04. Die Zeit ab 1985

                                                           11. Die Zeit nach 1985http://www.pfarrbrief.de/bilder/view/14998/Gorbatschow_Michail.jpg

                                                                                 Der Umbruch – 1985 bis1989

1. Allgemeine Betrachtung
2. Michael Gorbatschow und sein Einfluss
3. Die Regierung Helmut Kohl
4. Konsumgesellschaft und Gewerkschaften
5. Das Ende der DDR

1. Allgemeine Betrachtung

Das Ende der 80er Jahre stand eng mit dem Namen Michael Gorbatschow in Verbindung. Der sowjetische Staatschef wurde für den Westen zum Symbol für Frieden und Abrüstung und im Osten für demokratische Reformen.
Letztlich führte sein Engagement zum Zusammenbruch der sozialistischen Staatengemeinschaft. Und das wirkte sich international insofern aus, dass sich die USA weltweit gestärkt sahen und sich in die Politik anderer Staaten (arabische Länder) einmischten und mitunter militärisch agierten.
Mit dem legendären Spruch „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, forderte Michael Gorbatschow seine Verbündeten auf ihre Innenpolitik demokratisch zu reformieren. Doch i
nzwischen war die Wirtschaftslage in den sozialistischen Staaten katastrophal und die Stimmung unter der Bevölkerung war extrem angespannt. Die Reformen kamen zu spät und die Menschen hatten genug von der kommunistischen Bevormundung. In allen sozialistischen Staaten formierte sich eine offene Opposition. In Ungarn und Polen suchten die Regierenden wenigstens den Dialog mit der Opposition. In der DDR klammerte sich die SED weiter an seiner Macht. Erst die Flüchtlingswelle über Ungarn und die Asylsuchenden in den BRD-Botschaften (speziell Prag) brachten das Regime zum Umdenken, sodass sich die Reformer innerhalb der SED immer mehr durchsetzten. Mit den Montagsdemos und die Ereignisse zum Jahrestag der Republik wurde der Regierung klar, dass sie schnellstens Handeln mussten. Zunächst wurden jedoch nur Namen in der Regierung ausgetauscht, die dem Volk kleine Zugeständnisse machten.
International überraschte Michael Gorbatschow zunächst mit der einseitigen Abrüstung und brachte die USA in Zugzwang und zog zudem die sowjetischen Truppen aus Afghanistan ab. Trotz politischer Erfolge hatte die Wirtschaftsgemeinschaft RGW den versteckten Handelskrieg mit der westlichen Welt verloren. Die westeuropäischen Staaten und die USA verfügten über ausreichende Reserven, um ihre eigene Wirtschaftskrise zu kompensieren.

In der BRD stieg unter Bundeskanzler Helmut Kohl der Wohlstand, aber zugleich nahm die Arbeitslosigkeit zu und der konservative Stil verärgerte zudem die jüngeren Generationen. Verblendet vom steigenden Wohlstand schenkten ihm die älteren Bürger das Vertrauen und wählte ihn erneut zum Kanzler. Begünstigend kam hinzu, dass die SPD seine Wähler an Die Grünen verlor und die Partei sich zu wankelmütig präsentierte. In der Folgezeit verlor die CDU zunehmend das Vertrauen in der Bevölkerung. Es erwies sich schließlich das Ende der DDR als politischer Glücksfall, die mit der Idee der schnellen Wiedervereinigung sich wieder im Aufwind befanden.
Im Gegensatz zum politischen Umbruch setzte sich gesellschaftlich eine Oberflächlichkeit durch, die von Egoismus und Konsum geprägt war. Im Sinne des Wohlstandsdenkens wurden nun Produkte neu gekauft statt repariert (Wegwerfgesellschaft) und der Bürger prahlte gern mit seinem Luxus (Darstellungsgehabe).
Statussymbole, wie ein luxuriöses Auto, modische Markenware, ein eigenes Haus mit Garten und natürlich Urlaubsreisen in entfernte Länder waren einige Äußerlichkeiten, die den Wohlstand der Bundesbürger zeigten. Das Streben war häufig mit Mehrarbeit oder einem zweiten Job verbunden, dazu entwickelte sich verstärkt ein rücksichtsloses Karrieredenken. Willkommen waren auch zahlreiche Streiks um Lohnerhöhungen, an denen letztlich nur die Gewerkschaftsbosse profitierten. Erfolgreiche Streiks bewirkten letztendlich ein Ansteigen der Lebenshaltungskosten, wodurch das Wohlstandsdenken eine Teufelsspirale erzeugte.
Zahlreiche Menschen zerbrachen psychisch daran, am Geltungszwang, um nicht als Versager da zu stehen. Der egoistische Trieb entfremdete zudem viele Partnerschaftsbeziehungen. Außerdem stieg die Zahl jener Menschen, die ins gesellschaftliche Abseits gerieten und ihren Trost im Alkohol suchten oder sich zu kriminellen Taten hinreißen ließen. Grüne und Alternative lebten bessere Lebensweisen vor, doch die Mehrheit der Bürger bezeichnete sie als „anarchistische Spinner“. Speziell Jugendliche suchten sich eine neue ideelle Heimat in der Musik (Grunge, Heavy Metal), Fußballklubs, Organisationen (Sekten, Neonazis, RAF) und zunehmend formierten sie sich zu kriminellen Banden oder glitten in die Drogensucht ab.
Am Ende der 80er Jahre ließ die gesellschaftliche Profitgier seine Masken fallen und zeigte klarer seine hässliche Fratze. Der neue Sensationsjournalismus (Medienfreiheit) deckte einerseits so manchen Skandal auf, war aber anderseits selbstsüchtig, skrupellos und nur am eigenen Umsatz (Einschaltquoten, Verkauf) interessiert.
Das neue Jahrzehnt begann für den Osten mit hohen Erwartungen und im Westen definierte man Vorstellungen von einer überzogenen freiheitlich demokratischen Gesellschaft.
Und die Saat, die in den 80er Jahren unbedacht gelegt wurde, keimte in den 90er Jahren auf.

2. Michael Gorbatschow und sein Einfluss 

Michael Sergejewitsch Gorbatschow, am 2. März 1931 in Priwolnoje geboren, wurde in den 80er Jahren zum Idol der Jugend in Ost und West. Er war der Reformer der Demokratie, Hoffnungsträger des Ostblocks und Friedensstifter im Westen. Vieles wurde gesagt, idealisiert, aber was bleibt davon, wenn nüchterne Fakten an diesem Bild kratzen?
Anfang der 80er Jahre befand sich die sozialistische Staatengemeinschaft
in einer schweren Wirtschaftskrise (Wettrüsten, Afghanistankrieg, Verlust von Absatzmärkten u.ä.). Dazu gesellte sich eine explosive Stimmung in der Bevölkerung. Moskau als Dirigent seiner Verbündeten stand mit dem Rücken zur Wand. Staatschef Breschnew verstarb 1982 und machte die Bahn frei, für ein zeitgemäßes Umdenken.
Ein interner Machtkampf entbrannte innerhalb der KPdSU zwischen den Fundamentalisten und den Reformern. Es spricht vieles dafür, dass die beiden Breschnew-Nachfolger als Übergangsmarionetten fungierten, bis der Machtkampf einen Sieger fand. Der schnelle Tod von Andropow und Tschernenko ersparte der KPdSU deren Absetzung, als sich die Reformer durch setzten und Gorbatschow zu ihrem Anführer machten. Sofort begann er im eigenen Land mit umfangreichen Reformen, die als Perestroika (Umgestaltung) und dem Glasnost (Demokratisierung) in die Geschichte eingingen. Zugleich zwang er die USA, mit seiner einseitigen Abrüstung an den Verhandlungstisch.
Durch sein Engagement sank die Gefahr eines nuklearen Krieges erheblich, auch wenn sich die Abrüstung der Atomraketen als Mogelpackung herausstellte. Es wurden zwar keine neuen Atomraketen aufgestellt, aber die Bestehenden wurden durch Moderne ausgetauscht. International punktete er mit der Beendigung des Afghanistankrieges und der Freigabe der Verbündeten mehr Demokratie und Selbstständigkeit zu wagen. Hinter diesen Maßnahmen steckte aber ein Kalkül.

Es galt laufende (Kriegs-) Kosten zu senken, die Bevölkerung mit mehr Demokratie für den Sozialismus zurückzugewinnen und mit der nationalen Eigenständigkeit zeitgemäße Wirtschaftsmodelle zu fördern, um der Wirtschaftskrise zu begegnen. Ungarn begriff seine neuen Freiheiten als Erstes, aber versuchte mit behäbigen Reformen den regierenden Status der Partei beizubehalten. In Polen sah es ähnlich aus, dort stritten sich General Jaruzelski und Gewerkschaftsführer Walesa um den Führungsanspruch.
In allen anderen sozialistischen Staaten, so auch in der DDR, klebten die Machthaber an ihrer Position und versuchten es mit anderen Mitteln. Diese Ignoranz gegen den Zeitgeist brachte Gorbatschow auf den Punkt. „Wer zu spät kommt, dem bestraft das Leben!“ Das Zitat machte weltweit die Runde und wurde nicht nur starren politischen Systemen entgegen gehalten. Das hohe weltweite Ansehen von Michael Gorbatschow lag im eigenen Land jedoch im Argen. Die Reformen im eigenen Land bedeuteten zugleich eine rücksichts-lose Säuberung. Eine Vielzahl von Amtsenthebungen, Gefängnisstrafen und auch Todesstrafen waren die Folge. Mit harter Hand ging er gegen Korruption und politischer Wider-sacher vor. Zudem sagte er dem Alkohol den Kampf an. Alle Reformen der Perestroika bekamen den Beigeschmack von überzogenen Willkürmaßnahmen. Im öffentlichen Leben spürte das Volk keinen Aufschwung sondern eher das Gegenteil. Und Glasnost war auch nur ein Wort. Das bekamen jene zu spüren, die für die Unabhängigkeit ihrer Sowjetrepublik eintraten. Chaos und Unsicherheit regierten das Land.
Ende der 80er Jahr wurde unwiderruflich klar, dass Gorbatschow selbst zu spät kam.
Die angeschlagene Wirtschaft war nicht mehr zu retten und die alten politischen Strukturen waren zu tief in der Gesellschaft des riesigen Landes verankert. Demokratische Reformen, die nur scheibchenweise umgesetzt wurden, riefen neue Geister auf den Plan.
Im gesamten sozialistischen Lager hatte die Bevölkerung genug vom Kommunismus, die einen perfiden Plan hinter den Reformen vermuteten. Zu oft wurden in der Vergangenheit nach Zugeständnissen die Zügel wieder straffer geführt. Angesichts der katastrophalen Wirtschaftslage und dem sinkenden Lebensniveau wurden demzufolge die Stimmen immer lauter, die freie Wahlen forderten. Das war aber zu dem Zeitpunkt von Gorbatschow nicht vorgesehen.
Allen kommunistischen Parteien war klar, dass sie ihre Macht verlieren würden. Zu stark war die Verbitterung des Volkes über ihre Machthaber. Zu sehr haben sie das Vertrauen in den Jahren zuvor verspielt. Das Experiment Gorbatschow war misslungen, aber zumindest brach durch ihn das sozialistische System friedlich zusammen. Es ließe sich darüber spekulieren, was wäre wenn? Ich denke, wenn das Gorbatschow-Prinzip aufgegangen wäre, hätten sie sicherlich keine Opposition zugelassen. So gesehen war der Zusammenbruch der sozialistischen Staatengemeinschaft notwendig, damit die Kommunisten aus ihren Fehlern lernen können und sich neu die Gunst des Volkes verdienen müssen.

3. Die Regierung : Helmut Kohl  ( BRD)

Der Bundesbürger hatte sein Vertrauen zur SPD verloren, zumal der Koalitionspartner FDP die Seiten wechselte. Gerade an der wirtschaft-lichen Situation zerbrach die Koalition 1982 mit der FDP, die ein Konzeptpapier gegen die Krise vorlegt hatte.
Auf der gesellschaftlichen Ebene warf die Bevölkerung der SPD vor, dass sie zu lasch gegen die Zeitgeistströmungen (Punks, Autonome, Radikale) handle und damit einen anarchistischen Zerfall der Gesellschaft begünstigen würde. Die Vorwürfe der CDU, die von Misswirtschaft und moralischen Zerfall sprachen, fruchteten besonders bei den älteren Generationen. Die Medien erinnerten daran, dass die SPD das Abtreibungsgesetz ändern wollte und das Pornoverbot aufgehoben hatte. Die stark steigende Scheidungsrate wurde als Beleg einer sündigen Gesellschaft empfunden und wegen der Tolerierung der DDR, als Staat, wurde eine Verbrüderung mit der SED befürchtet.
Als statistischer Beleg für die Misswirtschaft der SPD Politik wurde der drastische Anstieg der Kriminalität und der Arbeitslosigkeit (l,80 Mio.) thematisiert. Die Situation reichte nun für ein konstruktives Misstrauensvotum aus und beendete vorzeitig die Amtszeit von Helmut Schmidt (SPD). Bei den Neuwahlen von 1983 setzte sich die CDU/CSU mit dem neuen Koalitionspartner FDP deutlich durch und Helmut Kohl wurde offiziell Kanzler der BRD.
Mit 48,8 % erreichte die CDU nach 1957 ihr bestes Wahl-Ergebnis und die SPD rutschte nach langer Zeit erneut unter 40% (38,2%). Erstmal schafften es auch Die Grünen (5,6 %) in den Bundestag.
Die neue Bundesregierung strebte einen konservativen Stil an und durch den Wirtschaftskurs erhöhten sich die Arbeitslosen auf 2,25 Millionen und sollte sich bis 1990 auf eine Arbeitslosenquote von 9 % einpegeln. International demonstrierte Helmut Kohl zusammen mit Ronald Reagan (USA) und Margaret Thatcher (GBR) konservative Entschlossenheit und gemeinsam fuhren sie einen kompromisslosen wirtschaftspolitischen Kurs. National setzte Helmut Kohl die Stationierung der nuklearen Mittelstreckenraketen durch und rechtfertigte das mit den USA Argumenten, von einem angeblichen atomaren Über-gewicht der Sowjetunion. Trotz wachsender Proteste und Demonstrationen schaffte es die Regierung die Mehrheit für jene Argumente zu gewinnen. Zudem ließ ein wachsender Wohlstand die Atomwaffengegner nach und nach verstummen.
Für viele Bundesbürger strahlte Helmut Kohl ein beeindruckendes Charisma aus, das seine Zielstrebigkeit auch äußerlich unterstrich. Er bescherte Deutschland einen politischen und wirtschaftlichen Aufschwung, allerdings auf Kosten von Sozialabbau und Arbeitslosigkeit. Somit erhöhte sich die Zahl der Menschen, die am Existenzminimum leben mussten. Natürlich auch Kriminalität, Prostitution und Drogensucht.
Gesellschaftlich wandelte sich das Bild auf Konsum und Karriere. Deutschland sonnte sich
in seinem Luxus und Probleme von Außenseiter und Minderheiten wurden von der Mehrheit kaum ernst genommen. Auf dieser Grundlage konnte die Regierung Toleranz gegenüber neuen Strömungen zeigen, sofern sie nicht zu politisch waren. 
Vor der Wahl 1987 schlugen die Wellen hoch wegen der Diätenerhöhung (Bezüge) der Parlamentarier und der Barschel-Affäre (Bespitzelung des SPD-Kandidaten Engholm). Hinzu kamen Spendenaffären (Flick), Steuerhinterziehungen und Bestechungsskandale. Da auch SPD Politiker darin verwickelt waren, wurde die Regierung Helmut Kohl im Amt noch einmal bestätigt. Zugunsten der CDU legte die FDP bei der Wahl zu und die SPD, mit Kanzlerkandidat Jochen Vogel verloren Stimmen an Die Grünen, die mit 8,3 % ihr bestes Wahlergebnis erreichten. Bei der Bundestagswahl von 1987 setzte die Mehrheit der Bürger  auf das geringe Übel und erhoffte sich von der CDU weiterhin wirtschaftliche Stabilität.
Nach 1987 wurden die Probleme nicht weniger, aber im Zeichen einer steigenden Politikverdrossenheit änderte sich die Lebensart. Eine Freizeitgesellschaft war entstanden, die Luxus und Konsum genießen wollte und sich von den Medien leiten ließ.

Die Diskrepanz zwischen den Lebensarten nahm zu. Auf der einen Seite war eine karrieresüchtige Jugend, die veraltete Wertmaßstäbe, von Zucht und Ordnung, wieder aufleben ließen und auf der anderen Seite, waren die neuen Hippies und Punker, die sich im Grunge-Kult der Gesellschaft verweigerten. Mit dem starken Einfluss der privaten Medien und dem größeren Spielraum in der Pressefreiheit änderte sich ebenfalls das Verständnis von der freiheitlichen Demokratie.
Mit den neuen Freiheiten gab es fast keine Grenzen mehr und viele suchten sich eine neue Identität fern ab vom Alltag und erst recht weit weg von der Politik.

Das verstärkte politische Desinteresse ließ die Kohlregierung schalten und walten. Lediglich das Medium Fernsehen wurde immer prägender für die Stimmungsmache im Lande und orientierte sich dabei an den jeweiligen Trend. Mitunter suggerierten sie dem Zuschauer geschickt eine gewünschte Meinung. Die Politsatire „Hurra Deutschland“ (1989-1991) beispielsweise, karikierte mit Gummipuppen Politiker und stellten Helmut Kohl als ungestümen Draufgänger dar, der kein Fettnäpfchen ausließ. Bei allem Spaß schlich sich dadurch der Bundeskanzler als liebenswerter Tollpatsch ein.
Abgesehen von seiner Person stieg die Unzufriedenheit über die CDU-Politik, da sich nach der SPD-Regierung vieles verschlimmert hatte (z.B.: Arbeitslosigkeit, Kriminalität).  Medienprognosen prophezeiten der CDU, unter Helmut Kohl, eine herbe Wahlniederlage für 1990. Der Zusammenbruch der DDR (Wende) änderte jedoch alles und erstickte zudem die innerparteilichen Machtkämpfe. Mit der Wiedervereinigung wurde die CDU/CSU/FDP Koalition 1990, durch die Stimmen der DDR-Bürger klarer Wahlsieger, und die SPD (33,5%) und die Grünen (5,1 %) verloren deutlich an Stimmen. Erwähnenswert wäre, dass die Rechten Kräfte politisch im Aufwind waren. Die Republikaner schafften es jedoch nicht über 5% Hürde, zumal die DSU und NPD ebenfalls Stimmen für sich verbuchen konnten.

4. Konsumgesellschaft  und Gewerkschaften ( BRD )

Trotz sozialem Abbau und einer stark steigenden Arbeitslosigkeit konnte die Mehrheit den Wohlstand genießen. Die Luxusgesellschaft wandelte sich in eine Konsum- und Freizeitgesellschaft. Zum Trend gehörten Reisen ins Ausland, dagegen war Urlaub im eigenen Land verpönt. Jeder Bundesbürger strebte nach einem eigenen Häuschen mit Garten, für viele wurde ein Zweitwagen (Auto) zur Normalität. Moderne Haushaltsgeräte, wie Kühlschrank und Waschmaschine gehörten zum Standard, genauso wie ein Farbfernseher und eine Hi-Fi-Musikanlage. Unmoderne Möbel wurden jetzt regelmäßig ersetzt und in der Mode jagten die Meisten den neusten Trend hinterher.
Der Begriff Wegwerfgesellschaft hatte in dieser Zeit seine deutlichsten Auswüchse. Es wurde nicht mehr entsorgt, weil es kaputt war, sondern weil es unmodern war. Besonders bei der Mode für die Frau saß das Geld besonders locker und ausrangierte Kleidungsstücke landeten so manches Mal ungetragen auf dem Müll. Natürlich hatte die Werbung einen erheblichen Anteil daran. Sie propagierte stets den neusten Trend und das Geschäft florierte.
Ab Mitte der 80er Jahre wurde ein spezielles Idealbild der Frau geprägt. Von diesem spindeldünnen Ideal profitierten die Kosmetikfirmen und alle jenen, die mit dem Schlank-heitswahn Geschäfte machen konnten. Bewusste Ernährung, Diätprogramme und sportliche Fitness hießen die neuen Formeln und den Weg zum Erfolg ließ man sich teuer bezahlen. Salate, Gemüse und Wasser verteuerten sich dementsprechend. Durch den Trend setzte eine entsprechende Preisspirale ein.
Die Freizeitangebote boomten. Der Bundesbürger verließ öfter seine Wohnung und ging wieder ins Kino, Theater oder auf Volksfeste. Aufgeschlossen für alles, konnten gute Ideen
zu einer profitablen Einnahmequelle werden.
Noch unbedarfter war die Jugend.
Ihr Motto hieß: „Leben in vollen Zügen genießen“. Aus finanziellen Gründen zogen sie es vor, von einer Party zur Anderen zu schleichen. Für Karrieretypen musste es schon ein gehobener Umgang sein und zwängte sich freiwillig in Anzüge. Selbst Karrierefrauen wählten Anzugskombinationen und wollten wohl dadurch männlicher wirken. Sie strebten nach Konsum und Luxus, doch primär nach Macht und einer verantwor-tungsvollen Stellung. In einer Ellenbogengesellschaft hieß es, rücksichtslos seinen Weg nach oben zu gehen. Sentimentalitäten waren da fehl am Platz, die nur die eigene Schwäche sichtbar machte.
Ähnlich wie in der Wildnis überlebte nur der Starke und das Motto galt: „Treten oder getreten werden“. Der Egoismus in den 80er Jahren nahm verschärfte Dimensionen an. Arbeitnehmer neigten dazu, um des eigenen Vorteilswillen, Andere anzuschwärzen oder zu verleumden. Ein neues Wort machte die Runde: „Mobbing“.
Der neue Wohlstandsrausch musste bezahlt werden und dafür überschritt so mancher legitime Normen. Die Konsumgesellschaft förderte natürlich enorm die nationale Wirtschaft und die Gewerkschaften forderten daraufhin mehr Lohn für ihre Beschäftigten. Die Arbeitnehmer sollten ihren gerechten Anteil am Wirtschaftswachstum haben. Mehr Lohn hieß zugleich Erhöhung der Kaufkraft, was die Wirtschaft zusätzlich stärkte.
Wer sich jedoch die Mühe machte und hinter die Fassade blickte, erkannte im Spiel der Gewerkschaften mit den Unternehmern ein heimtückisches Kalkül und Streiks dienten
dabei einem bestimmten Zweck.

1. Streiks waren eine willkommene Studie für das Unternehmen, um die Firmentreue der Arbeitnehmer besser einzuschätzen zu können 
    (Loyalitätsprinzip).
2. Bei einem gesättigten Weltmarkt begrüßten Unternehmen Streiks, er bewirkte, dass ein 
zunehmender Lagerstau abgebaut werden konnte.
    Ein effizienterer Produktumsatz war 
möglich und verringerte Lagerhaltungskosten bzw. Verkaufsdefizite infolge unmoderner oder
    verrotteter Lagerprodukte.
3. Für Finanzstarke Unternehmen boten Streiks die Gelegenheit, eine anfällige Konkurrenz 
der Branche in den Ruin zu treiben. 
    Fehlende Absätze ließen sich für finanzschwache 
Firmen nicht kompensieren und eine fehlendes Finanzpolster hieß Insolvenz oder das 
     angeschlagene Unternehmen mussten sich einer Großfirma zum Kauf anbieten.
4. Von erfolgreichen Streiks profitierten in erster Linie die Großunternehmen und die 
Gewerkschaften. Mehr Lohn bedeutet für
    Kleinfirmen erhöhte Personalkosten, die den 
ökonomischen Handlungsspielraum bremsten. Höherer Lohn verringert den Profit,
    wodurch kleinere Firmen nicht mehr konkurrenzfähig waren. Auf jeden Fall profitierten  die Gewerkschaftsbosse von gezielten
    Lohnstreiks durch Schmiergelder der Megakonzerne 
und von den höheren Gewerkschaftsbeiträgen.

Der Arbeitskampf, am Ende der 80er Jahren, diente daher in erster Linie den Multikonzernen und den Gewerkschaftsbossen, die davon mehr profitierten als die Arbeitnehmer. Deren Vorsatz wurde durch ihre stetige Methode deutlich. Gewerkschaften setzen Lohnforderungen hoch an, um die Arbeitnehmer für den Arbeitskampf zu motivieren. Letztendlich wurde aber ein deutlich geringerer Kompromiss ausgehandelt.
Mal abgesehen, das für kleinere Firmen Streiks den Konkurs bedeuten konnte, ließen sich Arbeitnehmer mit dem Kompromiss abspeisen und zahlten letztendlich drauf, weil der Kleinunternehmer seine Mitarbeiter entlassen musste (Insolvenz, nicht tragbare Lohnkosten). Eine Lohnerhöhung wurde in der Regel für einen Arbeitsbereich ausgehandelt, wodurch jene Arbeiter über eine höhere Kaufkraft verfügten. Das motivierte den Handel dazu, die Lebens-altungskosten ansteigen zu lassen.
Für andere Werktätigen verteuerte sich somit der Wohlstand und verlangten folgerichtig über ihre Gewerkschaften auch mehr Lohn. Es entwickelte sich eine Spirale in der die Lebens-haltungskosten und der Arbeitslohnkampf inflationäre Ausmaße annahmen und sich zunehmend zu einem Bumerang entwickelten. Der deutsche Arbeitnehmer war insgesamt
zu teuer geworden. Gerade für Kleinbetriebe stand Lohn und Umsatz zunehmend in einem Missverhältnis. Auf der einen Seite stand zwar die hohe Kaufkraft der Bundesbürger, jedoch die Lohnentwicklung gefährdete zunehmend die konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt. Übrigens ein Problem vieler Industrienationen.
Die logische Folge war und ist ein Abwandern der Großfirmen ins Ausland und ins Land wurden ausländischen Arbeitnehmer geholt, die für bedeutend weniger Lohn arbeiteten. Lohnkosten im Ausland oder mit Ausländern zu sparen, ließen die Arbeitslosenzahlen explodieren. Einen besonderen Einbruch erlebte das Handwerk.

Gerade Reparaturleistungen verteuerten sich astronomisch, wobei der Arbeitslohn mitunter mehr als 50% der Rechnung ausmachte. In vielen Fällen galt es daher einen Neukauf einer Reparatur vorzuziehen. Obwohl am Horizont graue Wolken aufzogen, sonnte sich die Mehrheit von Bundesbürgern im Luxusrausch. Sie ignorierten die steigende Arbeitslosigkeit, das tiefer werdende soziale Gefälle und schimpften aufgehetzt von den Medien sporadisch über die neuen Reformen.
„Solange es mich nicht trifft!“ Diese Haltung gewährte der Kohl Regierung viel Handlungspielraum. Soziale Leistungen wurden gekürzt und eigene Politikerdiäten erhöht.

Die Opposition sang ihre gewohnten Schimpflieder über die Regierung, konnte aber selbst keine Alternativen anbieten und wollte es vermutlich auch nicht ernsthaft. Auch die Grünen kamen immer seltener mit Fahrrad, tauschten ihre Jeans mit Anzügen und wurden handzahm. Es waren lediglich die freien Medien (RTL, SAT1), die den Politikern auf die Finger schauten und skandalöses aufdeckten. Je populärer diese Sender wurden, desto mehr drängten sie auf die Boulevardebene ab und die Art ihrer politischen Berichterstattung ließ Schmiergelder vermuten.

5. Das Ende der DDR und die deutsche Wiedervereinigung

1. Die Grundsituation ab 1985:
Die Wirtschaft:  

Die Krise war an allen Ecken und Kanten zu spüren. Neben der sinkenden Auftragslage klappte die Zulieferung von Fertigteilen nicht. Maschinen standen still, die Werktätigen putzten derweil den Hof oder die Maschinen und einige mussten entlassen werden. Erstmals gab es in der DDR Arbeitslose, die offiziell Arbeitssuchende genannt wurden, die schnell in irgendwelche Tätigkeiten gezwängt wurden (meist Reinigungsarbeiten). Maschinen wurden kaum noch gewartet, waren marode und fielen reihenweise aus. Ein letzter Versuch Devisen zu beschaffen verärgerte vor allem die Westberliner. Ein Zwangsumtausch von 20 DM in 20 DDR-Mark (1:1) erregte sie, obwohl sie nach wie vor, in Ostberlin preiswert Kultur und Essen in Restaurants genießen konnten. Auch konnten sie in der DDR so manches Schnäppchengeschäft machen.

Der Alltag:  

Die Mangelwirtschaft machte aus den DDR-Bürgern ein Erfindervolk und ließ zudem den Schwarzmarkt explodieren. Es war erstaunlich, wie lange Improvisiertes hielt und Maschinen ohne Originalteile funktionierten. Unter der Hand wurde so ziemlich alles gehandelt Fliesen, Zigaretten, Rouladen Fleisch, Zement, Autoersatzteile u.v.a. mehr. In den Kaufhallen herrschte eine gähnende Leere, zumal beliebte Waren, mit neuem Etikett, für teures Geld, nur noch in Delikat-Läden erhältlich waren. Damit überhaupt noch Kunden in die Kaufhalle kamen, richteten sie Delikat-Bereiche ein. Nicht anders sah es mit Kleidung, Schmuck oder Schönheitsartikeln aus. Die normalen Kaufhäuser boten unmoderne Ladenhüter an, die eher an einen Ramschladen erinnerten. Besonders in der Provinz lagen zwischen den Kaufhäusern und den teuren Exquisit-Läden Welten.
Den Fußballfan erzürnten besonders die Machenschaften der Funktionäre, die dem Stasiclub BFC Dynamo die Meisterschaft garantierte. In einem Pokalendspiel gegen Dynamo Dresden machte ein Schiedsrichter den Skandal offensichtlich und pfiff deutlich ersichtlich für den BFC und protestierte damit gegen den Zwang, dem der Referee ausgesetzt war.
Für den Bürger in der DDR wurde die Lage unerträglich. Mangelwirtschaft und Lügen-meldungen über angebliche Erfolge waren und konnten nur noch im Alkohol ertragen werden. Und so wurde viel gefeiert (Grillpartys), um einerseits den Frust zu vergessen und anderer-seits Schwarzmarktgeschäfte mit den Gästen auszuhandeln. Da beruhigte sie auch nicht der zinslose Ehekredit (10.000 Mark) und eine Lockerung der Meinungsfreiheit. Solche Maß-nahmen dienten lediglich der oberflächlichen Kosmetik, denn die Wirklichkeit sah anders aus.

Die Opposition: 

Mit dem Rücken zur Wand reagierte die Regierung oftmals überempfindlich und schlug blind um sich. Die sich bildende Opposition musste daher aus dem Untergrund agieren. Infolge der Biermann-Affäre (1976) bildeten Künstler eine Untergrundszene, die sich später Neues Forum nennen sollte und besonders die Bürgerrechte thematisierte. Die kirchliche Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ ging denselben Weg und nannte sich später Initiative für Frieden und Menschenrechte (IFM). Die IFM war mit Flugblättern aktiv und deckte den Wahlbetrug in der DDR auf, wie die Wahlbüros die Ergebnisse auf 99% frisierten. Politisch gründeten enttäuschte Demokraten und Kommunisten eine Organisation, aus der die SDP hervorgehen sollte. Auch innerhalb der SED wurden die Stimmen nach Reformen immer lauter, vor allem als Michail Gorbatschow das Honecker-Regime dazu aufforderte. Die Regierenden waren aber nicht dazu bereit ihre Macht aufzugeben und schon gar nicht Freie Wahlen zuzulassen.

2. Chronologie des Zerfalls

Das Jahr 1988

17. Januar: Neben der offiziellen Gedenkdemonstration für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wollten sich Demonstranten mit einem unerwünschten Motto einreihen. Mit dem Zitat, „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ von Rosa Luxemburg, wollten sie provokativ an der Kundgebung teilnehmen. Die DDR-Sicherheitskräfte verhaften vor laufenden Kameras der Westpresse etwa 160 von ihnen. An den Folgetagen verhaftet das MfS zahlreiche Aktivisten der Berliner Oppositionsbewegung, um eine beginnende Solidaritätsbewegung zu ersticken.

Im Vorfeld zu den Feierlichkeiten zum 1. Mai kommt es zu zahlreichen Verhaftungen von verdächtigen Regimegegnern, um Störungen der offiziellen Feierlichkeiten zu verhindern. Die Meisten werden am 2. Mai wieder freigelassen oder in die BRD abgeschoben.

  10. Oktober: DDR-Sicherheitskräfte lösen in Ost-Berlin gewaltsam einen Protestmarsch von etwa 200 Personen auf, die mit Transparenten gegen die Zensur von Kirchenzeitungen protestieren.

20. November: Die sowjetische Monatszeitschrift „Sputnik“ wird wegen ihrer kritischen Inhalte nicht mehr in der DDR vertrieben. Auch die sowjetische Zeitung „Neue Zeit“ ist nicht mehr erhältlich.

 

Das Jahr 1989

  15. Januar: Über 500 Menschen demonstrieren auf dem Leipziger Marktplatz für Meinungsfreiheit. Die Polizei hält sich weitgehend zurück, dafür wird im Anschluss die Staatssicherheit aktiv.

2. Mai: Ungarn öffnet seine Grenze zu Österreich. In deren Folge versuchen Hunderte von DDR-Bürgern über Ungarn in den Westen zu gelangen. Gleichzeitig begeben sich viele in die Botschaften der Bundesrepublik in Budapest, Prag und Warschau, um ihre Ausreise nach Westdeutschland zu erzwingen.

7. Mai: Bürgerrechtsgruppen können erstmals einen Wahlbetrug bei den Kommunal-wahlen nachweisen und machen ihn über Flugblätter und westlichen Medien öffentlich.

31. Juli: Die ständige Vertretung der BRD in Ost-Berlin, die Botschaften in Warschau, Prag und Budapest sind total überfüllt. Trotzdem versuchen Tausende DDR Bürger die Botschaften der BRD zu stürmen, um ihre Ausreise zu erzwingen. Wegen der anhaltenden Flucht von DDR-Bürgern über Ungarn, verbietet die Regierung Reisen dorthin. Die CSSR wird aufgefordert, DDR Bürger in der Nähe zur Grenze Ungarns zu verhaften.

19. August: Trotz Reiseverbot gelingt 600 Personen eine Massenflucht über Ungarn nach Österreich.

4. September: Auf Initiative der evangelischen Kirche findet in Leipzig die erste Montagsdemonstration statt. 1.200 Demonstranten fordern Reise-, Presse- und Versammlungsfrei-heit. Verlief ohne Zwischenfälle.

10. September: Bürgerbewegung Neues Forum gründet sich offiziell. In der Folgezeit etablieren sich die Bürgerbewegungen Initiative für Frieden und Menschlichkeit, Demokratie Jetzt, Demokratischer Aufbruch und die Sozialdemokratische Partei (SDP) und stellen sich ungehindert der Öffentlichkeit vor.

10. September: Ungarn lässt die Botschaftsflüchtlinge und die festgehaltenen DDR Bürger offiziell Ausreisen. 30.000 Flüchtlinge passieren am 11.09. die ungarisch-österreichische Grenze Richtung BRD.

18. September: Rockmusiker und Liedermacher schreiben einen offenen Brief an die Staatsführung und fordern demokratische Reformen. Unter ihnen Gerhard Schöne, Tamara Danz (Silly) und Kurt Demmler.

30. September: Der BRD Außenminister Hans-Dietrich Genscher verkündet auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag die Ausreisegenehmigung der DDR Flüchtlinge für die Warschauer und Prager Botschaft.

2. Oktober: Die Leipziger Montagsdemonstration von 20.000 Teilnehmern wird von DDR-Sicherheitsorganen gewaltsam aufgelöst.

7. Oktober: Am Rande zu den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR mahnt der sowjetische Staatschef Gorbatschow die DDR-Führung zu politischen Reformen. Unbeirrt lässt sich die Staatsführung feiern und zieht aus Sicherheitsgründen militärische Einheiten nach Berlin. In den Abendstunden kommt es zu schweren Übergriffen der Bereitschaftspolizei, gegenüber einer spontanen Gegendemonstration, die Kurs auf die offiziellen Feierlichkeiten nahmen.
Die Stasieinheit schlägt mit Gummiknüppel auf die meist Jugendlichen ein. Einem west-lichen Fernsehteam gelingt es die Gewalttätigkeiten zu filmen. Diese Bilder gehen um die Welt und brachten das DDR-Regime in Erklärungsnöte. Die große Anzahl von Verletzten ließ sich nicht leugnen. Von der Prügelorgie der Stasi entsetzt, regte sich innerhalb der SED Widerstand zum bisherigen Kurs. Zudem wird es für die Regierung fraglich, ob sie auf die Pflichttreue der Volksarmee und der Volkspolizei setzen konnte. Wie später bekannt wurde, gab es Pläne erneute Demonstrationen mit Waffengewalt zu begegnen. Die Angst vor revoltierenden militärischen Einheiten und der Gefahr eines Bürgerkrieges verwarfen schnell solche Pläne.

9. Oktober: Bei einer erneuten Montagsdemonstration in Leipzig mit etwa 70.000 Teilnehmern, bleiben befürchtete bewaffnete Gegenmaßnahmen aus. Zum ersten Mal ist der Slogan „Wir sind das Volk“ zu hören.

18. Oktober: Erich Honecker erklärt aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt von allen seinen Ämtern. Egon Krenz soll das Vertrauen der Bevölkerung zur SED wiederherstellen und wird vom Politbüro zu vorsichtigen Reformen ermutigt. In seiner Antrittsrede spricht er von einer „Wende“, worauf der Begriff Wendezeit basiert.

23. Oktober: 300.000 Menschen machen auf der Leipziger Montagsdemonstration klar, dass sie sich mit einem Personenaustausch nicht abspeisen ließen.

4. November: Die größte Demonstration in der deutschen Nachkriegsgeschichte, mit knapp einer Million Teilnehmern, findet auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin statt. Legal angemeldet fordern Künstlerinnen und Künstler bei ihren Reden mehr Meinungsfreiheit, eine Demokratisierung der DDR sowie Freie Wahlen. Eindrucksvolle Redner sind Künstler wie Christa Wolf, Ulrich Mühe und Steffie Spira und Repräsentanten der neuen Bürgerbewegungen wie Marianne Birthler, Jens Reich und Friedrich Schorlemmer. Auch SED-Vertreter dürfen das Wort (Günter Schabowski, Markus Wolf) ergreifen, werden aber ausgebuht.

7. und 8. November: Angesichts der deutlichen Volksbekundung und 225.000 ausgereisten Bürgern in diesem Jahr tritt die gesamte Staatsführung zurück und beauftragt den SED-Reformer Hans Modrow mit einer Übergangsregierung.

9. November: Vor laufenden Kameras verkündete Günter Schabowski überraschend, die neuen Bestimmungen, dass sofort jeder und unverzüglich Privatreisen ins Ausland antreten könne, ohne das Vorliegen von Voraussetzungen, wie Reiseanlässe oder Verwandtschafts-besuche. Die Genehmigungen sollten kurzfristig möglich sein. Ausreisen könnten demnach alle DDR-Bürger über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur Bundesrepublik.
Es ist bis zum heutigen Tag nicht geklärt, ob Schabowski einen Lesefehler begangen hatte oder absichtlich diese Passage zur Grenzöffnung verkündet hatte. Ursprünglich sollten Richtlinien zur Demokratisierung verlesen werden. Die Ankündigung einer sofortigen Grenzöffnung war völlig überraschend und traf Ost und West unvorbereitet. Somit hatten die Grenzstellen keinerlei Order zur Verfahrensweise erhalten und auch die Bundesrepublik war völlig unvorbereitet. Tausende Bürger eilten daraufhin an die Westberliner Grenzen, verunsichert öffneten die überforderten Grenzsoldaten, die Übergänge der Grenze nach Berlin (Berliner Mauer) und zur Bundesrepublik. Noch in derselben Nacht kam es in Berlin zu spontanen volksfestartigen Feiern. Um diesen enormen Grenzverkehr zu ordnen, wurde am Tag danach sporadisch eine Visumpflicht eingeführt. Später genügte dann ein Stempel im Personalausweis bis schließlich jegliche Kontrollen wegfielen.

13. November: Die Reformkräfte innerhalb der SED haben die Oberhand gewonnen. Hans Modrow, bisher Chef des SED-Parteibezirks Dresden, wurde zum Ministerpräsidenten der DDR gewählt.

1. Dezember: Die SED streicht ihren Führungsanspruch aus der Verfassung und beauftragt die Staatsanwaltschaft gegen ehemalige Funktionäre der SED zu ermitteln wegen Amtsmiss-brauch und Korruption, unter anderem gegen Erich Honecker. Zugleich werden die anderen Parteien (CDU, LDPD, NDPD) von ihrem Verbund mit der SED entbunden und die neuen Bürgerbewegungen anerkannt. 

3. Dezember: Egon Krenz wird zum Rücktritt gezwungen und mehrere Politiker aus der SED ausgeschlossen. Unter ihnen Erich Honecker, Erich Mielke (Stasi) und Innenminister Willi Stoph.

7. Dezember: Hans Modrow lädt die freien Parteien, alle Bürgerrechtsbewegungen und die neue SDP zum Runden Tisch ein. Es galt den Demokratisierungskurs festzulegen.

16. Dezember: Die SED gibt sich den Namenszusatz PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus).

 

Das Jahr 1990

Januar 1990 ändert sich der Ton, der weiterhin stattfindenden Montagsdemonstrationen: Die Parole „Wir sind das Volk“ aus den Zeiten des Aufbegehrens, weicht dem Ruf nach der Wiedervereinigung.

15. Januar: Demonstranten stürmen die Stasi-Zentrale in Ostberlin. Laut Gerüchten war der Geheimdienst dabei, alle Akten zu vernichten oder aus dem Haus zu schaffen. In deren Folge bewacht die Volkspolizei unter Kontrolle von Bürgerrechtlern das Gebäude, bis zu einer endgültigen Lösung.

4. Februar: Die SED-PDS gibt den Namensbestandteil SED auf.

10. Februar: Gorbatschow macht gegenüber Bundeskanzler Kohl und dem Ministerpräsidenten deutlich, dass er keinen Einwand gegen eine deutsche Wiedervereinigung hätte.

20. Februar: Neues Wahlgesetz wird beschlossen für die ersten freien Wahlen in der DDR. Daraufhin versuchen westdeutsche Parteien, die ehemaligen Parteien der DDR zu vereinnahmen. Zusammen mit der West SPD, wirbt die Ost SDP mit einem Konzept, der den wirtschaftlichen Aufbau einer demokratischen DDR vorsieht und einer späteren Wiedervereinigung mit der BRD. Die Bürgerrechtsgruppen vereinen sich zum Bündnis 90 und zielen auf eine unabhängige freiheitliche DDR. Kurz vor der Wahl sieht alles nach einem klaren Sieg für die SDP aus, doch die CDU wirbt plötzlich mit der sofortigen Wiedervereinigung und Einführung der D-Mark.

18. März: Über 40 Parteien treten an, darunter solche Kuriositäten, wie die Sexliga und die Biertrinkerunion. Die CDU gewinnt überwältigend mit 48,1% die Wahl. Die SDP schafft es nur auf 21,9 %, die PDS auf immerhin 16,3 % und das Bündnis 90 erreichte nur 2,9%. Ein deutliches Votum der Bevölkerung, die einer zweiten DDR keine Chance gaben und die sofortige Wiedervereinigung wollten. Sabine Bergmann-Pohl (CDU) wird Volkskammerpräsidentin und damit letztes repräsentatives Staatsoberhaupt der DDR und Lothar de Maizière (CDU) letzter Ministerpräsident (Regierungschef).

5. Mai: In Bonn beginnen die „Zwei-plus-vier-Gespräche“ zwischen den Außenministern der Bundesrepublik, der DDR und der ehemaligen Besatzungsmächte (USA, Großbritannien, Frankreich, Sowjetunion). Die Gespräche drehen sich um die deutsche Einheit, wogegen Frankreich und Großbritannien erhebliche Bedenken zeigten. Die USA und die Sowjetunion hofften dagegen einen Nutzen aus der Vereinigung ziehen zu können.

18. Mai: Die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion wurde zwischen beiden Ländern beschlossen.

1. Juli: Die Währungsunion tritt in Kraft. Die D-Mark wird gesetzliches Zahlungsmittel in der DDR. Jeder DDR Bürger durfte sein erspartes Vermögen in Höhe von 10.000 DDR-Mark, in einem 2:1 Verhältnis umtauschen (darüber 4:1). Über Nacht verschwanden alle DDR-Waren aus den Kaufhallen. Die neuen Supermarktketten betrieben einen regelrechten Boykott von DDR-Erzeugnissen und trieben VEB-Firmen in den Bankrott und die Landwirtschaft blieb auf ihren Produkten sitzen. Durch die D-Mark kündigten ausländische Partner ihre Handelsverträge, da DDR-Waren nun zu teuer waren. Die angeschlagene Wirtschaft erlebte einen Exodus. Zudem fielen Geschäftemacher (z. B.: Teppichverkäufer), wie Heuschrecken in die DDR ein und überfordern ein Volk, für die das alles Neuland war. So mancher gutgläubige Bürger fiel auf die Betrüger oder mangelhafte Waren herein.

22. Juli: Bis zum 14. Oktober sollen die bisherigen 14 Bezirke wieder in fünf Länder umstrukturiert werden. Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

23. August: Die Volkskammer votiert den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes (Wiedervereinigung).

13. September: Der Abzug der sowjetischen Truppen bis 1994 wird vertraglich geregelt.

3. Oktober: Tag der Deutschen Einheit. Nach dem Artikel 23 des Grundgesetzes treten die (Bundes) Länder der DDR der Bundesrepublik bei, damit hörte die DDR auf zu existieren.

2. Dezember: Gesamtdeutsche Wahlen zum Bundestag. Für Helmut Kohl (CDU) war dieser Umstand ein Glücksfall. Zuvor standen im Westen Deutschlands die Zeichen auf einen Regierungswechsel zur SPD. Ostdeutschland brachte dem Einheitskanzler Helmut Kohl (CDU) die nötigen Stimmen für eine erneute Amtsperiode. Aufgrund einer parlamentarischen Übergangsregelung bekamen die separaten Ostparteien einen Bonus. So erhielt die PDS nur 2,4% der Stimmen bekam aber 17 Sitze im Bundestag. Das Bündnis 90 bekam sogar nur 1,2% und erhielt 8 Sitze. Die CDU wurde Wahlsieger mit 36,7% (= 268 Sitze) und der Koalitionspartner FDP erreichte 11% (=79 Sitze) und die CSU 7,1% (= 51Sitze). Die SPD konnte mit 33,5% Prozent und 239 Sitzen keine Mehrheit erreichen.

 

3. Die Wiedervereinigung

Wirtschaft: Wie schon erwähnt, wurden mit der Wirtschaftsunion DDR-Waren boykottiert und durch die D-Mark waren DDR-Produkte für die bisherigen ausländischen Handelspartner zu teuer geworden. Den endgültigen Todesstoß bekam die angeschlagene Wirtschaft durch die Treuhandgesellschaft. Eigentlich sollte die Treuhand GmbH die staatlichen Firmen an Interessenten vermitteln, die jene Betriebe übernehmen, sanieren und Arbeitsplätze sichern. In der Wirklichkeit wurden Initiativen zur Selbstständigkeit von Betrieben torpediert und ausländische Investoren vergrault. So wollten besonders schwedische und japanische Firmen Industriebereiche aufkaufen, wurden aber hingehalten und mit erhöhten Kaufpreisforderungen endgültig verschreckt.
Statt „blühenden Landschaften“ machte die Treuhand aus der DDR eine wirtschaftliche Wüste. Die Arbeitslosigkeit explodierte und schnellte bis auf  20% herauf, eine Quote die drei Mal so hoch war, wie in den Alten Bundesländern (BRD).
Auf dem Lande wurde die Bodenreform rückgängig gemacht, doch die meisten Bauern erkannten den Vorteil der LPG und gründeten landwirtschaftliche Gemeinschaften. Eine zusätzliche Hürde für sie wurde der Aufkauf ihrer Produkte, da die nun kapitalistischen Verkaufs-Unternehmen den westlichen Markt bevorzugten. Aufgrund der landwirtschaft-lichen Gemeinschaften konnten sie aber ihre Produkte preisgünstig anbieten oder bildeten eigene Vertriebsketten, wodurch die Landwirtschaft marktfähig blieb und den lauernden Westbauern eine Abfuhr erteilte, die ein großes Geschäft im Osten witterten.
Todgesagte leben länger, sagt man, und so schafften es einige Firmen, trotz des Hindernisses Treuhand, sich auf dem Markt zu etablieren. Dagegen erlebten viele neue Gewerbetreibende einen Reinfall und verschuldeten sich zum Teil existenziell.

Alltag: Der ehemaligen DDR Bürger kam sich vom Westen überrollt vor. Die neuen Frei-heiten und die sogenannte Demokratie wurden mehr zum Fluch statt zum Segen. Ein Volk, was bis dahin wohlbehütet war, weil sich der Staat um alles kümmerte, war plötzlich auf sich allein gestellt. Unbekannte Begriffe wie Arbeitslosigkeit, Prostitution, Drogensucht und bewaffnete Kriminalität wurden zur Realität. Die Währungsunion schluckte so manches Vermögen und ein überzogenes Denunzieren (Stasimitglied) trieb so manchen zum Nerven-zusammenbruch oder in den Selbstmord.
Dazu nutzten eiskalte Geschäftemacher die Naivität der DDR-Bürger aus, drehten ihnen Plunder zu überhöhten Preisen an, tricksten sie aus und ließen sie blauäugig Knebelverträge unterschreiben. Keiner war da, der ihnen half.

Neben der eskalierenden Arbeitslosigkeit, bekamen die Ostbürger höchstens 70% für ihre Arbeit im Vergleich zum Westbürger und das bei einer 100%-igen Übernahme der westlichen Lebenshaltungskosten. Die Dumpinglöhne sollten angeblich Investoren ins Land locken, das aber nicht so funktionierte. Der DDR-Bürger fühlte sich ausgenommen, wie eine Weihnachtsgans und irgendwie kolonialisiert. Zudem blieb wenig Geld im Portemonnaie und das ersparte halbierte sich durch die Währungsreform.
Ein weiteres Ärgernis war das Gesetz „Rückgabe vor Entschädigung“.
Kleinbetriebe verloren ihren Standort und damit ihre Existenz. Tausende Familien, die in der DDR legal Grundstücke erworben hatten, viel Kraft, Zeit und Geld investierten, sollten ohne Entschädigung ihre Häuser verlassen. Dramatische Szenen spielten sich ab und reichten von einer aggressiven Verteidigung, Tumulten bis zum verbitterten Suizid. Dagegen wollten die Eigentümer der offiziellen Westgrundstücke, die es in der DDR auch gab, kaum jemand haben. Sie waren den Eignern wohl zu kostenintensiv. 
Die Jubelstimmung über die Wiedervereinigung war längst erstickt und in den Köpfen errichteten die Ostdeutschen, aber auch die Westdeutschen die Mauer (Grenze) wieder.

Der Frust saß tief und die westliche Politik, mit ihren Medien zeigte wenig Verständnis, sondern wetterte über die undankbaren Ossis. In dem sozialen Brennpunkt wurden dann auch noch Ausländer angesiedelt. Die ostdeutsche Bevölkerung musste vielerorts erleben, wie die Asylanten bei der Arbeitsplatzsuche bevorzugt wurden und ihnen ein großzügiges Kleider- und Taschengeld zugestanden wurde. Damit lebte sie besser, als so mancher Ostbürger. Anscheinend war mit der Wiedervereinigung nur das Territorium und die Wirtschaft gemeint, aber nicht der Ostbürger? Zumindest hatten zahlreiche Bürger im Osten dieses Gefühl. Die wütende Unzufriedenheit nutzten westdeutsche Neonazis und heizten ein ausländerfeindliches Klima an. Jeder Psychologe weiß, dass sich in einem sozialen Brennpunkt der Zorn am schwächsten Glied entlädt. Da die Politiker nicht greifbar waren, schauten die Bürger mit Genugtuung den Neonazis zu, wie sie Ausländer aus den Wohnungen jagten.
Vonseiten der zuschauenden Ostbürger sollte diese Maßnahme mehr als Aufschrei an die verantwortlichen Politiker verstanden werden und nicht als Ausländerfeindlichkeit. Wie sollten sich sonst die Ostdeutschen Gehör verschaffen, wenn die Politiker die Probleme der Menschen ignorierten? Menschen verallgemeinern nun mal gerne, besonders wenn sie existenzieller Ärger plagt und brauchen daher einen Sündenbock. Eine Eskalation war da schon vorprogrammiert und man muss sogar den Politikern eine gewisse Absicht unterstellen.
Mit den Ausländern heizten sie den sozialen Brennpunkt im Osten an und stempelten den 
Ostdeutschen als ausländerfeindlich ab. Natürlich handelten die Zuschauer in ihrer Wut bei den Vorgängen in Rostock ausländerfeindlich, aber war das bewusst ausländerfeindlich? Zumindest brachte die Politik die Ostdeutschen damit zum Schweigen, weil sich die Meisten für die Übergriffe schämten, obwohl die eigentlichen Täter die Politiker waren.
Alles in allem, kamen sich die Deutschen im Osten im vereinigten Deutschland unerwünscht vor. Andere bekamen die wenigen Arbeitsplätze und kassierten großzügige Sozialunterstützung. Und was blieb für den Ossi? Jede Kritik an der Ausländerpolitik wurde sofort als ausländerfeindlich angesehen und mit sozialistischen Äußerungen brachte man sich in Verdacht bei der Stasi gewesen zu sein. In den Medien musste sich der Ostdeutsche anhören, dass er faul, undankbar und ausländerfeindlich war.

Dieses Image rechtfertigte auch, das Übernehmen zahlreicher Firmenleitung durch einen Westdeutschen besetzte und sie sollten den Ossis erst mal das Arbeiten beibringen. Was für eine Arroganz?
Die Medien und die Westpolitiker haben somit einen erheblichen (gewollten) Anteil daran, dass die mentale Wiedervereinigung ausblieb und das Verhältnis zwischen Ost und West rauer wurden. Mit ihren heuchlerischen Appellen zum gegenseitigen Verständnis, lieferten sie immer wieder neue Argumente, dass den Graben zwischen Ost und West nicht zuschüttete, sondern vertiefte.
Besonders die Jugend reagierte heftig auf die Verlogenheit. Auf der Suche ihren Protest zu zeigen ließen sie sich von rechts- und linksextremen Gruppierungen fangen. Der ehemalige Fußballklub der Staatssicherheit BFC wurde zum Protestsymbol. Es zogen nicht Fußballfans ins Stadion, sondern das Stadion war Wallfahrtsort für eine Demonstration des Unmutes, die sich die alte DDR zurück wünschten. Überhaupt zog mit jedem DDR-Fußballklub eine Schar von Hooligans mit, denen der Sport völlig egal war. Es galt die Schlacht zwischen Ost und West auszutragen.
Fehlende Ideale sorgten so für brutale Randerscheinungen, die den Ostjugendlichen in Verruf brachten. Statt auf den Aufschrei zu reagieren, wurde der Ostjugendliche gescholten.

Kultur:  Der westdeutsche Kapitalismus kolonialisierte nicht nur den Osten, sondern nahm ihm seine Identität. Radio- und Fernsehsender wurden abgewickelt und beliebte Sendungen verschwanden oder wurden in einem Stil weitergeführt („Polizeiruf 110“, „Ein Kessel Buntes“), dass der Ossi verärgert wegdrehte. Lediglich das Sandmännchen überlebte, als letztes Relikt der DDR-Zeit.
Im Sport wurden die großen Erfolge geschmälert und jedem erfolgreichen DDR Sportler Doping unterstellt. Im Fußball bekamen nur zwei Teams die Möglichkeit direkt in die Bundesliga aufzusteigen, sehr zum Unmut der Fußballfans. Andererseits hatte längst ein Ausverkauf der Spieler der DDR in die Profiklubs des Westens begonnen. Was den renommierten Klubs der DDR blieb, war nur noch eine B-Mannschaft.
Im öffentlichen Leben vollzogen die Westmedien eine Hexenjagd auf die Stasi.
Ins Kreuzfeuer gerieten auch die neuen Persönlichkeiten. Unter ihnen Ibrahim Böhme, Gründer & Führer der SDP und Lothar de Maisiere, erster demokratischer Staatschef der DDR-CDU. Überhaupt sah die Hetze gegen die neuen DDR-Persönlichkeiten sehr gezielt aus, als ob die westdeutschen Politiker keine Ostpolitiker neben sich dulden wollten. Vielleicht gehörte das zum Konzept alles auszulöschen, was an die DDR erinnern könnte. Somit wurden auch zahlreiche Straßen umbenannt, Denkmäler abgerissen und auch der Palast der Republik sollte verschwinden.

Insgesamt wuchs dadurch in den neuen Bundesländern eine Trotzhaltung heran. Sie forderten ihre Ostprodukte wieder, schwelgten mit Ostmusik in alten Zeiten, ließen nostalgisch ihre Kultur auferstehen und machten die PDS bei den Wahlen zu ihren Verbündeten.