jahr die besseren Hits hervor.

Im Prinzip wird ein Popsong zum Jahreshit 1979. Der Titel „So bist du“ von Peter Maffay ist kein typischer Schlager sondern eine lyrische Rockballade. Zum eigentlichen Schlagerhit wird Dschingis Khan mit „Dschingis Khan“, die mit weiteren historischen Bezügen in ihren Songs glänzten. Der Trend des Schlagers bewegt sich in traditioneller Richtung zurück und bewegt sich in banale Liebeslieder. „Nachts, wenn alles schläft“ bin ich „Hals über Kopf verliebt“ und warte am „Blue Bayou“ auf den „Vogel der Nacht“. Selbst das „Lied von Manuel“ setzt auf den Niedlichkeitsfaktor des kleinen Manuels und in ähnlicher Weise rührt ein behindertes Kind in „Ruf Teddybär eins - vier“ (Johnny Hill). Textlich ehrlicher dagegen ist „Du schaffst mich“ mit Jürgen Drews und das Truck Stopp -Motto „Take it easy altes Haus“.
Im DDR-Schlager ist „Sag ihr auch“ mit Gerd Christian eher eine Popballade, als ein Schlager. Wie in der Bundesrepublik fehlt dem DDR-Schlager in diesem Jahr das Besondere. „Es gibt keine Liebe mehr“ (Ljubka Dimitrovska) und Frank Schöbels „Kristina“ bedienen sich textlich einem Klischee ohne neue Bilder. Dagegen entwickelt das Lied „Wenn eines Tages dein Prinz kommt“ von Monika Hauf & Klaus Dieter Henkler wenigstens ein originelles Bild.

Beim Streifzug durch die Schlagerwelt der 70er Jahre konnte nicht auf alle Hits eingegangen werden, aber ich hoffe, dass Sie sich einen groben Überblick über den deutschen Schlager verschaffen konnten. Hits wie, „Weißt du wohin“ (Karel Gott), „Akropolis adieu“ (Mirelle Matheus) oder „Mit 66 Jahren“ (Udo Jürgens) sprechen durch ihre Platzierung in den Jahrescharts für sich.