05. Popmusik Deutschland

Popmusik in Deutschland
1. Rock-Popmusik
  
Krautrock, Hardrock und Udo Lindenberg Zentren der Musik (Berlin, München, Hamburg, Ruhrgebiet)
   Punk, Wave und Deutschrocker (Lindenberg, Westernhagen, Maffay)
2. Liedermacher/ Blödelbarden
3. Schlager

1. Rock & Popmusik

Vorbetrachtung

In der Bundesrepublik wirkte die 68er Bewegung nach und man wollte vermeiden, dass eine progressive Rockmusikszene die Jugend erneut zur Rebellion motiviert. Die Ostpolitik der SPD-Regierung war dazu nicht nur eine wirtschaftliche Strategie, sondern wirkte innenpolitisch besänftigend auf die Jugend aus. Außerdem verführten die Medien zielgerichtet die Jugend zum Konsum und priesen alte Werte im modernen Glanz an. In Musikfilmen und dem Jugendschlager versuchte man sie psychologisch in die richtige Richtung zu steuern.
Die Schallplattenfirmen waren demzufolge nicht an einer eigenen rebellischen Rockszene interessiert, sondern propagierten die kritiklose angloamerikanische Popmusik. Allerdings gab es Anfang der 70er Jahre kaum Popbands oder Interpreten, die sich für einen Starkult eigneten. Die Beatles lösten sich auf und von den vielen Beatbands der 60er kam nichts Neues mehr oder lösten sich ebenfalls auf. Und CCR konnte zwar einen Hit nach den anderen landen, aber auf ihr Vogelscheuchen-Image reagierten die Teenager verhalten. Lediglich der britische Hardrock begeisterte die Jugend, doch war die Musik gesellschaftlich eher unerwünscht. Die Medien verpassten den Fans einen Gammlerstempel und verhöhnten die Musik als Urwaldradau. Besonders aber die männlichen Teenager mochten den schweren Rocksound, der sie motivierte, aufrüttelte und ihre Gefühle ansprach.
Es war aber der Geschmack der weiblichen Fans, der ausschlaggebend für den Mainstream war und sie hörten gerne tanzbare Musik und bevorzugten den Jugendschlager. Das führte dazu, dass die Mehrheit von jungen Männern Hardrock hörte und sich mit dem Schlager arrangierte, um bei den Mädchen zu landen. Inzwischen waren die jungen Damen auch so selbstbewusst, dass sie sich umwerben ließen und seltener einem Boy hinterherrannten.
Musikalisch war somit kein Bedarf an einer eigenen Rockszene vorhanden, dass in den 60er Jahren noch ganz anders aussah. Die Förderung der Beatmusik war längst eingestellt und von den zahlreichen Gruppen blieben lediglich die Rattles übrig. Nach mehreren Umbesetzungen änderte die Band (ohne Achim Reichel) seinen Stil und nach dem Vorbild der Poprockband Shocking Blue holten sie sich eine Sängerin in die Band. Mit Edna Béjarano konnten die Rattles 1970 mit „The Witch“ einen Hit landen. Weitere Songs blieben erfolglos.

Der Weg zum Krautrock

Die Popularität der niederländischen Szene und erst recht der Durchbruch der DDR-Rockmusik inspirierte junge Musiker der Bundesrepublik. In der DDR hatten die Funktionäre positive Erfahrungen mit der Rock-Popmusik aus Ungarn und Polen gemacht und förderten nun eine eigene Szene. In Hinblick auf die mobilisierende Wirkung auf die Jugendlichen erhoffte man sich, eine gewisse Steuerbarkeit zu sozialistischen Denkweisen. Zur besseren textlichen Kontrolle wurde die Auflage erteilt landessprachlich zu singen, so wie es in Ungarn und Polen ebenfalls üblich war. In der ersten Zeit überschwemmten Pop- und Rockgruppen aus Ungarn und Polen die Jugendhitlisten der DDR. Die bisher erfolg-reichen Beatbands, wie die Thomas Natschinski Combo rückten in den Hintergrund und Rockbands gründeten sich. Eine Band der ersten Stunde war Panta Rhei, aus der später die Gruppen Karat und Veronika Fischer hervorgingen. In der Anfangsphase war besonders die Klaus Renft Combo populär. http://images4.wikia.nocookie.net/__cb20090106155005/lyricwiki/images/c/c5/Puhdys_-_Die_Gro%C3%9Fen_Erfolge.jpgMit den Puhdys (Bild) wurde 1971 die Vormacht von Omega, Hungaria (bd. Ungarn) und den Roten Gitarren (Polen) gebrochen. Eine Reihe von Rockgruppen unterschiedlichster Stilrichtungen bildete den Grundstein für die DDR-Rockmusik.

Detailliertes zur DDR-Rockmusik, wird später separat ausgeführt, in „DDR Rockgeschichte & Lexikon“!

In der Bundesrepublik waren Musiker motiviert, die eine eigenständige Szene entwickeln wollten. Anfang der 70er Jahre gründete sich eine Undergroundszene, die überwiegend experimentelle Musik erzeugte und einen eigenen Stil etablierten, der später als Krautrock bezeichnet wurde. Spezifisch für den Sound wurden elektronische Klänge, die sich an den britischen Emerson, Lake & Palmer und Pink Floyd orientierten. Besonders im dicht gedrängten Ruhrgebiet fanden aber Musiker, für ihre intensive Musik, weder die inspirative Ruhe, noch die Toleranz der Nachbarschaft und zogen deshalb aufs Land. Bevorzugt wurden leer stehende Gehöfte, fern ab jeglicher Zivilisation (Dorf).
Gruppen wie Kraan, Can, Popol Yah, Amon Düül 2, Kraftwerk und Tangerime Dream gingen aus der Szene hervor. Mit Synthesizer erzeugten sie ungewöhnliche Klänge, die der Musik einen originellen Sound gaben und sich vom Psychedelicrock oder vom progressiven Artrock abhoben. Auf den avantgardistischen (Bruch mit dem Herkömmlichen) Stil von Can wurde die Regisseure des Tatort-Krimis aufmerksam und verwenden den Titel „Spoon“ für einen Film. Kurz darauf stieg die Anfrage von Interessierten, sodass der Titel auf Single erschien und ein Hit wurde. Der Krautrock kam damit aus seiner Anonymität, aber der gewöhnungsbedürftige Sound schränkte den kommerziellen Erfolg ein. Dazu wurde die Musik von den Medien als Drogenmusik bezeichnet. Real gesehen kauften sich tatsächlich überwiegend Drogensüchtige solche Platten, um mit den Klängen den Rausch zu verstärkten.

Krautrock und Rockszene

Mitte der 70er Jahre kristallisierte sich bei den experimentellen Krautrock-Gruppen ein eigener Stil heraus, wodurch der instrumentale Krautrock kommerzieller wurde. In der Regel begeisterte der Krautrock im Ausland mehr, als im eigenen Land. Tangerine Dream war bereit 1973 mit der LP „Atem“ in Großbritannien erfolgreich und begeisterten ihr Publikum auf den Tourneen in Großbritannien und den USA. Ebenso wurde Kraftwerk 1973 zunächst international bekannt. Aus ihrem Elektropopsound resultierte die LP „Autobahn“, die in Großbritannien und den USA populärer als in der BRD war. Ein Jahr später entstand aus der LP-Fassung (23 min) eine gekürzte Singleversion. Das nationale Echo blieb verhalten, wie auch bei den nachfolgenden Titeln „Roboter“, „Musik non Stopp“ und „Das Model“. Mit der Neuen Deutschen Welle wurde „Das Model“ erneut veröffentlicht und stieg nun zu einem großen Hit auf. Insgesamt blieb der Krautrock im kommerziellen Abseits, aber in Fachkreisen war man von der Musik begeistert (besonders USA und Großbritannien).
Neben dem Krautrock etablierten sich Hardrockbands. Bereits 1965 formierten sich die Scorpions, doch erst 1972 fanden sie eine Plattenfirma, die ihre erste LP aufnahm. Die Rockband aus Hannover blieb lange Zeit ein Geheimtipp und war ebenfalls im Ausland populärer als im Inland. Mit einer stetig wachsenden Fangemeinde gab sich die Band nicht auf und wurden dafür belohnt. 1979 platzierten sie sich erstmals in den Album-Chart (11.) und hatten mit „Still Loving You“ 1984 ihren ersten Singlehit (14.). Hartnäckigkeit führte 1991 zum absoluten Durchbruch (Nr.1-Hit: „Wind Of Change“).
Daumen Im Wind - Udo LindenbergInspiriert von der Blödelszene (Insterburg & Co.) fand Udo Lindenberg (Bild) zu seinem ironischen Rocksound. Der aus Gronau (NRW) stammende Udo Lindenberg machte Hamburg zur Wahlheimat und identifizierte sich schnell mit der norddeutschen Lebensart. In der Künstlerwohngemeinschaft „Villa Kunterbunt“ lernte er Otto Waalkes, Willem und Marius Müller Westernhagen kennen, die ihm inspirativ halfen seinem Sound zu finden. Er kombinierte Blödeleien und Wortwitz mit Straßenjargon und interpretierte seine Songs in einer bizarren Show, mit lässigem schnoddrigen Gehabe, wodurch die Lieder zusätzlich ironisch überzogen wirkten. Mit dem Song „Alles klar auf der Andrea Doria“ machte er 1973 erstmals auf sich aufmerksam. In der Folgezeit blieb Udo Lindenberg dem Stil zunächst treu und zusammen mit dem Panikorchester wurde er in Norddeutschland und Berlin zum Star der Jugend. Mit einigen LP-Auskopplungen schaffte er es in den Radiocharts häufig auf Platz 1 (z. B.: „Hey Music“ vom SFB). Kommerziell wurden seine LPs zwar Top-10 Erfolge, aber erst 1981 erreichte die erste Single die Top-10 („Wozu sind Kriege da“).

Regionale Musikentwicklung

Ab Mitte der 70er Jahre spielten regionale Eigenheiten eine Rolle, die wesentliche Akzente in der musikalischen Entwicklung mit sich brachten. 

1. München (ehemalige Besatzungszone der USA
Bereits in der Besatzungszeit, bauten die USA München zur neuen Medienhauptstadt aus.
So unterstützten sie die Bavaria Filmstudios, in denen dann, die meisten US-Filmen für den deutschen Markt synchronisiert wurde. Der US-Militär-Sender AFN München prägte hier besonders stark den modernen Zeitgeist und die Stadt wurde schließlich das Zentrum des deutschen Rock’N' Roll Schlagers. Peter Kraus und Conny Froboes wurden hier als Teeniestars vermarktet und die US-Amerikaner Connie Francis und Bill Ramsey starteten hier ihre deutschsprachige Schlagerkarriere. Die Liste von Musikstars ist lang, die über München bekannt geworden sind, mal folkloristisch (jodelnd), mal aktuellem US-Sound (Soul).
In den 70er Jahren schwappte der Phillysound nach Deutschland und in England kreierte die Band Kenny den Bump. In der Kombination aus Philly-Soul, Motown-Stil und dem rhythmischen Bump, kreierten drei Produzenten den Munich Sound. Zunächst schuf Michael Kunze mit Sylvester Levay, nach dem Vorbild des Frauentrios Three Degrees, die Silver Convention. Ende des Jahres 1975 schnellte der Titel „Fly Robin Fly“ in den US-Charts auf Platz 1. Der Nachfolgetitel im Februar 1976 „Get Up And Boogie“ erreichte zwar nur Platz 2, hielt sich aber 20 Wochen in den US-Charts. In Deutschland setzte die Begeisterung für das Frauentrio wieder verspätet ein. Giorgio Moroder entdeckte inzwischen die US-Sängerin Donna Summer, die in der deutschen Musicalfassung von „Hair“ auf der Bühne mitspielte. Der erste Song „Lady Of The Night“ (1975) brachte ihr einen Achtungserfolg ein, aber der erotisierende Song „Love To Love You Baby“ wurde Anfang des Jahres 1976 zum Welthit. Im Jahr 1976 hatte der Munichsound die Welt erobert, in den Charts, im Radio und vor allem in den Diskotheken elektrisierte der Sound zum Tanzen.
Im Juli 1976 schickte Frank Farian das Discoquartett Boney M in die Spur und die Gruppe sollte kommerziell der erfolgreichste Discoact in Deutschland werden. Die Produzenten Moroder, Kunze und Farian hatten mit dem Munichsound entscheidend den Disco-Sound mitgeprägt. München blieb in der Folgezeit das Zentrum für amerikanisch orientierte Musik.
Die Elite der US-Stars und der Discoszene wurde über Münchner Agenturen vermittelt und vermarktet. Zahlreiche deutsche Stars hatten ihren Erfolg der bayrischen Stadt zu verdanken. Später waren es Namen, wie Modern Talking, Roland Kaiser, Wildecker Herzbuben und Lou Bega (um nur einige zu nennen). 

2. Hamburg (ehemalige Besatzungszone von Großbritannien)
In der britischen Besatzungszone ergaben sich zwischen Briten und Norddeutsche einige grundsätzliche Gemeinsamkeiten. Die Partnerschaft zwischen Liverpool und Hamburg in den 60er Jahren resultierte aufgrund gemeinsamer traditioneller Wurzeln. So ähnelte sich der Stil der Shantys (Seemannslieder) und der Liverpooler Beat, gründete sich auf jene folkloristische Basis. Daraufhin wurde Hamburg nicht nur zum Zentrum der Beatmusik, sondern zur Inspira-tionsquelle eigener Musik. Aus der Hamburger Szene stiegen die Rattles zur bekanntesten deutschen Beatband auf. In der weltoffenen Hafenstadt fanden zahlreiche Musiker ihre Inspiration und für alles ein Publikum. Aufgeschlossen wurde jungen Künstlern eine Chance angeboten. Speziell die Künstlerkneipe Onkel Pö wurde zum Treffpunkt Guter Laune Musik. Hier erkannte Otto Waalkes, dass sein Talent nicht das Singen war, sondern der Wortwitz.
Die Kneipe wurde zum Sprungbrett für den Kabarettisten Hans Scheibner, den blödelnden Sängern Willem, Peter Petrell und der Rentnerband sowie der Gruppe Leinemann, Lonzo, der Countryband Truck Stopp und natürlich Udo Lindenberg.
In der Folgezeit war Hamburg vorrangig ein Sprungbrett für humorvolle Musik. Neben Mike Krüger wurde Torfrock bekannt und später Klaus & Klaus. Leider geriet die Hamburger Szene zunehmend unter kommerziellen Einfluss und publizierte britische, niederländische und skandinavische Popmusik. Das Duo Mouth & Mac Neal und die Gruppe ABBA traten im NDR Fernsehen auf, zu einer Zeit, wo sie noch keiner kannte.
In der Zusammenarbeit mit Radio Bremen wurden häufiger Geheimtipps publiziert.
Das Blödelquartett Insterburg & Co. wurde über den „Musikladen“ bundesweit bekannt, aber auch die DDR-Band Puhdys. Obwohl die Hamburger Szene überwiegend humorvolle Künstler hervorbrachte, so war sie auch das Zentrum des Hardrocks. Konzerte von internationalen Hardrockbands wurden über Hamburger Agenturen vermittelt. Die deutschen Scorpions zählen mit dazu, auch wenn sie aus Hannover stammen. Später 1990 wurde in Wacken das erste Hardrock Open Air Konzert organisiert und gilt heute als Wallfahrtsort für jeden Rockfan.  

3. Berlin (durch den Viermächtestatus multikulturell angelegt)
Berlin war durch die Besatzungsmächte mit vier Kulturen konfrontiert. Die Stadt, die ohnehin seinen eigenen Weg ging, stand den gesamten Einflüssen offen gegenüber. Wie in den 20-iger Jahren entwickelte sich hier eine vielfältige bunte Kulturszene, deren Kreativität durch den Ost-West Konflikt geleitet wurde. Unweigerlich wurde das Leben in der geteilten Stadt zum inspirativen Leitthema und bremste einen weit gefächerten Ideenreichtum aus.
Dennoch kamen aus Berlin die ersten modernen Klänge. Deutschsprachige Swingmusik von Bully Buhlan eroberte Deutschland. Mit der Berlinblockade entstanden zahlreiche Berlinlieder in Mundart und wurden zur Anklage an das sowjetische Regime. In der Folgezeit setzte sich kaum ein richtiger Musiktrend durch. Die Berlinerin Connie Froboes wurde in München zum Teeniestar und die Beatband The Lords waren genau genommen eine US-Band.
Ende der 60er Jahre entwickelte sich eine Blödelszene heraus. Die Gruppe Insterburg & Co. Tourten zuvor mit bescheidenem Erfolg durch die Kneipen und wurden erst durch den RB „Musikladen“ bekannt. Auch das Interesse der Berliner an Reinhard Mey war zunächst verhalten und er fand in Frankreich mehr Bestätigung. Durch den Erfolg von Insterburg & Co. wuchs nun in Berlin eine Blödelszene heran. Selbst Reinhard Mey ließ sich dazu hinreißen groteske Lieder zu singen. Mit Schobert & Black und Ulrich Roski wurde die Nonsensszene bereichert, bis Frank Zander mit der erfrischende Gruselspaßsatire „Ur-Urenkel von Frankenstein“ die Jugend begeisterte. Im Gegensatz zu den Nonsenssängern verzichtete Frank Zander auf ein intellektuelles Gehabe und verkörperte mehr den Kumpel von nebenan und gab der Szene einen neuen Trend.

Der Inselstatus von Westberlin und die 68-Studentenbewegung lockten zahlreiche Aussteiger an und machten die Stadt zum avantgardistischen Zentrum. Das wirkte sich auch musikalisch aus. Die Band Ton Steine Scherben (mit Rio Reiser) schrien ihren Protest gegen alles hinaus. Mit dem Slogan „Macht kaputt, was euch kaputtmacht“ heizten sie das aggressive Klima an. War der Protest auch berechtigt, so eskalierte die Gewalt und besonders militante Hausbesetzer suchten den Konflikt mit der Polizei. Die Berliner Undergroundszene brachte auch die Einstürzenden Neubauten hervor, mit ihrer sehr eigentümlichen Art von Musik. Im Prinzip machten sie mit Schrott Musik oder hämmerten auf irgendwelche Gegenstände umher. Kommerziell blieb solche Musik eine Randerscheinung und die Mehrheit der Berliner Jugend lehnte jene Musik ab. Dennoch waren sie richtungweisende Inspirationsquellen für andere Musiker.
1980 machten Ideal („Ich steh auf Berlin“) und Bel Ami („Berlin bei Nacht“) von sich Reden und gelten als erste NDW-Bands. Obwohl der Begriff NDW erst ein Jahr später propagiert wurde, setzte Anette Humpe mit Ideal entsprechende Akzente. Durch den deutschen New Wave Sound wurde Berlin neben Hamburg zum Zentrum der NDW-Ära. Die Berliner Szene glänzte mit avantgardistischer Musik. Zu den großen NDW-Bands zählten neben Ideal: Cosa Rosa, Foyer des Arts, Malaria, Neonbabys, Spliff, UKW und DÖF. Aus DÖF, mit Inga Humpe, ging später die 2-Raumwohnung hervor. Schwester Anette Humpe (Ideal) produzierte später die Ostband Die Prinzen und war mit dem Projekt Ich & Ich erfolgreich.
Insgesamt gesehen brachte die Berliner Szene immer wieder hervorragende Musiker hervor, ohne dass sich eine spezifische Richtung bildete. Vielmehr variierte hier der Zeitgeist, wie in keiner anderen Stadt, aus deren vielfältigen Pool, immer wieder etwas Besonderes resultierte.

4. Ruhrgebiet (ehemalige Besatzungszone Frankreichs)
In Nordrhein-Westfalen dominierte die volkstümliche Tradition, die stark im Zeichen der Karnevalsmusik stand. Demzufolge fanden Trink- und Stimmungslieder hier ihre zentrale Basis. Der Kölner Produzent Jack White führte beispielsweise Tony Marshall, Jürgen Markus und Roberto Blanco zum Erfolg. Gebürtige NRW-Kinder sind neben Jürgen Markus auch Heino und das Duo Cindy & Bert. Als ehemalige französische Besatzungszone vermischte sich hier das Chanson mit der traditionellen Musik im Ruhrgebiet.
Wer Karnevalsschlager kennt, der weiß, dass viele Lieder auch einen nachdenklichen Text besitzen. Sie zeugen vom Einfluss der französischen und flämischen Musik. Mit dem Radio-sender Radio Luxemburg strömte in den 60er Jahren die moderne Musik in Stereoqualität ins Wohnzimmer und der Deutschlandfunk Köln bereicherte kulturell die Musiklandschaft. Das führte dazu, dass die Musiklandschaft einen statischen Schlagerkurs folgte und im Pop- und Rockbereich andere kopierte. Fern ab von den Großstädten suchten daraufhin Künstler nach einer Alternative, die nicht im kommerziellen Fokus stand und Krautrock genannt wurde. Auf der Grundlage des instrumentalen Sounds und des aufkommenden New Waves bildete sich ebenso eine experimentierfreudige NDW-Szene heraus.
Im Schatten von Berlin und Hamburg machten sich Der Plan, Fehlfarben, DAF, Rheingold, Jawoll, Extrabreit und Geiersturzflug einen Namen. Nena, die eigentlich aus dem Ruhrgebiet stammte, produzierte ihre erste Single „Nur geträumt“ in Berlin. In der Folgezeit begriff sich Rockmusik im NRW als Gegenpol zur vorherrschenden Musik. Der grotesker werdenden NDW-Musik setzte BAP im Kölner-Dialekt aussagekräftigen Songs dagegen. Gemäß jener Tradition stieg Herbert Grönemeyer zum Star auf. Das prägnante der Ruhrpottszene ist die ehrliche Sprache und die Identifikation mit der Zeit, und darin steht auch die Karnevalsband de Höhner in der Beliebtheitsskala ebenfalls ganz oben.  

Anmerkungen zur Zweite Hälfte der 70er Jahre
Die bundesdeutsche Musikszene brachte Künstler hervor, die als Vorläufer der Rockpoeten gelten. Udo Lindenberg schlug nachdenkliche Töne an („Mädchen aus Ostberlin“, „Gegen die Strömung“), Peter Maffay versuchte mit der LP „Steppenwolf“ sein Schlager-Image los zu werden und Marius Müller Westernhagen ließ seinen Gedanken freien Lauf. Der Westernhagen Song „Dicke“ kam jedoch auf den Index, da das Lied als Beleidigung gegenüber Übergewichtigen gesehen wurde. Über den Kassettenrekordern wurde der Song „Dicke“ trotzdem verbreitet.
In der Schlagerszene trat eine neue Generation von Interpreten in Erscheinung, die mit modernen Sound und jugendlicher Sprache von sich Reden machten. Nach dem Ende der Les Humpries Singers probierte es Jürgen Drews solistisch, mit „Zeit ist eine lange Straße“ und ein Achtungserfolg 1973 wurde. Mit „Ein Bett im Kornfeld“ hatte er 1976 seinen ersten Hit, es folgten „Barfuß durch den Sommer“, „Wir zieh’n heut Abend aufs Dach“ und „Du schaffst mich“, die zumindest sehr bekannt wurden. Pech für die neuen Interpreten war, dass die Jugend auf englische Songs fokussiert war und alles Deutschsprachige als Schlagersingsang ablehnte. So wie Jürgen Drews, wurde Wolfgang Petry mit seinen Liedern wenigstens bekannt. Songs wie „Sommer in der Stadt“, „Jeder Freund ist auch ein Mann“ oder „Gianna“ sollten jedoch später zu großen Evergreenshits werden. Im Countrystil probierte es Volker Lechtenbrink, aber „Der Macher“, „Erst drüben die Dame“ und „Der Spieler“ wurden Hits für Insider.

Punk, New und Discokult
International setzten Punk und New Wave die Akzente und bewirkten für einen klaren Bruch der Jugend mit dem Schlager. Die No Future Generation sah den Schlager als Instrument für eine heile Welt an, die es real nicht gab. Sie verabscheuten die gesungenen Lügen, einer Scheinwelt und gingen auf Distanz zur Gesellschaft. Es war besser englischsprachige Songs zu hören, deren Texte man nicht verstand, um sie für sich selbst zu interpretieren.
Die hohe Straffälligkeit von Punkern veranlasste die Regierung jene Außenseiter in einer Kartei zu registrieren, um sie bei erneuten Vergehen entsprechend bestrafen zu können. Dazu sollte man wissen, dass Punker meist obdachlos waren und häufig die Stadt wechselten. Deshalb wurde 1983 in Hannover die Punkerkartei angelegt. Wutentbrannt zogen daraufhin die Punker am 1. Juli zu den ersten Chaostagen nach Hannover und forderten das Löschen der Kartei, worauf Krawalle ausbrachen. Die Krawalltage von Hannover wurden daraufhin von Punkern regelmäßig durchgeführt, die dort ihren Unmut zentral äußerten.
Musikalisch war Punk, eine sehr monotone und krachige Musik und begeisterte nur eine Minderheit. Aber ausgerechnet Nina Hagen & Band wurde die erfolgreichste deutsche Punkband. Die ehemalige schrille DDR Sängerin hatte mit „Glotz TV“ und „Unbeschreiblich weiblich“ zwei Punk-Hits. Mit bizarren Outfit und peinlichen Auftritten blieb Nina Hagen im Gespräch. Der New Wave, in der sich der Krautrock etablierte, war dagegen konstruktiver und ausdrucksstärker. Von extremer bis melodiöser Musik bot die Undergroundszene fast alles und spiegelte sich später in der NDW-Szene wieder.

In der DDR war Punk verboten und New Waves unerwünscht und das nicht nur musikalisch. Es hatte sich eine stabile und vielfältige Jugendmusikszene gebildet, zu denen die Puhdys, Karat, Veronika Fischer, Stern Combo Meißen, Kreis und City gehörten. Die jazzorientierten Gruppen Lift, Elektra und Modern Soul Band bereicherten die Szene, wie auch die Blues-Interpreten Jürgen Kehrt und Stefan Distelmann und die Liedermacher Kurt Demmler, Gerhard Schöne und Bettina Wegner.
Eine spezifische Betrachtung zur DDR Musik erfolgt, wie schon oben erwähnt   
Trotz einer gutklassigen Musikszene in der DDR, unterschied sich die Jugend kaum von der in der Bundesrepublik. Zumindest im Musikgeschmack bevorzugten die Teenager die angesagten internationalen Hits. Nach dem Glamrock begeisterte Discosound die Mehrheit und das Saturday Night Fever lockte die Jugend in die Diskotheken. Die Boys wurden dabei von ihren Girls zum modischen Trend gezwungen und mussten den Discotanz erlernen.     

5.2. Liedermacher / Blödelbarden 
Infolge der internationalen Folksong-Bewegung und der Studentenbewegung (um 1968) erwachte auch eine Liedermacherszene. In Frankreich lebte dadurch das Chanson auf und wirkte sich nachhaltig auf die europäische Musik aus.

In der DDR wurden eine Reihe von französischen Chansoninterpreten bekannt und nationale Sängerinnen wie Barbara Thalheim und Gisela May wurden weltberühmt. Über den Kanadier Perry Friedman kam die Folkbewegung (Hootenanny) in die DDR und wurde dort von den Funktionären vereinnahmt. Als Singebewegung waren alle Lieder erwünscht, die dem sozialistischen Gedankengut entsprachen. Der daraus resultierende „Der Oktoberklub“ wurde zum Vorbild der Singebewegung und die Regierung förderte jene Szene. Die strenge Zensur macht es jedoch zahlreiche Gesangsgruppen schwer, eine kritische Sichtweise zu vertreten. Folgerichtig und genervt vom Thema „Sieg des Sozialismus“ verlor ein Großteil der Jugend  das Interesse an der Singebewegung. Kontrovers dazu bildete sich, in den 70er Jahren, eine separate Liedermacherszene, die kritische Töne wagte und deswegen behindert wurde.
In der Bundesrepublik stieß der Versuch einer Singebewegung gleich auf Desinteresse. Die Mehrzahl der Jugendlichen hatte genug von dem intellektuellen Geschwafel und den Weltverbesserern. Ob SDS (Studentenbund) oder APO (illegale Opposition), es wurde nur wortklauberisch geredet, verlor sich in sinnlose Streitigkeiten, aber gehandelt wurde nicht. Statt beispielsweise Gleichberechtigung zu leben, wurde darüber debattiert, analysiert und definiert, um Frauen nicht zu bevormunden. Der junger Mann, der 70er Jahre, war schon genervt, wenn er sich den Mund fusselig reden musste, um seine Geliebte überhaupt küssen zu können. Genau die Jugend wollten nicht, auch noch musikalisch belehrt werden.
Reinhard Mey (Bild) brachte 1967 seine erste LP „Ich wollte wie Orpheus singen“ heraus, womit er bekannt wurde. Für die Mehrheit wirkten seine Lieder zu intellektuell, wodurch sich das Interesse an seine Musik in Deutschland in Grenzen hielt. Es zog ihn deswegen nach Frankreich und in den Niederlanden, wo er wesentlich erfolgreicher war.

http://www.google.de/url?source=imgres&ct=tbn&q=http://img.maniadb.com/images/album/337/337835_1_f.jpg&sa=X&ei=6tCCVb7mH4euswGw64H4AQ&ved=0CAUQ8wc&usg=AFQjCNF96R2_z3WbgclP3S6qweBBbHzI5Q bekannte Reinhard Mey Songs in den 70er: 
Der Mörder ist immer der Gärtner - - - Die heiße Schlacht am kalten Büffet  - - - Annabelle, ach Annabelle  - - - Gute Nacht, Freunde  - - - Über den Wolken  - - - Mann aus Alemannia - - - Es gibt Tage, da wünscht' ich, ich wär' mein Hund - - - Ich bin Klempner von Beruf - - - Dr. Nahtlos, Dr. Sägebrecht und Dr. Hein  - - - Keine ruhige Minute

http://www.nwzonline.de/rf/image_online/NWZ_CMS/NWZ/Altdaten/2011/01/31/KULTUR/1/Bilder/KULTUR_1_f3564a0a-0879-42e2-bbb6-841d10a815db_c8_2529479.jpgUm 1967 formierte sich das Quartett Insterburg & Co., (Bild) die es mit intellektuellem Musikklamauk versuchten. Der steigende Erfolg sprach für den richtigen Kurs. In der Besetzung Ingo Insterburg (Ingo Wetzker), Karl Dall, Peter Ehlebracht und Jürgen Barz wurden sie schnell populär und seit dem Auftritt im Musikladen 1972 waren sie in ganz Deutschland bekannt. Sie veränderten maßgeblich die Liedermacherszene zur Blödelszene. Reinhard Mey stellte sich dem Trend mit der LP „Mein Achtel Lorbeerblatt“ (1972). Besonders mit der Satire „Annabelle, ach Annabelle“ (übertriebene Emanzipation) und „Die heiße Schlacht am kalten Büffet“ (Spendengala) traf er humorig den Nerv der Zeit und den Titel „Gute Nacht Freunde“ konnte man sehr zweideutig auslegen. Auf den folgenden LPs waren immer wieder satirische Songs enthalten, aber der Anteil von sanften nachdenklichen Songs nahm wieder zu.
Von Insterburg & Co. gibt es nur wenige Lieder, die sich für eine Single eigneten. Für ihren Musikklamauk wurde typisch, eine schnelle Abfolge von kurzen Liedern mit merkwürdigen Instrumenten. Der Schwerpunkt lag in einer schrillen Show mit intellektuell überzogenem Wortwitz. Die Lieder „Diese Scheibe ist ein Hit“ und „Ich liebte ein Mädchen …“ wurden zu Insiderhits und waren im Prinzip die einzigen Lieder, die es auf eine Singlelänge (Spieldauer) brachten. In ähnlicher Form praktizierte das Otto Waalkes, obwohl in seiner Show der Klamauk mit Worten überwog und Musik nur Beiwerk war. Im Rahmen der Blödelbarden wurden Ulrich Roski und das Duo Schobert und Black mit intellektuellen Gehabe bekannt. Ein Zwischending ist der Österreicher Wolfgang. Kann man das Lied vom Trödler Abraham (1971) noch als Schlager werten, so ist das Lied „Wir sind die Meyers“ eine deutliche Gesellschaftssatire gegen den Konsumzwang. 
1973 wurde der Berliner Frank Zander mit dem „Ur-Urenkel von Frankenstein“ im Radio bekannt und revolutionierte die Blödelszene. Mit einem Seitenhieb auf die Wissenschaft verzichtet Frank Zander auf einen intellektuellen Anspruch und präsentiert sich als Kumpel von neben an. Mit rauer Stimme schuf er in seinen Liedern eine gruslig groteske Atmosphäre. Mit dem Lied „Nic Nac Man“ ging er sogar einen Schritt weiter, mimt den Teufel und klagt zugleich die hohen Herren an, die dem Satan das Ende der Welt zuspielen. Die Aussage des Liedes verstimmte einige Radiosender und die Plattenfirma (erscheint verspätet als Single).
In der Folgezeit nimmt er deshalb unpolitische Dinge aufs Korn und widmet sich Themen, über die man nicht ehrlich spricht. Das Lied „Ich trink auf dein Wohl, Marie“, beginnt mit einem typischen Schlagersingsang und geht dann zu einer authentisch alkoholisierten Wut über, die eine zerbrochene Liebe beklagt. Dieses Lied offenbart Gefühle, die bisher im Schlager vermieden wurden. Die sarkastisch humorige Umsetzung vom Trennungsschmerz machte den Song zum Hit. Mit „Ich wünsch dir für die Zukunft alles Gute“, „Discopolka“ und „Oh Suzi“ widmet er sich weiteren brisanten Themen, bevor er über die Badewannenparty „Splish-Splash“ in die Galaxie verschwindet, zum „Discoplanet“ und als „Captain Starlight“ erscheint. Aber stets enthalten seine humorvollen Lieder klare satirische Untertöne.
1975 versucht sich Rudi Carrel als humoriger Sänger, mit „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“ und später mit „Goethe war gut“. Im gleichen Jahr begeistert ein junges Talent mit absurden Liedern. Mit „Mein Gott Walter“ eroberte Mike Krüger die Nation. Und obwohl nicht auf Single erschienen, trällerte die Jugend seine Songs, wie „Sie trägt ein Faltenrock“, „Seit ich hier wohne“ (Parodie auf „Mama Leone“) und „Auf der Autobahn nachts um halb eins“. Im Zuge der Musik-Slapstick eroberte eine Reihe von absurden Liedern die Hitparaden. Allen voran ist die tragikomische Leidensgeschichte von Timi „Der Hamster“ zu nennen oder dem tollpatschigen Willem, als „Tarzan, ist wieder da“.
Hier eine Auswahl der beliebtesten Blödellieder der 70er Jahre:

   Ich liebte ein Mädchen                                  Insterburg & Co.
   Diese Scheibe ist ein Hit                              Insterburg & Co.
   Annabell, ach Annabell                                    Reinhard Mey
   Der Mörder war immer der Gärtner                 Reinhard Mey
   Diplomatenjagd                                                Reinhard Mey
   Die heiße Schlacht am kalten Büfett                Reinhard Mey
   Ur Urenkel von Frankenstein                           Frank Zander
   Oh Suzi                                                             Frank Zander
   Ich trink auf dein Wohl Marie                          Frank Zander
   Captain Starlight                                               Frank Zander
   Mein Gott Walter                                               Mike Krüger
   Seit ich hier wohne                                             Mike Krüger
   Sie trägt nen Faltenrock                                      Mike Krüger
   Auf der Autobahn nachts um halb eins               Mike Krüger
   Tarzan ist wieder da                                            Willem   
   Lass die Morgensonne endlich untergehn           Willem
   Der Hamster                                                         Timi
   Presslufthammer Bernhard                                  Torfrock
   Wir sind die Meyers                                             Wolfgang
   Komm aus den Federn Liebste                      Knut Kiesewetter
   Macht nichts es gibt Schlimmeres                       Rentnerband
   Ich möchte so gern am Fließband stehn               Meyers DK

Neben den Blödeleien gab es auch anspruchsvolle Liedermacher, die mehrheitlich aus Österreich kamen. Wolfgang Ambros, Andre Heller, Georg Danzer und Rainhard Fendrich füllten zunehmend die Konzertsäle, galten aber noch als Geheimtipp, bevor sie in den 80er Jahren in Deutschland populär wurden.
In der DDR waren Kurt Demmler, Gerhard Schöne und Bettina Wegner sehr populär. Kurt Demmler schaffte die Gradwanderung zwischen Erlaubten und kritischen Tönen und schrieb auch für zahlreiche Rockbands die Liedtexte. Dagegen legte sich Gerhard Schöne mit den Funktionären an und publizierte seine Lieder schließlich über die evangelische Kirche, bei deren Konzerten stets die Stasi anwesend war. Die Aktivitäten von Bettina Wegner („Sind so kleine Hände ...“), waren dem Staat zu sehr ein Dorn im Auge und legten ihr 1983 die Ausreise nahe. Der Fall des gebürtigen Hamburgers Wolf Biermann sorgte für hitzige Debatten. Einerseits provozierte er mit seinen Texten seine Ausbürgerung (1976), andererseits nahmen die Künstler der DDR die Ausweisung zum Anlass, um gegen die staatliche Zensur zu protestieren (Siehe „DDR-Bürgerrechtsbewegung“).

5.3. Schlager
In den deutschen Staaten spiegelte sich der gestiegene Wohlstand im Frohsinn des Schlagers nieder. Überwiegend heiter, gepaart von einer ersehnten Zweisamkeit und einer Spur Fernweh, waren die charakteristischen textlichen Merkmale des Schlagers. Trotzdem der typische Schlager auch stets Illusionen erzeugte, bewegten sich die Lieder nahe der Realität. Aufgrund dessen sind die meisten Schlager zu zeitlosen Evergreens geworden, egal ob Party- oder Liebeslied oder nachdenkliche Songs.

Im Jahr 1970 stürmten Interpreten die Hitparaden, deren textlicher Inhalt die Jugend berührte. Die Liebeserklärung „Du bist anders (als all die andern)“ oder „Du (bist alles was ich habe auf der Welt)“ von Peter Maffay, ließ die Mädchenherzen dahinfließen. Chris Roberts philosophierte über „Die Maschen der Mädchen“ und Michael Holm tanzte mit ihnen „Barfuß im Regen“, wogegen Daliah Lavi über die sinnlosen Tage in der Woche nachdachte.
In der DDR war Frank Schöbel für Komplimente zuständig („Mädchen, du bist schön“) und im Duett mit Chris Doerk folgte ein musikalischer Schlagabtausch („links von mir…“), der auf die männliche Überheblichkeit zielte.

Von dem Stimmungskracher „Schöne Maid“ mit Tony Marshall war das Jahr 1971 geprägt. Deutschland war in Feierlaune, dem Heino seine „Mohikaner Shalali“ beisteuerte. Unter dem Motto „Hier ist ein Mensch“ mit Peter Alexander, gab es auch nachdenkliche Töne. Selbstbewusst erklärte Vicky Leandros „Ich bin, wie ich bin“ und Ricky Shayne bereute in „Mamy Blue“, wie sehr er seine Mutter verletzt haben muss. Humorvoll erzählt Bruce Low die Sintflutgeschichte von „Noah“ mit versteckten Seitenhieben auf die Gesellschaft. In der DDR wird „Wie ein Stern“ zum Hit des Jahres. In einer Extrasendung wurden drei Versionen des Titels vorgestellt und die Version mit Frank Schöbel siegte souverän (2. Chris & Frank; 3. Chris Doerk).

Mit „Ich habe die Liebe gesehen“ von Vicky Leandros wird ein deutschsprachiger Song zum Jahreshit 1972. Obwohl es das Lied nur auf Platz 2 in den Wochencharts schaffte, hielt sich das Lied 19 Wochen in den Top-10. Überhaupt war es ein großes Jahr für den Schlager, neben Tony Marshall, Heino, Chris Roberts und Michael Holm, stürmte Jürgen Marcus mit „Eine neue Liebe“ die Hitlisten. Bata Illic besang seine „Michaela“ und Christian Anders trauerte im „Zug nach Nirgendwo“ seiner verlorenen Liebe nach und für beide Interpreten wurden die jeweiligen Lieder zum absoluten Hit. Juliane Werding durchbrach mit dem Antidrogensong „Am Tag als Conny Kramer starb“ ein Tabuthema und löste hitzige Debatten aus. Und der Zeichentrickhund Wumm (ZDF-Show: „Drei mal Neun“) begeisterte die Nation mit seinem Wunsch „Ich wünsch mir ne’ kleine Miezekatze“). Imca Marina entfachte das Reisefieber mit „Viva Espana“ und in dem Zusammenhang gelang Rex Gildo („Fiesta Mexicana“) sein größter Hit. Nicht unerwähnt soll das gesungene Drama „Du lebst in deiner Welt“ mit Daisy Door bleiben, deren Lied über die Krimiserie „Tatort“ bekannt wurde.
In der DDR setzten neue Namen die Akzente. „Yvetta“ mit dem Tschechen Jirgi Korn und „Maria Helena“ mit dem Jugoslawen Ivica Serfezi. Speziell Ivica Serfezi lud die DDR-Bürger zum Träumen ein, und obwohl er die Adria besang, schwebten die Gedanken an die anderen Mittelmeerküsten. Mit Bisser Kirow (BUL) und Kati Kovacz (HUN) konnten zwei weitere Ausländer einen Schlagerhit landen, dennoch blieben Frank Schöbel und das Duo Monika Hauff & Klaus Dieter Henkler die Lieblinge des DDR-Publikums. Mit dem Lied „Es war noch nicht das erste Mal“ besingt Reinhard Lakomy einfühlsam den Trennungsschmerz und es ist das erste Lied von ihm, das gleichzeitig zum Evergreen wurde.

Wesentlich beschaulicher ist die Schlagerszene 1973. Bernd Clüver erzeugt Traumwelten über den „Jungen mit der Mundharmonika“ und Freddy Breck umgarnt mit klassischen Tönen die Frauenherzen. Nach dem großen Erfolg von „Goodbye My Love Goodbye“ mit Demis Roussos (auch in Deutsch), entführt der Grieche, mit weiteren Liedern seine Zuhörer in seine Heimat. Ihn unterstützen dabei Vicky Leandros, Costa Cordalis und die Berlinerin Katja Ebstein („Stern von Mykonos“). Frei nach der Devise „Wenn ein Schiff vorüber fährt“ mit Julio Eglesias entschwinden zumindest die Träume in andere Welten. Heino ist in „Tampico“ oder pflückt Blumen („Edelweiß“) in den Alpen, die britische Sängerin Ireen Sheer verlässt ihr Elternhaus mit „Goodbye Mama“ und Michael Holm besingt seine „Lady Of Spain“. Cindy & Bert treffen sich „Immer wieder Sonntags“ mit Freunden und Jürgen Markus gibt Lebensweisheiten zum Besten, „Schmetterlinge können nicht weinen“.
Abgesehen von den „Silbernen Nächten über Montenegro“ mit Ivica Serfezi gibt sich der DDR Schlager heiter. Frank Schöbel wandert munter vom „Nordpol zum Südpol zu Fuß“ und Vaslav Neskar besingt das „Krokodil Theophil“. Der Schwedin Nina Lizell gelingt mit „Dem Mann mit dem Panamahut“ ein inoffizieller Hit in der DDR. Im Dixielandstil singt Jirgi Korn „Als meine Oma zwanzig war“ und Bisser Kirow will alle Türen und Fenster aufmachen.

„Hey Boss, ich brauch mehr Geld“ heißt der Slogan mit Gunter Gabriel, der 1974 die Runde machte. Mit einer Reihe von Countryliedern sticht er aus der Schlagerszene hervor, die nicht viel Besonderes bot. Den Gassenhauer „Theo, wir fahr’n nach Lodz“ bereut Vicky Leandros noch heute. Sie, die eigentlich eher dem Chanson nahe steht, hat ausgerechnet mit dem Gassenhauer ihren größten Hit. Chris Robert stellt indes fest, dass man nicht immer 17 sein kann und der Bundespräsident Walter Sheel singt das Volkslied „Hoch auf dem gelben Wagen“. Ein weiterer Song über den Trennungsschmerz mit einer kleinen Hoffnung, „Tränen lügen nicht“ (Michael Holm), rührt die Nation. Howard Carpendale startet seinen 2. Anlauf mit „Du fängst den Wind niemals ein“. Ein schönes Bild über ein liebendes Herz interpretiert gefühlvoll Elfi Graf mit „Herzen haben keine Fenster“.
Mit der Schlagerhymne „Tag für Tag“ setzt sich in der DDR Hans Jürgen Beyer ein Denk-mal. Eine weitere aber heimliche Hymne wird für Wehrdienstleistende das Lied „(7x) Morgenrot (7x) Abendrot“ mit Andreas Holm. Das Lied wird für jeden Soldaten zum ultimativen Sehnsuchtshit. Erwähnenswert ist das lyrische Lied „Wenn die Wandervögel zieh`n“ mit Aurora Lacasa. Angemerkt sei, dass die Funktionäre liebend gern den Vorzeige-Amerikaner Dean Reed, als Superstar gehabt hätten, aber trotz einiger guter Songs lehnte ihn die Mehrheit ab.   

„Griechischer Wein“ mit Udo Jürgens war der absolute Schlagerhit 1975. Auf die gestiegene Arbeitslosigkeit reagierte die Bevölkerung mit Frohsinn. „Wir lassen uns das Singen nicht verbieten“ sang Tina York und Katja Ebstein erzählte munter die frivole Geschichte „Es war einmal ein Jäger“. „Wart auf mich“ flehte Michael Holm und Howard Carpendale fand „Deine Spuren im Sand“. Frank Zander trank auf das Wohl von Marie und Mike Krüger amüsierte sich über „Mein Gott Walter“. Lyrisch einfühlsam bereitete Peter Maffay „Josie“ auf das Erwachsenwerden vor und Udo Jürgens berichtete über „Ein ehrenwertes Haus“, deren Bewohner mit einer spießbürgerlichen Denkweise ihre eigenen Sünden überdeckten.
In der DDR stagniert der Schlager etwas und dem Duo Hauff & Henkler fiel nichts anderes ein, außer „Keine Bange wir holen eine Zange“ und Frank Schöbel malt mit Kindern eine Sonne. Hervorzuheben sind lediglich Nina Lizell mit „Lass mich bitte nicht warten“ und die Roten Gitarren mit dem beschwingten Lied „Draußen bei den Weiden“.

Das Jahr 1976 ist wieder ein richtiges Schlagerjahr mit einem breiten Angebot, besinnlich mit „Der kleinen Kneipe“ mit Peter Alexander, satirisch mit „Aber bitte mit Sahne“ von Udo Jürgens und grotesk mit „Schmidtchen Schleicher“ von Nico Haak. Jürgen Drews bietet als Tramp „Ein Bett im Kornfeld“ an, Peter Maffay erzählt von einer Affäre mit einer älteren Frau, in „Es war Sommer“. Frank Farian rührt als „Rocky“, deren Liebste stirbt und seine Tochter ihn wieder aufrichtet. Obwohl die Rhythmik des Liedes nicht zum Text passt, schafft das Lied eine eindrucksvolle Stimmung. Ähnlich tragisch sind „Der letzte Tanz“ von Christian Anders, wo ein Unfall eine Liebe auslöscht und das Lied „Der Brief“ erzählt von einem Teenager, der unverstanden sein Elternhaus verlässt. „Frei, das heißt allein“ stellt Roland Kaiser fest und auf der Suche nach einem Mädchen, verdammt Wolfgang Petry den „Sommer in der Stadt“. Lena Valaitis gelingt mit „Ein schöner Tag“, die erfolgreichste deutsche Version zu „Amazing Grace“. Viele Lieder wären noch zu nennen, es sei noch erwähnt, die „Lieder der Nacht“ mit Marianne Rosenberg oder „Komm in meinen Wigwam“ mit Heino, schauen Sie dazu in den Jahrescharts nach.
In der DDR sorgten neue Namen für eine frische vielseitige Schlagerszene. Mit „He, kleine Linda“ bereichert Muck die Schlagerszene und „Hätt’ ich noch mal die Wahl“ mit Sandra Mo & Jan Gregor wurde ebenso zum Dauerbrenner. Relativ neu war auch Monika Herz, die mit „Ich wünsch mir Rosen im Schnee“ einen großen Schlagerhit hatte. Zu den Top-Schlagern des Jahres gehörten noch: „Varadero“ mit Andreas Holm, „Die Liebe ist ein Haus“ mit Regina Thoß, „Nimm den Zug der Sehnsucht heißt“ mit Aurora Lacasa und „Harlekino“ mit Alga Pugatschowa (SOW). Erstmals hielt Countrymusik Einzug im Schlager, mit Express („Ein Wigwam steht in Babelsberg“) und Winni 2 („Was soll ich mit dem Akkordeon“).

Ein Jahr voller musikalischer Geschichten ist 1977. Im Countrystil bittet Michael Holm „Musst du jetzt gerade gehen Lucille“, seine Frau zur Rückkehr. In ähnlicher Weise redet Marianne Rosenberg auf ihre Konkurrentin „Marleen“ ein, von ihrem Freund abzulassen. Costa Cordalis berichtet über das Traummädchen „Anita“ und Roland Kaiser verpasste wegen „Sieben Fässer Wein“ seine Hochzeit. Howard Carpendale wohnte „Tür an Tür mit Alice“ und Henry Valentino träumte auf der Autobahn vom Mädchen „Im Wagen vor mir“. Ironisch überzogen erzählte Johanna von Koczian über „Das bisschen Haushalt“ und Udo Jürgens fand deutliche Worte über die Entlassungspraxis von Unternehmen in „Gefeuert“. Weitere viele unterschiedliche Geschichten bereicherten die Hitparaden.
„Alles im Eimer (Christina Marie)“ mit Frank Schöbel und „Das war ein Meisterschuss“ mit Monika Hauff & Klaus Dieter Henkler betonten die heitere Szene des DDR-Schlagers. Monika Herz beklagte sich über den Urlaubslärm durch den „Kleinen Vogel“, die Country-band Winni 2 glaubte verunsichert „Du musst wohl eine Hexe sein“ und mit dem „Weißen Boot“ fuhr man mit den Roten Gitarren auf das Meer der Träume hinaus. Pechvogel Jürgen Walter erzählte von seinen Missgeschicken in „Schallali Schallala (es tut nicht mehr weh)“ und Muck servierte musikalisch „Schokolade“.

1978 war das Jahr der Schlümpfe. Vader Abraham eroberten mit den kleinen blauen Zeichentrickwesen die Hitlisten. Mit dem grotesken Trinklied „Kreuzberger Nächte“ machten sich die Gebrüder Blattschuß einen Namen. Statt bei der WM in Argentinien zu glänzen, stürmte die Fußballnationalelf & Udo Jürgens mit „Buenos dias Argentina“ die Hitparade. Eindrucksvoll besingt Bino den Nachruf auf „Mama Leone“ und Andrea Jürgens rührt mit „Und dabei liebe ich euch beide“, die sich nicht entscheiden möchten zwischen den geschiedenen Eltern. In der DDR wird der Popsong „Über sieben Brücken“ von Karat zum Hit des Jahres und überhaupt bringt die Popmusik in diesem Jahr die besseren Hits hervor.

Im Prinzip wird ein Popsong zum Jahreshit 1979. Der Titel „So bist du“ von Peter Maffay ist kein typischer Schlager sondern eine lyrische Rockballade. Zum eigentlichen Schlagerhit wird Dschingis Khan mit „Dschingis Khan“, die mit weiteren historischen Bezügen in ihren Songs glänzten. Der Trend des Schlagers bewegt sich in traditioneller Richtung zurück und geht über in banale Liebeslieder. „Nachts, wenn alles schläft“ bin ich „Hals über Kopf verliebt“ und warte am „Blue Bayou“ auf den „Vogel der Nacht“. Selbst das „Lied von Manuel“ setzt auf den Niedlichkeitsfaktor des kleinen Manuels und in ähnlicher Weise rührt ein behindertes Kind in „Ruf Teddybär eins - vier“ (Johnny Hill). Textlich ehrlicher dagegen ist „Du schaffst mich“ mit Jürgen Drews und das Truck Stopp -Motto „Take it easy altes Haus“.
Im DDR-Schlager ist „Sag ihr auch“ mit Gerd Christian eher eine Popballade, als ein Schlager. Wie in der Bundesrepublik fehlt dem DDR-Schlager in diesem Jahr das Besondere. „Es gibt keine Liebe mehr“ (Ljubka Dimitrovska) und Frank Schöbels „Kristina“ bedienen sich textlich einem Klischee ohne neue Bilder. Dagegen entwickelt das Lied „Wenn eines Tages dein Prinz kommt“ von Monika Hauf & Klaus Dieter Henkler wenigstens ein originelles Bild.

Beim Streifzug durch die Schlagerwelt der 70er Jahre konnte nicht auf alle Hits eingegangen werden, aber ich hoffe, dass Sie sich einen groben Überblick über den deutschen Schlager verschaffen konnten. Hits wie, „Weißt du wohin“ (Karel Gott), „Akropolis adieu“ (Mirelle Matheus) oder „Mit 66 Jahren“ (Udo Jürgens) sprechen durch ihre Platzierung in den Jahrescharts für sich.