Kurzgeschichten

Hamburger Zeit
Ein Sammlung von Kurzgeschichten, die mehrheitlich durch das Hamburger Seminar "Schule des Schreibens" entstanden sind.

Geschichten 1 bis  5
1. Der Zauberapfel     2. Der verflixte Donnerstag  3. Die Schulbücher

 Hamburger Zeit (Einleitung)                                                   
 
Wieder sitze ich in der Straßenbahn auf meinem Weg zur Arbeit, ohne MP3 Player oder Buch, frei für Gedanken. Oftmals kommen mir Geschichten in den Sinn und einige schreibe ich nieder. Doch beim nochmaligen Durchlesen bin ich unzufrieden damit und verwerfe sie meistens.
Heute sitzt vor mir ein Teenager mit längs gestreiftem, blau-weißen T-Shirt und zerzausten Mischhaaren. Er versuchte gerade, bei der anfahrenden Straßenbahn, noch einen Schluck Fanta aus der Flasche zu trinken. Natürlich ging das schief und duschte nicht nur sein Gesicht. Ärgerlich beseitigte er die Spuren des Missgeschicks und ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. Hinter vorgehaltener Hand, war es kein Auslachen, nur ein komischer Moment.
Peinlich berührt schaute er sich um. Ich wollte ihn nicht bloßstellen und schaute schnell aus dem Fenster, als hätte ich nichts gesehen. Nicht das ich Angst gehabt hätte, dass er mich anbrüllt: „Was glotz ’n so!“ Wahrscheinlich hätte er sich eher geschämt und mit gesenktem Kopf die Bahn verlassen. Den peinlichen Augenblick wollte ich ihm ersparen, denn ich muss mich nicht am Missgeschick Anderer ergötzen. Mit Diskretion war jedem geholfen.
Etwas weiter entfernt saß ein Mädchen mit langen brünetten Haaren und schaute traurig aus dem Fenster. Ich glaubte eine Träne zu sehen. Was sie wohl bewegt? Hat sie Liebeskummer, fühlte sie sich unverstanden oder hat Bill von Tokio Hotel (*1) ihr noch nicht geantwortet?
Es ist der Stoff aus Träumen, die zu Geschichten reifen. Sollte man nicht solche Momente festhalten? Jedoch wem interessiert das in dieser schnelllebigen und oberflächlichen Zeit, die nach Action und Spaß lechzt und nicht merkt, wie das Herz verkümmert. Und doch muss die Sehnsucht nach Gefühlen groß sein, wie sonst erklärt sich der steigende Absatz von Büchern.
Anders als Gesprochenes bleibt das Geschriebene und kann auch Ungesagtes vermitteln. Ein Wort wird intensiver wahrgenommen, als ein flüchtiger Moment. Es sind Aussagen, Sätze oder Worte, die mich zum Nachdenken anregen und in eine Erzählung münden. Heute ist es eine unscheinbare Situation in der Bahn und überlege.
Wie könnten sich der Fanta-Typ und das Mädchen am Fenster näher kommen? Sieht er vielleicht aus wie Bill? Nein! Aber er hat bestimmt ein großes Herz. Auf jeden Fall war er keiner von diesen umherkrakeelenden Teenagern, die mit Urwaldlauten und dem provokanten  Benehmen auffallen mussten. Er machte eher einen schüchternen Eindruck und schien gut zum verträumten Mädchen zu passen. Seine schlichte Kleidung verriet eine ehrliche Wärme und sie war kein Modepüppchen, sehnte sich nur nach jemandem der sie versteht.
Wäre es wert über die Zwei eine Geschichte zu schreiben? Könnte ich mit so einer banalen Erzählung jemanden erreichen? Und dann sind da noch meine Hemmungen. Früher habe ich keinem mein Geschreibsel gezeigt, aus Angst ausgelacht zu werden. Gesagtes kann der Lüge bezichtigt werden, aber das geschriebene Wort stand fest auf ein Blatt Papier.
Meiner Frau gab ich es zu lesen und ernüchternd war ihr Urteil. Nicht die Fantasie, sondern an der Umsetzung haperte es. Ich hatte es zwischendurch aufgegeben und durch Fernsehbilder meine eigene Fantasie und Ideen bevormundet. Meine Frau machte mich auf die Hamburger Akademie aufmerksam. Sofort meldete ich mich beim Fernstudium an, damit meine Seele wieder Geschichten mit Farben malt. Ich wollte wissen, wo meine Defizite waren und was ich alles noch einmal lernen musste? Gleich in der ersten Aufgabe fragte mich die „Schule des Schreibens“, warum ich schreiben möchte? Die einfache Frage beschäftigte mich tagelang, denn ich wollte sie nicht lapidar beantworten. Natürlich könnte ich sagen, weil ich mich mitteilen und unterhalten will.
Aber wäre das ehrlich und in die Tiefe gedacht? Warum sollen andere meine Geschichten lesen und welche Ziele verfolge ich? Strebe ich etwa nur nach Erfolg und Anerkennung? Sicherlich spielt das auch eine Rolle! Doch wesentlich ist der innere Trieb, denn ich weiß, dass ein Gieren nach Popularität den Geist vergiftet und ehrliche Geschichten verhindert. Kräftigt ruckelt die Straßenbahn um eine Kurve und zieht mich fort in die Vergangenheit.
In meiner Kindheit begann ich, für mich kleine Geschichten zu schreiben.
Inspiriert vom Mosaik (*2), reiste ich mit den Digedags in historische Welten und erfand eigene ruhmreiche Helden. In den Jugendjahren verlegte ich mich aufs Gedichteschreiben. Einerseits konnte ich so am schnellsten Gefühle ausdrücken, wie erste Liebe und Themen die mich im Alltag bewegten. Mit Gedichten ließ sich gut die Rechtschreibung und Grammatik umgehen, mit der ich auf Kriegsfuß stand.
Es war schon niederschmetternd, wenn sich der Lehrer in der Schule über Stilblüten und verkorkste Sätze lustig machte. Solang es sich um die Aufsätze von den Anderen handelte, fand ich es mitunter ebenfalls amüsant, aber wehe, wenn es mich selbst traf.
Inhaltlich lobte mich der Lehrer meistens, aber meine Schreibfehler wirkten sich auf den Ausdruck aus und wirkten mitunter komisch. Das alles wirkte sich fatal auf die Gesamtnote (Zensur) aus. Aufbauend war jedoch, dass der Lehrer einige von meinen Aufsätzen vorlesen ließ. Und da ich die Geschichten so erzählen konnte, wie ich sie gemeint habe, gefielen sie den Meisten. Was mich sehr überraschte. Dennoch blieben die Hemmungen und meine Monster hießen Grammatik und Rechtschreibung.
Schreiben sei sowieso Mädchenkram, meinten meine Freunde und mit Lesen hatten sie eh nichts am Hut. Also schrieb ich heimlich und spielte mit den Jungs Fußball am See, oder war mal Cowboy und Indianer oder wir versammelten uns vor der Glotze (*3).
Mit der Pubertät stieg das Interesse für Mädchen und merkte, dass sie für geschriebene Worte sehr empfänglich waren. Trotz vieler Rechtschreibfehler mochten sie die Art, wie ich Briefe schrieb. Mutig zeigte ich auch einigen zögernd meine Gedichte. Das Echo war zwar positiv, doch die Skepsis blieb. Waren sie wirklich gut? Hinzu kam, dass ich irgendwie eine größere Begeisterung erwartet hatte. War es vielleicht nur gespielte Freundlichkeit von ihnen, um mich nicht zu verletzen oder waren meine Erwartungen zu hoch?
Im Straßenbahnabteil sind inzwischen Kontrolleure hinzugestiegen und rissen mich aus den Gedanken. Nachdem ich meinen Fahrschein zeigte, suchte ich den Faden der Vergangenheit und fand mich in der Lehrzeit wieder. Es war die Zeit, wo ich auf der Suche nach mir selbst war und stand mir manches Mal selbst im Wege. Über die Rockmusik stellte ich alles infrage und fand Missstände in der gelebten Gesellschaft. Und im Zeitgeist der 70er Generation wollte ich neue Lebensformen ausprobieren. Nicht blauäugig und radikal, wie in den 60ern, sondern durchdacht wollte ich mitwirken, gesellschaftliche Missstände zu verändern.
Im Zuge dessen schuf ich mir mein eigenes Weltbild und entwarf meinen Ideen für eine funktionierende Gesellschaft. In jener Phase war ich wissbegierig und wollte alles über Gott und die Welt wissen. Ich wollte die theologischen Grundsätze der Bibel verstehen und folgte Erich von Däniken, in seinen Ansichten über Außerirdische. Umfassend interessierte mich alles, was den Menschen betraf.
Wollte wissen, wie Politik funktioniert, warum sich Kulturvölker bildeten, wie sich der Glaube ursprünglich entwickelte und ob wissenschaftliche Forschung absolut ist? Es galt immer wieder zu klären, warum etwas so ist, wie es ist und ob es überhaupt ist? Zu alledem schrieb ich meine Meinung nieder, auch über das komplexe Thema Liebe. Sie ist der einzige Bereich, der sich zwar grob fassen lässt, aber individuell immer fassungslos bleibt. Gerade wegen diesem Widerspruch schreibe ich wieder verstärkt Geschichten. Ich versuche meine Gefühle treiben zu lassen und gestatte dem Alltag meine Fantasie zu wecken. Egal ob im hektischen Kaufhaus, der Werbepause im Fernsehen oder auf einem Spaziergang im Park.
Im Straßenbahnabteil wird es gerade laut. Eine Mutter zieht gerade ihr jaulendes bockiges Kind durch den Wagen und jeder ist genervt.
Nachdem Ruhe eintritt, denke ich darüber nach, warum ich möchte, dass Andere meine Geschichten lesen? Sind sie es das überhaupt wertgelesen zu werden? Und dann, wie sollte ich etwas schreiben? Was nützt die beste Story, wenn sie den Leser nicht anspricht?
Der Philosoph Sokrates meinte, man sollte keine fertigen Bilder entwerfen, sondern Fragen aufzuwerfen, die zur Selbsterkenntnis führen sollen. Und ich frage mich, ob ich das kann? Bin ich in der Lage mein Anliegen getarnt in Worte zu kleiden, sodass mich keiner Missversteht? Mit der Urform meines ersten Romans ist mir das nicht gelungen. Das kritische Echo meiner Frau war ernüchternd. Inzwischen habe ich nun drei Versionen geschrieben, begleitet von Zweifeln. Vielleicht sollte ich es erst einmal mit Kurzgeschichten versuchen, zumal ich selbst nur wenige Bücher gelesen habe.
Wie soll ich also ein Buch schreiben, wenn ich nicht weiß, wie eins aussieht. Im Gegensatz zu mir, ist meine Frau eine Leseratte. Vielleicht war es die schulische Zwangslektüre, die mich abgeschreckt hatte freiwillig ein Buch zu lesen. Klassiker, wie „Macbeth“ und „Faust“ habe ich gehasst und so manches Pflichtbuch gab es bereits als Film im Fernseher. Es war sowieso bequemer und auch spannender sich vom Fernseher berieseln zu lassen. Fernsehen und Popmusik nahmen einen größer werdenden Rahmen ein und legte das Schreiben auf Eis.
Noch rechtzeitig merkte ich, wie meine Fantasie vereiste und wie notwendig es ist zu lesen, um schreiben zu können. Planlos las ich Bücher, die mich vom Thema interessierten. Leider waren es meistens Fehlgriffe, die ich nach wenigen Seiten in die Ecke warf. Erst in letzter Zeit fand ich Bücher, die mich von ihrem Sprachgebrauch ansprachen. Meine Fantasie erwachte und ich begriff, wie schön es ist mit Worten eigene Bilder zu malen. Zu einem der Bücher habe ich mir den Film angesehen und war erschrocken über die seelenlose fertige Welt. Da begriff ich, wie sehr mich das Fernsehen verseuchte, weil es mich hemmte, in die Tiefe zu gehen. Nun bin ich zwar aufgewacht, aber stehe am Anfang, da ich meine schrift-stellerischen Mängel spüre. Manchmal dachte ich daran, meinen Traum zu begraben.
Mit der „Schule des Schreibens“, erhielt ich den notwendigen Schubs für einen Neuanfang.
Ich möchte die Farben in meine Seele zurückbringen und möchte sie daran teilhaben lassen.
Ich weiß jetzt, warum ich schreiben will. Ich möchte mit Ihnen das Leben in den vielseitigsten Farben malen. Fort von der Oberflächlichkeit der medialen Welt, will ich mit Ihnen in die Tiefe gehen und Leben erleben. Und wer weiß, vielleicht kann ich sie ja inspirieren selbst etwas zu schreiben?
Die Straßenbahn hat mich inzwischen ans Ziel gebracht und ich frage mich, werde ich mit
den nachfolgenden Geschichten mein Ziel erreichen? Schaffe ich es, Sie an die Hand zu nehmen und fahren sie mit mir bis zur Endstation oder steigen Sie vorher aus?
Die Geschichten sind Resultate von Aufgabenstellungen meiner Hamburger Zeit.
 
*1= beliebte Teenagerband für weibliche Fans um das Jahr 2005
*2= monatliche Comicserie der DDR mit den Digedags und Ritter Runkel (60er Jahre)
*3= umgangssprachlich für Fernseher